die Grünen waren am schnellsten. „Habemus Mietendeckel“, twitterte die Landespartei am Freitagabend um 19:42 Uhr. Zwölf Minuten später folgten die Genossen: „Der von der SPD vorgeschlagene Mietendeckel kommt.“ Die Linken verkündeten um 20:04 Uhr: „Wer kämpft, kann gewinnen.“ Und um 20:22 Uhr verlautbarte Berlins Regierender, Michael Müller via Videobotschaft: „Ich bin sehr froh“ über dieses „gute und ausgewogene Paket“. Kurz konnte man ein Lächeln erahnen (Sekunde 3 von insgesamt 1:14 Minuten).
Man hat sich geeinigt, weil man sich einigen musste. Das Ende der Koalition wäre die schlechtere Alternative gewesen. Entsprechend hier das Ergebnis:
1) Es wird eine Tabelle für zulässige Mietobergrenzen erstellt, die sich am Mietspiegel von 2013 orientieren soll.
2) Es wird ein Mietenstopp für fünf Jahre eingeführt. Ab 2022 wird die Möglichkeit eines Inflationsausgleichs von 1,3 Prozent/Jahr geschaffen.
2) Modernisierungsmaßnahmen dürfen ohne Genehmigung nur in Höhe von 1 Euro/qm umgelegt werden (Anzeigepflicht). Für darüber hinausgehende Modernisierungskosten von maximal 1 weiteren Euro sollen Förderprogramme genutzt werden.
3) Bei Wiedervermietung gilt die Vormiete. Oder, falls die Vormiete höher ist, gilt die Tabellenmiete. Besonders niedrige Mieten von unter 5 Euro/qm dürfen um maximal 1 Euro/qm auf maximal 5 Euro/qm angehoben werden.
4) „Wuchermieten“ in Höhe von mehr als 120 Prozent der Tabelle werden auf 120 Prozent abgesenkt. Dabei werden Zu- und Abschläge für einfache Lage (-28ct/qm), mittlere Lage (-9 ct/qm) und gute Lage (+74 ct/qm) berücksichtigt. Die Regelung soll neun Monate nach Inkrafttreten des Gesetzes angewendet werden.
Der Anfang ist gemacht. „Der Anfang ist die Hälfte des Ganzen“, hatte Aristoteles mal gesagt. Aber der lebte ja auch nicht in Berlin. Was jetzt folgt, sind Prüfung der Rechtssicherheit und – hallo Verwaltung! – die Umsetzung. Klappt all das, könnte der Mietendeckel zum Pilotprojekt werden. „Die großen Städte warten nur darauf, dass nicht nur der Bund, sondern auch die Länder und Kommunen regulierend in den Wohnungsmarkt eingreifen dürfen“, kommentiert Kollege Ulrich Zawatka-Gerlach. Sprich: Ein kleiner Deckel für Berlin, ein großer Deckel für Deutschland. Geschichte schreiben – das könnte R2G jetzt schaffen. Mehr Wohnraum schafft das allerdings nicht.
Aus der Mietendeckelrunde verabschiedet hatte sich am späten Freitagnachmittag für knapp eine Stunde SPD-Fraktionschef Raed Saleh, um wie angekündigt, mit unseren Leserinnen und Lesern zu diskutieren. Kernthema: Die AfD und ihr anvisiertes (jetzt-doch-nicht) Bürohaus in Spandau, der Umgang mit einer demokratisch gewählten, aber doch rechtsextremen Partei und Salehs Aussage, er wolle im Bezirk keine Faschisten. Oberthema: Wie wollen wir miteinander reden? Und, um das ganz große Fass aufzumachen (sind ja immerhin 60 Minuten): Wie wollen wir in Deutschland leben?
20 Gäste, mehr Männer als Frauen, alt und jung, etwa ein Drittel Saleh-Gegner, ein Drittel Unterstützer, ein Drittel Enthaltungen. Es wurde persönlich (von der eigenen Baufirma, von Begegnungen mit Geflüchteten, von der Jugend in Spandau und Debatten innerhalb der Familie, Freunde, Kollegen). Es wurde laut („Das ist eine Lüge!“). Falsche Dinge wurden behauptet und richtige Dinge in Frage gestellt. Es wurde grundsätzlich. Was ist Faschismus, was Demokratie? Muss man miteinander reden? Bis zu welchen Grenzen? Darf man von einem auf alle schließen? Wer pauschalisiert? Welche Rolle haben die Medien? Welche die SPD?
Es wurde zugehört.
Wer etwas sagen wollte, stellte sich kurz vor. Hatte, wenn es auch mal Zwischenrufe gab, die Aufmerksamkeit aller. Reden, streiten, diskutieren. Deshalb war man hier. Gegen Ende sagt Saleh: „Ich brauche keine AfD in diesem Land.“ Ein anderer Mann sagt: „Schwachsinn.“ Und Saleh: „Nehmen Sie mir nicht meine Meinung weg.“ Kurz wird geschmunzelt. Einig ist man sich vor allem darin, dass die Diskussion fortgesetzt werden sollte. Saleh will nochmal einladen. Gerne in eine Kneipe nach Spandau.
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Bleiben wir bei Berlins Debattenkultur. Diesmal mit FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja. Der twitterte am Freitag mit Bezug auf eine rbb-Sendung: „Fr. Haufe ist Vermieterin von 10 Wohnungen. Reich war sie nie. Sie hat seit den 90ern viel Geld und Herzblut in die Sanierung gesteckt & die Mieten trotzdem moderat gehalten. Sie sagt, der #Mietendeckel würde sie in den Ruin treiben, ihre Altersvorsorge zerstören. #wirmüssenreden“. Der Shitstorm folgte. Später konkretisiert Czaja: „Manchmal reichen 280 Zeichen schlicht nicht aus, um eine Situation zu beschreiben.“ Vielleicht hätten wir da ja schon den nächsten Gast samt Thema für eine Checkpoint-Polit-LeserInnen-Debatte? Über die Definition von „reich“ und „Ruin“.
Der Entwurf des Amazon-Hochhauses an der Warschauer Brücke könnte ein Entwurf bleiben. Zumindest will Friedrichshain-Kreuzbergs „Bau“stadtrat Florian Schmidt (Grüne) dem Immobilienentwickler „Edge Technologies“ das bereits erteilte Baurecht für den 140 Meter hohen Büroturm wieder entziehen. Das Unternehmen habe sich in seinen aktuellen Plänen nicht an die „Vorgaben aus dem städtebaulichen Vertrag“ gehalten.
Vertragspartner gesucht: Noch bis zum 28.10. um 8 Uhr können sich Unternehmen als Macher der neuen Berlin-Markenstrategie bewerben. Bis dato gebe es Interessenten im unteren zweistelligen Bereich, heißt es aus der Senatskanzlei. Die Ideen würden bei solchen Ausschreibungen allerdings meist erst zum Stichtag eingesandt. Was der beauftragte Berater und Stadtmarketingexperte Sebastian Zenker von Berlin hält, welche Strategie er als sinnvoll erachtet und wie die BerlinerInnen eigebunden werden sollen, lesen Sie weiter unten im heutigen Interview.
Eine Meinung zur Ausschreibung hat der Berliner Kommunikations- und Schriftgestalter Erik Spiekermann. „Berlin von seiner dümmsten Seite: die Leistungsbeschreibung für die neue Berlin Marke ist inhaltlich toll, die Bedingungen sind inakzeptabel. Für null Honorar sollen wir umfangreiche Konzepte vorstellen.“ Ähnlich sieht das der Berufsverband der Kommunikationsdesigner und kommentiert: „Wir sind an dem Thema dran. Es gibt Gespräche mit der Bundesregierung zum Thema Vergaberichtlinien für Design-Aufträge.“
Abgehoben: Berlins SchülerInnen reisen bei fast jeder vierten Klassenfahrt mit dem Flugzeug. Die beliebtesten Ziele 2018 waren Rom, Paris und London. Sechs Mal flogen Klassen in die USA, fünf Mal nach Peking und zwei Mal nach Taiwan. Es zahlen die Eltern – und das Klima.
Unten geblieben: Berlins NeuntklässlerInnen haben ihre schulischen Leistungen kaum verbessert. Im bundesweiten Vergleich bleiben sie in Mathematik auf dem vorletzten Platz, in Biologie und Chemie auf dem viertletzten und in Physik auf dem fünftletzten Platz.
Deutschland hat ein rechtes Problem. Dem ZDF-Politbarometer zufolge sieht das auch die Mehrheit der Bevölkerung so. 78 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu, dass gegen rechtsextreme Ansichten und Gruppierungen zu wenig getan wird. Mehr als 72 Prozent geben der AfD eine Mitschuld an rechtsextremer Gewalt.
Gegen den Hass: Knapp zwei Wochen nach dem Anschlag in Halle ruft die Stiftung House of One gemeinsam mit dem Bündnis für ein weltoffenes und tolerantes Berlin zu einer gemeinsamen Menschenkette auf. Sonntag, 12:30 Uhr, vor der Neuen Synagoge, „ein Mut machendes Zeichen der Solidarität, ein Symbol für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft“.
Berlin zapft is! Zur gestrigen Mitteilung „14,24 Millionen Euro Steuereinnahmen dank Biersteuer im Jahr 2018“ teilt die Finanzverwaltung frische Zahlen mit: Stand September liegen die Einnahmen bei knapp 10,6 Millionen Euro.
„Ich habe mich sehr geschämt. Ein Innenpolitiker, der von der Polizei abgeholt wird. Es war mir wahnsinnig peinlich“, sagt Linken-Politiker Hakan Tas. Am 14. Dezember 2018 rammte er mit seinem Mercedes und 0,9 Promille im Blut einen Laternenpfosten und begang anschließend Fahrerflucht. Seine Geschichte hat er jetzt meinem Kollegen Sebastian Leber erzählt. Heute im Tagesspiegel und im Tagesspiegel E-Paper.
Berlins Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit Maja Smoltczyk bestätigt: Auf der Internetseite www.stemo-berlin.de werden über ein Kontaktformular personenbezogene Daten erhoben, ohne dass sie im Zuge der Übertragung verschlüsselt werden. „Ich erwarte, dass das Defizit unverzüglich beseitigt wird“, erklärt sie in einem Schreiben, das dem Checkpoint vorliegt. Verantwortlicher laut Impressum: Mario Czaja (MdA CDU).
Zum Wochenende ein kurzer Blick in die aktuellen Ausschreibungen.
Die Berliner Feuerwehr sucht eine Firma für die „Beschaffung eines Baumbiegesimulators zu Ausbildungszwecken“.
Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie sucht für die Dienststelle „Schulfarm Insel Scharfenberg“ eine*n Fährfrau/-mann. Aufgaben sind u.a.: Bedienung der Fähren, Unterhaltungs- und Wartungsmaßnahmen und bei potentiellen Ausfällen „Unterstützung der Transporte durch Ruderboote“. (Q: Amtsblatt)
Die Flughafen Berlin Brandenburg GmbH sucht eine Fachkraft Facility Management. Vorausgetzt werden „Flexibilität, Organisationsfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Belastbarkeit“.
Der BER wird fertiger und fertiger. Nach der gestrigen Aufsichtsratsitzung sagte Flughafenchef Engelber Lütke-Daldrup: „In wenigen Tagen beginnt der Einbau der Gepäckförderanlage im Terminal T2. Das zeigt, dass wir im Zeitplan liegen. Doch auch, wenn in folgenden Bauabschnitten Verzug eintreten würde, hätte das keinen Einfluss auf die Inbetriebnahme des BER im Oktober 2020.“ Tage seit Nicht-Eröffnung: 2694.
Süß zum Schluss. Die Panda-Zwillinge im Zoo Berlin haben erstmals ihre Augen geöffnet. Seeed kommentiert:„Deine Augen machen bling bling und alles ist vergessen.“
Durchgecheckt
Sebastian Zenker, Professor für Stadtmarketing und Tourismus an der „Copenhagen Business School“, berät Berlin bei der Suche nach einer neuen Markenstrategie. Im Interview erklärt er, warum Stadtslogans kontraproduktiv sind. Für Checkpoint-Abonnenten.
In der Ausschreibung für die neue Marketingstrategie steht: „Jeder kennt Berlin und jeder hat eine Meinung zu Berlin.“ Die Stadt fasziniere, ziehe an, stoße ab, überwältige und lasse nicht mehr los. Was löst die Stadt in Ihnen aus?
Manchmal überwältigt Sie mich – allein durch ihre schiere Größe und Komplexität. Meistens überrascht Sie mich mit Dingen, die ich noch nicht kenne – oder nur dachte zu kennen. Ich bin in Berlin geboren und freue mich immer nach Berlin zu kommen. Aber sie lässt mich auch erkennen wie ruhig meine Wahlheimat Kopenhagen dagegen ist.
In Ihrem „Praxishandbuch City- und Stadtmarketing“ schreiben Sie „Von den Römern lernen, heißt siegen lernen – Schon die Stadtväter des antiken Rom versuchten, ein bestimmtes Bild ihrer Stadt in den Köpfen der Konsumenten zu verankern (...). Durch prachtvolle Bauten sollte die Macht Roms demonstriert werden“. Was bedeutet das für Berlin?
Wie wir Städte wahrnehmen ist maßgeblich von den physischen Eigenschaften abhängig: Den Gebäuden, der Geographie und der Menschen die sich in der Stadt bewegen. Allein durch die Bauten kommuniziert Berlin bspw. eine deutschlandweit einzigartige Urbanität. Diese physische Kommunikation sagt etwas darüber aus, was Berlin ist. Etwas, was wir im Stadtmarketing nur aufnehmen können – denn (anders als bei den Römern) baut Berlin hier nicht um des Marketings-willens.
Laut Ausschreibung will man explizit keinen neuen Slogan. Warum?
Slogans versuchen immer zu verkürzen – es auf den Punkt zu bringen. In einer Stadt wie Berlin wäre dieser kleinste gemeinsame Nenner so nichtssagend und austauschbar, dass man die Suche danach gleich lassen kann. Damit fällt auch weg, dass sich am Ende alle künstlich über einen Slogan aufregen, ohne den Kern der Sache wahrzunehmen. Städte sind keine Waschmittel, keine gewöhnlichen Produkte, die sich in einen Satz packen lassen. Es braucht andere Kommunikationsstrategien. Stadtmarketing versucht den verschiedenen Anspruchsgruppen Gehör zu verschaffen, Konflikte zu minimieren und ein positives Bewusstsein für die Stadt zu schaffen.
Heißt?
Früher war das klassische Ziel „Neukundengewinnung“. Man wollte mehr Unternehmen und Fachkräfte in die Stadt locken, neue Menschen, Touristen. Immer mehr. Heute ist das anders. Man hat erkannt, dass Städte etwas Schützenswertes sind, richtet die Kampagne viel intensiver nach innen. Die Bewohner und Stakeholder der Stadt stehen im Fokus und das Marketing hat vor allem eine soziale Funktion. Es geht darum die Zufriedenheit und Identifikation zu stärken und eine Gemeinschaft zu schaffen und zu stärken.
Und das schafft man in einer Großstadt, die aus zwölf Bezirken, 99 Ortsteilen und 3,6 Millionen Einwohnern besteht, wie?
Partizipation. Wir wollen ein reduziertes Kommunikationsmuster erstellten, eine Art Werkzeugkoffer, den Menschen und Stakeholder dieser Stadt nutzen können, um ihr Berlinbild zu verbreiten, um eigene Kampagnen zu entwickeln. Grundlage wird ein Wertekanon für Berlin sein, zu dem man sich bekennt. Alles andere bleibt weitestgehend offen. Der gesellschaftliche Diskurs macht die Marke.
BER, Verwaltungschaos, Wohnungsnot... Aktuell findet man im Diskurs ja vor allem das Scheitern dieser Stadt.
Gregory Ashworth, der „Großvater” des Stadtmarketings hat mal gesagt: „Get your place fixed first”. Natürlich kann man allein durch Kommunikation keine Katastrophen retten. Aber es gibt immer positive und negative Aspekte. Unser Job ist es, die Menschen zu unterstützen, die die guten Geschichten erzählen wollen. Ganz ehrlich: Die Leute müssen doch nur mal realisieren, dass es Gründe gibt, warum sie hier leben. Sie werden ja nicht gefangen gehalten. Sie wollen hier leben. Und neben all dem Chaos – es gibt viel worauf man hier auch stolz sein kann und was wir an Berlin mögen: die verschiedenen Kiez-Identätiäten, die exzellenten Unis, das kulturelle Miteinander... Und ich persönlich mag diese Unaufgeregtiheit – „det is Berlin wa", egal was kommt, und man macht einfach weiter.
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – Am letzten Herbstferien-Wochenende liegt der Gedanke an die Klasse bereits in der Luft, weshalb schon heute eine Tageskonferenz nach der Rolle der Klasse im 21. Jahrhundert fragt. Sie haben schon bemerkt, dass es nicht um die Schulklasse geht, auch wenn Klassenzugehörigkeit gerade da schon immer besonders sichtbar war. Ab 10.30 Uhr wird die These geprüft, die Klasse sei nach längerer Zeit in den Ferien erstmals wieder zurück auf dem diskursiven Parkett, aber neu geschliffen, geschärft und aktualisiert. So sehen es zumindest einige Soziologen und Philosophinnen, deren Veröffentlichungen der letzten Jahre das Gespräch beim Helle Panke e.V. anreichern werden. Kopenhagener Straße 9, 10 Euro
Samstagnachmittag – Eines der stärksten Bilder des alten Klassenkampfes und vielleicht dasjenige, das am stärksten nachhallt, ist das der Erhebung der eigenen Stimme. Wer es schon lange auf der Zunge liegen hat, es aber bislang einfach nicht über die Lippen bekommen hat, lasse sich von „Bobo“ zeigen, wie. Und bevor wir gedanklich in die Schweizer Alpen schweifen; Bobo ist eine in Weimar ausgebildete Sängerin und Gesangspädagogin, aber kein DJ. Neben der Stimme werden 80 Euro Revolutionsgebühr erhoben, der nächste Termin ist der 16. November (15-20 Uhr, Eberhard-Roters-Platz 2, Kreuzberg), zur Anmeldung geht´s hier.
Samstagabend – Selbsttest: Was folgt grundsätzlich auf den Status Quo? Genau, wer jetzt innerlich Abgrund gerufen hat, darf sich mit Autorin Maja Zade und Schaubühnenchef Thomas Ostermeier in Seelenverwandtschaft wähnen. Nach dem Stück „Status Quo“ haben die beiden nämlich schon im Frühling 2019 den „Abgrund“ folgen lassen, der heute erstmals wiederaufgeführt wird. Wer selbst gerne am Rande eines solchen tanzt, kann sich hier abholen und bei der Hand durchs Tal führen lassen, das bisherigen Erkenntnissen zufolge funkelt und strahlt und wo die Sprache ein Feuerwerk nach dem andern entfacht. Schaubühne, 20 Uhr, Kurfürstendamm 153
Sonntagmorgen – Von den Abgründen in die Höhe: Angeblich haben sich wilde Graugänse, Kraniche und die letzten Singvögel der Stadt für 8.45 Uhr verabredet, um in Richtung ihrer Winterquartiere zu ziehen. Mit fachkundigem Kommentar des Vogelkundlers Bernd Steinbrecher wird der abstrakte Vogelzug zum informativen Einblick in die Kreisläufe der Natur und die Natur der Migration, und zwar von einem der höchsten Aussichtspunkte Berlins aus, dem Rudower Dörferblick. Infos und Anmeldung telefonisch unter 030 703 30 20. Wer anschließend wieder auf den Boden der Tatsachen kommen möchte, begebe sich in den unweit gelegenen Britzer Garten. Da ist nämlich Tag des Pilzes mit Pilzausstellung, Pilzberatung und Pilzführungen ab 11 Uhr.
Sonntagmittag – Aus der vor 100 Wochen begonnenen Existenz am Rande eines Paragraphen im Arbeitnehmerschutzgesetz ist mittlerweile eine echte Institution geworden: Das „Sonntagsbureau“ mit seinen wöchentlichen Veranstaltungen beschert der Amerika Gedenkbibliothek regen Zulauf zu einer Zeit, in der auch viele Arbeitnehmer*innen und deren Familien das Angebot nutzen können. Laut Gesetz dürfen Bibliotheken an Sonntagen nämlich nicht regulär betrieben werden. Während der außerordentlichen Veranstaltungen aber sind die Lesesäle zugänglich und sogar die Ausleihe am Automaten ist möglich. Heute feiert das Team den 101. offenen Sonntag unter anderem mit einer Cryptoparty, einem Blasorchester und der „Berlin Debating Union“, die sich des Themas Sonntagsöffnung mit klassischen Pro- und Kontra-Argumenten bei einer Diskussion annimmt. Ab 11 Uhr am Blücherplatz 1 in Kreuzberg (U-Bhf Hallesches Tor).
Sonntagabend – Natürlich ist das Konzerthaus mit Martha Argerich und Gidon Kremer ebenso prominent besetzt wie voraussichtlich ausverkauft. Sollten Sie keine Karten mehr bekommen und sich so richtig körperlich drüber ärgern, hart aufstampfen und schreien wollen, folgen Sie ihren Impulsen doch im Musik & Frieden, wo die französischen Jungs von Rise of the Northstar ihrem Instrumentarium die allerwütendsten Klänge entreißen, während Sänger „Vithia” überwiegend dystopische Bilder ins Mikro prügelt. Er wollte nämlich auch lieber auf die Konzerthaus-Bühne, wie man munkelt. 20 Uhr, Falckensteinstraße 48, U-Bhf Schlesisches Tor, 26 Euro
Mein Wochenende mit
Der gebürtige Berliner Martin Bittner schreibt seine Habilitationsschrift über Bildungsinstitutionen und forscht zur Globalisierung des Bildungssystems. In seiner Freizeit arbeitet er ehrenamtlich bei Act!Orissa am Aufbau eines Waisenhauses für Mädchen in Indien mit. Und fährt gern Lastenrad.
„Am Samstagmorgen bin ich mit meiner Tochter im Spreewaldbad – ein Vorhaben das genau getaktet sein muss, wenn man die maximale Wellenausbeute aus seinen 90 Minuten holen will, denn die Wellen kommen nur zu bestimmten Zeiten. Anschließend gehen wir beim Nachtigall in der Ohlauer Straße 10 Pommes und Falafel essen, das ist ein fester Bestandteil des Schwimmbadrituals, und fahren weiter in unseren Garten am Plänterwald, wo wir die Himbeersträucher für die kalte Jahreszeit klar machen und ernten, was an überreifem Obst noch da ist. Auf dem Weg besorgen wir ein Geburtstagsgeschenk für meinen Neffen in der Buchhandlung Libelle in der Karl-Kunger-Straße 63 (Alt-Treptow) und nach der damit verbundenen Familienfeier gehört mein Abend einem Text zur postkritischen Pädagogik, der vorschlägt, Kindern weniger Effizienz im Arbeitsleben als Liebe zur Welt zu vermitteln. Sonntagmorgen bin ich mit dem Verein Act!Orissa auf dem Nowkölln Flowmarkt. Damit probieren wir eine neue Form der Spendenakquise aus – wir haben nämlich zahlreiche neue Sachspenden bekommen, die wir hier feilbieten. Wir finanzieren mit dem Verein die Grundversorgung eines Waisenhauses für Mädchen in Indien mit dem Ziel, es bis 2020 von uns unabhängig zu machen. Zum Tagesausklang essen wir wahrscheinlich bei De Noantri in der Görlitzer Straße 63 oder bei Erika & Hilde am Weigandufer 9.“
Leseempfehlungen
Eines der großen Themen der vergangenen Woche war ein Verein älterer Herren, nämlich Tolstoi, Homer, Cervantes und Peter Handke, der sich selbst eingeladen hatte, den Nobelpreis als Eintrittskarte in der Hand. Nicht ganz so viel Raum im hiesigen Rampenlicht erhielt die Polin Olga Tokarczuk, die ebenfalls den noblen Preis für Literatur an Land zog. Eigentlich wurde sie sogar schon für das letzte Jahr 2018 ausgezeichnet, nur die Vergabe hat länger gedauert – schon fast eine Berlingeschichte also. Statt sich selbst irgendwo einzureihen – das macht doch die Geschichte –, erzählt sie in ihren Büchern Varianten der Geschichte Polens, in denen das Land aus einer Vielfalt von Kulturen und Religionen herrührt. Die setzt Tokarczuk den aktuellen Tendenzen zur autoritären Monokultur entgegen, die immer auf einem homogenen Volksbegriff beruhen. Dies und ein bisschen Magie, mit denen sie ihre Geschichten anreichert, macht die Psychologin und bekennende Jungianerin nicht gerade beliebt in Regierungskreisen. Übrigens, war es nicht C.G. Jung, der sang „Für mich soll es Neurosen regnen"? War er nicht. Das ist nämlich das aktuelle Sachbuch von Peter Wittkamp, dessen Texte man wahrscheinlich schon mal in der ZDF heute-show oder bei Klaas Heufer-Umlauf gehört hat. Humor ist grundsätzlich eine bitterernste Angelegenheit, wie man weiß, und hier ist ein Beweis.
Encore
30 Jahre, 30 Tage – bis zum Mauerfalljubiläum am 9. November werfen wir an dieser Stelle einenBlick zurück auf die letzten Tage der DDR: Am späten Abend des 19. Oktober 1989, 22 Tage vor dem Mauerfall, klettern am Brandenburger Tor fünf Männer von der Westseite auf die Mauer und werfen Pflastersteine auf Ost-Berliner Gebiet. Die Antwort der Grenztruppen kommt aus einem Wasserschlauch. Nach Feststellung der Personalien durch die britische Militärpolizei dürfen die Männer wieder gehen. Kein Einzelfall: Immer wieder wird die Mauer für Randalen, als Sport- oder Kunstobjekt genutzt. Der Putz beginnt zu bröckeln.
Kommen Sie gesund und munter durchs Wochenende! Am Montag übernimmt an dieser Stelle Anke Myrrhe.
