Sind Sie schon vor die Tür gestiefelt? Das Wetter ist ziemlich nikolausig, und falls es nicht süß genug in ihre Schuhe geregnet hat, dann werden Sie nicht gleich sauer. Teig ist für alle da, nicht nur für Kekse. Deshalb wird heute womöglich die Pizza Margherita zum Weltkulturerbe erklärt; und um 18 Uhr startet am S-Bahnhof Hermannstraße das „Ringbahndönern“ eines Kunst- und Kebabkollektivs. Ziel der Flashmob-Runde mit der Ess-Bahn ist die „Solidarisierung mit Berlins ehrlichstem Fast Food“ und „das richtige Assi-raushängen-lassen“. Außerdem wird protestiert gegen Massentierhaltung, „Massenbeförderung mit schlechtem Service“, Leistungs- und Zeitdruck beim Essen zwischendurch, „überhöhte Produktion und Verbrauch von Aluminium pro Kopf in Deutschland“ und weitere vorweihnachtliche Themen. Die Veranstalter erhoffen sich auf Checkpoint-Nachfrage „ein Sozialexperiment um Toleranz und Gruppendynamik“ im Berliner Nahverkehr. Dafür zumindest eignet sich die S-Bahn perfekt. Advent, Advent, die Türe klemmt.
Und so bleiben wir heute nicht zurück:
Die sind doch eh alle gedopt. Zur russischen Olympia-Mannschaft wird man das diesmal nicht sagen können; sie darf nicht an den anstehenden Winterspielen in Südkorea teilnehmen (die einzelnen Sportler unter neutraler Flagge allerdings schon). Das Internationale Olympische Komitee reagierte mit dem Ausschluss am Dienstagabend auf die erwiesen systematische, wohl staatlich gesteuerte und geheimdienstlich organisierte Massenmanipulation der russischen Athleten bei den letzten Winterspielen im eigenen Land. Der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach schlittert mit der eiskalt kalkulierten Entscheidung knapp an einer Blamage vorbei; seine bisher guten Beziehungen zum Kreml dürften etwas unterkühlter werden. Und Wladimir Putin spielt Väterchen Frust.
Hey, hier kommt der Alex. Da dem Berliner Senat die Neubaupläne am Alexanderplatz bisher zu hoch waren, wird nun eine neue Idee ventiliert. Das frühere „Hotel Stadt Berlin“ der früheren Stadt Ost-Berlin heißt heute „Park Inn“ und könnte bald wieder umbenannt werden: in „Park Twin“. Nach dem Wunsch von Architekten soll ein zweiter Hotelturm gleicher Höhe quer hinter den bisherigen gestellt werden. Auf die Baupläne bei Senatsbaudirektorin Regula Lüscher sind noch mehr Kratzer gekritzelt: Auch vor dem Haus des Reisens, hinterm Saturn-Markt und neben dem Einkaufszentrum Alexa könnte Berlin in den Himmel wachsen; womöglich schon in fünf Jahren gäbe es ein neues Panorama auf Wolke 7. Dann hätten noch mehr Menschen freie Sicht von oben auf Berlins ganzjährige Bretterbuden-Trödelwelt, derzeit getarnt als Weihnachtsmarkt. Schön, wenn es am Alex hoch hinaus geht. Bisher sieht‘s hier unterirdisch aus.
Kurzer Abstecher ins Nichtregierungsviertel: Die gerade erst aus den sedierenden Sondierungen ausgestiegene FDP denkt in Gestalt ihres Vizes Wolfgang Kubicki darüber nach, wie sie wieder einsteigen kann, falls die SPD dann irgendwann ausgestiegen ist – allerdings ist die bisher noch auf gar nichts eingestiegen. Vielleicht ist das sowieso die rettende Idee für Angela Merkel: Sie verhandelt so lange alles Mögliche mit allen möglichen und unmöglichen Partnern, bis die Wahlperiode rum ist. Dann hätte sie auch ihren Platz im Geschichtsbuch: als Kanzlerin der Keinheit.
In der Berliner SPD sollten die beiden bald als Band auftreten: „Ich und Ich“. Nachdem der Ich-will-auch-mal-Regierender-Bürgermeister-werden-Buchautor Raed Saleh sein Band „Ich deutsch. Die neue Leitkultur“ vorgelegt hat, legt der Ich-muss-nicht-mehr-Regierender-Bürgermeister-sein-Buchautor Klaus Wowereit im April mit seinen Erinnerungen nach: „Berlin, die Politik und ich. Klaus Wowereit“. Hierin will der 64-Jährige erzählen, „was es heißt, sich jahrzehntelang im Politikbetrieb aufzureiben, ohne dabei sein Privatleben und seine Menschlichkeit zu verlieren“. Mensch, ich.
Wie werden aus Randberlinern echte Landberliner? Das haben wir uns und Sie gestern im Checkpoint gefragt, weil Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) die nach Speckgürtelhausen abgewanderten Berliner auch innerlich zu Brandenburgern machen möchte. Unser Leser Lothar Steffens ist gern dazu bereit, allerdings liegt sein Wochenendhaus nicht an einem Bahnhof, sondern an einem See. „Es gab mal ein System von Rufbussen, das aber eingestellt wurde. Warum eigentlich?“, fragt sich wohl nicht nur er. Gut eingependelt hat sich dagegen Gabriele Decker aus Birkenwerder. Nach 40 Jahren Berlin ist sie über ihren Rauszug „jeden Tag glücklich“ und schwärmt von „Ruhe, Natur und netten Nachbarn“. Vielleicht stehen viele Alt-Berliner längst mit einem Bein in der Mark. Für sie hat Rainer Capellmann schon einen passenden Namen: Neubrandenburger.
In der Posse um die Pissoirs in der Mahlsdorfer Grundschule ist noch ziemlich viel am Dampfen. Wie hier schon berichtet, beschwerten sich Sportvereine, die die neuen Turnhalle inklusive der inklusiven Toiletten nutzen, über ein zusätzlich angeschraubtes Pinkelbecken für Männer in einer barrierefreien Unisex-Toilette (Foto hier). Für Sportlerinnen sei das „unzumutbar“, deshalb müsse das neue Becken wieder rausgerissen werden. Nun hat Ingo Salmen für unseren Leute-Newsletter Marzahn-Hellersdorf (kostenlose Bestellung hier) recherchiert, dass ein Pinkelbecken zwar in einer, nicht aber noch in der zweiten Toilettenanlage geplant war. Diese sollte eigentlich Frauen vorbehalten bleiben. Der Beschluss wurde dann berlintypisch beim Einbau „eigenmächtig ignoriert“, wie Schulstadtrat Gordon Lemm (SPD) bedauert, und wird nun „korrigiert“. Denn auch für Sportlerinnen in Mahlsdorf heißt es am Ende: Sie wollen nur spülen.
Telegramm
Berlins Polizeischüler arbeiten weiter an ihrem Ruf als Unordnungshüter. Eine Gruppe Azubis trat in der Nacht zu Dienstag grölend gegen Strom- und Telefonkästen in Haselhorst. Erst die herbeigerufene Polizei konnte die randalierende Polizei stoppen.
Berlin soll masernfrei werden. Das hat der Senat beschlossen und droht mit impfindlichen Strafen für rötelresistente Eltern. Der Ausgemeindung von Prenzlauer Berg steht damit nichts mehr im Wege.
Keine Platte machen wollen sich mehr die Besitzer von Berlins berühmtesten Plattenladen. Im Februar spielen „Mr. Dead und Mrs. Free“ am Nollendorfplatz ihr Abschiedslied. „Neulich habe ich die Visitenkarte eines Kunden bekommen, auf der stand: Yogalehrer, Veganer und Vinyl-Fan“, erzählt Katharina Winkels in ihrem Laden. „Da ist mir beinahe schlecht geworden.“
Haben Sie das schon gehört? In Spandau ist ein Flixbus unter einer Brücke hängengeblieben und …. ach so, haben Sie schon.
Neues von der Zettelei der Polizei: Wie gestern berichtet, dauerte es eine Woche, bis eine handschriftlich aufgenommene Anzeige eines Bürgers in Wilmersdorf per Hauspost in der BKA-Zentrale landete. Heute nun sind die Ermittler einen Schritt weiter: Der Zettel ist weg. Fehlanzeige.
Die Wildkatze ist Tier des Jahres. Falls Sie das nicht kratzt: Sie war schon fast ausgestorben, erobert sich aber laut Wildtier-Stiftung „langsam ihren Lebensraum zurück“ (hier ein Video). Das heißt allerdings auch: Aus die Maus.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Ihr schafft das. Ihr seid nicht allein.“
Der nach mehr als 100 Tagen Untersuchungshaft in der Türkei wieder freie Friedensaktivist Peter Steudtner erinnert in der Gethsemanekirche an weiterhin zu Unrecht Inhaftierte wie Deniz Yücel, Mesale Tolu und Taner Kilic.
Tweet des Tages
U-Bahn-Lokführer heute zu Weihnachtsbaum-Käufern: ‘Mit Nadelbäumen nicht in den ersten Wagen, der ist für Laub...‘ #Berlin
Stadtleben
Mit dem Vollbluth expandieren die Restaurantbetreiber des Jungbluth in Steglitz nach Schöneberg. Anders als das eher bodenständige, wenn auch pfiffige Konzept in der Lepsiusstraße, wird am Viktoria-Luise-Platz zeitgemäßes Fast Food kredenzt. Die frischen Zutaten landen in Bowls auf der Basis von Gemüsestampf. Zur „schnellen Schüssel“ (7 Euro) wählt der Gast aus „Grünem“ (z.B. Avocado oder Ofenkürbis), „Mariniertem“ (z.B. Fenchel oder nussiger Bete) oder „Körnigem“ (z.B. Grünkern oder wilder Reis). Vieles ist Paleo, d.h. ohne Milch, Zucker oder Getreide, und kann auf Wunsch mit Fleisch oder Fisch (Schweinebauch, Mandel-Huhn, Ahorn-Lachs) erweitern werden (1-4 Euro extra). Auch wenn Fast-Food draufsteht: Hier sind Genießer am Werk, und gemütlich ist es auch noch. Welserstraße 10, tgl. ab 10-23.45 Uhr, an Weihnachten und Silvester geschlossen, nicht barrierefrei
Trinken an Weihnachten ist selbst in Berlin nicht ohne Weiteres möglich. Sichere Adressen am Heiligabend sind u.a. das Schwarze Café in der Kantstraße und die Victoria Bar (ab 22 Uhr) an der Potsdamer Straße. Und wo gehen Sie hin, wenn Sie weihnachtsmüde sind oder keine Lust auf (noch mehr) schöne Bescherung haben? Hinweise gern an checkpoint@tagesspiegel.de.