Weil oft und viel über das geschrieben wird, was in Berlin nicht funktioniert, starten wir heute mal mit einer Positivmeldung: „Erfolgsmodell Bürgertelefon“ titelt der Tagesspiegel. Jedes Jahr wählen eine Million Bürger die 115, um Termine zu vereinbaren oder Fragen zu klären. Die Mitarbeiter des Callcenters arbeiteten regelrecht in einem „Tsunami der Emotionen“, sagt Teamleiter Hasan Sezgin. Das allerdings mit Erfolg. Ein externer Gutachter bescheinigt dem Bürgertelefon eine „herausragend positive“ Wirtschaftlichkeit. Und: Sogar eine Erweiterung um einen „virtuellen Assistenten“ und ein „intelligentes Terminmanagement“ sind im Gange. Das lassen wir doch gerne so stehen. Und sind gespannt. Mehr zur Digitalisierung der Berliner Behörden gibt‘s in unserem Podcast.
Und dann geht’s auch schon weiter mit Dingen, die nicht funktionieren …
Freitag ist Streiktag: Die Gewerkschaft Verdi hat die Beschäftigten der Berliner Stadtreinigungs- und Wasserbetriebe zu einem ganztägigen Warnstreik aufgerufen. Das heißt: keine Müllabfuhr, keine Straßenreinigung und Recyclinghöfe bleiben dicht. Sollte sich am Wochenende jemand über zu viel Dreck in der Stadt beschweren, gibt es diesmal zumindest einen Grund.
Passend dazu die Unordnungs-Zahl des Tages: 39. So viele Sperrmüll-Standorte wurden am Donnerstag via Ordnungsamt-App von Berlinern gemeldet. Allein in Neukölln.
Das Drama um die Amri-Akten geht in die nächste Spielzeit. Die Parlamentsverwaltung bestätigt nun doch die Vorwürfe von Justizsprecher Sebastian Brux. Zumindest teilweise. Der Untersuchungsausschuss soll demnach „nicht sachgerecht“ mit Originaldokumenten umgegangen sein und zerfledderte Unterlagen umgeheftet haben. Die tatsächlichen Auswirkungen bleiben vorerst ungeklärt. Sieht nicht so aus, als würde der Fall schnell ad acta gelegt.
Wer in der DDR auf Druck des Staates sein Kind zur Adoption freigeben musste, darf bis heute nichts von seinem Nachwuchs erfahren. Die „Interessengemeinschaft gestohlene Kinder der DDR“ will das ändern und hat eine entsprechende Petition an den Bundestag übergeben. Zentrale Forderungen sind eine Clearingstelle sowie eine gesetzliche Auskunftspflicht für alle Adoptivstellen. „Jeder Mensch hat ein Recht darauf, alles über seine Herkunft zu erfahren", sagte Sprecher Frank Schumann "Zeit Online". Auch dann, wenn es schmerzt.
Verliebt in Berlin: Garten sucht Pächter. Der von Landschaftsarchitekten gestaltete „Startergarten“ in der Kleingartenanlage Am Kienberg war einst ein Vorzeigeprojekt der IGA: 650 Quadratmeter Gesamtfläche, 70 Quadratmeter Laube, 30 Jahre alte Obstbäume. Der Haken am Traum in Grün: 14.000 Euro Ablöse sollen Pächter für Laube, Gewächshaus und Co. zahlen. Kleintierhaltung ist außerdem Pflicht, wie Birgitt Eltzel in „LiMa+“ schreibt. Kaninchen oder Sittiche sind möglich, Hund und Katze nicht. Gartenwillige vor.
Die SPD hat nach dem Votum über den erneuten Eintritt in die große Koalition rund 6000 Mitglieder verloren. In der Partei hieß es, man habe damit gerechnet, dass einige Mitglieder wieder austreten. Keine Pointe.
FDP-Chef Christian Lindner will derweil auf Frauenpower setzen. Die männerdominierte Führungsriege von Innenminister Horst Seehofer (CSU) sei „aus der Zeit gefallen“, die FDP zeitgemäßer geworden, sagt Lindner und verkündet: „Jetzt muss ein nächster Schritt kommen“. Wäre ihm das vor der Wahl eingefallen, säßen im Bundestag vielleicht mehr als 19 FDP-Frauen (und weniger als 61 Männer). Als ParteivorsitzenDER hat er aber bestimmt eine Idee, was man in Sachen Quote tun könnte.
Was macht Jens Spahn eigentlich beruflich? Weil das in Zeiten, in denen sich jeder irgendwie zu allem äußert, manchmal nicht mehr ganz ersichtlich ist, hier eine Auswahl an Überlegungen (Q: @Schmidtlepp): Irgendwas mit Medien, irgendwas mit Pharma, Berufsausbildung Kanzler, It-Boy, Amateurbrillenmodell, Experte, AfD-Lookalike, Bundesarbeitsinnenkanzleramtsjustizgesundheitsminister. All das könnte man sich spahn, würde er einfach seinen richtigen Job machen. Den als Gesundheitsminister.
„Herr Spahn, wir müssen reden“, fordert derweil Arnold Schnittger und ist aus Protest mit dem Rollstuhl, in dem normalerweise sein pflegebedürftiger Sohn sitzt, fast 300 Kilometer von Hamburg bis nach Berlin gelaufen. Vor dem Gesundheitsministerium angekommen, hat er heute eine Kundgebung geplant. Das Motto: „Hobeln bis der Spahn fällt.“ Er halte Spahn für einen „empathielosen Politiker“, sagt Schnittger,auch, wenn er sich von Herzen wünsche, dass er mit dieser Einschätzung falsch liegt.
Telegramm
Der Skandal um die Weitergabe von Facebook-Nutzerdaten an Cambridge Analytica weitet sich aus. Mittlerweile sollen 87 statt 50 Millionen Accounts betroffen sein, 310.000 davon allein in Deutschland. Dazu das Deutsche Spionagemuseum: „Wer weiß mehr über Dich: die NSA, die Stasi oder Facebook? Finde es heraus in der Erlebnis-Ausstellung am Potsdamer Platz.“
Sie wollten schon immer mal wissen, was passiert, wenn man die Leihfahrräder, die auf Grünflächen gestellt und nie abgeholt werden, meldet? Die Lösung hat das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg: „Da auch Grünanlagen zum öffentlichen Raum gehören, haben wir keine Handhabe dagegen effizient vorzugehen. Die Benutzung von Fahrrädern als umweltfreundliches Fortbewegungsmittel wird allseits begrüßt und gefördert.“
Bahn, aber unglücklich: Die Rolltreppenbauarbeiten am Anhalter Bahnhof (CP vom 5.4.)halten weiter an. Wie der Handwerker vor Ort mitteilte, sei nach der „Handführung“ nun auch die „Kammplatte“ defekt. Aufgrund der langen Betriebszeit (oder Betriebslosigkeit) sei damit zu rechnen, dass außerdem viele weitere Verschleißteile ausgetauscht werden müssen.
Am U-Bahnhof Parchimer Allee wurden derweil die Wiedereröffnungsschilder des Bahnhofs in Richtung Rudow überklebt, wie unser Leser Wolfgang Rissmann schreibt. Statt am 9.4. sollen am Gleis erst wieder am 23.4. Züge halten. Vielleicht wird derweil ja noch an den anderen defekten 29 Aufzügen und fünf Rolltreppen geschraubt.
Bahn, aber glücklich: Leser Achim Koch möchte sich ausdrücklich bei der U-Bahnfahrerin bedanken, die am Donnerstag um 6.25 Uhr am Bahnhof Dahlem Dorf nochmals entriegelte, damit er einsteigen konnte.
Außerdem Happy U-Bahn: Die U-Bahn-Stationen Moritzplatz und Heinrich-Heine-Straße feiern heute ihr 90-jähriges Bestehen. Ständchen in den Linien U 8 und U 1 sind unbedingt erwünscht.
Lieber zur BVG oder zur Polizei, fragt ein 15-jähriger Berliner Twitter-Nutzer. Und promt wird um den quasi unter Artenschutz stehenden Nachwuchs gebuhlt. @BVG_Kampagne: Also die fetteren Karren gibt’s bei uns. @PolizeiBerlin_E: Und wir fahren auch durch die kleinen Straßen. Stand Freitagmorgen um fünf punktet die Berliner Polizei zumindest im Netz mit 42:35 Herzen.
Wie erst jetzt bekannt wurde, gab es zu Ostern in der Hasenheide eine brutale Schlägerei. Die Polizei habe versucht, den Vorfall zurückzuhalten, schreibt Reporter Axel Lier und veröffentlicht zugleich exklusives Videomaterial von Augenzeugen.
Zuletzt noch ein kurzer Blick in den Gerichtsaal: Anton G., 30 Jahre, Mitglied einer Punkband, will seiner Kreuzberger Nachbarin per Gerichtsschluss etwas verbieten: Sie soll aufhören zu behaupten, dass er zu laut sei. Und damit ist Punk offiziell tot.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Beispiele von linken Propagandahöhlen wie die Rote Flora in Hamburg oder die Rigaer Straße in Berlin lassen die Bürger am Rechtsstaat zweifeln.“
CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt lebt selbst in Bayern, wo seine Partei derzeit das Polizeirecht verschärft und damit in die Grundrechte eingreift.
Zitat
„Ich habe übrigens einen Ort gefunden, an dem in Berlin noch Recht und Ordnung herrschen: Ich wäre gerade fast aus der Staatsbibliothek geflogen, weil ich einen gelben Textmarker dabeihabe.“
Jenna Behrends, Bezirksverordnete aus Berlin-Mitte
Tweet des Tages
„Superhoch #Klaus schickt #Berlin in den Frühling.“
Tweet des Tages
„Hipster liegen im Gras. Türkische Muttis packen die Picknickkörbe aus. Die Dealer lüften die Kapuzen. Der Pankeradweg duftet nach Hundekot. Endlich Frühling in Berlin!“
Stadtleben
Neuer Brunch im Schloss Biesdorf: Ab sofort bietet das lauschige Café mit Parkblick jeden ersten Sonntag im Monat von 10 bis 14 Uhr ein Brunchbuffet an (19,50 Euro p.P. inkl. Filterkaffee). Dieses Wochenende bleibt Ihnen allerdings "nur" ein Cafébesuch am Sonnabend zu den regulären Öffnungszeiten (tgl. außer Di 10-18 Uhr) oder am Sonntag nach dem Brunchansturm, denn dafür sind schon alle Plätze reserviert. Die nächste Gelegenheit bietet sich am 6. Mai, Reservierung unter 030-308777515.
Trinken können Sie morgen auf dem Baustellenfest im Weinkeller Berlin (Blücherstraße 22, Kreuzberg), wo derzeit der erste Hessenladen Berlins entsteht. Initiator ist Bernd Gasser, der nicht müde wird, das Checkpoint-Team an seinen Hessen-in-Berlin-Stammtisch locken zu wollen. Wir versprechen hiermit: Wir kommen mal auf ein Glas „Äbbelwoi“ vorbei, aber das „33-köpfige Blasorchester aus dem hessischen Runkel“, das morgen ab 14 Uhr aufspielen soll, ist uns dann doch zu viel.