Kaum an der Spitze der Umfragen angekommen (da wird einem ja schwindelig!), arbeiten die Grünen schnell daran, wieder zu ihren (Gras-)Wurzeln zurückzukehren. Beim Berliner Parteitag am Wochenende haben sie nicht nur den Frauentag beschlossen (dazu gleich mehr), sondern nach langem Streit auch einen Antrag, der sich für die Gemeinschaftsschule als beste Schulform ausspricht und das Gymnasium (wenn überhaupt, dann doch bitte) für alle öffnen will – ohne Probejahr. Moment, was wäre dann noch gleich der Unterschied zur Gemeinschaftsschule? Die Berliner Bildungsbürger dürfte das ebenso wenig begeistern wie die mitregierende SPD, die sofort klarstellt: Mit uns nicht! Dort kann man sich bekanntlich keine weiteren Verluste mehr erlauben, sonst sind die Graswurzeln bald von unten zu sehen. Wie sich der Absturz in die Realo-Welt (ohne Flügel) anfühlt, kann den neueren Grünen bei Gelegenheit vielleicht Renate Künast erklären.
Tief gefallen ist bekanntlich auch Hubertus Knabe, seit gestern nun wirklich Ex-Direktor der Gedenkstätte Hohenschönhausen (zumindest bis zum nächsten Gerichtsverfahren). „Mal sehen, wie es hier aussieht, hier ist ja bestimmt schon lange nicht mehr geputzt worden“, witzelte Knabe, als er vorrübergehend in sein altes Büro stapfte, mit Blumen und Konfekt im Arm, überreicht von SED-Opfervertretern am Eingang. Dass er bald wieder gehen musste, liegt offenbar nicht nur daran, dass er sexuelle Belästigungen seines Vizes jahrelang geduldet haben soll. Die als Vertrauensperson eingesetzte Marianne Birthler berichtete von Gesprächen mit 40 Mitarbeiterinnen, von denen keine die Sexismus- und Belästigungsvorwürfe angezweifelt habe.
Und der erste Bericht des nun kommissarisch eingesetzten Nachfolgers Jörg Arndt nach einem Monat vor Ort liest sich auch nicht unbedingt wie das Dokument einer vorbildlich geführten Behörde. Alle Vorgänge hätten über den Tisch des Direktors gemusst, regelmäßige Dienstgespräche habe es nicht gegeben. Ein namentlich genannter Mitarbeiter schreibt, das Landesgleichstellungsgesetz (seit 2002 in Kraft) habe keine Rolle gespielt, auch ein gesetzlich vorgeschriebener Frauenförderplan existiere nicht. Eine Frau berichtet, dass sie während eines sechswöchigen Burn-out-Ausfalls „nahezu täglich durch den Direktor zu Hause angerufen oder kontaktiert wurde, um Hinweise zum Aufgabengebiet gebeten wurde und auch, ob sie kurz vorbeikommen könne“. Es bestehe der Eindruck, schreibt Arndt, dass vielfach nach dem Prinzip „Zweckmäßigkeit vor Rechtmäßigkeit“ vorgegangen wurde. Die Blumen nahm Knabe wieder mit, als er die Gedenkstätte um 14.27 Uhr verließ. Und einen grauen Schirm. Hatte er wohl beim letzten Mal vergessen. Und dass er nochmal wiederkommt erscheint nach diesem bizarren Tag ziemlich ausgeschlossen.
Etwas besser ist die Stimmung gerade bei Hertha BSC, auch wenn seit Bayern München nicht mehr gewonnen wurde (gute und schlechte Nachricht in einem). Apropos München: Da darf ja bekanntlich der große Hoeneß (Uli) wieder rumpoltern, bei Herthas Mitgliederversammlung unterm Funkturm sehnten sich gestern einige nach den alten Zeiten mit dem kleinen Hoeneß (Dieter) zurück. Als der noch am Ball war (bildlich gesprochen), blieb die Mannschaft so lange, bis der Kapitän eine Rede gehalten hatte. Gestern mussten die Spieler lediglich kurz aufstehen, winken, Applaus, ab ins Bettchen. Apropos: Präsident Gegenbauer fehlte, weil er Opa wurde. Den Termin hätte man ja auch mal vorausschauender planen können, schimpfte ein Mitglied. Immerhin bekam er nach vier Stunden am Ausgang einen blauweißen Schokoweihnachtsmann.
Eins noch, Hertha will bekanntlich ein neues Stadion bauen, Eröffnungstermin: 25. Juli 2025. Schönes Datum, nur, wir wissen ja … Dazu gestern Geschäftsführer Ingo Schiller: „Ich kann nicht versprechen, dass das Stadion gebaut werden wird. Aber ich kann Ihnen versprechen, dass wir das Stadion an diesem Standort bauen wollen.“ Mit dem verkündeten Rekordumsatz von 152,9 Millionen Euro könnte man ja durchaus ein bisschen rumspielen. Allerdings immer schön nüchtern bleiben – beschlossen wurde auch: Alkoholfreie Getränke sollen im Stadion nicht teurer sein als Alkohol.
Und schon sind wir in Festival-Laune. Das Lollapalooza (im zu bebauenden Olympiapark) fiel in diesem Jahr vor allem durch einen etwas zu frühen Soundcheck auf (und viele Anwohner aus den Betten). Nun teilt die Senatseventverwaltung (Inneres und Sport) mit, wie die Sache im nächsten Jahr (selber Ort, neues Konzept) verbessert werden soll, übersetzt in Behördensprech: „Folgender Optimierungsbedarf wurde der Veranstalterseite bisher mitgeteilt:Der räumliche Radius, innerhalb dessen die Veranstalterseite den Anwohnenden Wohnersatzraum zur Verfügung zu stellen hat, soll in Abhängigkeit von den Planungen, insbesondere der Bühnenstandorte, im Jahr 2019 erweitert werdenMorgendliche Soundchecks dürfen an beiden Veranstaltungstagen erst frühestens ab 09:00 Uhr stattfinden und werden auf maximal 2 Stunden pro Veranstaltungstag begrenzt.Während des Veranstaltungsbetriebes sind an beiden Veranstaltungstagen im Sinne des Anwohnerschutzes jeweils ein- bis zweistündige ruhige Phasen zu berücksichtigen.An den beiden Hauptbühnen ist im Jahr 2019 Lautsprechertechnik einzusetzen, mit der insbesondere tieffrequente Lärmimmissionen im Umfeld weiter gemindert werden können.(Q: Anfrage Andreas Statzkowski, CDU)Können sich also endlich alle wieder hinlegen. Ach und: Das war noch nicht alles in Sachen Lärmschutz vom Senat in dieser Woche. Mehr dazu morgen.
Die Bundesregierung hat die Luft frei gemacht für 5G, damit Altmaier bald in Ruhe im Auto telefonieren kann. Das war gestern Abend auch Thema beim „Dialog Wuhletal“ in Marzahn mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, CDU: „Kann Sachsen Ostdeutschlands Vorbild bleiben?“ (Hä?) Zumindest konnte der Kreisvorsitzende Mario Czaja erzählen, dass der Handyempfang in der Hauptstadt auch nicht so super klappt. Die Berliner CDU-Chefin Monika Grütters habe neulich hier in Marzahn, auf Besuch in ihrem Wahlkreis, schnell mit der Kanzlerin telefonieren wollen, „Angela“, sagte sie irgendwann, „die Verbindung ist so schlecht, wo bist du denn unterwegs?“ Darauf Merkel: „Am Alexanderplatz.“
Auf den CDU-Vorsitz angesprochen, gab sich Kretschmer diplomatisch, lobte alle drei Kandidierenden und die „wunderbare“ Situation, dass sich drei Leute um den Vorsitz bewerben. AKK? Unterschätzt! Spahn? Tut ihm fast ein bisschen leid, weil er durch Merz sein Alleinstellungsmerkmal verloren hat. „In der sächsischen Union überwiegt eindeutig der Friedrich-Merz-Fanclub, ich würde sagen, der liegt bei 80 Prozent.“ Kann Sachsen Ostdeutschlands Vorbild…? Daraufhin Czaja: Gut möglich, „aber alle ostdeutschen Länder plus Berlin haben beim Parteitag weniger Delegierte als Baden-Württemberg“. (Mehr dazu heute im Leute-Newsletter von Ingo Salmen.) Die letzte Regionalkonferenz findet übrigens am Freitag in Berlin statt. Aber das spielt ja offenbar keine Rolle mehr.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Eine anziehende Größe wird Berlin bald verlassen: Tristan, der T-Rex, zieht im Frühjahr nach Kopenhagen. Dafür haben sich die berühmten Flusskrebse aus dem Tiergarten in Spree und Unterhavel ausgebreitet, selbst die Panke ist nicht vor ihnen sicher, was den einzigen Fischer Klaus Hidde freuen dürfte: Seine Existenz ist auf Jahre gesichert (und die des Naturkundemuseums zum Glück auch).
Wobei ... ganz so sicher dann doch wieder nicht, wie aus Koalitionskreisen zu hören ist, der Ausbau des Museums sei bisher nur eine grobe Idee. Woher Berlins 330 Millionen dafür kommen sollen, ist unklar. Im Nachtragshaushalt soll die Finanzierung langfristig zugesagt werden, allerdings bleiben die Mittel gesperrt, bis es ein Konzept gibt. Gilt übrigens auch für Müllers Solidarisches Grundeinkommen. Na hoffentlich ist bis dahin niemand ausgestorben (soll ja auch Parteien treffen können).
Ansonsten sollen noch einmal 200 Millionen Euro für den Nachtragshaushalt draufgelegt werden, zusätzlich zu den bereits verkündeten 1,16 Milliarden. Um das noch vor Jahresende durchzukriegen, machen die Betroffenen Koalitionäre das Wochenende durch. Mancher spricht von Spielgeld – und das nicht nur, weil es auch in Spielplätze gesteckt werden soll.
Jetzt aber zurück zu den komischen Tierchen: Günther Krause, DDR-Chefunterhändler des Einigungsvertrags, soll angeblich ins Dschungelcamp. Alle dementieren. Aber das macht die Geschichte nicht weniger schön.
Apropos schöne Geschichte: Es wird eine dritte Staffel „Babylon Berlin“ gedreht. Darin zu sehen: 2500 Outfits, u.a. für Meret Becker, und natürlich jede Menge Berlin. Weniger schön: Zu sehen gibt es das Ende 2019 wieder bei Sky und erst ein Jahr später in der ARD.
Weniger schön sollen es auch die Mitglieder krimineller Clans in Zukunft haben, zu Geisels Gipfel gestern Abend kamen Polizeipräsidentin Koppers, Finanzsenator Kollatz, Neuköllns Bürgermeister Hikel und noch eine Handvoll anderer Spitzenleute. Ob es klappt mit dem behördenübergreifenden Abwehrzentrum, wird heute bereits in der aktuellen Stunde des Rechtausschusses diskutiert, am Mittwoch bei der Bürgerversammlung in Neukölln, am Donnerstag im Plenum des Abgeordnetenhauses. Und: Wetten, dass am Freitag die nächste Razzia kommt?
Nachtrag zum gestrigen Betriebsstörungsbingo: „Aufgrund fehlender Fahrplanunterlagen für unseren Lokführer verzögert sich die Weiterfahrt noch um wenige Minuten“, hatte am Sonntag Christian B. im ICE an die Spree gehört. Dazu schreibt uns Stefan Förster, Sprecher des Erzbistums Berlin, in dem Zug habe er auch gesessen und gelacht: „Fairerweise würde ich aber gern ergänzen, dass sich eine sehr kompetente Zugbegleiterin an jedem Halt mehrfach für am Ende zehn Minuten Verspätung entschuldigte. Ich würde gern mal wissen, wie ,pünktlich‘ die in Berlin angekommen sind, die mit dem Auto gefahren sind, egal ob mit oder ohne Fahrplanunterlagen.“
Ha! Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht (fairerweise) auch gleich nachliefern könnten, schließlich warten Sie hier noch auf die Auflösung der maroldtschen Verspätungsankündigung (CP von Freitag): Da alle Züge nach Köln ausgebucht waren und der Bahnhof so voll, dass man wieder einen Räumeinsatz der Bundespolizei fürchten musste, ist Lorenz nämlich mit dem Auto nach Köln gefahren. Fazit: von Haus zu Haus fünf Stunden, inkl. 2 kurzen Pausen, fester Sitzplatz, saubere Klos an der Tanke, und Cappuccino gab‘s auch (im ICE ist das Bistro ja meist indisponiert), laute Musik und anregende Gespräche ohne Mithörer und störende Ssssssschs. Einziger Nachteil (neben der Umweltsünde, die im nächsten Jahr durch Verzicht auf Wurstwaren ausgeglichen wird): kein neues Betriebsstörungsbingo.
Ob der neue Feiertag pünktlich zur nächsten Abgeordnetenhauswahl fertig ist, ist leider ähnlich unsicher wie die Ankunft des nächsten Zuges: R2G ist allerdings optimistisch, die Sache bis Ende Januar durchzubekommen, um dem Wähler im nächsten Jahr ein langes Wochenende zu bauen. Wie es zu diesem Feiertag kommen konnte, den eigentlich niemand wollte (Müller war für den 18. März, die Linke für den 8. Mai, die Grünen für irgendwas im November), kann zwar niemand mehr erklären, aber hey: Frauen gehen immer, oder? Dass viele von ihnen nun vermutlich am Herd landen, um der Familie am Festtag was Schickes zu kochen, wird irgendwann nur noch eine Fußnote in der glorreichen Berliner Geschichte sein.
Apropos glorreich: Erinnern Sie sich noch an die lange Liste der rot-rot-grünen Bitten um Fristverlängerung ans Abgeordnetenhaus (CP von Mittwoch)? Hat sich gelohnt wie eine SMS von Staatssekretär Steffen Krach zeigt: „Lieber Herr Maroldt, 4 Tage nachdem im CP die fehlenden Berichte aufgelistet sind, liegen die 2 mich betreffenden zur Unterschrift auf dem Schreibtisch. #Checkpointwirkt.“ Kurz durchgezählt: Da waren’s nur noch 20.
Und den Hashtag können wir hoffentlich bald noch für andere Themen verwenden ...
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Nach Neukölln gehe ich nur, wenn ich drehen muss.“
Die israelische Journalistin Antonia Yamin ist beim Dreh in Neukölln attackiert worden. Warum sie die Gegend normalerweise meidet, erklärt sie hier.
Tweet des Tages
„Hat 3 Wochen gedauert aber jetzt hasse ich Berlin auch“
Stadtleben
Essen Begrüßung durch den Maître persönlich, eine aufs gute Handwerk ausgerichtete Küche, ein konservatives Menü und kein hipper Beat, der aus den Boxen dröhnt: ziemlich „uncool“ eigentlich, wie Restaurantkritiker Matthies attestiert – und zwar als Kompliment. Schließlich bedeutet „cool“ wörtlich „kühl“, und ein wenig Wärme sollte bei der gegenwärtigen Wetterlage niemandem schaden. Auf der aktuellen Wochenkarte des Seegert‘s steht die Pastinaken-Suppe für 6,90 Euro, der Bio-Lachs mit zweierlei Rote Bete und Meerrettichschaum für 21,90 Euro sowie die Tagliatelle Gorgonzola mit Walnüssen für 14,90 Euro. Matthies empfiehlt den Hirschrücken mit Kürbis und Cassisjus für 24,90 Euro. Emser Straße 24, U-Bhf Hohenzollernplatz
Trinken Das Ori im Neuköllner Reuterkiez versteht sich als Ideenwerkstatt, Kulturtreffpunkt und Raum für Kunst, der in der Regel Veranstaltungen, nun ja, veranstaltet. Manchmal aber steht nichts im Veranstaltungskalender und manchmal öffnet dann trotzdem die hauseigene Bar. Das Angebot ist für die Gegend typisch und die Preise üblich. Der Mehrwert aber kommt in Form einer das Barerlebnis rahmenden Ausstellung mit dem malerischen Titel „Fotos aus Einwegkameras, die von Fernfahrern aufgenommen wurden“. Geöffnet ist ab 20 Uhr in der Friedelstraße 8, U-Bhf Hermannplatz