Sind Sie schon fertig angezogen? Dann zieht’s uns hier gleich die Schuhe aus: „Zalando ersetzt 250 Mitarbeiter durch Alghorithmen“, ist die Schlagzeile aus der Zukunft, die in der Berliner Gegenwart aufschlägt. Kreisch-Schreie des Entsetzens drangen zwar nicht aus der Zentrale des Online-Händlers in Friedrichshain, der seine Marketingabteilung umbaut und im Gegenzug neue Entwickler sucht; Mitarbeiter berichten aber „von gedrückter Stimmung“ und „unklarer Kommunikation“. Vielleicht liegt es ja daran, dass die Entlassungen noch von Menschen und nicht von Maschinen verkündet wurden. „Aufgaben, die bislang von Mitarbeitern erledigt wurden, sollen künftig verstärkt von Künstlicher Intelligenz gesteuert werden“, ließ Zalandos Co-Chef Rubin Ritter wissen (via "FAZ"). Zu den ersetzbaren Tätigkeiten gehöre etwa das Versenden von E-Mails. Und damit kommen wir zu Ihnen, liebe Leserinnen und Leser: Falls Ihnen dieser Text hier über die Arbeit der Zukunft etwas unheimlich oder ernüchternd erscheint, wenden Sie sich bitte an den automatischen Checkpoint-Kundenservice. Wir bessern dann den Algorithmus entsprechend Ihren Wünschen nach. [Künstliches Wortspiel generieren: nicht auf den Senkelgehen; auf die Socken machen; so wird ein Schuh draus.]
In der Spezialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) geht‘s nach dem Osten nun um die anderen Posten. Die Landesverbände Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen haben sich die beiden noch offenen Stellen im Kabinett zusichern lassen, twittern die Vögel vom Dach des Willy-Brandt-Hauses. Fest steht intern, dass Heiko Maas das Amt als beliebtester deutscher Auslandsreisender von Sigmar Gabriel übernimmt – und dass Neuköllns Kiezmutti Franziska Giffey tatsächlich Bundesfamilienministerin wird. „Sie kommt immer sehr ambitioniert rüber“, weiß ihr Neffe Niels Giffey zu erzählen, Kapitän von Albas Basketballern. Der 26-Jährige ist inzwischen selbst Nationalspieler und rät seiner Tante: „Einfach nicht anders sein als vorher.“ Im Sport hängen die Körbe überall gleich hoch.
Am Fastflughafen BER kriegen sie bekanntlich seit Jahren die Brandschutztür nicht zu – auch dank Siemens, das im Qualm der eigenen Entrauchungsanlage nicht mehr durchsieht. Zum Glück winkt schon der nächste Dauerauftrag, diesmal an einem fertigen Flughafen. Am Münchner Airport sollen Siemens-Techniker die Gepäckanlagen mit dem Internet der Dinge verbinden und mittels eines „LabCampus“ und der Cloud-basierten Technologie „MindSphere“ die „digitale Zukunft des Flughafens“ entwickeln. Fehlt bloß noch, dass Siemens ins Catering des Flughafens Frankfurt am Main einsteigt: Da gibt’s dann jeden Tag Kabelsalat.
Die Ehe für alle macht Berlins Verwaltung ganz alle. Denn wer hier standesgemäß heiraten will, muss erst mal einen Termin beim Standesamt kriegen. Selbst Kultursenator Klaus Lederer ringt um den Austausch der Ringe mit seinem Lebenspartner. Das zuständige Rathaus Pankow hat bereits eine Hochzeitswarnung herausgegeben: „Derzeit beträgt die Wartezeit für die Terminvergabe 3 bis 4 Monate. Wir empfehlen daher dringend, die Hochzeitsplanung erst dann vorzunehmen, wenn die Anmeldung erfolgt ist.“ Lederer folgt dem aber nicht. „Wir haben jetzt den Termin für die Feier mit Freunden festgesetzt“, verrät er im Interview mit Sabine Beikler (ab Freitagnachmittag online auf tagesspiegel.de). „Aber ob wir vor oder nach der Party heiraten werden? Schauen wir mal.“ In Berlin tut nicht nur Scheiden weh.
Sie gehört inzwischen zum Sommerurlaub wie die Sonnencreme gegen den Klimawandel: die Frage nach dem sicheren Hinflugland. Lust auf Tauchen im Meer vor Ägypten, wo am Ufer das Regime brutal gegen Kritiker vorgeht? Oder endlich wieder Entspannen in der Türkei, wo Präsident Erdogan sein Land auf die Folter des Ausnahmezustands spannt und seine Armee ins kurdisch-syrische Afrin einmarschieren lässt? Die Weltlage ist das größte Thema auf der Weltreisemesse ITB – am Donnerstag musste deshalb sogar die Polizei unterm Funkturm ausrücken. Drei Mitarbeiter des Wachdienstes der Messe zogen lautstark zum Israel-Stand, pöbelten und riefen „Free Palestine!“ Die Störer, offenbar arabischer Herkunft, wurden suspendiert. Friede, Freude, Flügesuchen ist nicht mehr.
Typisch Berlin: mal wieder in der Trotz- und Großkotzphase! Hertha will ein neues Stadion, am Alexanderplatz türmen sich Hochhäuser, man gönnt sich ein teures Kunstmuseum, aber die undankbare Jugend auf der Straße interessiert das alles nicht – damals 1968. Sie revoltiert offen im Westen (gegen den Muff der Autoritäten) und heimlich im Osten (gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings). Und sie streitet wie heute darum, wie Freiheit im Privaten geht. Der Tagesspiegel widmet den 68ern am Sonnabend eine Sonderbeilage und spürt auf zehn Seiten den politischen Idealen und künstlerischen Ausdrücken der Revolte nach. Unter anderem streiten sich die künftige Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) und Grünen-Urgestein Hans-Christian Ströbele über das Erbe der 68er. Am Sonntag dann gehen wir auf vier Seiten im Berlin-Teil auf Zeitreise durch den Alltag der vor 50 Jahren geteilten Stadt: Wie lernte es sich in Deutschlands erster Gesamtschule, was gab‘s im Café Kranzler zu essen und zu gucken, welche Anstecker trugen Hippies in Ost-Berlin? Entdecken Sie mit uns am Wochenende in der Zeitung, im E-Paper und in Online-Bildergalerien, was Berlin vor einem halben Jahrhundert bewegt hat – und uns bis heute prägt.
Telegramm
Hölle, Hölle, Hölle? Zölle, Zölle, Zölle! Mit Handelsaufschlägen von 25 Prozent auf Stahl und 10 Prozent auf Aluminium will Donald Trump die USA gegen die Globalisierung abschotten. Europa droht mit Gegenmaßnahmen: Strafzölle auf Tweets von US-Präsidenten.
In Hamburg sagt man Tschüss. Der wieder mal abstiegsbedrohte HSV hat wieder mal den Sportchef und den Vorstandschef rausgeworfen. In den letzten zehn Jahren hat der Klub 11 Trainer, 6 Sportdirektoren und 5 Vorstandsvorsitzende verschlissen. Das reicht genau für zwei Fußballmannschaften. Die spielen jetzt den Abstieg untereinander aus.
Wir machen eine kurze Pause für die wichtige Durchsage eines S-Bahn-Fahrers (via Dennis Oehlke): „Unser Zug hat eine Verspätung von 2 Minuten. Grund dafür war eine Blasenschwäche meinerseits. Ich hoffe, Sie können das entschuldigen!" Muss ja.
In Marzahn ist nicht mehr gut Kirschen essen. Randalierer, die wie hier schon berichtet offenbar gegen Weidezäune im Wuhletal kämpfen, sind nächstens in die Gärten der Welt eingedrungen und haben 17 wertvolle Kirschbäume gefällt. Sie waren ein Geschenk Japans an Berlin. Hoffentlich blüht den Tätern was.
Erleichternde Nachricht aus dem Gericht: Ein Berliner Arzt, der seiner Patientin beim Suizid geholfen hat, ist am Donnerstag freigesprochen worden. Der 68-Jährige habe der unheilbar kranken und unter chronischen Schmerzen leidenden 44-Jährigen starke Schmerzmittel verschrieben und ihr Sterben „wie verabredet“ begleitet, hieß es. Sie hatte sich vorher fünf Mal vergeblich versucht umzubringen.
Schlimme Nachricht aus Alt-Hohenschönhausen: Eine Jugendliche ist in ihrer Wohnung in der Plauener Straße ermordet worden. Nach Polizeiangaben fand die Mutter am Mittwochabend ihre 14-jährige Tochter hier schwer verletzt. Sie alarmierte sofort die Rettungskräfte, doch eine Reanimation gelang nicht mehr. Die Staatsanwaltschaft geht nach der Obduktion von einem Gewaltverbrechen aus; die Hintergründe sind unklar, eine Beziehungstat ist nicht ausgeschlossen.
Ermutigende Zahl des Tages: Noch nie seit der Wiedervereinigung gab es so viele Geburten in Berlin – laut Statistikamt (hier das PDF) durchschnittlich 1,54 pro Frau. Kinder, dass wir das noch erleben dürfen.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Es begegnen sich viele Gestörte hier. Es ist schön, dazugehören zu dürfen.“
Der Berliner Kabarettist Horst Evers lobt im „zitty“-Interview Berlin ganz berlinisch.
Tweet des Tages
„Ältere Dame winkt theatralisch freudig vom Balkon mit Luftküssen einem wegfahrenden Auto hinterher. Ich rufe hinauf: ‘Na, schön, dass die Enkel da waren?‘ Sie ruft hinunter und lacht munter: ‘Ach, ooch jut dass se wieder fahrn!‘ #ditisberlin“
Stadtleben
Essen und gleichzeitig Ruhe genießen: Auf Schloss Reichenow nördlich von Strausberg haben Hans Eilers (dienstältester Berliner Hotelier) und sein Sohn Jan (kochte einst im First Floor) eine ebenso einfache wie gelungene Residenz für Genießer geschaffen. Ohne Gourmet-Anspruch, dafür akkurat ausgeführt und regional angepasst, kommen hier Wildschwein-Wirsing-Lasagne und Lachsforelle auf den Tisch, dazu eine wohlkuratierte Weinauswahl und Zimmerpreise ab 80 Euro. Neue Dorfstraße 1, Reichenow-Möglin, Mi-Fr 16-22, Sa-So 12-22 Uhr, Reservierung unter Tel. 033437- 27 66 28
Trinken im neuen Goldfisch. Die Bar in Friedrichshain hat zwei neue Betreuer: Roman Lewandowski und Kai Wolschke, die bereits mit der Booze Bar neue Akzente im Simon-Dach-Kiez setzen konnten. Ganz klar im Fokus: Feine Drinks. Die schlagen mit 10-14 Euro zu buche, machen aber schon Spaß beim Bestellen, denn von "Lalaland" (Vodka, Passionsfrucht, Vanille, Minze, Zitrone und Grapefruit) bis "Thaimassage" (mit Zitronengras-Gin, Vanille-Chili-Honig und Limette) waren der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Grünberger Straße 67 (U-Bhf Frankfurter Tor), tgl. ab 19 Uhr, Rauchen erlaubt