passend zum heutigen Weltspartag muss sich Berlins Regierung auf unliebsame Haushaltszeiten einrichten. Mit Blick auf die Steuerschätzung, die spätestens am Donnerstag „regionalisiert“ vorliegt, wird erwartet, dass Einnahmen im Jahr 2020 um 150 Millionen Euro und 2021 um 450 Millionen Euro sinken könnten. Eine Maßnahme: Mit einer Bundesratsinitiative will der Senat Mindestintervalle für die Steuerprüfungen von Einkommensmillionären durchsetzen. Getreu dem Motto: Großvieh macht auch Mist.
Geld, Steuern, Verschwendung. Die größten Katastrophen hat der Bund der Steuerzahler (BdST) auch in diesem Jahr in einem „Schwarzbuch“ zusammengefasst. Darunter: 5.000 Euro für eine Solaranlage, die vor dem Thüringer Umweltministerium im Schatten steht, 70.000 Euro für die künstlerische Umrahmung einer alten Gerichtslinde im Taunus, die kurz darauf (morsch!) umgefallen ist und 275.000 Euro für einen Radweg im sächsischen Vogtlandkreis, den keiner nutzen darf, weil er durch ein Naturschutzgebiet führt.
Was im Schwarzbuch auch steht: Berlin. Sechs Fälle zum Verzweifeln.
1) Das Goldene Nest. Gestohlen im Mai 2019 wirft das Kunstwerk durchaus die Frage auf, warum eine Grundschule in Marzahn 814,23 g Gold mit einem Feingehalt von 999 Promille braucht. Die Kosten für Nest, Vitrine, Material, Künstlerhonorar und Sicherheitstechnik beliefen sich laut Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auf 92.500 Euro. Eine „Projektionsfläche von Ideen und Träumen“. Bei 3,9 Mrd. Euro Sanierungsstau an Berlins Schulen.
2) Grüne Punkte und gelbe Parklets. 428.211,98 Euro haben die Straßenmöbel gekostet. Dazu 130.000 Euro für Punkte und 2.175 Euro für Felsbrocken. Auf 1.676.500 Euro bezifferte das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg im August die vorläufigen Kosten für die „Begegnungszone“. Alternativ hätte man laut BdST von dem Geld mehr als 10.000 Quadratmeter Gehweg sanieren können.
3) Nochmal Parklets. Die zwei Parklets, die als Probelauf bereits im März 2018 − also schon vor der eigentlichen Testphase – in der Bergmannstraße genutzt und dann nicht mehr gebraucht wurden, sind längst eingelagert. Kostenpunkt: 118.680 Euro. Oder rund 800 Quadratmeter sanierter Gehweg.
4) Parklets zum dritten. Jeweils 58.263,22 Euro haben die vier Parklets am U-Bahnhof Schönhauser Allee gekostet. Dazu je 9.617,33 Euro für die notwendige bauliche Kürzung zum Radweg hin. Laut BdSt etwa das Geld für 1.000 einbetonierte Fahrradanlehnbügel unter der Hochbahn.
5) Astronomischer Preis für Kosmosviertel. In den Jahren 1987 bis 1991 wurde das Kosmosviertel in Treptow errichtet. Ende der 1990er wurden die 17 Gebäude privatisiert. Im Februar 2019 wurden 1.821 Wohnungen und 22 Gewerbeeinheiten von einer landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft zurückgekauft. Medienberichten zufolge soll sich der Preis auf 250 Millionen Euro belaufen haben. Der Alternativvorschlag: 1.000 neu gebaute Wohnungen.
6) Bezahlbares Wohnen für alle? Durch das Vorverkaufsrecht wurden laut Senat von 2015 bis Januar 2019 3.753 Wohnungen „gesichert“. Gezahlt wurde dafür ein Kaufpreis von insgesamt mehr als 213 Millionen Euro. Der BdSt kommentiert: „Durch den staatlichen Aufkauf einiger Tausend Wohnungen aus dem Bestand zu Marktpreisen entsteht kein einziger Quadratmeter Wohnraum neu.“
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Jüdische Kulturtage Berlin
7.-17.11.2019
Elf Tage, elf Spielorte und Künstler aus Russland, Israel, Deutschland und den USA. Konzerte, Theater, Lesungen und weitere Events stehen auf dem Programm. Erleben Sie mit uns die Vielfalt jüdischer Kultur, z.B. mit Avi Avital und Omer Avital am 10.11. in der Synagoge Rykestraße.
Alle Termine, Tickets & Infos unter www.juedische-kulturtage.org
Die neueste Anekdote aus dem Berliner Kammergericht präsentiert Bernd Schlömer (MdA FDP). Der wollte vom Senat wissen, wie regelmäßig IT-Sicherheitsbelehrungen in der Berliner Justiz durchgeführt werden. Die Antwort: gar nicht. „Eine Verfahrensvorschrift zur regelmäßigen Durchführung einer IT-Sicherheitsbelehrung im Justizwesen des Landes Berlin ist nicht bekannt.“ Auch eine Überprüfung ob Belehrungen regelmäßig durchgeführt werden, „findet nicht statt“. Der FDP-Mann fordert: „Sollte fehlende Akzeptanz und fehlende Einsicht für sicherheitsbewusstes Handeln in der Justizverwaltung weiterhin vorherrschen, ist unweigerlich der Justizsenator selbst persönlich in Verantwortung zu nehmen.“ Herr Behrendt.
Da ist sie: die rot-rot-grün-schwarze Koalition im Abgeordnetenhaus. Zumindest was die Nachwahl der Präsidentin und zweier neuer RichterInnen am Berliner Verfassungsgericht angeht. Gemäß der bisherigen Arithmetik können CDU, Linke und SPD je eine Nachfolge nominieren (die Richterinnen auf Grünen-Ticket sind noch bis 2021 im Amt). Ihre KandidatInnen haben sie am Dienstag den Fraktionen präsentiert: Lena Kreck für die Linke (Professur Recht und Gesellschaft an der Evangelischen Hochschule Berlin, davor u.a. bei der Fachstelle für LSBTI*-Geflüchtete bei der Schwulenberatung Berlin) / Christian Burholt für die CDU (Fachanwalt für Medizinrecht, seit 2014 an der HWR Berlin, seit 2015 Partner bei Baker McKenzie) und Ludgera Selting als Präsidentschaftskandidatin für die SPD (Vizepräsidentin des Landgerichts Berlin). Am Donnerstag soll im Parlament gewählt werden. Erforderlich ist eine Zweidrittelmehrheit. Die hat R2G mit der Union. Man ist sich einig.
Öffentlich Uneinigkeit demonstrieren wollte CDU-Fraktionschef Burkard Dregger am Dienstag in einer anderen Angelegenheit. „Die Linkspartei ist die Partei von Mauer und Stacheldraht“, sagte er und schloss einen gemeinsamen Parlamentsbeschluss zum bevorstehenden 30. Jahrestag des Mauerfalls aus. „Wir erleben ja in diesen Tagen, dass selbst in der SPD darüber fabuliert wird, ob die DDR ein Unrechtsstaat war, also wollen wir deutlich machen, dass sie es gewesen ist.“ Mit einem eigenen Antrag.
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#BeBaroque: Die BAROCKTAGE der Staatsoper Unter den Linden vom 1. bis 10.11.
In Opern, Konzerten und Performances widmet sich das Festival dem vielseitigen Œuvre von Alessandro Scarlatti und Henry Purcell. Premiere am 1.11. feiert »Il Primo Omicidio«, neu inszeniert von Romeo Castellucci. Wir verlosen dafür 3x2 Karten, Teilnahme per Mail an social@staatsoper-berlin.de.
Perspektiven nach dem Mauerfall: Team Checkpoint diskutiert am kommenden Freitag (01.11./ 18.30 Uhr) im Panorama von und mit Yadegar Asisi und Gästen. Nach einer Eröffnungsrede von Peter Sloterdijk nehmen sich Bazon Brock und Gabor Altorjay mit Anke Myrrhe die Vergangenheit vor, ich rede mit Dimitri Hegemann und Valerie Schönian über die Gegenwart, und was die Zukunft bringt, bespricht Lorenz Maroldt mit Volker Hassemer und Sawsan Chebli. Die Veranstaltung ist nur für geladene Gäste – an zahlende Abonnentinnen und Abonnenten des Checkpoints vergeben wir die letzten Gästelisteplätze. Einfach eine kurze Mail: checkpoint@tagesspiegel.de. Das Los entscheidet.
Nach der Checkpoint-Meldung „Vortragende für Giffeys Gleichberechtigungs-Veranstaltung bekommen kein Geld“ erreichte uns folgende Mail einer anerkannten Berliner Politologin: „Ihr Artikel berührt ein grundsätzliches Problem. Der Umgang von Ministerien mit ihren Beratern und Beraterinnen ist hanebüchen. Heißen sie ‚McKinsey‘ oder ähnlich, werden Tausende pro Tag gezahlt, heißen sie ‚Prof. Dr.‘ gibt es nichts. Mir kommen solche Veranstaltungen vor wie: ‚Das Ministerium hält Hof‘. Wer sich einschmeichelt, hat Chancen bei der nächsten Vergabe von Forschungsaufträgen berücksichtigt zu werden. Auch scheint mir, dass beim Thema ‚Gleichberechtigung‘ besonders häufig von einer intrinsischen Motivation der Forscherinnen ausgegangen wird und eine Bezahlung daher als unangemessen erscheint. Doch auch männliche Kollegen klagen. So erzählte mir ein Mitglied einer Bundestags-Enquete-Kommission, zu Mittag habe es immer nur Karottensuppe gegeben.“
Kein Glückwunsch zur „Goldenen Kartoffel“. Verliehen durch die deutschen MedienmacherInnen geht der Preis für „besonders unterirdische Berichterstattung“ im Jahr 2019 an die vier politischen Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: hart aber fair, maischberger, Anne Will, maybrit illner. Zur Begründung heißt es: „Die Ankündigungen sind oft reißerisch und mit plumpen Fragen versehen, bspw. ‚Heimat Deutschland – nur für Deutsche oder offen für alle?‘, ‚Bürger verunsichert – Wie umgehen mit kriminellen Zuwanderern‘, ‚Angst vor dem Islam: Alles nur Populismus?‘, ‚Gekommen, um zu bleiben. Neue Zuwanderer, alte Probleme?‘“ Weniger Vorurteile, weniger Panikmache. Gilt für alle.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Blick auf die Insel: Am 12. Dezember wählen die Briten ein neues Parlament. Dafür hat das Unterhaus in London am Dienstagabend gestimmt. Die entscheidende Debatte: emotional, aber humorvoll. Großbritannien ist, wenn man trotzdem lacht.
Blick auf den Bund: Nach der Wahlkatastrophe in Thüringen verschärft sich der Machtkampf innerhalb der CDU. Erst attackiert Friedrich Merz, dann Roland Koch. Aufstand der Konservativen. Da meinen es welche ernst.
Blick auf Berlin: Ein 70-jähriger Mann ist am Montagnachmittag in Pankow antisemitisch beleidigt und angegriffen worden, erlitt Verletzungen an Kopf und Kinn. „Das sind Geschehnisse, die in unserer Stadt angesichts unserer Geschichte einfach nicht passieren dürfen und die niemals zur Normalität werden dürfen“, sagt der Regierende Michael Müller (SPD). Und wahrscheinlich kann man es in Zeiten wie diesen nicht oft und nicht laut genug sagen.
Seit Jahren gehören Provokationen, Beleidigungen und Mobbing für jüdische SchülerInnen in Berlin zum Alltag. Erst seit Halle macht es den Eindruck, dass das auch zur Kenntnis genommen wird. Kollege Hannes Heine war vor Ort, hat mit Beteiligten und Betroffenen gesprochen. Seine große Reportage lesen Sie heute im Tagesspiegel.
Die Klimainitiative „Am Boden bleiben“ ruft am Wochenende vom 8. bis 10. November zum Protest an Berlins Flughäfen auf. „Weltweit gehen Millionen von Menschen für Klimagerechtigkeit auf die Straße. Doch die Luftfahrtindustrie fliegt uns ungebremst weiter in die Klimakrise“, heißt es in der Erklärung. Man wolle „keine einzelnen Flugreisen“ verhindern, sondern ein „Zeichen für eine klimafreundliche und gerechte Mobilität für alle“ setzen. Die Ansage: „Flugindustrie blockieren!“
Die Bahn verkündet eine Störung… Wir rufen Bingo! Im Jahr 2019 bereits 840 Mal. 98 Weichenstörungen, 225 Signalstörungen und 517 sonstige, technische Störungen wurden im Berliner Netz gezählt. Kostenpunkt: 732.807 Euro (Q: Anfrage Gunnar Lindemann / MdA AfD). Den Zustand der Betriebsanlagen beurteilt die S-Bahn Berlin GmbH trotzdem „grundsätzlich als zufriedenstellend“.
2.100 Euro für ein Menschenleben. Weil er einen Radfahrer im vergangenen Jahr übersehen, überrollt und so ums Leben gebracht hat, wurde ein LKW-Fahrer jetzt vom Amtsgericht Tiergarten zu 70 Tagessätzen à 30 Euro verurteilt. Der Fahrer, so die Anklage, sei für einen Augenblick nicht aufmerksam gewesen. Bei „aufmerksamer Rückschau über die vorhandenen Spiegel“ hätte er den Radfahrer erkennen und den Unfall vermeiden können. Fahrlässige Tötung.
Checkpoint wirkt! Nachdem Kollege Stefan Jacobs vergangene Woche auf der Oberbaumbrücke Maß angelegt und festgestellt hat, dass die neue Verkehrsführung nicht dem Mobilitätsgesetz entspricht, justiert die Senatsverwaltung jetzt nach. Der Radweg soll geschützt und die Breite der Spuren „überprüft und gegebenenfalls angepasst“ werden.
„Ende der Schonfrist“ schreibt die „Berliner Zeitung“. Die Dieselverbotsschilder sollen in der zweiten Novemberhälfte in Mitte und Anfang Dezember in Neukölln stehen. Offiziell gilt die Durchfahrtsbeschränkungseit September.
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Berlin Science Week Magazin 2019
Schmilzt das Eis schneller als gedacht und was bedeutet das für unser Klima?
Vom 1. bis 10. November gibt die Wissenschaftswoche Antworten auf die drängendsten Fragen unserer Zukunft. Wissenschaftler aus der ganzen Welt bringen ihre neuesten Forschungsergebnisse nach Berlin.
Das Magazin mit Programm und Hintergründen hier gratis zum Download.
Was lange währt, ist made in Berlin. Seit 2014 sind dem Senat Bemühungen der Elternvertreter bekannt, auf Höhe der Schmöckwitzer Insel-Schule eine Bedarfsampel für Fußgänger zu errichten. Ein entsprechender Antrag wurde (ebenfalls 2014) vom Bezirksamt Treptow-Köpenick gestellt. Jetzt teilt Staatssekretär Ingmar Stresse mit: „In der heutigen Besprechung mit Alliander und der VLB hat die Baufirma zugesagt, mit den Bauarbeiten (…) am 13.11. zu beginnen und die Ampel noch vor Weihnachten in Betrieb zu nehmen.“ Hoffentlich 2019.
Wir hätten da schon ein Weihnachtswunder! Der Konflikt um das Sicherheitskonzept für den Weihnachtsmarkt vor dem Schloss Charlottenburg wurde kurz vor der drohenden Absage gelöst.
Alle Jahre wieder wird ein Standort für das neue Hertha-Stadion ins Gespräch gebracht. Dieses Mal: wieder der Festplatz in Tegel.
Nur die Liebe zählt: 5.342 Ehen wurden dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg zufolge 2018 in Berlin geschieden – rund 728 weniger als im Jahr zuvor. 42 Ehen hielten nur ein Jahr. Statistisch verflixt war das sechste.
Jede Spende zählt: Es wird wieder kalt. Und draußen sind Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Der gemeinnützige Verein „Moabit hilft“ sucht deshalb dringend Winterjacken, Schlafsäcke, Socken und Schuhe.
Welche Ausrede zählt da? Ein Brief an die 83-jährige Mutter unseres Lesers (wohnt seit 58 Jahren in derselben Wohnung und ist dort ebenso lange gemeldet) wurde an den Absender zurückgeschickt. Die Begründung: „Empfänger unter der angegebenen Anschrift nicht zu ermitteln“. Die Fragen: Ist das normal? Ist das Berlin? Oder ist das nur die Deutsche Post? Der Tagesspiegel kommt an derselben Adresse übrigens seit Jahrzehnten an.
Sie haben den Dealern ein Denkmal gebaut. Zumindest für 24 Stunden. Eine Gruppe um den amerikanisch-französischen Künstler Scott Holmquist hat am Sonntag im Zuge der Demo „Solidarität und Menschenrechte für alle – auch für Dealer“ im Görlitzer Park die Skulptur „Letzter Held“ aufgestellt. (Q: „Bild“) Marcel Luthe (MdA FDP) kommentiert: „Dealer in Berlin haben alle Menschenrechte (…). Auf Statuen haben sie sicher kein Recht.“
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Die Kneipen denen, die drin saufen!“
Rund 100 UnterstützerInnen haben sich am Dienstag vor dem Landgericht versammelt, wo die Räumungsklage gegen die Kiezkneipe Syndikat verhandelt wurde. Das Urteil steht noch aus.
Tweet des Tages
Schlange vorm Einlass. Schlange vor der Kasse. Schlange vor der Gaderobe. Schlange vor der Toilette. In Berlin feiern zu gehen ist ja auch immer ein bisschen Entschleunigung.
Stadtleben
Essen – Bei Tageshöchstwerten im einstelligen Bereich und Nachttemperaturen um den Nullpunkt wärmt sich der Foodie an bernsteinfarbenem Ahornsirup, der vom aufgegabelten Waffelstück tropft – auch wer lieber an fingerdicken Nutella-Aufstrich oder gar Eierlikör denkt, wird im Café La Tortuga nicht enttäuscht. Entschleunigt, wie der Name schon sagt – Tortuga heißt auf Spanisch Schildkröte – kann man hier durch die großen Fenster das Menschentreiben auf der verkehrsberuhigten Koloniestraße (Gesundbrunnen) beobachten. Und wer es lieber nicht so süß mag, kann die Waffel auch mit Feta, Prosciutto oder Pesto füllen lassen. Koloniestraße 23, U-Bhf Osloer Straße, Mo-Fr 10-17 Uhr, So 13-17 Uhr
Trinken – Es sieht aus, als würde das Schild gleich runterfallen. Ein umgedrehtes, grünes F hängt da am Eingang nur mehr an einer rostigen Schraube, möchte man glauben – dahinter eine kleine, dunkle Bar zwischen Wedding und Prenzlauer Berg. Aber nein, das Schild der F-Bar gehört genauso und es mag etwas schummrig sein, aber dafür dürfen Besucher mit Stiften an die Wand malen, was auch immer sie wollen, zum Beispiel mit Straßenmalkreide – und nebenbei schön Cocktails und Craft Beer trinken. Grüntaler Straße 9, Mo-So 18-5 Uhr, S/U-Bhf Gesundbrunnen
Berlinbesuch – Ein Ort für „notorisch ganz verkommene Personen, um die sich niemand kümmert“ – das war der Urnenfriedhof an der Seestraße früher, so festgeschrieben in einer Verordnung. Dort wurden anfangs verstorbene Patienten der Charité beigesetzt, die keine Angehörigen hatten. Heute ist es ein großer, städtischer Friedhof mit eindrucksvoller Landschaftsgestaltung. Früher letzte Ruhestätte für verlorene Seelen, kann ein Spaziergang dort nun Ruhe im Kopf und ein schönes, aber stilles Miteinander schaffen. In einer Großstadt braucht man das manchmal. Seestraße 92-93, U-Bhf Seestraße, Mo-So 8-16 Uhr
Geschenk – Angefangen hat alles ein halbes Jahr nach dem Mauerfall – da erschienen die ersten Kunstwerke an der East Side Gallery. Heute ist sie die längste und eine der bedeutendsten Open-Air-Galerien weltweit. Welches Kunstwerk ein indischer Yogi entworfen hat, wie man sich das „Paradies aus der Dunkelheit“ vorstellen soll und wie es im August 1990 da noch aussah – das zeigt der Bildband „East Side Gallery“. Entworfen haben ihn Kani Alavi und Jörg Weber, Gründungsmitgliedern der Künstlerinitiative East Side Gallery, zusammen mit dem Tagesspiegel. Heute um 17 Uhr wird das Buch vor dem Tagesspiegel-Pop-Up-Store im Bikini Berlin vorgestellt (Budapester Str. 38-50, S/U-Bhf Zoologischer Garten). Es gibt eine Signierstunde und ein „Live-Painting“ von Alavi und Weber. Erhältlich ist es für 9,95 Euro im Tagesspiegel-Shop, im Pop-Up-Store oder online. Außerdem verlosen wir drei Exemplare – zum selbst behalten oder verschenken – die kleinen Texte zu Künstlern und Werken sind auf Deutsch und Englisch.
Last-Minute-Tickets – Wie würde der Titel eines Buches lauten, das die Hugenotten, die Hohenzollern, Proletarier, Großindustrielle und (Überlebens-)Künstler der Goldenen Zwanziger vereint? – Jens Bisky, Kulturredakteur der Süddeutschen Zeitung, hat auf 976 Seiten gewagt, was sich seit Jahrzehnten niemand getraut hat: die Geschichte Berlins als Gesamtdarstellung vom Dreißigjährigen Krieg bis in die Gegenwart zu schreiben. Sein Buch „Berlin. Biografie einer großen Stadt“ stellt er um 19.30 Uhr im Literaturhaus Berlin vor. Fasanenstraße 23, U-Bhf Uhlandstraße, Tickets kosten 7 Euro
Noch Hingehen – Ein weißer Zylinder vor einer weißen Wand, die Videoansprache eines US-Präsidenten, Bilder anderer Künstler mit neuer Beschriftung. Die Ägyptische Künstlerin Iman Issa benutzt Installationen, Klang, Video, Skulpturen, Fotografie und Text in ihren Werken – und interpretiert Arbeiten anderer Künstler neu. Manchmal will sie damit dekonstruieren, manchmal Subtext sichtbar machen. Noch bis zum 10. November ist ihre Ausstellung „Iman Issa. Book of Facts“ in der DAAD Galerie zu sehen. Oranienstraße 161, U-Bhf Moritzplatz, Di-So 12-19 Uhr, Eintritt frei
Verlosung – Kitsch aus Kiew oder Sitzkissen aus dem Senegal: Auf dem Bazaar Berlin im Messegelände sind von 6. bis 10. November 500 Aussteller aus 60 Ländern vertreten und bieten Landestypisches, Fair-Trade-Ware und Upcycling-Produkte an. Sie können gern probieren, um den Preis zu feilschen – der Checkpoint übernimmt hierfür aber keine Erfolgsgarantie. Was wir Ihne jedoch garantieren können sind 10x2 Freikarten für einen Tag ihrer Wahl. Geöffnet ist Mi-Sa 10-20 Uhr, So 10-19 Uhr, Messedamm 22 (S-Bhf Messe Nord/ICC)
Mit diesem Stadtleben wünscht Ihnen Melanie Berger einen wunderbaren Mittwoch!
30 Jahre, 30 Tage
30. Oktober 1989, 10 Tage bis zum Mauerfall – Es ist Montag und so versammeln sich in mehreren Städten wieder Massen an Menschen, um für Demokratie und friedliche Veränderungen auf die Straße zu gehen. Allein in Leipzig protestieren an diesem Abend rund 200.000 Menschen. Von Ignoranz der DDR-Spitzen gegenüber Protest und Aufbruchsstimmung zeugt eine Forderung des Präsidenten des Turn- und Sportbundes des DDR, Klaus Eichler: Er wolle sich weiter um die Austragung der Olympischen Spiele im Jahr 2004 in Leipzig bemühen, sagt er bei einer Diskussion mit Leipziger Studierenden. Dass es sich bei der Idee ursprünglich um ein Hirngespinst Honeckers handelte, der damit dem Wunsch aus dem Westen nach einer Gesamt-Berliner Olympia-Bewerbung entgegenhalten wollte, ignorierte Eichler. Am Ende finden die Spiele jedoch in Athen statt und werden dort mit einem fulminanten Feuerwerk eröffnet (siehe Bild).
Foto: Alterego (CC-BY-SA 3.0)
Berlin heute
Verkehr – Zeitweilige Teil- und Vollsperrungen erwarten Sie heute auf drei Autobahnen: Auf der A10, südlicher Berliner Ring, steht Richtung Autobahndreieck Potsdam in Höhe der Rastanlage Michendorf von 9-15 Uhr nur ein Fahrstreifen zur Verfügung. Die AVUS wird etwa von 9.45-10.15 in beiden Richtungen zwischen den AS Hüttenweg und Spanische Allee voll gesperrt. Die A111 ist von 21-5 Uhr in Fahrtrichtung Dreieck Charlottenburg zwischen den AS Waidmannsluster Damm und Am Festplatz nicht befahrbar. Von 8-17 Uhr ist die Richard-Wagner-Straße in Charlottenburg in beiden Richtungen zwischen Zillestraße und Bismarckstraße gesperrt. Ab 10 Uhr steht bis Mitte 2020 auf der Neue Roßstraße in Mitte zwischen Wallstraße und Neue Jakobstraße für beide Richtungen jeweils nur ein Fahrstreifen zu Verfügung. Rund um die Mercedes-Benz-Arena kann es ab 19 Uhr zu Staus kommen, ebenso wie an der Max-Schmeling-Halle und dem Olympiastadion. Die Charlottenburger Schloßbrücke, die seit Anfang Juli gesperrt war, wird am Nachmittag für den Verkehr wieder frei gegeben.
Demonstration – Die Gruppe „M99 Gemischtwaren mit Revolutionsbedarf“ veranstaltet eine Kundgebung mit dem Titel: „Mietenwahnsinn am Beispiel des Eigenbedarfsprozesses“. Los geht’s um 9 Uhr an der Möckernstraße 130, vor dem Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg (ca. 20 Teilnehmer , bis 11.30 Uhr). Am Pariser Platz wollen 20 Menschen zusammenkommen für eine „Solidaritätsmahnwache zum Berufungsprozess in Metz/Frankreich gegen neun Greenpeace-Aktivisten“, organisiert hat das Greenpeace Berlin (11-15 Uhr). Die „Spiel- und Spaßaktion für eine ernste Sache“ findet von 15.30-16.30 in der Swinemünder Straße 78 mit ca. 200 Personen statt, angemeldet von der „MachMit!-Gruppe“. Eine Fahrrad-Demo zieht von 18-20 Uhr durch Kreuzberg und Neukölln, Motto: „Diese Kottical-Mass ist eine Demonstration von Fahrradfahrern. Wir wollen die Bezirksregierung anstoßen, endlich mit dem Bau des geschützten Radwegs auf dem Kottbusser Damm zu beginnen“. Start: Kottbusser Brücke, Seite Planufer. Es geht über den Kottbusser Damm zum Hermannplatz und wieder zurück zum Ausgangspunkt. 50 Teilnehmer sind angemeldet, organisiert vom „Netzwerk Fahrradfreundliches Friedrichshain-Kreuzberg“
Universität – Die Aktualität des Nazismus in Deutschland und Frankreich. Damit beschäftigt sich eine Ringvorlesung der Freien Universität, die noch bis Februar 2020 jeden Mittwoch stattfindet. Heute spricht Etienne François über „Vergangenheit und Verantwortung – Deutsche Erinnerungspolitik aus der Sicht Frankreichs“. 18-20 Uhr, der Eintritt ist frei, Raum KL 32/123, Habelschwerdter Allee 45, U-Bhf Freie Universität
Gericht – Weil er vier Mal in eine Villa in Dahlem eingebrochen sein soll, muss sich ein 34-Jähriger verantworten. Er habe insgesamt eine Beute im Wert von rund 300.000 Euro gemacht (9 Uhr, Kriminalgericht Moabit, Turmstraße 91, Saal 220). Außerdem wird ein 55-Jähriger angeklagt, der über fünf Jahre hinweg die zunächst 12-jährige Tochter seiner Lebensgefährtin missbraucht haben soll. Die Mutter (48) ist mitangeklagt. Sie soll die sexuellen Übergriffe toleriert und ihre Tochter gedrängt haben, den Missbrauch zu erdulden (13 Uhr, Kriminalgericht Moabit, Saal 820).
Berliner Gesellschaft
Geburtstag – Stipe Erceg (45), Schauspieler / Johanna von Koczian (86), Schauspielerin, Sängerin und Schriftstellerin / Gerti Möller (89), Sängerin / Erol Özkaraca (56), ehem. für SPD im AGH / Peter Pekarík (33), Verteidiger bei Hertha BSC / Christina Rau (63), Politologin und Ehefrau des ehem. Bundespräsidenten Johannes Rau / Bernd Riexinger (64), Parteivorsitzender der Linken, Bundestagsmitglied, Gewerkschafter / Boris Velter (52), Leiter „Gesundheitsstadt Berlin 2030, ehem. SPD-Staatssekretär für Gesundheit / Kurt Wansner (72), für CDU im AGH / Volker Wieprecht (56), „Radio- und rbb-Abendschau-Moderator, Wortwitzkünstler und bestgekleideter Journalist – stets mit Einstecktuch. Alles erdenklich Gute zum Geburtstag und immer hervorragende Gesundheit wünscht eine geneigte Hörerin“ - und Team Checkpoint!
Sie möchten jemandem zum Geburtstag gratulieren? Schicken Sie einfach eine Mail an checkpoint@tagesspiegel.de.
Gestorben – Heinz Viktor Simon, langjähriger Vorstand des Erbbauvereins Moabit / Herman Vinck, Schauspieler, Regisseur und Autor
Stolperstein – Hedwig Eppstein (Jhg 1903) half vielen Juden Deutschland zu verlassen. Sie organisierte Auswanderungen, vor allem nach Plästina. Mehrmals hätten sie und ihr Mann selbst das Land verlassen können – doch sie blieben, kehrten sogar mehrmals von Auslandsreisen zurück, wollten helfen. Im Januar 1943 kam Hedwig Eppstein ins KZ Theresienstadt von wo sie Ende Oktober 1944 mit dem letzten Transport nach Auschwitz gebracht und ermordet wurde. Ihr Todestag ist offiziell heute vor 75 Jahren. Ein Stolperstein erinnert an sie in der Ludwigkirchstraße 10 in Wilmersdorf.
Encore
An dieser Stelle blicken wir bis zum Sonnabend jeden Tag auf das Derby Union gegen Hertha und machen den großen Vergleich – heute: die Sponsoren.
Union Berlin: Für die Fans und Mitglieder „geht es um Fußball pur und nicht um den Verkauf des Produkts Fußball“. So jedenfalls steht es auf der Unionpage. Weil der Verein trotzdem Geld braucht, insbesondere in Liga 1, wurde Aroundtown SA, ein milliardenschweres Immobilienunternehmen mit Sitz in Luxemburg, zum diesjährigen Hauptsponsor. Fans und Mitglieder fanden das eher halb gut. Auf dem Trikot prangt das Logo trotzdem. Wie viele in dieser Saison bereits verkauft wurden, will man auf Checkpoint-Nachfrage nicht preisgeben.
Hertha BSC: Die exakte Anzahl der verkauften Trikots hält auch Hertha geheim. Aber immerhin: Es sind 26 Prozent mehr als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr. Hauptsponsor ist bereits in der zweiten Saison TEDi. Gemeinsam steht man, so heißt es auf der Webseite, für „Einsatzbereitschaft, Teamgeist und Bodenständigkeit“. Was vor allem eint: ein Teddy als Maskottchen.
Fazit: Punkt für Hertha. Aus Transparenz- , Image- und Tiergründen.
Tierisch guten Berlin-Content gibt's hier morgen mit Stefan Jacobs. Kommen Sie gut durch den Tag!