Die Einschätzung des sächsischen Verfassungsschutzes war unmissverständlich: Rechtsextremisten, Hooligans, Kampfsportler und weitere Angehörige der rechten Szene würden kommen, hieß es in einer „Lagebewertung“ am Montag. Von einer „bundesweiten Mobilisierung“ war die Rede, erwartete Teilnehmerzahl im unteren bis mittleren vierstelligen Bereich. Das Tötungsdelikt an einem Deutschen „unter Beteiligung von Tatverdächtigen mit Migrationshintergrund bewirkt einen sehr hohen Emotionalisierungsgrad“, steht in dem Papier. Die Informationen gingen rechtzeitig an sächsische und an Bundesbehörden. Und dennoch war die Polizei am Montagabend mit nur 591 Polizisten im Einsatz, als etwa zehnmal so viele rechte Demonstranten durch Chemnitz randalierten, marschierten, Hitlergrüße zeigten. Nicht nachvollziehbar, heißt es aus Sicherheitskreisen, ein Armutszeugnis für den Rechtsstaat, oder ganz einfach: ein Skandal.
Und es bleibt leider nicht der einzige: Gestern Abend tauchte im Internet der Haftbefehl gegen den mutmaßlichen Haupttäter auf, mit dem vollständigen Namen des Opfers, des verdächtigen Irakers, mehrerer Zeugen und der Richterin. Veröffentlicht unter anderen vom AfD-Ortsverband „Pro Chemnitz“, der zur Demo am Montag aufgerufen hatte, den Post aber schnell wieder löschte, und Pegida-Mitbegründer Lutz Bachmann. Den Begriff #Pegizei halte er für unverantwortlich, hatte der CDU-Ministerpräsidenten Michael Kretschmer kürzlich noch gesagt.
Kleine Erinnerung: Es ist das Land, in dem Journalisten bei rechten Demonstrationen bei der Arbeit behindert werden. Und es ist die Stadt in der der NSU jahrelang unerkannt in mehreren Wohnungen leben konnte.
„Antifaschisten sind auch Faschisten. Feuer mit Feuer zu bekämpfen ist keine gute Idee. Gewaltmonopol liegt allein beim Staat. Wir müssen laut sein, aber niemals radikal“, schrieb Sebastian Czaja, FDP-Fraktionsvorsitzender im Abgeordnetenhaus gestern bei Twitter. Er bezog sich damit auf einen Tweet der SPD-Staatssekretärin Sawsan Chebli, die am Montag nach den ersten Ausschreitungen in Chemnitz geschrieben hatte: „Rechte werden immer stärker, immer lauter, aggressiver, immer radikaler, immer selbstbewusster, sie werden immer mehr. Wir sind mehr (noch), aber zu still, zu bequem, zu gespalten, zu unorganisiert, zu zaghaft. Wir sind zu wenig radikal.“ Was sie damit gemeint hat, hat sie gestern Lorenz Maroldt erklärt.
Das Wort „radikal“ will Chebli in Zukunft vermeiden – und auch Czaja bemühte sich nach einem Shitstorm um eine Erklärung: „Meine Worte waren provokant, ich werde unsere tiefe Überzeugung in den Rechtsstaat niemals in Frage stellen.“
Dazu stellen wir fest: 1) Erst denken, dann twittern. 2) Antifaschismus ist die einzige mögliche Haltung in Deutschland.
Alter Fahrschulen-Witz: Wie lange dürfen Sie im absoluten Halteverbot stehen? Berliner Antwort: Solange, bis die Kinder im Klassenzimmer sind. Weil die Elterntaxis am Morgen häufig zu gefährlichem Verkehrschaos beitragen, hat jemand vor der Victor-Gollancz-Grundschule in Reinickendorf ein überdimensionierte Schild mit der Aufschrift „Für dumme Eltern" aufgestellt. Absolutes Halteverbot. 7.00 bis 14.00 Uhr“ aufgestellt. Der Schulleiter weiß auch nicht, wer es gewesen sein könnte, freute sich jedoch, denn mit Ermahnungen käme man bei Eltern bekanntlich nicht weiter. Und siehe da: „Wo sonst morgens zwischen 20 und 40 Autos stehen, stand kein einziges mehr“, sagte er der "BZ". Wer will schon dumm sein, zumal in Anwesenheit von Lehrern? Doch Halt, Verbot!, dachte sich der zuständige Stadtrat, Sebastian Maack, AfD – dem vermutlich aufgebrachte Wutbürger die verbotenen Verbotsschilder gemeldet hatten – und hat sie wieder abmontiert. „Das ist gegen die Straßenverkehrsordnung.“ Schilder weg, Autos wieder da.
Wann die Kinder wieder abgeholt werden können, hängt offenbar auch nicht unwesentlich von ihren Augenlidern ab: „Unsere Enkelin hatte gestern eine Stunde früher als erwartet Schulschluss“, schreibt uns eine CP-Leserin aus Kreuzberg. Der Mathe-Förderunterricht in der JüL-Klasse (1-3) sei ausgefallen, Aussage des Kindes: „Die Lehrerin hat gesagt, wir sehen zu müde aus.“ Und Feierabend.
Damit die Kinder trotzdem richtig rechnen lernen, übernehmen eben wir die heutige Lektion Mathe lernen mit dem Checkpoint. Zu wie viel Verspätung es aufgrund „mangelhafter Gepäckabfertigung oder langwieriger Personenkontrollen“ an Berliner Flughäfen kommt, wollte der CDU-Abgeordnete Oliver Friederici wissen. Antwort der Flughafengesellschaft: In Tegel verbrachten Passagiere im Juni (noch vor den Ferienkofferbergen) 5800 Minuten an der Gepäckabfertigung, macht 96,7 Stunden oder 4,03 Tage (an der Kontrolle waren es 2300 min/38,3 St./1,6 Tage). In Schönefeld ging es deutlich schneller: 1300 Minuten, 21,6 Stunden, nicht mal einen ganzen Tag verbrachten Reisende dort an Abfertigung und Kontrolle (1200min./20 St.). Und siehe da: Im Bundesverspätungsvergleich liegt Berlin sogar an der Spitze, und ausnahmsweise muss man dafür nicht mal die Tabelle dreh‘n: Während in Düsseldorf im Juni nur 51,9 Prozent der Flüge pünktlich waren, in Frankfurt 53,8 Prozent und in Hamburg 65 Prozent, waren es in Tegel 66,7 Prozent und in SXF sogar 75,3 Prozent. Kein Grund für Höhenflüge allerdings: Vor Schönefeld lagen zuletzt noch Dortmund, Hannover, Köln/Bonn, Stuttgart und Bremen – die hat die FBB in der Antwort nur geschickt weggelassen.
Weggelassen werden sollte auch der Radweg auf der Schönhauser Allee, Begründung: Das Ziel, weniger Autoverkehr zu erreichen, kann wegen zu viel Autoverkehr nicht erreicht werden. Nun hat Verkehrssenatorin Günther offenbar doch noch etwas ins Rollen gebracht: Eine „neue tragfähige Lösung ist in der Abstimmung zwischen SenUVK und Bezirk“, twitterte sie gestern Abend.
Wie die aussehen soll, wird sie uns sicher bald verraten. Dass die Stadt bei der Förderung des Radverkehrs kilometerweit hinterherfährt, hat Greenpeace gestern noch einmal deutlich gemacht (Berlin gibt jährlich 4,70 Euro pro Einwohner für den Radverkehr aus, Kopenhagen 35,60 Euro, Studie hier). Eigentlich reicht allerdings auch ein kurzer Blick auf eine Busspur an einem beliebigen Nachmittag im Berufsverkehr.
Berliner Schnuppen
Telegramm
Heute will Joachim Löw (58, Bundestrainer) seine Analyse zum WM-Aus vorlegen. So viel Zeit, wie er hatte (57 Tage), ist Revolutionäres zu erwarten (nicht).
Heute will Michael Müller (53, Regierender Bürgermeister) seine Analyse zum Wohnen vorlegen. So viel Zeit, wie er hatte (1356 Tage im Amt) ist Revolutionäres… na schauen wir mal.
Er war maßgeblich daran beteiligt, dass aus der West-Berliner „Abendschau“ im SFB eine Sendung für ganz Berlin wurde: Kurz nach der Wende übernahm Friedrich Moll die Moderation der heute reichweitenstärksten Fernsehsendung der Stadt, moderierte sie bis 2007 im rbb. Kurz nach seinem 70. Geburtstag ist Moll nun verstorben.
Einen Nachruf seines langjährigen Kollegen Ulli Zelle in der Abendschau sehen Sie hier.
Schon etwas länger nicht mehr unter uns weilt Michael Jackson, der heute 60 Jahre alt geworden wäre. Dazu sollte es die passende Party heute Abend im Theater am Potsdamer Platz geben: Mit der Premiere des Musicals „Beat it!“. Doch die Jackson-Erben haben keine Lust auf Torte: Sie haben den Impresario Oliver Forster verklagt, weil der die Rechte nicht habe. Es geht um die Frage: Ist es eine reine Nummernrevue (dann reicht die Gema-Gebühr) oder gibt es eine Story – dann müsste Forster die kompletten Einnahmen zurückzahlen. Ein echter Thriller.
Was Michael Jackson sonst noch mit Berlin am Hut hatte, hat mein Kollege Andreas Conrad hier aufgeschrieben.
„Ich wollte der Michael Jackson der DDR werden“, erzählt Choreograf Detlef D! Soost heute in der Berliner Zeitung. You know, I’m bad. Falls Sie damit irgendetwas anfangen können.
Apropos DDR-Erbe: „STOP WARS“ steht schon länger in großen (inzwischen etwas verblassten) roten Buchstaben auf dem ehemaligen Haus der Statistik am Alexanderplatz. Nun hat jemand in frischem rot „ON MIGRATION“ daruntergeschrieben.
Ist ja richtig, nur: Wie sind die Sprayer da raufgekommen? Schließlich soll das Haus saniert werden (Entwürfe zeigen auch einen roten Schriftzug – allerdings auf dem Dach: „Haus der Zusammenkunft“) und wird rund um die Uhr überwacht.
Bewacht werden sollen in Zukunft auch die Schulen in Tempelhof-Schöneberg. Jetzt, wo die Schulleiterin der Spreewald-Grundschule geht, kommt der Wachschutz. Die BVV wird heute sehr wahrscheinlich einem Antrag zustimmen, der dem Neuköllner Modell folgen soll: Hier können Schulen seit 2007 (Rütli) einen Sicherheitsdienst bekommen. THF-Schö hatte sich im Fall der Spreewald-Schule jedoch lange dagegen gewehrt.
Ein Gang vor, zwei zurück. Kaum berichtet mein Kollege André Görke in seinem Spandau-Newsletter, dass der zugewachsene Volvo vorm Schwimmbad entfernt wurde (Beweisfoto), da tauchen schon die nächsten Schrottkarren auf: Ein Peugeot aus Rügen steht seit neun Monaten im eingeschränkten Halteverbot (via Thorsten Schatz). Und CP-Leser Jan Jansen hat am Aalemannufer ein Schrottauto aus dem Havelland entdeckt, dass da seit mindestens drei Jahren vor sich hingammelt. Ordnungsamt und Polizei hätten sich zwar schon intensiv mit dem Fahrzeug befasst, „doch dann kommt der Wechsel der Jahreszeiten und der Herbstwind sorgt dafür, dass die Knöllchen verwehen.“
Doch der Herbst ist zum Glück noch weit weg, ab heute soll es wieder heiß werden – den Rilke („Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß“) haben wir wieder im Regal verschwinden lassen: Kann sogar sein, dass es bis Anfang Oktober warm bleibt. Die Devotionalien zum 3. Oktober liegen jedenfalls schon bereit.
Der Waldbrand in Brandenburg ist gelöscht, die Feuerwehr fährt allerdings weiter Patrouille. Wenn Sie wissen wollen, wie es jetzt aussieht: Der dpa-Fotograf Ralf Hirschberger ist mal drübergeflogen.
Gelöscht ist auch der Name Golze aus dem Brandenburger Kabinett. „Richtig und notwendig“ nannte Ministerpräsident Woidke, SPD, den Rücktritt der Gesundheitsministerin gestern. Für die Linke brennt jetzt angesichts der Landtagswahl nächstes Jahr allerdings die Hütte.
Wenn Sie hier auch langsam die Borderitis kriegen und angesichts der Nachrichten grad mal so richtig am Ranten sind, können Sie sich jetzt entweder wieder einwrapen und Glucose-haltiges zu sich nehmen wie der letzte Snackosaurus, oder einfach mal sagen: Sheeeeesh, Du Lauch! Du bist voll verbuggt! So soll angeblich die Jugend sprechen – übers diesjährige Jugendwort können Sie hier abstimmen (ohne Altersbegrenzung). Vielleicht sollte man diesen Wettbewerb aber auch einfach mal lindnern (lieber etwas gar nicht machen, als es schlecht zu machen).
Noch jugendlicher geht es zukünftig jedenfalls beim Tagesspiegel zu: Anna Sauerbrey (38) und Christian Tretbar (39) verstärken ab Mitte September die neue Chefredaktion um Lorenz Maroldt und Mathias Müller von Blumencron, der sich gestern schonmal umgesehen hat am Askanischen Platz. Wir sagen: Gib ihm! (übersetzt von der Jugendredaktion: Ja man! Richtig so!)
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Such dir `nen neuen Job.“
Diesen Satz soll Thomas Oberenders Frau gesagt haben, als der Intendant der Berliner Festspiele ihr vom DAU-Projekt erzählt hat (Q: Abendschau). Gestern wurden die Pläne für den Temporären Wiederaufbau der Mauer vorgestellt (sie heißt Otto), um (Zusammen-)Fassung bemüht sich Christiane Peitz.
Tweet des Tages
"Ich fand Nazis schon scheiße, da hießen die noch 'Besorgte Bürger'."
Tweet des Tages
"Habe den Arbeitskollegen etwas von McDonalds mitgebracht. Besorgte Burger quasi."
Stadtleben
Hervorragende Pizza gibt es in der Okerstraße 35 bei Zio Felix (Onkel Felix). Täglich von 17 bis 23 Uhr gibt es hier eine Auswahl aus dem Steinofen. Beispielsweise die Bufala mit Büffelmozzarella, Basilikum und Olivenöl für 9,50 Euro, die Zio mit Salsiccia, Broccoli, Ei und Oregano für 10 Euro oder die Pera mit Birne, Parmaschinken oder Walnüssen, Rucola und Creme-Balsamico für 10 Euro. Die aktuelle Wochenpizza ist mit Tomatensauce, Mozzarella, schwarzen Oliven, Kapern, Knoblauch, Feta und Oregano belegt und kostet 11 Euro. Nahe U-Bhf Leinestraße
Ein Urgestein des alten Moabiter Kiezes ist das Walhalla in der Krefelder Straße 6 (U-Bhf Turmstraße). Täglich von 10 bis 2 Uhr kann hier nicht nur gespeist, sondern am Abend auch gut angestoßen werden, wie es die Anwohner seit nunmehr dreißig Jahren tun. Viele Jahre lang war das Lokal der einzige Grund, die mitunter verwunschen wirkende Gegend aufzusuchen. Ein großes Bier kostet 3,90 Euro, die Weine liegen durchweg um 4, einfache Longdrinks bei 6 Euro. Guter Kaffee und die umfangreiche Auswahl an Tee von Gschwendner hat das Lokal über die Jahre auch bei einsamen Zeitungslesern beliebt gemacht.
Freunde guten Olivenöls werden bei Olio Costa fündig. Arkadius Michalczyk, Agrarökonom und Olivenöl-Verkoster der, Achtung: "Organizzazione Nazionale di Assagiatori di Olio di Oliva", ist für das durchaus außergewöhnliche kleine Sortiment verantwortlich. Die Namen seiner Produzenten stehen i.d.R. nicht auf den Listen, die aus Wettbewerben hervor- und dann um die Welt gehen, um Händlern Orientierung zu bieten. Michalczyk kann nämlich selbst zu den Herstellern reisen und anhand der eigenen Kompetenz testen. Neben Olivenöl gibt es Balsamico-Essig, Pesto und eine kleine Auswahl an Feinkostprodukten. Die meisten Öle liegen preislich um 15 Euro/halber Liter und könnten auch den ein oder anderen Experten überraschen. Baerwaldstraße 7, Mo-Fr 9-20 Uhr, Sa 9-14 Uhr