Herbstlich Willkommen in den Ferien! Jetzt lässt sich Berlin hängen, außer an den Bäumen. Da entblättert sich der Sommer, und wir erlauben uns raschelnde Ruhe im Regen ohne uns aufzuregen. Lässig gelassen teilt also Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) im Namen des Senats mit: „Übergroße Eile, große Hast und das Gefühl von Getriebensein kann zu Stress führen.“ Was sie dazu trieb? Die AfD hatte eine parlamentarische Anfrage gestellt, ob denn Berlins zuweilen lässig-lahmen Verkehrsbetriebe in politisch neutralen Bussen und Bahnen fahren. Anlass: Das Twitterteam der BVG hatte kürzlich zwei Abgeordneten der AfD auf ihrem Nahverkehrsweg ins Parlament öffentlich zugerufen: „Lieber zu spät kommen als hetzen.“ Da gingen die beiden schnell petzen. Und Politik begann langsam zu fetzen.
Erich währt am längsten. Was schon Volkes Mund in der DDR wusste, hat sich nicht überlebt. Denn die Asche des ehemaligen Staats- und Parteichefs Erich Honecker darf nicht in den Staub des Sozialistenfriedhofs in Berlin-Friedrichsfelde geworfen werden. Der ist seit dem Ableben der DDR offiziell geschlossen und wird auch nicht kurz für die Urnen von Erich und Margot Honecker geöffnet, wie der Senat wissen lässt. Anlass dieser Klarstellung ist eine per Buch gestellte Frage des Honecker-Enkels Roberto Yañez Betancourt und eine im Parlament gestellte Anfrage des CDU-Politikers Danny Freymark. Bei der Beantwortung zeigt sich, dass für die Überführung der Urnen aus Chile gar kein Ausreiseantrag vorliegt. Und dass der Sozialisten-Friedhof unter Denkmalschutz steht. Honeckers Vorgänger bleiben hier also unter sich. Was bleibt ihnen auch walter ulbricht?
Wie kann die SPD wieder zulegen, statt sich zu zerlegen? Ganz einfach: mit einer Zulage. So denken sich das zumindest Berlins Spezialdemokraten, die im politischen Sommerschlussverkauf mit Rabatten werben. Die neuen Versprechungen der Genossen, überraschend einmütig beschlossen vom Landesvorstand, sind auf jeden Fall lieb gemeint und teuer: monatlicher Zuschuss für alle Beamten und Landesbediensteten, kostenloser Hort für alle Kinder, kostenloses Essen in allen Kitas und Schulen. Dumm nur, dass sich die Koalitionspartner die Präsente lieber sparen wollen. Und am Sonntag bei der Wahl in Hessen wird der SPD wohl wieder nichts geschenkt.
Mit den Reichen in Prenzlauer Berg reicht es vielen schon lange. Zuletzt ließ Rammstein-Keyboarder Christian Lorenz alias Flake wissen, dass ihm der Kiez seiner Kindheit wegen der Gentrifizierung heute eher wie Nürnberg vorkomme: „Es leben inzwischen sehr viele unangenehme Menschen hier.“ Zum Beispiel dieser unangenehme Mensch, der Häuser in Kiezhausen sein eigen nennt, weil er wie Flake als internationaler Rockstar viel Geld gemacht hat und nun offenbar noch mehr Geld mit Mieterhöhungen machen will. Das als Kiezanker und Künstlertreff bekannte Café Niesen am Mauerpark musste deshalb nach 13 Jahren dichtmachen. „Das ist Geldsucht, ich finde, das sollte man als Krankheit anerkennen“, kommentierte Café-Betreiberin Christine Wick lakonisch. Vermieter ist offenbar Rammstein-Frontmann Till Lindemann; das zumindest postete seine frühere Freundin Sophia Thomalla jetzt bei Instagram – und schimpfte über eine angebliche Mäuseplage im Café (was die Besitzerin dementiert), alte Toiletten und schlechten Kaffee. Schlimme Zustände müssen das sein – nebenan in Nürnberg.
Wenn schon nicht, denn schon nicht. Erst hatten Räuber beim Überfall auf einen Geldtransporter am Alexanderplatz kein Glück, dann kam auch noch Unvermögen hinzu. Obwohl die Täter den wertvollen Wagen am Freitagmorgen filmreif stoppten und aufbrachen, sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei lieferten und dabei Schüsse abgaben (die zum Glück niemanden verletzten), obwohl sie ein Auto zu Schrott fuhren und in einem zweiten Fluchtauto entkamen, stellte sich am Sonntag heraus: Die Räuber haben gar keine Beute gemacht. Denn durch den Bruch haben sich die Scheine eingefärbt. Ein ranghoher Beamter sagte dazu auf Checkpoint-Nachfrage: „Die Transporter haben eine Farbpatrone, die in bestimmten Situationen explodiert und das Geld kontaminiert. Das ist dann unbrauchbar. Man kann es nur noch bei der Bundesbank gegen neues umtauschen. Für Räuber sind diese Scheine wertlos.“ Womit wieder bewiesen wäre: Kein Verbrechen lohnt sich.
In Berlin schwant einem ja manchmal nichts Gutes. Außer man tut es. So wie der Schwan, der am Sonnabend einfach mal den Kottbusser Damm mit einer Ein-Tier-Demo lahmlegte, eskortiert von einem Funkwagen der Polizei (und fotografiert von meiner Kollegin Katja Füchsel). Das Tier war offenbar etwas desorientiert aus den Federn gekommen und hatte sich aus dem Landwehrkanal in den harten Kreuzberger Straßenstrom verschwommen. Ohne viel Federlesens und mit einer Pause am Fahrbahnrand ging es dann wieder zurück zu alten Ufern. Schwan gehabt.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Eine Reisewarnung: Nach dem grausamen Mord an dem Journalisten Jamal Khashoggi in einem Konsulat Saudi-Arabiens will Siemens-Chef Joe Kaeser noch immer nicht seine Teilnahme an der internationalen Investorenkonferenz in Riad absagen. Die halbe Wirtschaftswelt hat dies aus Protest längst getan; deutsche Politiker fordern es auch von Kaeser. Auf jeden Fall sollte er in Saudi-Arabien kein Konsulat betreten.
Eine Neidwarnung: Ein vier Jahre altes Foto, das Berlins SPD-Staatssekretärin Sawsan Chebli mit einer teuren Rolex am Arm zeigte, hat am Wochenende einen Shitstorm in den bisweilen unsozialen Netzwerken ausgelöst. Erst nachdem Chebli bei Twitter die frühere Armut ihres Elternhauses dargestellt hatte („mit zwölf Geschwistern in zwei Zimmern gewohnt, auf dem Boden geschlafen und gegessen, am Wochenende Holz gehackt, weil die Kohle zu teuer war“), kam die Debatte zum wahren Punkt: Leute, die andere Leute wegen ihrer privaten Uhren öffentlich mit Hass überschütten, ticken nicht richtig.
Flanke zum Fußball: Hertha hat in der Bundesliga gegen Freiburg 1:1 verloren, Union hat in der Zweiten Liga wieder nicht verloren, der FC Bayern München hat sich bei seiner „Käse, Scheißdreck, Mist“-Pressekonferenz vollkommen selbst verloren (hier noch einmal in voller Länge und Breitseite). Mia san Mimimi.
Manche Meldungen machen rasend: Trotz vorgeschriebenem Tempo 50 in der Goerzallee in Lichterfelde meinte in der Nacht zum Sonntag ein VW-Fahrer mit 102 km/h Menschenleben gefährden zu müssen; ein Mercedes-Fahrer heizte kalt die Straße mit 132 km/h entlang. In drei Monaten dürfen beide wieder Auto fahren.
Das Bauhaus muss noch nicht abgerissen werden. Nachdem auf Druck von Rechts das Konzert der umstrittenen linken Punkband Feine Sahne Fischfilet zum 100. Jubiläum des Bauhauses in Dessau abgesagt wurde, bietet Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) eine Alternativbühne an: im derzeit leer stehenden Bauhaus Archiv im Tiergarten (via „Berliner Zeitung“). Eine Idee zweiter Sahne.
„O Schreck, o Graus, ich fürcht mich so – es gibt ihn doch, den Grüffelo.“ Keine Angst, das grausige Monster gibt‘s nur im Kinderbuch. Und das Schöneberger Puppentheater, das mit Grüffelo bekannt wurde, kann doch weitermachen: Für die „Hans Wurst Nachfahren“ am Winterfeldtplatz gibt es neue Nachfahren; die Tanzkünstlerin Gabi dan Droste übernimmt die Bühne, aber nicht das Programm. Mit neuen Performances will sie neues Publikum gewinnen. „Na“, sprach die Maus, „Was sag ich Dir?“ – „Erstaunlich“, sagte das Grüffeltier.
Schnell noch zwei Hinweise für den heutigen Kantinenbesuch: „Veganer würden im Urwald verhungern“, weiß der bekannte Biologe Josef Reichholf. Und nicht nur dort, wie eine berlinisch aufgeschnappte Geschichte zeigt (via @littlewisehen): Frage an den Kellner: „Wir sind Veganer. Was können wir in Ihrem Restaurant bestellen?“ – „Ein Taxi.“
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Die Berliner Ruppigkeit ist letztlich nur eine Form seinen Mitmenschen mitzuteilen: Ich habe dich wahrgenommen.“
IHK-Präsidentin Beatrice Kramm kann inzwischen über ihre Stadt nicht meckern.
Tweet des Tages
„Horst Seehofer sitzt weiterhin fest im Sattel. Allerdings ist das Pferd tot.“
Stadtleben
Neu in Charlottenburg ist das Cell. Englisch für Zelle, steht der Name des heute eröffnenden Restaurants für zwei Aspekte des Konzepts: Zum einen soll die Innengestaltung, angelehnt an den Bauhaus-Stil, die Illusion schaffen, man diniere in quaderförmigen Zellen. Man merkt schon, ein Besuch in der Uhlandstraße 172 hat Event-Charakter. Zum anderen möchte der Besitzer Evgeny Vikentev, wie er der Morgenpost sagte, aus bestehenden Denkmustern und Zellen ausbrechen. Mit jahrelanger Gastro-Erfahrung aus der ganzen Welt möchte der Russe seine Menüs (ein „Hauptmenü“ und ein vegetarisches mit je neun Speisen) zum Inbegriff von Fusion-Küche machen. Dabei sei sein Leitsatz jedoch immer: „Kaufe lokal, denke global“. Hohe Ansprüche hat Vikentev übrigens auch an seine Getränkekarte. Die soll Somelier Pascal Kunert (ehem. Reinstoff, Schwein und Cordobar) mit ausgefallenen Menübegleitungen erfüllen. Wir sind gespannt! U-Bhf Uhlandstraße, Di-Sa 18-22.30 Uhr
Berlinbesuch solange es noch nicht zu kalt ist und der Herbst sich in von seiner farbenfrohen Seite zeigt, in den Waldhochseilgarten Jungfernheide schicken. Der zeigt bestens, dass Berlin auch Naturerlebnisse zu bieten hat. Und von der Aussicht über die Baumwipfel, nachdem man Baumhäuser und Klettergerüste erklommen hat, ganz zu schweigen. Der Eintritt kostet für Erwachsene unter der Woche 19 Euro, für Kinder bis 14 Jahre 13 Euro. Bis 17 Uhr geöffnet, letzter Einlass ist um 15 Uhr. Heckerdamm 260, U-Bhf Jakob-Kaiser-Platz
Geschenk für leidenschaftliche Biertrinker und alle, die schon immer wissen wollten, wie ihr liebstes Feierabendgetränk hergestellt wird: Die Berliner-Kindl-Schultheiss-Brauerei bietet regelmäßige Führungen (Mo 14 & 17 Uhr, Di-Do 10, 14 & 17.30 Uhr) durch das Brauereigelände in der Indira-Gandhi-Straße 66-69 (Tram-Station Betriebshof Indira-Gandhi-Straße) inklusive Verkostung dreier Berliner Biermarken an. Tipp für Geburtstagskinder: Unbedingt den Ausweis mitnehmen, dann gibt's ein extra Geschenk! Karten kosten 12 Euro.