Der Berliner Fernsehturm ist ein Flachwurzler, wussten Sie das? Das Betonfundament des 368-Meter-Spargels liegt nur drei bis sechs Meter in der Tiefe, während der Frankfurter Fernsehturm (Höhe: 337,5 Meter) 18 Meter tief verwurzelt ist. Ha! Die haben Ton im Boden und der ist wesentlich sensibler als unser märkischer Sand. Die Frankfurter Skyline könnten wir hier folglich billig nachbauen. (Billig bauen können wir, dauert nur und wird dann doch etwas teurer.) In der City West jedenfalls kann der Kampf um die Lufthoheit weitergehen. Zumindest geologisch spricht nichts gegen den Bau eines neuen 200-Meter-Turms am Europa-Center: Kein Torf oder Schlamm erkennbar, sagt Ralf Ruhnau, Präsident der Baukammer Berlin. Wie versumpft die Stadt ist, fällt vielleicht erst auf den zweiten Blick auf.
Also Gummistiefel an und los.
Zumindest reißen sie für den neuen Riesen nicht das Europa-Center ab. Denn bald ist wirklich nüscht mehr übrig von der einstigen Schmuddelschönheit der City West. Auch das KaDeWe-Parkhaus hat niemand rechtzeitig unter Denkmalschutz gestellt - Anfang 2019 wird es abgerissen. Die Autos kommen unter die Erde (100 Parkplätze verschwinden), oben auf dem Filet-Grundstück in der Passauer Straße sollen ein Bürohaus, Geschäfte und Filet-Lokale entstehen. Checkpoint Quiz: Was fehlt noch in der Liste der Langeweile? Richtig: Betten für Belgier, Bulgaren und Briten. Definitely Maybe, sagt der Manager. (Also der des KaDeWe-Eigentümers, nicht der von Oasis).
Maybe Maulkorb oder nicht, die Debatte um die Schrottimmobilien-Aussage der Bildungssenatorin läuft zuverlässiger als so manche Schulheizung. Aufgeheizt ist die Sache jedenfalls ordentlich, nachdem Scheeres Anfang der Woche an Berlins Schulleiter appelliert hatte, Presseanfragen an die Verwaltung zu melden, anstatt öffentlich Missstände zu bemängeln. Landesschulbeirat und Landeselternausschuss aber meinen: Leiter, die sich für ihre Schule auch öffentlich einsetzen, seien „echte Führungskräfte“. „Demokratie lebt von Meinungsfreiheit, Offenheit und Transparenz. Das ist, was Schule unseren Kindern vorleben sollte. Aus unserer Sicht ist es daher wichtig, auch die Debatte um den maroden Zustand vieler Schulen über die Medien zu führen.“ Wegen Befangenheit lassen wir das mal unkommentiert.
Erinnern Sie sich noch an den fehlenden Treppenlift im Rathaus Schöneberg? (CP vom 24.10.) Das Bürgeramt ist hier für Rollstuhlfahrer seit Monaten nicht mehr erreichbar, ein Treppenlift ist seit rund einem Jahr kaputt, Ersatzteile nicht mehr lieferbar. Nach unserer Anfrage wurde der Hinweis der Barrierefreiheit von der Website entfernt. Der FDP-Fraktion in THF-Schöneberg will es dabei aber nicht belassen - denn auch die Sitzungsräume im ersten Stock sind derzeit mit einem Rollstuhl nicht erreichbar. Das Bezirksamt solle aufgefordert werden, innerhalb von vier Wochen einen Zeitplan vorzulegen, der (und jetzt wird es unverschämt) eine zügige Realisierung vorsehe. Im ersten Stock tagt übrigens auch der Beirat für Menschen mit Behinderung. Die BVV verwies den Antrag gestern Abend allerdings ans Facility Management. Zügige Vertagung.
Gleich vier Frauen waren in diesem Jahr für den Preis der Nationalgalerie nominiert, verliehen alle zwei Jahre vom Verein der Freunde der Nationalgalerie an Künstler unter 40. In diesem Jahr: Künstlerinnen! Und gleich vier! Ist das nicht toll?! So in etwa muss es zugegangen sein bei der Preisverleihung im Hamburger Bahnhof Mitte Oktober, die nominierten Sol Calero, Iman Issa, Jumana Manna und Agnieszka Polska (die den Preis gewonnen hat) haben offenbar etwas gebraucht, um sich von dieser Veranstaltung zu erholen. In einem offenen Brief haben sie sich nun darüber empört, dass es um ihr künstlerisches Schaffen nie gegangen sei. Stattdessen habe man, in Pressemitteilungen und Reden,ständig ihr Geschlecht und ihre Herkunft betont und damit gezeigt, wie weit wir von einer gleichberechtigten Welt entfernt sind. Vielfalt müsse täglich gelebt werden und nicht gelegentlich bei High-Profile-Events gefeiert. Sobald ein Veranstalter betont, dass jemand eine Frau ist und oder einen Migrationshintergrund hat, weiß man: Es geht dem Gastgeber darum, einen „positiven gesellschaftspolitischen Beitrag“ zu leisten, schreibt die Zeit-Kolumnistin Mely Kiyak. Die Auszeichnung, über die man sich gerade noch freute, werde so zum Willkommensbambi, zur Gebärmuttermedaille. Heute beginnt im Tagesspiegel übrigens die Diversity-Konferenz. Zweitägiges High-Profile-Event, um die Vielfalt in den Alltag zu bringen. Bäm!
Telegramm
Zehn Jahre danach dreht die S-Bahn die Zeit zurück. Nein, leider nicht zurück zur Zuverlässigkeit, sondern zur Dampflok, äh -wolke. Zehn Jahre nach Einführung des Nichtraucherschutzgesetzes soll wieder fast jeder vierte Berliner S-Bahnhof eine Raucherinsel bekommen. Begründung der Bahn: Ans Rauchverbot hält sich eh niemand. Bewährtes Berliner Prinzip: Wenn etwas nicht durchgesetzt werden kann, schaffen wir es eben wieder ab (vgl.: der Null-Toleranz-Görli). Verbessert die Bilanz. In diesem Fall die der Zigarettenindustrie. (Q: Berliner Zeitung)
Eine Schülerin in Wittenau darf nicht mehr zur Schule gehen - weil sie schwanger ist. Celine, 14, hat es damit auf den B.Z.-Titel geschafft. Ihre Schule verlangt von ihr ein großes Blutbild, Grund: Ansteckungsgefahr. Also bei ihr, nicht bei den anderen. Weil Krankheiten bei Menschenballungen (Bsp.: Bildungseinrichtung) dummerweise geballt auftreten. Da das Mädchen aber gern ihren Abschluss machen möchte, soll nun der Jugend- und Gesundheitsdienst eine Lösung finden, um den Bluttest zu finanzieren. Bis dahin: Hausunterricht. Vielleicht doch Angst vor einer Schwangerschafts-Epidemie?
Die könnte man in einigen Kiezen ja fast bekommen. Nun ist der Kitaplatz-Krieg auch statistisch belegt: In Berlin wurden 2016 rund 41.000 Kinder geboren, 7,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit liegen wir auch über dem Bundesschnitt (7,4 Prozent) - und deutlich über der Sterberate (34.000).
Brandenburg hingegen ist wieder um 10.000 Menschen geschrumpft (Landflucht noch nicht eingerechnet) - und das bei einer deutlich gestiegenen Geburtenrate (9,5 Prozent). Leider wird noch viel mehr gestorben. Für Woidkes Kreisreform kommt diese Info leider zu spät. Die ist bekanntlich gleich mitgestorben, Nachwuchs ist nicht in Sicht.
Zuwachs bekommen hingegen die Stolpersteine: Bereits nächste Woche sollen die 16 gestohlenen und vier beschädigten Gedenksteine in der Hufeisensiedlung in Britz ersetzt werden (CP von gestern), inzwischen sind 5785 Euro gespendet worden. „Es ist an Dummheit & Ignoranz kaum zu überbieten, sich ein zweites Mal am Schicksal dieser Menschen zu vergreifen“, sagte Bezirksbürgermeistern Franziska Giffey gestern in der BVV Neukölln. Ziel sei nun, noch mehr Steine zu verlegen als zuvor. (Via Madlen Haarbach und Sabrina Markutzyk).
Zwei Wochen lang können die Angehörigen der Alice-Salomon-Hochschule nun über das Gomringer-Gedicht an ihrer Fassade abstimmen. Kleine Erinnerung (Wiederholung prägt sich ein): Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer. Online stehen nun 20 Gestaltungsvorschläge zur Auswahl - von alles bleibt bis alles neu - , die beiden beliebtesten werden im Senat abgestimmt (plus den Favoriten der Hochschulleitung natürlich). Checkpoint-Tipp: Die Fassade muss ohnehin renoviert werden.
In New York ist am Abend das Gemälde „Salvator Mundi“ von Leonardo da Vinci für 450 Millionen Dollar versteigert worden (383,6 Millionen Euro). Laut Auktionshaus Christie’s ist es das teuerste jemals versteigerte Kunstwerk. Vgl.: Neymar, teuerster jemals verkaufter Fußballer: 220 Millionen Euro. Preistreiberei, mäkeln Kunstexperten und Sportfans in seltener Einigkeit. Vgl.: Teuerster Hertha-Spieler: Davie Selke, 8 Millionen. Berlin ist eben bescheiden. Und pleite.
Also endlich zurück zum Schmuddel! (Und noch mal in die BVV T-S): Frage der CDU nach einem Plakat für eine Sexmesse am Zaun einer Schule. Stadtrat Schworck (SPD): „Wo? Lichtenrader Damm? Da fahre ich gleich vorbei und mache es ab.“ (via Sigrid Kneist, leute.tagesspiegel.de) Abgemacht!
Abgemacht ist übrigens auch die überdimensionale Heilmann-Wahlwerbung am Steglitzer Kreisel. Hätten sie ja schon fast wieder hängen lassen können.
Auch sonst kann man auf Berlins Straßen offenbar ziemlich frei plakatieren. Außer - überraschende Antwort der Verkehrsverwaltung auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Danny Frey - in Neukölln. Wo mehr Sofas auf der Straße stehen als bei schöngrüßenden Möbelhäusern, wurden in diesem Jahr 796 Verfahren wegen unerlaubter Sondernutzung (von Stromkästen, Masten, Postboxen und anderen öffentlichen Flächen) eingeleitet. Pankow: keins. Hm. Und welche Einnahmeverluste entstehen dem Land Berlin? Antwort: Dazu liegen keine Daten vor.
Anders als die Schulverwaltung will Roncalli zukünftig keine Maulkörbe mehr verteilen. Wildtiere gibt es hier schon lange nicht mehr, nun reagiert der Zirkus auf die Proteste von Tierschützern und schafft auch die Pferde ab: Im nächsten Jahr wird Roncalli komplett tierfrei. Auch kulinarisch: In historischen Foodtrucks soll es Smoothies und Veganes geben. Vielleicht kann die Hipster-Olympiade hier anheuern. (Disziplinen: iPhone-Weitwurf, Latte-Macchiato-Kekse-Stapeln, Skinny-Jeans-Tauziehen, Jutebeutel-Sackhüpfen)
Wäre doch vielleicht auch ein schöner Willkommensgruß für die 400 neuen BND-Mitarbeiter, die nun in der Chausseestraße eingezogen sind. Bis Ende des nächsten Jahres sollen es 5000 werden, die aus Pullach nach Mitte ziehen, da wäre ein bisschen Hipster-Coaching durchaus sinnvoll - sonst wird es den Neuen schwerfallen, unentdeckt zu bleiben (Geheimdienst!).
Kosten: Rund eine Milliarde Euro, tausend Millionen, oder: 1.000.000.000 Euro. Der Umzug sollte übrigens schon 2013 erfolgen, dann kamen Pfusch am Bau, ein bisschen auslaufendes Wasser, Technikprobleme, Brandschutz… ach nee, das war ein anderer.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Ich glaube, dass ein Fußball oder ein Eishockey-Puck ein besseres Werkzeug zur Friedenserhaltung ist als eine Waffe."
Miroslav Lajcak, Präsident der UN-Vollversammlung, die in einer Resolution zur Einhaltung des Olympischen Friedens während der Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang 2018 aufgerufen hat. (Q: dpa)
Zitat
"Wo sind die Dealer, wenn man sie braucht?"
Anonym. Mitgehört auf der Warschauer Brücke. (Q: Zitty)
Tweet des Tages
"Weiter vorne in der Schlange trägt jemand eine Mütze mit dem Logo der Backstreet Boys, wie langsam ist denn bitte der Kassierer?"
Stadtleben
Essen & Trinken in Neukölln Die Neuköllner Eckkneipe in der Sanderstraße 17 (U-Bhf Schönleinstraße) hat schon vieles erlebt, war Destille, Bordell, Technoclub und zuletzt ein (zu) schickes Steakhouse (ehem. Pigalle). Jetzt heißt sie Rusty und bietet Wohlfühlteller statt Edelfleisch, was hoffentlich die Kiezkompatibilität erhöht. Mittags werden großzügig Roastbeef mit Rosenkohl (10 Euro) und Kartoffelsuppe mit Wiener Würstchen (9 Euro) aufgetischt, abends Schweinebauch mit Sternanis (12 Euro) und Kalbsbäckchen mit Senf, Erbsen und Minze (18 Euro). Die Ofen-Aubergine mit Bulgur gibt es schon für 10 Euro. Die offenen Weine sind fair kalkuliert, die Flaschen zum Zuschnapppreis. Woher wir das alles wissen? Steht in aktuellen Genuss-Heft. Mo-Fr ab 12, Sa ab 18 Uhr
Neu in Schöneberg ist die Kino-Bar Barton Fink im ehem. K.O.B. in der Potsdamer Straße 157 (U-Bhf Bülowstraße). Zur Eröffnung wird vier Tage lang die Geschichte des ehem. Musikclubs wiederbelebt: Björk feierte hier mit ihrer ersten Band KUKL die ersten Erfolge, die Toten Hosen, Element of Crime, Chumbawamba und andere nutzten die Bühne in Schöneberg als Sprungbrett in die Welt. Die Zeitreise in die Subkultur der 80er beginnt heute Abend um 20 Uhr mit der Ausstellung Der letzte Pflasterstein (Karikaturen und Comics von Harald Juch) und Filmen aus und über West-Berlin vor dem Mauerfall (Moderation: Madeleine Bernstorff). Morgen treffen hier damalige und gegenwärtige Musiker und Kunstschaffende zum gemeinsamen Revival aufeinander (u.a. Jim Avignon, Uwe Bauer, Hand Peter Kuhn, Jakob Friedrichs) – live übertragen auf 88vier. Eintritt: 5 Euro (am Sa von 15-19 Uhr frei)