Da sommer wieder! Der Ferien-Checkpoint aus dem Berliner Urstromtal startet heiter und wonnig in die nächste Regenwoche. Aber regen wir uns nicht über Gewitter und Getwitter auf. Schließlich wird es in den USA heute noch zappendusterer als sowieso schon - eine totale Sonnenfinsternis verdunkelt das Schwarze Haus, in dem Donald Trump die Chaostheorie zur Regierungspraxis erhoben hat. Das Düstere daran: Der Mond, der sich heute Abend vor die Sonne schiebt und Amerika verdunkelt, entfernt sich Stück für Stück in die unendlichen Weiten - und wird in 600 Millionen Jahren so weit von der Erde entfernt sein, dass er zu klein ist, um die Sonne ganz zu verdecken. Nicht mal der Mond hat also noch Lust auf uns. Wenn das nicht zum Anheulen ist.
Bevor der Bundestags-Wahlkampf richtig beginnt, häufen sich die unfreiwilligen Slapstickeinlagen. Berlins SPD-Spitzenfrau Eva Högl winkt fröhlich-wild durch die Gegend und in die Kameras, während vor ihr gerade SPD-Ersatzkanzlerkandidat Martin Schulz „unsere Fassungslosigkeit und Bestürzung“ über die Anschläge in Barcelona zum Ausdruck bringt (Video hier, Högls Entschuldigung hier) - woraufhin sich die AfD in bestürzend überstürzte Rücktrittsforderungen stürzt. Der bayerische CSU-Ersatzkanzler Horst Seehofer rückt derweil von der Obergrenze für Flüchtlinge ab (zumindest als Koalitionsbedingung), um kurz darauf wiederum davon abzurücken (also zumindest nicht von der Obergrenze an sich). Die Untergrenze des politischen Geschmacks reißt allerdings FDP-Vize Wolfgang Kubicki, der nach der Einmischung des türkischen Sultans Erdogan in den deutschen Wahlkampf meint mitteilen zu müssen: „Es braucht keinen Erdogan, um CDU, SPD und Grüne nicht zu wählen.“ Warum nehmen sich manche Politiker selbst so nichtig?
Einen Wasserschaden haben die Wasserbetriebe in diesem Sommer ja öfter, manche Kunden glauben aber auch an einen Dachschaden. So wunderte sich ein Checkpoint-Leser aus Charlottenburg, dass er wegen eines Lecks in der Leitung vor seinem Haus erst zwei Wochen auf die Begutachtung und dann noch einmal zwei Wochen auf ein Angebot zur Reparatur warten musste - bei vollgelaufenem Keller. Nun stopfen die Wasserbetriebe das Loch und reißen dem Hausbesitzer dafür ein Loch von 3500 Euro in die Kasse. Tja, Leitungen vor dem Haus sind eben eine städtische Angelegenheit - weshalb hier den kommunalen Betrieben keine andere Firma das Wasser abgraben darf. „Ich denke mal, dass ein Konkurrent die gleichen Arbeiten um die Hälfte, auf jeden Fall um ein Drittel günstiger ausführen würde“, sagt ein Installateur. „Aber Konkurrenz gibt es ja auf diesem Gebiet nicht.“ Und viele Kunden gucken in die Röhre.
Das Regionalmagazin „Der Spiegel“ („Hauptstadt Hamburg“) hat seine investigativen Recherchen auf die Hansestadt Berlin ausgeweitet - und sich hier mangels Hafen den unfertigen Flughafen vorgenommen. Drei Reporter und ein Archivar kämpften sich laut Verlagsangaben sieben Monate lang durch Akten und Zeitzeugengespräche - das Ergebnis: 20 Seiten Dossier, in denen alle bekannten Fakten noch einmal anschaulich nacherzählt werden. Falls Sie nun noch auf eine neue Nachricht zum BER warten, kann Tagesspiegel-Experte Thorsten Metzner weiterhelfen: Nach seinen Recherchen geht man endlich auch in der Flughafengesellschaft von einem Starttermin im Herbst 2019 aus. So heißt es zumindest im internen Entwurf des neuen Rahmenterminplans - dieser wird derzeit noch abgestimmt. Hoffentlich dauert das nicht bis 2020.
Ebenfalls in der Luft liegt in dieser Woche die Zerschlagung von Air Berlin. Das Drehbuch in drei Akten liegt bereits vor. Erster Akt, die Hoffnung: Die Lufthansa beantragt eine Beteiligung, auch andere Gesellschaften sind zumindest zu teilweisen Übernahmen bereit. Zweiter Akt, das Unbekannte: Es gibt viele Möglichkeiten, aber gegen jede spricht etwas anderes - mal das Bundeskartellamt, mal das Bundesverkehrsministerium, das sich keine weitere ausländische Konkurrenz in den Markt holen will, mal die Bundespolitik der Lufthansa, die als alte Staatslinie bestens vernetzt ist. Dritter Akt, das Ende: Die Angebote werden geprüft und geprüft, bis immer mehr Interessenten absagen, immer mehr Flüge ausfallen - und immer weniger Mitarbeiter übrig bleiben. Die anderen erhalten einen Brief mit der Mitteilung, „dass Ihr bisheriger Arbeitsplatz wegen der Betriebsstillegung nicht mehr existent ist“. Auf genau diese Art wurde 1991 in Berlin die DDR-Fluglinie Interflug abgewickelt - und mit ihr die Jobs von 2900 Menschen.
Nun sind sie angebrochen, die postfaktischen Zeiten: Stapelweise Telefonbücher sind vergangene Woche in Berliner Hausfluren abgeworfen worden, abholen tut sie niemand mehr. Ein Handy mit jederzeit abrufbaren Kontakten trägt sich eben leichter die Treppen hoch - und den Stapel Neupapier zum Container schleppen will auch keiner. Für die Bücher ohne Anschluss fühlen sich auf Nachfrage weder die Post noch die Telekom zuständig; sie verweisen auf die Deutsche Tele Medien GmbH in Frankfurt am Main. Dort sitzt man aber auf der langen Leitung; am Telefon hebt jedenfalls niemand ab. Sie warten wohl auf ein Fax.
Vielleicht liegt’s ja am Thema: Der Senat muss bei der Neuausschreibung der öffentlichen Toiletten dringend nachsitzen. Denn das „Toilettenkonzept für Berlin“ sieht bisher vor, die 257 von der Firma Wall betriebenen Örtchen zu kaufen, die Klos dort abzubauen und irgendwann durch neue zu ersetzen. Das Wann im Irgendwann ist jedoch unklar, denn noch hat man nicht mal irgendeine andere Firma gefunden, ja nicht mal eine Ausschreibung getätigt. Deshalb werden als Übergangslösung schon „temporäre Miettoiletten“ geplant. Immerhin, Pissoirs sollen erhalten bleiben, da die Senatsverwaltung amtlich festgestellt hat, dass „Männer eher zum Wildpinkeln tendieren“. Im Zuge der Gleichberechtigung ist zudem vorgesehen, „Urinale anzubieten, die von allen Geschlechtern genutzt werden können, zum Beispiel das ‚Girly Urinal‘“ (Beispielfotos hier). Fehlt eigentlich bloß noch der Hinweis: Sie wollen nur spülen.
Telegramm
Er war der komischste Komiker, allein schon wegen seiner Kulleraugen-Grimassen, und nach eigener Aussage der größte Tollpatsch der Welt. Nun ist der Schauspieler und Clown Jerry Lewis im Alter von 91 Jahren gestorben (hier ein schöner Nachruf). Irgendwann hört er leider auf, der Spaß des Lebens.
Manchmal fängt alles auch komisch an. Wie am Freitagmorgen gegen 4.30 Uhr im Regionalexpress zwischen Rathenow und Spandau. In einem Fahrradabteil brachte eine 32-jährige schwangere Frau spontan ein Mädchen zur Welt - zwei Frauen und ein 45-jähriger Bundespolizist assistierten in der Not. Die Polizei, Dein Freund und Geburtshelfer.
Ich hab‘ noch einen Koffer in Tegel. Das Lied kann inzwischen ganz Berlin singen. Aber vielleicht stehen ja auf dem beliebten Flughafen irgendwann nur noch Aktenkoffer rum - wenn TXL tatsächlich zum Gewerbegebiet wird. Was dafür und dagegen spricht, diskutieren wir kurz vor dem Volksentscheid bei einer Tagesspiegel-Debatte am 19. September in der Urania - unter anderem mit dem Regierenden Bürgermeister und SPD-Chef Michael Müller, Wirtschaftssenatorin Ramona Pop von den Grünen und Sebastian Czaja von der Tegel-FDP.
Und nun die aktuelle Bundesliga-Tabelle: Hertha BSC führt mit dem größten Fanwimpel der Welt (aufgezogen beim 2:0-Auftaktsieg gegen Stuttgart - Foto hier), dicht gefolgt von Lukas Podolski als Flüchtling auf einem Jet-Ski (so wurde er zumindest vom Fake-News Portal Breitbart als Illustration für einen Artikel über Schleuserkriminalität gezeigt - Foto hier). Um Anschluss kämpft eisern der 1. FC Union (allerdings in der Zweiten Liga, allerdings mit zwei verschenkten Punkten beim 2:2 in Nürnberg). Weit abgeschlagen hinten liegt der in allen Stadien ausgebuhte DFB, dessen Berliner Schiedsrichter Manuel Gräfe zum Auftakt auch über Missstände in seinem Berufsstand auspackte (via Interview mit Sven Goldmann). Das gab prompt einen Anpfiff.
Jobwunder im Kanzleramt: Weil Angela Merkel ihren Generalsekretär Peter Tauber entmachtet hat und vor der Wahl lieber auf Kanzleramtschef Peter Altmaier vertraut, gibt es plötzlich drei Minijobs in der CDU-Zentrale - für Mitarbeiter aus dem Kanzleramt. Eigentlich darf die Regierung ja gar keinen Wahlkampf für eine Regierungspartei machen, nun aber arbeiten engste Vertraute Merkels wie Eva Christiansen aus dem Kanzleramt nebenbei auf 450-Euro-Basis für ihre Partei und handeln etwa die Bedingungen für das Fernsehduell aus (via „Welt am Sonntag“). Drei Minijobs bei der CDU? Dazu noch einmal der Twitter-Kommentar von Peter Tauber: „Wenn Sie was Ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs.“
Eins, zwei oder drei? Um diese Plätze wird bei der Wahl am meisten gerungen. Unser Data-Team hat die Abstimmungen seit 1990 genau analysiert. In einer interaktiven Karte können Sie sich durch die Wahlen klicken und sehen, wer jeweils Rang eins, zwei und drei belegt hat - und zwar in jeder Gemeinde in Deutschland. Probieren Sie es aus! Wir basteln derweil an den nächsten Karten; Kiez für Kiez in Berlin.
Zwei schlimme Verkehrsunfälle in Berlin: Der Fahrer eines Leihautos rast mit überhöhter Geschwindigkeit mit seinem Smart auf den Bürgersteig und fährt dort einen 18-jährigen Fußgänger tot. Nach dem Unfall flüchtet er - und wird weiterhin gesucht. Auf dem Kurfürstendamm wird derweil ein Vater mit zwei kleinen Kindern umgefahren. Ein Auto hatte an einer Fußgängerfurt gestoppt, damit der 36-Jährige mit seinem Kinderwagen die Straße überqueren kann. Doch der 23-jährige Fahrer eines dahinter rollenden Audi will nicht warten, zieht auf der Busspur vorbei und rast in die junge Familie. Der Vater und seine zwei und drei Jahre alten Kinder liegen schwer verletzt im Krankenhaus.
Eine Perle aus Hamburg: Die Edeka-Filiale in der Hafencity hat alle ausländischen Produkte aus dem Sortiment genommen. Damit Rassisten merken, wie leer die Regale dann sind. Voll gut!
Die bedrückende, beunruhigende Meldung aus der Nacht: Der Amokfahrer von Barcelona ist noch immer nicht gefasst.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Nach dem Wettsaufen kommt das Wettkotzen."
Monika Herrmann, grüne Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, über den Partytourismus in ihrem Bezirk. Nun soll der Besucherstrom kiezverträglicher gelenkt werden.
Zitat
"Hinter jeder großen Klappe schlägt ein großes, warmes Herz."
Klaus Lederer, linker Kultursenator, über die Schnauze der Berliner. Das Interview mit ihm ist im Tagesspiegel-Magazin „Neu in Berlin“ erschienen, das Zugezogenen das Leben in der Hauptstadt vereinfachen soll und jetzt für 8,50 Euro im Handel erhältlich ist.
Stadtleben
Einen umwerfenden Stadtblick und sterneverdächtige Küche bescheinigt Bernd Matthies dem Golvet in Tiergarten. Im achten Stock des auffälligen Eckhauses in der Potsdamer Straße 58 kocht Björn Swanson „querbeet global“, was nicht ganz billig ist (Menü zwischen 68 und 104 Euro, Hauptgänge um die 30 Euro), dafür aber äußerst apart: Auf "geflämmtes Rehtatar mit Eigelb-Emulsion und Sauerklee in einem kalten Sud von Rote Beten und Birke“ folgt „süß-saurer Zungensalat und polnische Dim-Sum“ (Di-Sa ab 18.30 Uhr). Bei akutem Fernweh lässt sich in der Bar problemlos eine Cocktail-Tour durch Europas Spirituosenwelt starten.
Neu in Wilmersdorf Nachdem die Eröffnung der Stairs Bar nach den extremen Regenfällen Ende Juni erst mal ins Wasser fiel, empfängt Konstantin Hennrich seit Anfang Ausgust jeden Gast persönlich in seinem Speakeasy in der Uhlandstraße 133 (U-Bhf Hohenzollernplatz), das seinen Namen nicht umsonst trägt: Bekannte Longdrinks (ab 10 Euro), wie der Gin Tonic, werden in drei verschiedenen „Stufen“ angeboten - im Original, klassisch modifiziert und als moderne Variante. Unterstützt wird Hennrich dabei von Kersten Wruck, mit dem er schon erfolgreich im Chapel zusammengearbeitet hat. Eine gute Adresse, um sich durch die Epochen der Cocktail-Geschichte zu probieren. Di-Do 18-2 Uhr, Fr-So 18-4 Uhr, Rauchen erlaubt