Auweia, heute sind wir spät dran. Dieser Checkpoint wird Ihnen mit sechs Minuten Verzögerung geliefert, schließlich tickt Europa gerade nicht richtig. Weil sich Serbien und Kosovo mit viel Energie um Energieeinspeisungen streiten, stockt dem Stromnetz in 25 Ländern gerade das Hertz – was dazu führt, dass die Zeitanzeigen an Mikrowellen oder Elektroherden bis zu sechs Minuten hinterher sind (via Heise.de). Wem das auf den Wecker geht, der soll einfach händisch an der Uhr drehen, empfiehlt der Verband Europäischer Übertragungsnetzbetreiber. Früher aufstehen können wir also frühestens morgen. Zum Glück ist es in Berlin nie zu Späti.
Die Blumen am Frauentag kann man sich schenken. Denn eigentlich geht es heute um anderes: Selbstbestimmung und Gleichberechtigung – ganz alltäglich jeden Tag. „Ich sehe den Weltfrauen-Tag eher als Tag des Respekts vor der Identität als Mensch“, sagt die Berlinerin Mona Lisa von Allenstein. Vor nicht allzu langer Zeit war die 54-Jährige unter dem Namen Ralf Schlegel noch als katholischer Pfarrer in Norddeutschland tätig. Nun feiert sie die Eroberung ihrer weiblichen Identität und ihren ersten Frauentag. Für den Tagesspiegel hat Frank Bachner sie getroffen (sein Porträt gibt’s hier); und unsere Autorin Maria Kotsev widmet sich weiter unten im Stadtleben ganz und gar dem Feminismus. Denn nur von Respekt und gleicher Teilhabe kann man sich etwas kaufen.
Bald ist Neukölln überall. Berlins größtes Polittalent Franziska Giffey soll vom Rathaus Neukölln ins Bundeskabinett wechseln. Darauf haben sich die ostdeutschen SPD-Verbände am Mittwochabend geeinigt – und der Bundespartei bleibt angesichts der gähnenden ostdeutschen Leerstelle in der neuen Regierung wohl nichts walter ulbricht, als dem Aufstieg der 39-Jährigen zuzustimmen. Pech für Berlins Bezirkspolitik, die ihre profilierteste Menschenversteherin verliert, wie mein Kollege Thomas Loy beschreibt. Pech auch für die Landespartei von Michael Müller, die lieber noch einmal Eva Höglnach vorne schieben wollte und Giffeys Wechsel ins Bundes-Berlin als „zu früh“ ansah. Tja, nun ist es zu spät – und die in Frankfurt an der Oder geborene und in Brandenburg aufgewachsene Giffey kehrt wohl nur noch unter einem Umstand nach Berlin-Berlin zurück: als Regierende Bürgermeisterin.
Vorwärts immer, rückwärts dümmer. So verfährt offenbar die Müllabfuhr in der Odenwaldstraße in Friedenau. Wegen einer Baustelle, die die Straße zur Sackgasse macht, lässt Entsorger Alba hier seit Wochen die Recyclingtonnen überquellen - denn: „Die Berufsgenossenschaft untersagt das Rückwärtsfahren“. Ist diese Erklärung nur Verwaltungsmüll? Schließlich holt die Konkurrenz von der BSR ihre Bio- und Restabfalltonnen immer noch ab – denn: Das Rückwärtsrangieren von Müllwagen sei „in Ausnahmefällen und mit Einweiser erlaubt“. Eine Posse zum Wegwerfen. Wenn denn noch Platz wäre, um was in die Tonne zu kloppen.
Jetzt bloß raus hier. Die Internationale Tourismus-Börse lockt bis zum Wochenende mit Fernreisen nach Ribnitz-Damgarten und Rostock-Warnemünde. Schließlich ist Mecklenburg-Vorpommern erstmals Partnerland der ITB – auf Nahziele wie Hawaii kann man sich dagegen einen Toast backen. Nur was die Ostsee so besonders macht, bleibt in den dürftig ausstaffierten Messehallen im Küstennebel. Meer als die Botschaft des politisch korrekten Verreisens bleibt da nicht übrig: Lieber Seemannsgarn als noch mal nach Ungarn.
Wer seinen Frieden mit Olympia machen will, der sollte jetzt noch einmal nach Korea schauen. Hier beginnen inmitten politischer Abrüstungsgespräche die paralympischen Spiele von 670 Athleten mit körperlichen Einschränkungen, von denen sie sich nicht einschränken lassen wollen. Wir begleiten dieses Ereignis der Leidenschaft wieder mit einer eigenen Jugendredaktion in Pyeongchang. Sie hat, angeführt von unserer Reporterin Ronja Ringelstein, bereits die erste Paralympics-Zeitung produziert, die heute dem Tagesspiegel sowie der „Zeit“ und dem „Handelsblatt“ beiliegt oder hier im E-Paper zu lesen ist. Berliner Wintersportler sind in Korea jedoch nicht vertreten. Wir haben halt keinen Winter mehr.
Telegramm
Husten, wir haben ein Problem. Die nächste Grippewelle kommt spätestens im nächsten Jahr, und die AOK gefährdet durch Preisdumping eine flächendeckende Versorgung mit Impfstoffen. Das jedenfalls sagen Experten, auch die Ärztekammer und mehrere Hersteller reagieren verschnupft. Aber warum sollte sich eine Krankenkasse an die eigene Nase fassen?
Zugegeben, mancher Streit wird in Berlin ziemlich ausgeweidet. Aber dass Menschen Anlagen für seltene Weidetiere im Wuhletal demolieren, weil sie lieber unter sich Natur spielen wollen, ist schon eher unnatürlich. Bereits auf die Gartenschau IGA gab es hier in Marzahn mehrere Vandalismusattacken. Da hilft nur noch beeten.
Kopf oder Zahl - warum nicht beides? Berlin baut die Alte Münze in Mitte zum Kulturstandort aus; er soll geprägt sein von Jazzmusik, Clubkultur und Atelierkunst. Kultursenator Klaus Lederer (Linke) rechnet sich beim Ideenwettbewerb etwas aus, eine Zahl für die Zukunft hat er schon im Kopf: 0 Euro Förderung. Das wär wirklich eine Kunst.
Der Ferne Osten rückt uns nahe. Chinesen fluten nicht nur Berlins Immobilienmarkt, sondern auch die Parks. Im Ernst-Thälmann-Park in Prenzlauer Berg schießen statt neuer Hochhäuser immer mehr Chinesische Götterbäume in den Himmel. Dummerweise ist das Gehölz giftig für die Haut, kaum ausrottbar und sehr fortpflanzungsfreudig. Pankows Baustadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) kapituliert: „Eine Umkehr wird nicht möglich sein“, lässt er in unserem Bezirks-Newsletter „Leute“ wissen (zur kostenlosen Bestellung hier entlang). Weiß jemand ein Rezept für Götterbaumspeise?
Vorletzte Meldung aus der Nacht: Die AfD-Fraktion in Sachsen-Anhalt will offenbar ihren Vorsitzenden André Poggenburg loswerden. Anscheinend ist er der Partei zu rechts. Was man auch nicht mit links schafft.
Falls ihnen das durchgerauscht ist: Berlin gehören (laut Anfrage von FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja) mehr als drei Quadratkilometer Seefläche in Brandenburg. Seh’n wir uns da im Sommer?
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Ich bin überrascht, dass viele Länder keine Erbschaftssteuern erheben, da diese Reichtum umverteilen und Dynastien vermeiden."
Microsoft-Gründer Bill Gates während einer Fragestunde auf der Onlineplattform Reddit zur wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich. Gates ist mit einem geschätzten Vermögen von 90 Milliarden US-Dollar zweitreichster Mann der Welt – in der Liste des Magazin „Forbes“ überholte ihn Amazon-Gründer Jeff Bezos mit 112 Milliarden Dollar.
Tweet des Tages
"bäm bäm bäm bäm bäm bäm bäm bäm bäm bäm bäm bäm"
Antwort d. Red.: (Auf Twitter schlägt alle Stunde die Rathausuhr von Neukölln – egal, wer hier Bürgermeisterin ist.)
Stadtleben
Essen am Gendarmenmarkt, wo einst E.T.A. Hoffmann wohnte. Eine der urigen, holzvertäfelten Stuben im Lutter & Wegner ist nach dem Dichter benannt, doch nicht nur sie erinnert an die über 200-jährige Historie des Traditionshauses: Neben den auserwählten Weinspezialitäten von Spitzenwinzern aus Deutschland und Europa, zieren Wandmalereien berühmter Künstler aus Berlin die Wände in der Charlottenstraße 56. Passend zum Interieur zaubert Küchenchefin Nicole Todoroff deftige, deutsche und österreichische Kost, z.B. das Wiener Backhendl nach Art des Hauses odergefüllte Kartoffel-Trüffelgnocchi auf Crèmespinat mit gehobelter schwarzer Walnuss. U-Bhf Stadtmitte, tägl. 11-24 Uhr
Neu in den Hackeschen Höfen ist die zweite Filiale der Röststätte, ein Familienbetrieb unter der Leitung von Yvonne Weller. Sie achtet neben dem Geschmack auf fairen Kaffeehandel und naturbelassenen Anbau der Bohnen, die dann in Berlin vor Ort geröstet werden - jetzt auch im Hof 1 in der Rosenthaler Straße 40/41 (S-Bhf Hackescher Markt). Aber ein Abstecher in die erste Dependence in der Ackerstraße 173 lohnt sich ebenfalls: Hier steht Nicole Battefeld, Deutsche Baristameisterin 2018, hinter der Theke. Sie setzte sich als einzige Frau gegen ihre Konkurrenten durch. Mo-Do 8-19 Uhr, Fr 8-21 Uhr, Sa 10.30-21 Uhr, So 10.30-19 Uhr