Was, schon so früh? Jetzt aber schnell raus ins Leben; schließlich ist Zeit Geld – und Berlin hat beides nicht. Besonders nicht im Berufsverkehr, in dem so ziemlich alles verkehrt läuft. Gerade wenn man fußläufig verkehrt und versucht, mit den grünen Ampelphasen mitzuhalten, die einen nicht nur auf der Schönhauser Allee zügig rot sehen lassen. Zum Glück haben Autos in dieser Stadt einen großen Hupraum, um sprintenden Fußgängern endlich Beine zu machen, was der weltberühmte Stadtplaner Martin Aarts allerdings „schockierend“ und schlicht „Wahnsinn“ findet. Dann geh doch weg, hupen ihm Berlins Autostadtplaner dazwischen. Und so fahren wir fort. Und müssen laufend rennen.
Hier geht es erst mal langsam weiter:Ein politisches Leidbild, huch, Leitbild will heute Rot-Rot-Grün in der Senatssitzung beschließen (Ziele: „Wirtschaft mit smartem Wissen stärken“, „Wo Stadt und Grün gemeinsam wachsen“). Wie in der Koalition zusammenwächst, was oft nicht zusammengehört, kann man an einem kleinen, aber wichtigen Projekt sehen: der Suche nach einer Zufluchtswohnung für Zwangsverheiratete. Festgeschrieben im Koalitionsvertrag schafften es die Senatoren Elke Breitenbach (Linke), Dilek Kolat (SPD) und Dirk Behrendt (Grüne) in zwei Jahren offenbar nicht, „das Projekt im Haushalt einer der Fachverwaltungen einzustellen beziehungsweise vorhandene Mittel dafür zu verwenden“, wie der Lesben- und Schwulenverband beklagt. Die AWO hatte sogar eine Wohnung angeboten und vorfinanziert, das fehlende Geld sollte dann auf Anregung der Senatskanzlei bei der Lottostiftung besorgt werden. „Diese lehnte den Antrag aber in einer geheimen Sitzung ab“, bestätigte Justizsprecher Sebastian Brux auf Checkpoint-Nachfrage. „Das Projekt ist damit tot“, sagt Christian Meyerdierk von der AWO. „Wir müssen die Wohnung aufgeben oder einem anderen Projekt zur Verfügung stellen.“ Nichtstun fordert Opfer, nur keine politischen.
Neue Leitlinien braucht auch die Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, nachdem unter dem entlassenen Leiter Hubertus Knabe offensichtlich ein Klima der sexuellen Belästigung um sich greifen konnte. Nun haben 41 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen Brief an den Stiftungsrat und den Bundestag unterschrieben, in dem die Abberufung Knabes als „notwendig“ eingestuft und ein Kulturwandel im ehemaligen Stasi-Knast eingefordert wird. Erst recht hier sollte gelten: Arbeitsplätze dürfen keine inneren Gefängnisse sein.
Der Berliner AfD wird es in Berlin zu bunt, deshalb wünscht die Fraktion jetzt in einem plump-perfiden Weihnachtskalender „weiße Weihnachten“ – versehen mit dem Hashtag #JazuweißenMännern. Darin beruft sie sich etwa auf einen gewissen „Berthold Brecht“. Der, so behauptet AfD-Sprecher Ronald Gläser in einem Video, würde heute zu Angela Merkel und den angeblichen Konsensparteien angeblich das sagen, was er früher zu den Stalinisten in Ost-Berlin gesagt habe: „Sie versuchen, das Volk aufzulösen und sich ein neues zu wählen.“ Dazu der Kommentar von Bertolt Brecht: „Kein Vormarsch ist so schwer wie der zurück zur Vernunft“.
Kurze Stadtkunde gefällig? Folgen wir einem jungen Mann, der zwei Touristinnen durch Schöneberg führt und an einem schmucklosen Haus am Winterfeldtmarkt andächtig ausruft: „Und das hier ist so ein typisches DDR-Gebäude.“ (via Ulrich Staudigl). Oder begeben wir uns auf die Spur eines Berlin-Besuchers (via Anne Vorbringer) und seiner Frage: „Wenn ich da vorne rechts abbiege, ist dann da der Bahnhof Greifswalder Straße?“ Antwort des Berliners: „Der is ooch da, wennse nich da abbiegen.“
Wegschmeißen kann man sich in Kiezhausen ja immer. In der Norwegerstraße in Prenzlauer Berg etwa wächst seit Monaten eine illegale Müllkippe und lädt zum Ratte-Macchiato-Trinken ein. Eine Meldung von Anwohner Kai Feldhaus ans Ordnungsamt wurde Anfang Oktober amtlich beschieden mit dem Vermerk: Erledigt. Dazu die Bemerkung: Der Hinweis sei ans Grünflächenamt weitergeleitet worden. Danach passierte sechs Wochen berlinisch nüschte. Bis zum erneuten Hinweis des Anwohners Mitte November, man möge doch bitte die Sache nicht einfach nur weiterleiten und damit als erledigt betrachten. Daraufhin kam prompt die nächste Mail. Neuer, alter Status: Erledigt. Begründung: „Ihr Hinweis wurde bereits gemeldet und zuständigkeitshalber an das Straßen- und Grünflächenamt weitergeleitet.“ Damit sind jetzt alle endgültig erledigt.
Heute wird es amtlich: Der schmierige Investor Trockland sitzt mit seinem umstrittenen Projekt zur Hardrockhotelisierung des Checkpoint Charlie politisch auf dem Trockenen. Der Kalte Krieg um die Zukunft des alten Grenzübergangs tobt nun aber zwischen Linken und Grünen auf der einen sowie der SPD auf der anderen Seite. Die linke Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher kündigt vor der Senats-Showdown im Tagesspiegel-Interview an, mit keinem Investor zu verhandeln, bei dem es „einen Anschein gibt“. Damit ist anscheinend die Grenze dicht – ab sofort, unverzüglich.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Hey, wir woll’n den Eisbären seh’n! Doch halt, nach der Geburt eines neuen Eisbären-Jungen im Tierpark in Friedrichsfelde (Video hier) brauchen Mutter Tonja und ihr Baby viel Ruhe vor dem Ansturm. Deshalb lassen wir es hier mal knut sein.
Das hat uns gerade noch nicht gefehlt: Die Aktivisten vom „Zentrum für politische Schönheit“ haben einen Online-Pranger aufgestellt. In der Fußball-Bundesliga hat ein Montagsspiel stattgefunden.
Wir schalten um zu unserem neuen Politik-Newsletter „Morgenlage“. Hier fragt meine Kollegin Maria Fiedler, was sich Friedrich Merz eigentlich dabei gedacht hat, in der Fernsehdoku „Der Machtkampf“ zu erzählen, dass er 2015 und 2016 mit Wolfgang Schäuble über die Ablösung von Kanzlerin Angela Merkel gesprochen habe. Was Schäuble davon hält und was dies alles für Merz‘ Chancen bei der Chefwahl am Freitag bedeutet, lesen Sie in unserem Newsletter hier. Und wie die Simpsons den Dreikampf an der CDU-Spitze vorhersahen, sehen Sie hier.
Aufgeheizte Stimmung bei der Weltklimakonferenz in Kattowitz: Die Welt gibt mehr Kohle, damit auch Deutschland nicht so schnell aus der Kohle aussteigen muss. Und daheim wird das Aktionsprogramm „Heiße Saubere Luft“ von der Bundesregierung aufgeblasen, damit betrügende Autokonzerne noch mal durchatmen können. Leise dieselt der Staub.
Schlechte Nachricht aus Spandau: Hier verkehrt laut letzter BVG-Statistik die unpünktlichste Buslinie Berlins – natürlich ein Expressbus. Der X49 ab Staaken schlenkert nur zu 73,75 Prozent halbwegs rechtzeitig in Richtung Innenstadt. Getreu dem Motto: Alles kann, nichts Bus.
Gute Nachricht aus Friedrichshain-Kreuzberg: Die Tanzlokale „Bi Nuu“ und „Astra“ öffnen im Winter ihre Türen für Obdachlose (via „BZ“). Willkommen im Club!
Tolle Nachricht für den Tagesspiegel: Das multimediale Projekt „Radmesser“ unseres Datenteams um Hendrik Lehmann hat den Reporterpreis gewonnen. Mehr als 100 Freiwillige sind durch Berlin geradelt und haben mit Sensoren gemessen, wie eng sie von Autos überholt werden. Die ganze Recherche gibt’s interaktiv hier, alle Preisträgerinnen und Preisträger von Montagabend hier – darunter Tagesspiegel-Autorin Verena Friederike Hasel für ihre einfühlsame Reportage über einen Berliner Lehrer, der Flüchtlingen Deutsch beibringt. Wir bleiben weiter für Sie aktiv – am Lenker, an der Tafel, mittendrin im Leben von Berlin.
Und dann noch diese irre Nachricht vom verirrten Immobilienmarkt: Eine 55-Quadratmeter-Wohnung in „sehr ruhiger Trendlage beim Wasserturm“ wird gerade für 574.500 Euro inklusive Provision zum Verkauf angeboten (via @justthore). Nachteil: der Quadratmeterpreis von mehr als 10.000 Euro. Vorteil laut Anbieter Immoberlin.de: „In dieser Wohnung erfreut eine sehr ruhige Stimmung im Seitenflügel zum Innenhof. Die Fensteraussichten werden von einem Baum verschönert.“ Da blättert man doch gerne mal was hin.
Ach guck an, die Freie Universität wird heute 70 Jahre alt. Die Welt ist eben ein Dahlem-Dorf.
Noch schnell was aus der Rubrik: Berlin - Unnützes Wissen (via @wegeheld): Am BER funktioniert was – das Free-Wifi.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Man kommt in die Stube, sagt hohoho, blickt in strahlende Kinderaugen und hat plötzlich die ungeteilte Aufmerksamkeit.“
Tobias Groß, langjähriger Weihnachtsmann beim Studierendenwerk, will das eingestellte Angebot wiederbeleben und vermittelt unter „weihnachtsmann2go“ nun selbst Weihnachtsmänner und -frauen.
Tweet des Tages
„Berlin ist auch, wenn Du Freitagabend in der Ringbahn sitzt und nicht weißt: Ist es mein Döner, der hier so stinkt, oder der Typ, der neben mir sitzt?“
Stadtleben
Essen Bekanntermaßen soll ja zu Zeiten des Römischen Imperiums ein kleines gallisches Dorf mithilfe eines Zaubertranks allen Besatzungsversuchen widerstanden haben. So ähnlich wie Moabit, das, obwohl es so ziemlich in der Mitte Berlins liegt, der stadtweiten Gentrifizierung bislang ganz gut standhalten konnte. Aber nicht überall. In der Dortmunder Straße 9 befindet sich seit Kurzem das „Tre Stanze“, ein „Lokal zum Wiederkommen“, wie Kritikerin Elisabeth Binder schreibt. Traditionelle italienische Küche mit volkstümlichem Preisniveau – etwa das „ziemlich gute“ Vitello Tonnato für 11,50 Euro oder das „sehr gut gemachte“ und „großzügig mit Meeresfrüchten angereicherte“ Risotto Mare für 13,50 Euro. Im Netz schwärmen zahlreiche Italiener von der Authentizität der Gerichte in der Moabiter Enklave. Ist das jetzt Gentrifizierung oder die neue Zaubertrank-Quelle der Nachbarschaft? Di-Sa 17-0 Uhr, So 10-0 Uhr, U-Bhf Hansaplatz
Geschenk Entgegen einer weitverbreiteten Auffassung haben nicht Lady Gaga, Daft Punk und noch nicht einmal Cher in Wahrheit damit angefangen: Die stimmbruchartige Registersprungakrobatik, bei der Singstimmen vermeintlich besonders futuristisch wirken sollen, machen Jodler und Bluegrass-Sänger nämlich schon weit länger, und das ganz ohne (technische) Kniffe (Autsch!). Einen Eindruck davon könnte man beim diesjährigen Bluegrass Jamboree! gewinnen, dem Festival für Bluegrass & Americana Musik im Columbia Theater. Ja richtig, gewinnen, denn wir verlosen 2x2 Tickets im Wert von je 25 Euro für reichlich Banjo-Saitensprünge. Schicken Sie einfach bis 12 Uhr eine E-Mail an checkpoint@tagesspiegel.de. Einlass um 19 Uhr am Columbiadamm 9-11, U-Bhf Platz der Luftbrücke