Samstags Regen, sonntags Gewitter möglich, bei maximal 13°C

Die wahrscheinlich langsamste Notbremse der WeltMiet-MissverständnisseAbwarten und Astra trinken

die wahrscheinlich langsamste Notbremse der Welt lässt weiter auf sich warten, während der Zug der Zeit ungebremst davonrast. In Berlin haben gestern erste Bezirke die Marke der 200er Inzidenz wieder überfahren, Neukölln (206,1) und Reinickendorf (201,6) liegen schon drüber, Spandau rettet sich mit 199,8 ins Wochenende. Endlich legt Berlin mal irgendwo den Turbo ein und steigert seine Zahlen innerhalb einer Woche um 50 Prozent. Auf rote Ampeln achtet hier schon lange niemand mehr. Liegt vielleicht an der verfassungsrechtlich attestierten Rot-Rot-Grün-Schwäche.

Derweil rät die Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, Berlin solle der Änderung des Infektionsschutzgesetzes im Bundesrat nicht zustimmen, da diese kaum etwas zur Eindämmung des Infektionsgeschehens beitrage und sich zum größten Teil in Symbolpolitik erschöpfe. Wir verkneifen uns jetzt alle Kommentare zur linken Symbolpolitik und rasen zügig weiter zum Regierenden himself, der bekanntlich ebenso wenig von den geplanten Ausgangssperren hält wie seine Koalitionspartner. Über die Zustimmung im Bundesrat werde am Dienstag beraten, sagte Senatssprecherin Melanie Reinsch am Abend. CP-Tipp für Politprofis: Der Vorteil eines noch nicht beschlossenen Bundesgesetzes ist übrigens, dass die Länder noch selbst handeln könnten (wie es gestern MeckPomm und Brandenburg taten). Notbremsen gibt es dem Vernehmen nach auch in Regionalzügen.

Die Notbremse weniger zögerlich gezogen hat bekanntlich das Bundesverfassungsgericht und Berlin damit ein Mietenchaos beschert, von dem sich hier niemand was kaufen kann.

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Samstagmorgen – Kunst und Radfahren haben nicht erst seit den Fahrrad-Werken Marcel DuchampsBas Jan Aders und Ai Weiweis ein lockeres Verhältnis. Auch im klassischen Fahrrad-Rahmenbau lässt sich Skulpturales entdecken. Der Kreuzberger Rahmenbauer Nico Bonanno etwa weigert sich, seine Schweißnähte zu verschleifen, weil er sie als seine Handschrift ansieht. Alternativ kann man sich in Potsdam unter kompetenter Aufsicht von Robert Piontek, einem netten Astrophysiker auf Abwegen, sein Fahrrad aus hochmodernen Stahlsorten selber löten. Vorkenntnisse unnötig. Nebenbei: Abgesehen von Bambus hat Stahl gegenüber anderen gängigen Fahrradwerkstoffen die mit Abstand beste Umweltbilanz. Weiterer Vorteil: Die fahrende Skulptur ist ein exakt auf den eigenen Körper abgestimmtes Unikat. Und sieht bei Sonnenschein unschlagbar gut aus – und ja, der kommt irgendwann wieder. Wem die Sache mit der Lötflamme allerdings zu heiß ist, kann sich natürlich auch eines bauen lassen.

Samstagmittag – Apropos Stahl: Schon zu Zeiten der Kettenhemd-Mode und lange vor der Entwicklung der Funktechnik konnte Jeanne d’Arc Stimmen aus anderen Sphären empfangen. Die Inquisition ließ sie dafür öffentlich verbrennen. US-Künstlerin Bunny Rodgers identifiziert sich derart stark mit der historischen Figur, dass sie sich selbst als Jeanne porträtiert, genauer: als ein gänzlich in der heutigen Popkultur aufgegangener Klon der mittelalterlichen Kriegerin. In den Schlachten, die sie dabei schlägt, geht es um den bei aller öffentlichen Selbstdarstellung mitschwingenden Narzissmus, um Ängste und Verletzlichkeit. Wie sie sich dabei schlägt, zeigt die Ausstellung im Hamburger Bahnhof, zu betreten natürlich nur mit Termin und negativem Testergebnis.

Samstagabend – Von der eisernen Jungfrau zum eisernen Vorhang: Der 1938 in Denver, Colorado zur Welt gekommene Dean Reed verdingt sich erfolgreich als Schauspieler und Regisseur im Hollywood der späten Fünfziger. Vom dortigen Freiheits-Gefühl beflügelt, findet er sich bald als Teenager-Idol in Lateinamerika wieder, wo er ein Millionenpublikum erreicht. So richtig glücklich wird er damit aber nicht. Die Erfahrung von Massenarmut und sozialer Ungleichheit lassen seine idealistische Blase platzen. Bald wird er, inzwischen in Argentinien sesshaft, wegen aufrührerischer Aktivität des Landes verwiesen, lernt nebenbei noch schnell Che Guevara kennen und lebt ab 1966 als überzeugter Sozialist in der Sowjetunion. 1986 stirbt Reed in Zeuthen bei Berlin. Die Neuköllner Oper inszeniert sein Leben in sechs halbstündigen Livestreams, von denen der erste heute um 19 Uhr startet.

Sonntagmorgen – Wer dem vielen harten Stahl in bester Kung-Fu-Manier mit weichem Wasser begegnen will, unternimmt einen Spaziergang an der Spree. Und wenn man schon dabei ist, lohnt sich ein kleiner Schlenker zum Polnischen Institut in der Burgstraße 27, gleich hinterm James-Simon-Park. Dessen Schaufenster bieten derzeit nämlich einen Einblick in die zeitgenössische polnische Illustrationskunst. Während es, laut Kuratorium, Illustrator:innen zurzeit wie Fahrräder in der Spree (das Berliner „Sand am Meer“) gebe, würden hier nur absolute Ausnahmeerscheinungen der Szene in den Vordergrund gestellt.

Sonntagmittag – „In den Vordergrund” heißt auch das Ergebnis der langjährigen Zusammenarbeit zwischen Lyrikerin und frisch gekürter Büchner-Preisträgerin Elke Erb und der bildenden Künstlerin Anna Werkmeister, die ab heute in einer Ausstellung im Literaturhaus Berlin zu sehen ist. Um 13 Uhr wird die Fusionsschau mit der Live-Übertragung einer Lesung der Dichterin und eines Gesprächs mit Werkmeister eröffnet.

Sonntagabend – Apropos Fusion: Die findet sich nicht nur in Atomreaktor-Bezeichnungen und Namen von Musikfestivals in Meck-Pomm wieder. Auch eine schon des Öfteren totgesagte Musikrichtung aus den Sechzigern heißt so. Ihr neuester Shooting Star ist der Londoner Schlagzeuger und Komponist Moses Boyd, der um 21 Uhr via Stream aus dem Londoner Barbican auch hiesige Wohnzimmer anjazzt und im anschließenden Q&A Fragen seines geneigten Publikums beantwortet. Auf englisch, versteht sich. Das alles bleibt anschließend noch bis Dienstagabend gegen eine Gebühr von 12,50 Britischen Pfund zu sehen.
 

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

Kevin, unser liebstes Wildschwein in der Rotte, kennt jeden Flecken Land in Berlin und Brandenburg. In diesen Zeiten bleibt er jedoch lieber im heimischen Bau und kocht, aus Gründen der Selbsterhaltung, feine vegetarische Gerichte.

„Wie Sie wissen, bevorzuge ich meinen Waldboden nass und gut formbar. Es liegt daher auf der Hand – oder dem Huf, wie Sie wollen –, dass ich Sonnenwetter auf Dauer nicht allzu viel abgewinnen kann. Hitze und Trockenheit sind für Wälder sowieso eine Belastungsprobe. Von meinem Teint ganz zu schweigen. Ich lege Wert auf eine gepflegte, vornehme Blässe und auch, wenn es noch nicht danach aussehen mag, kommt die Hitze bald. Ein Hobby hilft mir aber auch durch die Trockenzeit: Ich fahre nämlich gern Tandem, das einzige anatomisch sinnvoll konstruierte Rad, für jeden Paarhuf ein Pedal. Nun habe ich auch Chantal, die Sau von nebenan, von den Vorzügen pedalierender Fortbewegung überzeugen können und schon hat auch sie sich ein Tandem zugelegt. Überdies meine ich irgendwo gelesen zu haben, dass sich diese Fahrrad-Bauart gerade zum Fahren zu zweit besonders eignet. Das können wir soweit bestätigen, zu viert wird es schnell unübersichtlich auf engen Waldwegen. Viele hiesige Waldwege sind zurzeit übrigens mit imposant duftendem Bärlauch gesäumt. Darum kommt der auch mit und später auf den Tisch. Heute in Knödelform, um beim Runden Thema zu bleiben. Hier das Rezept, eine Runde Sache. Mit freundlichen Grunzen.“

Lese­empfehlungen

Wenn Sie auf der Havelchaussee im Grunewald meinen auf Ihrem Rennrad ein flottes Fahrtempo vorzulegen, sollten Sie sich nicht allzu viel darauf einbilden. Früher oder später überholt Sie dort nämlich einer so, dass Sie meinen, Sie stünden. Sie befinden sich nämlich im Revier von Jens Voigt. Den siebzehnfachen Tour de France-Teilnehmer und neun Jahre lang Stunden-Weltrekordhalter traf Kai Grünberg (Abo) zum Plausch.

Hach, die malerische Mark, Spazierlandschaft, alte Stadtkerne und Weinberge. Weinberge? Allein auf dem Wachtelberg bei Werder (Havel) liegen 30 000 Rebstöcke, nebenan auf dem Galgenberg weitere 6000. Rechtlich gehören sie zum Anbaugebiet Saale-Unstrut – die Saale ist aber nicht die Havel. Darum wollen Werder Winzer eine eigene Bezeichnung. Christoph M. Kluge (Abo) berichtet.

Wer hat sich keine Gedanken über Frisurentrends des Sommers gemacht, als letztes Jahr die Friseure pandemiebedingt schlossen? Aber wer hat schon den Trend Augenbrauen-Bleachings vorhergesehen? Amelie Apel (Abo) hat sich dazu einige Gedanken gemacht.

Mit Behinderung in die Politik: Der Grünenpolitiker Nils Bollenbach ist Autist und steht auf Platz 14 der Landesliste Schleswig Holstein. Sein Ziel ist Berlin, wo er sich für mehr Diversität im Bundestag einsetzen möchte, denn Diversität könne nur ein Bundestag, der selbst divers ist. Konrad Wolf hat mit ihm über Ziele und Hürden für Die Zeit (Z+) gesprochen.

Wochen­rätsel

Wie groß ist die Friedrich-der-Große-Büste, die der Berlin Story Bunker verkaufen will?

a) 22 cm
b) 2,20 m
c) 1,40 m

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Encore

Niederschmetternde Bewertungen hätte ein solcher Tatort bekommen: mieses Drehbuch, völlig unrealistischer Plottwist! Nachdem der Angeklagte im Mordprozess fast zehn Monate in Untersuchungshaft gesessen hat, sagt der Hauptbelastungszeuge plötzlich: Ich war’s. In 30 Jahren in seinem Beruf habe er so etwas „noch nicht ansatzweise erlebt“, sagte der Vorsitzende Richter gestern am Berliner Landgericht. Zeuge festgenommen, Angeklagter frei, Haftentschädigung: 23 000 Euro. Vielleicht kauft er sich davon ein paar gute Krimis

Ermittelt hat heute Thomas Lippold (Recherche), Florian Schwabe in der Früh den Tatort gereinigt (Produktion). Am Montag liefert Ihnen hier Lorenz Maroldt den nötigen Thrill für die neue Woche.

Bis bald,
 

Anke Myrrhe