Heute Nacht hatte Berlin Gänsehaut: Es war kurz vor elf, als mehr als 100 Menschen in einem improvisierten Kreis zusammen saßen mitten in unserer Stadt, sich an der Hoffnung festhielten, auch an Wut und ein bisschen an sich selbst. „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“, sangen sie - und ihr Chor hallte wider in den Höhen der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg. Hier hatten schon friedliche Revolutionen angefangen mit Kerzen in der Hand auf offener Straße; nun hielt die Gemeinde eine Fürbitteandacht für einen der ihren, den Menschenrechtler und Familienvater Peter Steudtner, der wie so viele in der Türkei nur aus politischen Gründen in Haft sitzt. Die Bundesregierung reagiert auf die Geiselnahmen im Sultanat Erdogan mit ein wenig verschärften Reise- und Handelsregeln, doch da ist ein Sehnen tief in uns nach mehr Nachdruck für Gerechtigkeit. Oder wie die Menschen sangen heute Nacht: „Um Frieden, um Freiheit, um Hoffnung bitten wir, in Sorge, im Schmerz.“
Allet clärchen! So lustig ist also das prollige Partyleben, dass sich sogar das royale Paar aus dem Vereinigten Brexitreich in Berlins bestem Ballhaus amüsierte. Hier halten ein paar Rentner und immergrüne Ost-Berliner einen Laden am Laufen, der trotz aller Touristisierung von Mitte noch einen funkelnden Kern des abgerockten Wende-Wahnsinns in sich trägt. Während gestern Nacht das gemeine Volk in „Clärchens Ballhaus“ zu Britpop, Bowie und den Beatles schwofte, gingen oben im Spiegelsaal William und Kate zum Abschluss ihrer Berlin-Reise von Tisch zu Tisch, um mit Kreativen zu sprechen, oder posierten für Selfies am Mischpult - „wie normale Leute“, wunderten sich später normale Leute, die dabei waren. Nur die DJane hatten sie extra aus London mitgebracht - allzu viel Vertrauen in Berlins wilde Partynächte hatten sie dann doch nicht, die ganz normalen Königskinder. Dabei ist Berlins Hymne eine englische: „We can be heroes / Just for one day”.
Endlich ist jemand ehrlich am Hauptstadt-Verfluchthafen BER. Beim Richtfest für den Interimsregierungsflughafen (heißt wirklich so) in Schönefeld sagte Jens Quade, Chef bei der Baufirma Züblin AG: „Ich wundere mich, dass gar kein Politiker gekommen ist. Dabei ist doch in wenigen Monaten Bundestagswahl.“ Vielleicht haben die Parteien über all die Jahre vergessen, dass irgendwo südwestlich von Berlin jeden Tag öffentliches Geld verbranntwird, ohne dass der Rauch abziehen kann. Aber zum Glück gibt es ja die Löschtruppen der FDP, die auf Tegel fliegen - sogar Bundeschef Christian Lindner hat den Erhalt des alten Cityairports zur „verkehrspolitischen Priorität“ ausgerufen. Angesichts der bodenlosen Frechheiten des Bodenpersonals und der schauderhaft und wie von Zauberkraft verschwindenden Koffer ist dafür nur eine Erklärung möglich: FDP-Chef Lindner, der für Werbespots neuerdings im Unterhemd posiert, braucht nur noch Handgepäck.
Nur nach Hause kam es nicht. Seit 25 Jahren versucht Hertha BSC erfolgreichen Fußba…, nein Quatsch, versucht Hertha BSC sein Gründungsschiff zurück nach Berlin zu lotsen. Die echte Hertha ist ein Dampfer, der 1886 vom Stapel lief - von ihm kupferten sich die Gründungsväter von Berlins größtem Verein einst den Klubnamen und die blau-weißen Farben vom Schiffsschornstein ab. Zuletzt als Ausflugskutter im brandenburgischen Wusterhausen unterwegs, wird das Schiff nun kommen - über Stock und Stein, durch die Mark mit viel Pein. Damit es zum 125. Vereinsjubiläum nächste Woche in Berlin vor Anker geht, muss der Kahn über 70 Kilometer Land bewegt werden bis zum Hafen von Wustermark. Gar nicht so leicht bei 100 Tonnen Gewicht. Für die Landpartie werden zwei Dutzend Verkehrsschilder „mobil gemacht“ (also weggedreht), Ampeln abmontiert, Verkehrsinseln umgesetzt und eine Brücke wird zur Schwerlaststraße umgebaut, wie mein Kollege Michael Rosentritt recherchiert hat. Ein paar Äste der brandenburgischen Alleen müssen auch dran glauben, weshalb die Sache fast an der Umweltbehörde gescheitert wäre. Nun aber zieht Hertha Leine. Mit dem neuen Schlachtruf: Ha Ho Ahoi!
Hauptstadt Hamburg - die Losung des Stadtmagazins „Der Spiegel“ scheint trotz der G20-Chaostage seine Wirkung bis in die Hansestadt Berlin zu entfalten. BVG-Chefin Sigrid Nikutta, die sich womöglich vergeblich um einen Ausstieg zum Aufstieg bei der Bahn bemüht, hat nach Tagesspiegel-Informationen schon mal erste Anker im Hafen Hamburg ausgelegt. In der BVG (Werbespruch „Weil wir dich lieben“) ist die rigorose Chefin nicht durchweg beliebt, was wohl auf Gegenliebe beruht. Bislang hat Nikutta bereits den U-Bahnchef ersetzt, den Leiter der U-Bahn-Werkstätten, die Straßenbahn-Leitung und den Bus-Chef. Nur der Kapitän der BVG-Ruderfähre in Müggelheim ist noch der Alte. Vielleicht hilft er ja beim Übersetzen in die Hauptstadt.
Telegramm
Eins, zwei - Polizei? Ach was, wir haben jetzt sogar drei Polizeimeldungen für Sie - und ganz am Schluss gibt’s ein Happy End. Wie im echten Tatort:
Gesünder als die Polizei erlaubt: Eine Schlammschlacht liefert sich ein Brandenburger Polizist mit der eigenen Behörde. Der Beamte hatte an einem 16 Kilometer langen Hindernislauf teilgenommen; es ging durch Sandkuhlen und Schlammgraben, am Ende belegte er bei 649 Teilnehmern immerhin Platz 127 - und feierte sich dafür auf Facebook. Dummerweise war er gerade krankgeschrieben wegen einer Fußverletzung. Nun bestätigte das Cottbuser Verwaltungsgericht seine Entlassung (via dpa) - ein typischer Fall von Matschepampe.
Lustiger als die Polizei erlaubt: Die Berliner Partypolizei hat jetzt doch Konsequenzen aus den Hamburger Ausschweifungen beim G-20-Einsatz gezogen. Der Chef einer feierfreudigen Hundertschaft wurde von seiner Leitungsfunktion entbunden (via „Berliner Zeitung“). Bisher hatte es geheißen, es gebe keine Anhaltspunkte für „strafrechtlich relevantes Fehlverhalten“. Aber vielleicht ist das doch ein Irrtum - wie die Behauptung von Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz, die Polizei in Hamburg habe alles richtig gemacht. Außer richtig Party natürlich.
Wilder als die Polizei erlaubt: Glück gehabt, Berlin droht kein Armageddon, sondern ein Agameddon. Den Beweis lieferten Polizisten, die am Donnerstag ein Leguan-ähnliches Tier am Teutoburger Platz einfingen (Beweisfotos hier). Kinder hatten die grünen Agame beim Spielen gefunden; Erzieherinnen alarmierten einen Streifenwagen. Normalerweise bewohnen die kriechenden Agamen eher Steppen und Wüsten - ist unsere Stadt doch nur auf Sand gebaut?
Neues aus der Anstalt: Im von Sparprogrammen geschüttelten und bundesweit am wenigsten gesehenen Regionalprogramm RBB wird gerade heftig debattiert, wie teuer wohl die Abschiedsfeier für die frühere Intendantin Dagmar Reim vor einem Jahr war. Was glauben Sie denn, liebe Gebührenzahler:
A) 25.000 Euro
B) 50.000 Euro
C) mehr als 100.000 Euro?
Auf diesen Schreck erst mal ein Bier! Good, that the Beer Week begins. Ab heute gibt es 70 Veranstaltungen in Berlin für Craftfahrer und Fußpilsgänger (mehr zum Programm gleich unten im Stadtleben). Solange in unserer Stadt die meisten Brauereien entstehen, sind Hopfen und Malz noch nicht verloren.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Der Alex war unser Manhattan.“
Jana Hensel, ostdeutsche Schriftstellerin („Zonenkinder“), schreibt jetzt Liebesromane - auch als Liebeserklärung an das untergehende Ost-Berlin. Mit ihr beginnt der Tagesspiegel am Sonntag seine Sommerreihe „Eine Runde Berlin“, in der bekannte Berliner ihren Kiez im Wandel zeigen.
Tweet des Tages
In der Ringbahn sitzt jemand mit einem Discman und jetzt überlege ich, ob der wirklich schon so lange im Kreis fährt.
Antwort d. Red.:
Stadtleben
Essen & Trinken Was viele nicht wissen: Zur Domäne Dahlem (Königin-Luise-Straße 49, U-Bhf Dahlem Dorf) gehören nicht nur Kühe und Hühner, sondern auch ein Landgasthaus. Das meiste Gemüse, zum Beispiel für die Mangold-Tagliatelle, kommt direkt vom Feld, und auch das Fleisch hat es nicht weit, um auf dem Teller zu landen (dienstags ist Schnitzeltag). Checkpoint-Leserin Britta von Helden schwärmt außerdem vom Landfrühstück (10,50 für zwei) in der mit Glas verkleideten ehem. Remise. Bei schönem Wetter kann man draußenauf dem Hof sitzen und zum Sonnenuntergang ein Glas Wein genießen (geöffnet Di-Sa 12-20 Uhr, So ab 10 Uhr). In den Ferien lohnt die Domäne doppelt: Es werden Töpferkurse und Tierrundgänge angeboten, eine Anmeldung ist noch möglich.