Der Spätsommer gibt noch mal alles: Durchweg sonnig bei max. 27°C wird der Samstag, am Sonntag bis 24°C

Berlin übernimmt europäische Verantwortung„Diese eG“-Ärger für Flo­ri­an SchmidtKritik an Viertelmillion fürs Berghain

Berlin macht Druck. Der Senat hält die Ankündigung von Bundesinnenminister Horst Seehofer (Union / CS lassen wir langsam mal weg), 100 bis 150 von rund 13.000 obdachlosen Geflüchteten aus dem abgebrannten griechischen Lager Moria in Deutschland aufzunehmen, für absolut unzureichend. „Unser Land kann mehr“, sagt der Regierende Michael Müller (SPD). „Es stünden in Berlin ausreichend Plätze für die Menschen bereit“, sagt Integrationssenatorin Elke Breitenbach (Linke) und verweist auf knapp 1.600, die in den landeseigenen Unterkünften sofort belegbar wären und tausend weitere im Containerdorf auf dem Tempelhofer Feld, das gerade wieder ans Netz genommen wird.

Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) kritisiert die Zahl mit „Blick auf das Leid der Menschen“ als „beschämend gering“ und fliegt (wie wohl schon länger geplant) nach Athen, um bei Treffen mit Hilfsorganisationen, griechischen Behörden und dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR Möglichkeiten für ein Landesaufnahmeprogramm auszuloten. Aktuell bräuchte es dafür zwar die (bereits im August abgelehnte) Genehmigung des Bundesinnenministers, doch genau die will Berlin mit einer Bundesratsinitiative in der kommenden Woche umgehen. Seehofer soll nur noch „ins Benehmen“ gesetzt werden. Den Rest will das Land selbst regeln. „Es liegt in unserer Verantwortung.“

Eigentlich schön. Endlich sind da PolitikerInnen, die von „unserer Verantwortung“ reden, während der zuständige Seehofer nur gebetsmühlenartig von einer sagenumwobenen „europäischen Lösung“ spricht, die es – das sollte man mittlerweile verstanden haben – so seit 2015 nicht gibt.

Telegramm

Weil viele gerade vom Glauben abfallen, zunächst zwei Meldungen aus der Kirche. 1) Gott ist jetzt Gott*. Die Katholische Studierende Jugend will weg von dem strafenden, alten, weißen Mann mit Bart und „hin zu einer Gottes*vielfalt“ ohne Geschlecht. 2) Der Papst hat in einem Interview mit dem Schriftsteller Carlo Petrini über „Sex und Essen“ gesprochen. Beides sind ihm zufolge „göttliche Vergnügen“.

„Man sollte keine Angst vor den Berlinerinnen und Berlinern haben“, sagt Berlins Linken-Stadtentwicklungssenator Sebastian Scheel (ist ja noch neu im Amt!) und appelliert an den Senat, bis zum 22. September über die Zulässigkeit des geplanten Volksbegehrens „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ zu entscheiden. „Alles, was nur darauf hinausläuft, das von der Abgeordnetenhaus- und Bundestagswahl wegzuschieben, halte ich für schwierig.“

Lenny Kravitz‘ Song „I’ll be waiting“ lässt sich in Berlin bekannterweise bestens auch auf Brief- und Paketlieferungen übertragen. Sollten Sie diesen Freitag vergeblich gewartet haben, hatte das dieses Mal allerdings einen ungewöhnlichen Grund: Die Deutsche Post hat gestreikt.

Kurzer Blick nach ChaWi: Die Mitglieder der SPD-Abteilung Wilmersdorf-Nord sind am Freitag von ihrer Vorsitzenden Katrin Lück (Co-Vorsitzender: Müllers Senatskanzleichef Christian Gaebler) über die bevorstehende Abstimmung zur bezirklichen Bundestagsdirektkandidatur informiert worden. „Du (…) hast Dich – neben dem ein oder anderen Kopfschütteln – sicherlich auch gefragt, ob Du dazu befragt wirst“, heißt es darin. Und: „Ja, so hat es der Kreisvorstand in seiner gestrigen Sitzung auf Anregung des noch amtierenden Landesvorsitzenden und Bewerbers um eine Kandidatur, Michael Müller, entschieden.“ Dazu korrigieren wir: Nicht alles, was in SPD-internen Schreiben steht, stimmt. Einen offiziellen, gemeinsamen Antrag auf die Mitgliederbefragung hatten mindestens auch die MitbewerberInnen Sawsan Chebli, Frank-Lorenz Engel und Markus Häusler gestellt.

Doppelter Ärger für Flo­ri­an Schmidt (Grü­ne). Nach mehreren Vorverkaufs-Deals zugunsten der Ge­nos­senschaft „Diese eG“ ermittelt die Staats­an­walt­schaft Berlin ge­gen den Xhainer Baustadtrat „we­gen des Ver­dachts der Haus­halts­un­treue“. Die Vorgänge sollen Checkpoint-Informationen zufolge außerdem im Jahresbericht des Landesrechnungshofes (ET 5. Oktober) aufgeführt werden. Das würde bedeuten: Auch dort wurden Unstimmigkeiten gefunden.

Schweineangst vorm Speckgürtel: Nach dem ersten Brandenburg-Fall ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Afrikanische Schweinepest auch Berlin erreicht. Die Senatsverwaltung für Verbraucherschutz ruft deshalb dazu auf, keine Lebensmittelreste in der freien Natur zu hinterlassen und darauf zu achten, dass Hunde kein Wild jagen und Menschen es nicht füttern. Gerade erst spazierte ein ganzes Wildscheinrudel wieder mitten durch Lichterfelde (Beweisvideo hier).

„Eine Umweltfreundliche Verkehrswende kann zu mehr sozialer Gerechtigkeit führen“ – zu diesem Ergebnis kommt ein Positionspapier des Umweltbundesamtes. Insbesondere Haushalte mit niedrigen Einkommen sind benachteiligt, „weil sie häufiger an Straßen mit höherem Verkehrsaufkommen und damit höheren Lärm- und Luftschadstoffbelastungen wohnen – obwohl sie oftmals kein Auto fahren“.

Porsche und 5er BMW: In Kreuzberg und Schöneberg sollen Bewohner von Obdachlosenheimen mit teuren Autos unterwegs sein (Q: rbb). Die Berliner Staatsanwaltschaft geht bislang keinen Hinweisen von Sozialbetrug nach. Die Senatsverwaltung für Soziales will die „Untersuchungsergebnisse“ der Bezirksämter abwarten. Und die Bezirke? THF-Schön-Stadtrat Matthias Steuckard (CDU) sieht keine rechtlichen Möglichkeiten, zu handeln. Das Sozialamt könne die entsprechenden Daten der vermeintlichen Obdachlosen nicht prüfen. Ping. Pong.

Der Berufsverband bildender Künstler (bkk berlin) hält es „bei aller Liebe zum Berghain“ für fragwürdig, dass eine Viertel Million Euro an öffentlichen Mitteln „ohne Ausschreibung oder Jury“ in die von der Boros Foundation organisierte Ausstellung STUDIO BERLIN geflossen ist. Kultursenator Klaus Lederer stellt dazu auf Checkpoint-Nachfrage fest: Das Geld kommt aus einem Haushalts-Sondertopf, der explizit für solche – für förderungswürdig befundene – Projekte zur Verfügung steht. Das Konzept der Ausstellung habe überzeugt, die internationale Resonanz sei bereits jetzt enorm und: „Wir unterstützen durch Corona-Fonds kleine und mittlere Unternehmen – und jetzt auf diesem Weg das Berghain, was in Berlin auch eine große kulturelle Relevanz hat.“

Kulturelle Lockerungsübungen könnten kommenden Dienstag im Senat beschlossen werden: Der Mindestabstand in Theatern, Opern und Konzerthäusern soll von 1,5 Metern auf einen Meter reduziert werden. Voraussetzung wäre eine Mund-Nasen-Schutz-Tragepflicht während der Vorstellung und eine Klimaanlage, die zu 100 Prozent Frischluft zuführt.

Eine Reinigungskraft hat im Kriminalgericht Moabit eine Softairpistole geunden. Genau genommen in einem 
Mülleimer zwischen den beiden Amtsgerichtssälen 571 und 572. Wie sie dort trotz Sicherheitsstandards hinkommen konnte, wird jetzt geprüft.

Einen (sehr verdächtigen) angeblichen Handwerker hat am Donnerstag eine 87-Jährige mit einer Holzkeule aus ihrer Wohnung in Lichterfelde vertrieben. Die Kripo ermittelt nun wegen versuchten Trickdiebstahls.

Bielefelder Verhältnisse im ICE der Deutschen Bahn: „Für alle Fahrgäste, die in Ludwigslust aussteigen wollten, habe ich eine schlechte Nachricht: Wir sind gerade daran vorbeigefahren.“ (Betriebsstörungs-)Bingo!

Noch zwei kuriose Berlin-Meldungen – eine ist richtig, eine Postillon-Satire. 1) „Party zu leise – Nachbarn in der Rigaer Straße beschweren sich“ 2) „Aus Versehen: Finnischer Holzfäller gewinnt Berliner ‚Hipster des Jahres-Wahl‘“. Na? Es könnte auch andersrum sein. 

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Auch in dieser Woche ist Stadtleben-Autorin Stefanie Golla vertretungsweise Ihr Wochenend-Guide. Es geht in den Untergrund, nach Lichtenrade und in den Wald:

Samstagmorgen Pflaumenkuchen backen! Den können Sie später entweder mit in die Wuhlheide oder nach Brandenburg nehmen, falls Sie unserem Wildschwein Kevin in die Uckermark folgen möchten (siehe „Mein Wochenende mit“). Während das Backpflaumenaroma durch die Wohnung zieht, bleibt Zeit, sich Plätze für eine archäologische Führung mit Claudia Melisch auf dem Petriplatz in Mitte zu sichern. Sie ist Grabungsleiterin auf dem zukünftigen Standort des House of One, dessen Grundsteinlegung sich coronabedingt ins kommende Frühjahr verzögert. Glück für Sie, denn dadurch können an diesem Wochenende die Fundamente der ehemaligen St. Petrikirche, die 1964 gesprengt wurde, erkundet werden. Führungen werden heute und morgen um 10, 12 und 14 Uhr angeboten (heute zusätzlich um 16 Uhr), eine spontane Anmeldung via petriplatz@email.de oder 0177-273 61 45 ist noch möglich.

Samstagmittag – Raus an den Wannsee. Aber nicht ins Strandbad, das hat seine Saison letztes Wochenende leider schon beendet, sondern auf die Wiesen vor der Villa des Literarischen Colloqiums. Sonnenbeschienen verwandeln dort die Chöre der Sing-Akademie Berlin den Hang über dem Wannsee zur offenen Klangbühne. Wohl nicht ganz zufällig haben die „Silenced Choires“ Brahms’ Schicksalslied für ihr Programm ausgewählt, außerdem „metapraktische Stücke“ des griechischen Komponisten Jani Christou. GegenwartsdichterInnen wie Jean-René Lasalle und Monika Rinck sowie Hausgäste des LCB und Mitglieder der arabisch-deutschen Literaturkollektive „Unsichtbare Stadt“ lesen dazu Hölderlin. Tickets für verschiedene Zeitfenster gibt es für 12, bzw. 8 Euro hier. Ab 17 Uhr wird das Programm zudem kostenfrei online gestreamt. 

Samstagabend – Derart beschwingt ist der Weg nicht allzu weit an den Lichtenrader Dorfteich, wo bis Sonntag ein Wein- und Winzermarkt dazu einlädt, unter besonderen Bedingungen dem Rebensaft zu frönen. 15 Winzer, Weinbauern und Weinhändler aus verschiedenen deutschen Regionen nehmen teil, daneben wird es eine Kunsthandwerksmeile geben. Auf eine Bühne wird in diesem Jahr verzichtet, dafür hat sich ein Schmied angekündigt, der Ihnen zu einem selbsthergestellten Hufeisen verhilft. Auf Abstand wird geachtet, auch eine Maske sollten Sie dabei haben. S-Bhf Schichauweg oder S-Bhf Lichtenrade, Sa 12-22, Sonntag 12-20 Uhr

Sonntagmorgen – Bei einer schönen Tasse Kaffee – und einem Stück Pflaumenkuchen – lässt sich der Vormittag entspannt auf diversen Rundgängen vor dem Rechner verbringen, denn der Tag des offenen Denkmals findet in diesem Jahr primär im Digitalen statt. So können nicht nur der Flughafen TXL und das alte Wasserwerk Tegel erkundet werden, sondern auch ein Hochbunker in Köln oder das Olympische Dorf in München.

Sonntagmittag – Wer sich doch noch in Bewegung setzen möchte, findet im FEZ in der Wuhlheide allerhand Anregungen für nachhaltiges Leben und Wirtschaften auf dem Mitwelt-Festival (Straße zum FEZ 2, S-Bhf Wuhlheide, Sa 12-20 Uhr, So 12-18 Uhr, Tagestickets kosten 5 Euro und sollten online gebucht werden). Und dann ist ja auch noch Art Week. Unter Coronabedingungen muss man besser planen als sonst und sich über die Art Week Website anmelden, was nicht immer gut funktioniert (Tipp: Man kann es auch über die Websites der Institutionen versuchen). Kollegin Birgit Rieger weiß, was ohne Anmeldung funktioniert: Der freie Kurator Gilles Neiens knüpft mit seinem Projekt „Reshuffle the Cards“ an die weit verbreiteten Wohnungsausstellungen an, die in den 90er Jahren in Berlin meist wild und lustig waren. Zehn KünstlerInnen, darunter Edouard Baribeaud, Agnes Scherer und Paul Hutchinson, teilen sich bis Sonntag einen Altbau in Schöneberg für eine Gruppenausstellung in der Kyffhäuserstraße 10 (13-19 Uhr).

Sonntagabend – Arvo Pärt gilt als Pop-Star unter den zeitgenössischen Komponisten und setzt dabei auf ganz einfache musikalische Mittel. Zum 85. Geburtstag des estnischen Komponisten versucht ein Kinofilm, die Essenz seiner Musik zu ergründen. Im Kino Krokodil in Prenzlauer Berg (Greifenhagener Straße 32) ist Das Arvo Pärt Gefühl“ um 17 Uhr zu sehen (OmU) – ein Plot ganz ohne Drama und Konflikte, aber nicht ohne Höhepunkte.

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

Kevin, unser liebstes Wildschwein in der Rotte, kennt jeden Flecken Land in Berlin und Brandenburg. An dieser Stelle gibt er wöchentlich Ausflugstipps ins Umland.

Bei allem, was man so hört, ist das Leben in der Rotte bald gefährlicher, als der Alleingang. Wie gut, dass ich Einzelgänger bin. Vor allem jetzt, wenn die Tage immer kürzer werden, liebe ich es, melancholisch-einsam durch die Wälder zu streifen. Das geht besonders gut in der Uckermark, wo der Grumsiner Forst allmählich herbstlich schimmert. „Indian Summer“ höre ich die BerlinerInnen schwärmen, wenn sie den Wanderwegen durch den alten Buchenwald folgen, der zum Weltnaturerbe gehört. Nur gut, dass das hier ein Naturschutzgebiet ist und die meisten sich daran halten, den Waldboden nicht zu zertrampeln. Ich stecke meinen Rüssel nämlich nur zu gern in das raschelnde Unterholz. Sollte ich doch mal nach Gesellschaft suchen, schaue ich nach den Menschen in Altkünkendorf, das den Ausflüglern als Ausgangspunkt ihrer Spaziergänge dient und so typisch Brandenburg ist. Hin und wieder mopse ich einen Apfel aus einem der Verkaufsstände, die die Dorfbewohner mit ihren Gartenfrüchten bestücken. Ein Heidenspaß ist das. Und wenn ich schon mal da bin, schleiche ich immer auch eine Runde um den Louisenhof – schauen, was die Künstler sich da wieder ins Atelier gestellt haben (geöffnet Sa-So 12-16 Uhr).

Zeichnung: Naomi Fearn, Idee: Susanne Leimstoll, Text: Stefanie Golla

Lese­empfehlungen

Jeder, der mal 24 Stunden oder länger auf einer Kinderstation im Krankenhaus verbringen musste, weiß ungefähr, was Pflegekräfte dort leisten. Kleine Patienten zu pflegen, bedeutet mehr als bloße Versorgung. Man kann ihren Einsatz eigentlich gar nicht genug wertschätzen, was sich in Arbeitspensum und Entlohnung allerdings nicht widerspiegelt. Im Tagesspiegel-Interview spricht Ulla Hedemann, Krankenschwester auf der Kinderintensivstation im Virchow-Klinukum, über 210 Überstunden, hohe Erwartungen, geringe Bezahlung – und Arbeitsbedingungen unter Corona.

Eine Seite, die er noch nicht an sich kannte: Im ZEIT-Gespräch mit Giovanni di Lorenzo thematisiert der einstige Studentenführer, Hausbesetzer und Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit (75) erstmals ausführlich seine jüdische Identität, die für ihn lange keine Rolle zu spielen schien.

Wochen­rätsel

Zu welcher Kategorie gehört, laut einer Mail aus dem Checkpoint-Spam-Ordner, Berlin als eine der Top 9 Städte Deutschlands? 

a) Angeln
b) Zelten
c) Urban Gardnening 

 

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Encore

Noch ein schneller Blick in die kommende Berlin-Woche. In der KW 38 des Jahres 2020 geht’s um die großen Fragen unserer Zeit. Am Montag (Tag 3026 seit der BER-Nichteröffnung) tagt der Sonderausschuss BER zur finanziellen Situation der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg. Am Dienstag findet unter dem Motto „Berlin. Macht. Demokratie“ der erste Berliner Demokratietag mit Veranstaltungen und Workshops in allen Bezirken statt. Am Mittwoch stellt der Ostbeauftragte der Bundesregierung Marco Wanderwitz den Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit vor. Und Donnerstag und Freitag? Können wir über all das gesammelt und in Ruhe nachdenken.

Genießen Sie die Samstagssonne!

Ann-Kathrin Hipp