Hören Sie diese Ruhe? Wahrscheinlich nicht. Nicht mehr. Während ich diese Zeilen schreibe, genieße ich die Einsamkeit der Nacht. Während Sie diese Zeilen lesen, sind die Kinder wahrscheinlich schon wieder wach. Lärmen, Lachen, Lamentieren und Laminieren, neben Küche, Konferenz und sonstigem Kleinkram – wie schaffen Sie das alles? Ist heute eigentlich Samstag? Ihre Putzhilfe kommt auch nicht mehr? Wann haben Sie zum letzten Mal etwas nur für sich gemacht? Wer klatscht für Eltern vom Balkon?
Aber hiervon können sich die Familien jetzt wirklich mal was kaufen: Die Bundesregierung belohnt Sie für Ihren Aufwand in Betreuung und Homeschooling mit satten 300 Euro pro Kind, die Sie aber zum Ankurbeln der Konjunktur bitte direkt reinvestieren in eine neue Waschmaschine. Diese Einmalzahlung als Entlastung für Familien zu bezeichnen, „ist ein politischer Euphemismus“, sagte mir Katharina Mahrt, Mitgründerin der Initiative Kitakrise. „Viele Eltern bezeichnen sie als Schweigegeld.“ Sie selbst hätte es gern ein bisschen umfangreicher und vor allem dauerhafter: Ihre Petition für ein Corona-Kindergeld von 1000 Euro pro Monat hat bereits knapp 50 000 Unterschriften erreicht. Warum sie diese Initiative gestartet hat, und warum sie glaubt, dass auch die Verwaltung Probleme mit dem Homeoffice hat (Qualitätskontrolle!), darüber habe ich mit Katharina Mahrt im Checkpoint-Interview gesprochen, zu lesen weiter unten für Abonnenten (in den Nebenrollen: Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach und Bundeskanzlerin Angela Merkel).
„Vollzeitarbeit und Kinderbetreuung sind auf Dauer nicht zu stemmen“, sagte mir Bildungssenatorin Sandra Scheeres bereits Ende April. „Viele Eltern sind nach mehreren Wochen Corona-Schließzeit am Rand ihrer Kräfte. Das ist mir als Mutter von zwei Kindern vollkommen bewusst.“ Gut sechs Wochen später liegt der Rand der Kräfte so weit hinter uns, dass auf den vollen Spielplätzen dieser Stadt kaum noch über Infektionsrisiken gesprochen wird. Normalität ist die neue Familiendroge. Weil der Senat das offenbar auch merkt, soll nun jedes Kind vor den Sommerferien noch einmal eine Kita von innen sehen (und nicht nur um den Sonnenhut abzuholen): Offenbar soll am Dienstag beschlossen werden, die Kitas wieder für alle zu öffnen. Wie die strengen Hygieneregeln mit 5000 fehlenden Erzieher/innen eingehalten werden sollen, ohne die Betreuungszeit für systemrelevante Berufe zu verringern, wird uns Frau Scheeres dann sicher noch erläutern. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey deutete gestern an, dass die Abstandsregeln bei Normalbetrieb in Schulen und Kitas nicht mehr zu halten seien (Q: rbb). Bis dahin gilt weiterhin: Kein Knutschen im Sandkasten.
„Wir wünschen uns zwar alle die Rückkehr zur Normalität“, schreibt Maja Lasić, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Allerdings müsse man vorsorgen, falls sich die Infektionszahlen verschlechtern. Für den Fall „brauchen wir Antworten auf die Belastung der betroffenen Eltern“. Ihre Fraktion hat den Senat (in den systemrelevanten Teilen ebenfalls SPD) gestern aufgefordert, „unverzüglich ein Landesprogramm Corona-Elterngeld zu entwickeln“, für Eltern, die ihre Kinder im Homeoffice betreuen. Sie sollen 67 Prozent des Verdienstausfalls bei einer Arbeitszeitreduzierung vom Land erstattet bekommen. Und zwar unkompliziert (um die Erstattung soll sich der Arbeitgeber kümmern) und rückwirkend ab dem 11. Mai.
Kommt das nicht ein bisschen spät, wenn nun die Kitas wieder öffnen, fragen sich viele völlig zu recht. Alte CP-Regel: Auch der späte Vogel fängt noch was (Risikogruppen bleiben weiter zu Hause) und außerdem schadet es nicht, ein solches Konzept in der Schublade zu haben: für die zweite Welle – und das nächste Virus.

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Telegramm
Seit 2016 gilt in Berlin die Kotbeutelpflicht: Wer den Hund hat, trägt den Haufen. Doch weil die Ordnungsämter nicht nach den Beuteln fragen durften, wurde so gut wie nie kontrolliert (Zahl der Kontrollen im ersten Jahr: 0). Nur vier Jahre später wurde das Gesetz nun überarbeitet: Hundehalter müssen ihre Beutel jetzt „auf Verlangen von Behörden vorzeigen“. Nun sei eines der „zentralen Vollzugshindernisse“ (für den Beamten, nicht den Hund) beseitigt, hieß es von ersten Bezirken. Und der Gesetzgeber nutzte die Gelegenheit, einen weiteren Fehler zu verbessern: Die Hundehalter wurden um Hundehalterinnen ergänzt. Tja, Gleichberechtigung gilt in guten wie in schlechten Zeiten, auch wenn Sie das jetzt vielleicht kacke finden.
Post vom Bürgermeister: Unser beliebtes Behördenpingpong geht weiter. Nach dem Festessen mit diversen Corona-Verstößen featuring Christian Lindner im Promi-Restaurant Borchardt (CP vom 3. und 5.5.), schrieb Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel gestern an einen Mitarbeiter: „Guten Morgen, intern haben wir erfahren, dass die Polizei noch prüft, ob die Vorgänge so schwer wiegen, dass es eine Anzeige geben muss, erst wenn das negativ entschieden ist, sollen wir den Fall für das Owi-Verfahren überstellt bekommen. Kann gern an Herrn Maroldt kommuniziert werden.“ Dassel an Mitarbeiter, Mitarbeiter an Maroldt, Maroldt an Myrrhe, Myrrhe im Checkpoint: Pingpong können wir auch (obwohl mir persönlich Tennis lieber wäre).
Es könnte alles so schön sein. Sonnig, nicht zu heiß und: Was für ein Datum! Samstag, 6.6.2020, das wäre normalerweise ein hottes Hochzeitsdate. Doch selbst im schönen Schöneberger Saal kommen morgen nur 16 der möglichen 18 Termine zustande, zwei wollen lieber ohne Krönchen (Corona) heiraten, die Nachfrage sei generell nicht so groß, hieß es dort. „Auch Menschen, die schon lange auf einen Termin gewartet haben, entscheiden sich jetzt, lieber wieder abzusagen.“ Dabei hätten Sie jetzt die einmalige Chance, alle Angelegenheiten schriftlich zu regeln – und die Schwiegereltern auszuladen (nur Eheleute und Trauzeugen erlaubt).
Weil trotzdem viel weniger Leute heiraten, gibt es am Dienstag eine bundesweite Demo der Hochzeitsdienstleister, die mit Verlusten von bis zu einer Milliarde Euro rechnen – allein im Frühjahr. Titel: Stand up for love.
Wie es einem Paar ergangen ist, dass sich trotzdem getraut hat, hat meine Kollegin Deike Diening hier aufgeschrieben.
Apropos Liebe – liebe Standesämter, warum war eigentlich in den anderen elf Bezirken gestern ab 12 Uhr niemand mehr erreichbar? Vielleicht war ja einfach nichts mehr zu tun. Oder jemand hat nur vergessen, die Rufumleitung ins Homeoffice zu legen. (Profitipp für ruhigere Tage)
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Nach der langen Liste der hässlichsten Plätze Berlins hatten wir gestern versucht, die Sache positiv zu drehen und nach den schönsten Plätzen der Stadt gefragt. Die vielen vielen Antworten (danke dafür!) fasst Lorenz Maroldt hier am Montag ausführlich für Sie zusammen. Kurzer Vorgeschmack: „Es gibt gar keine Plätze in Berlin, nur Straßenzusammenstöße.“ (Renate Bueb). Reimund Spitzer fragt spitzer (sorry!): „Zählt der Kotti als Platz?“ Ich würde sagen, eher ein Kreisel mit Kaufoption, aber dazu passt doch das hier: „Der schönste Platz Berlins: Der Platz ganz vorne ...ganz oben ...links ...im Doppeldecker! Da kannste dufte Plätze kieken!“ (Jan-Christoph Neubert)
Wenn Sie noch mitgucken wollen: checkpoint.tagesspiegel.de
An unserer Umfrage teilgenommen hat überraschenderweise auch Markus Söder (bayerischer Klopapier-Posterboy), der offenbar möchte, dass Angela Merkel mal etwas anderes in der Zeitung liest als: Söder kann Kanzler (CP von gestern). „Mein Platz ist im Freistaat“, sagt Söder. „Der schönste Weg in Berlin ist der nach Bayern.“ (Q: Mittelbayerischen Zeitung). Nach Wegen hatte doch gar keiner gefragt.
Und wo wir gerade bei Bundespolitikern sind, die gern nach Berlin möchten: Franziska Giffey könnte (Überraschung) als Spitzenkandidatin der SPD in die Abgeordnetenhauswahl im nächsten Jahr ziehen. Giffey sagte gestern bei einem SPD-Bürgerforum im vorpommerschen Torgelow auf die Frage, ob sie Regierende Bürgermeisterin werden will: „Ich schließe das nicht aus.“ Ein Dementi klingt anders.
Nicht ausgeschlossen ist auch, dass am Ende der Corona-Krise 50 Kilometer Radwege entstanden sind – das hält zumindest die Verkehrsverwaltung für möglich. Den Vorpinslern aus Friedrichshain-Kreuzberg zufolge kostet ein Kilometer Radweg 10 000 Euro. Checkpoint-Kollege Stefan Jacobs rechnet vor: davon könnte man sechs Zentimeter Autobahn bauen.
Die Fahrradsternfahrt verliert an Fahrt: Am Sonntag veranstaltet der ADFC einen Fahrradstern, das heißt: Jeder radelt allein. Aber auch viele einzelne sind am Ende nur: viele.
Zum Glück ist gerade wieder ein bisschen Geld aufgetaucht: Die Kosten für die Reduzierung der Mehrwertsteuer zahlt der Bund, Berlin verliert also nicht wie zunächst gedacht 500 Millionen Euro Umsatzsteuer. Darf‘s ein bisschen mehr sein, Frau Günther?
Die Deutsche Wohnen muss in Berlin wegen des Mietendeckels bei 30 Prozent ihrer Mieter die Miete senken. Scheint den Neu-Daxling allerdings nicht zu stören: Der Immokonzern will in Berlin zu den 116 000 Wohnungen noch ein paar hinzukaufen. Ein Konzernsprecher sagt: „Wir sind ein Berliner Unternehmen, wir glauben an diese Stadt.“
Tegel bleibt uns noch ein bisschen erhalten, wir blättern trotzdem virtuell weiter in den positiven Google-Rezensionen (reicht auch noch für eine weitere Verlängerung, Herr Lüdke Daldrup!) Ein gewisser Max findet: „Dieser Flughafen hat den Charme und das Flair vergangener Tage. Hier fühlt man sich wirklich in der Zeit zurückversetzt. Man sollte sich die Zeit nehmen, dieses Stück Geschichte, in sich aufzunehmen. Leider etwas schmuddelig!“
Durchgecheckt
Katharina Mahrt, 32, ist PR-Referentin und Mitinitiatorin der Initiative Kitakrise. Vor acht Wochen hat sie eine Petition für ein Corona-Kindergeld gestartet, die bereits knapp 50 000 Menschen unterschrieben haben. (Foto: Caroline Bennewitz)
Frau Mahrt, die wichtigste Frage ist ja momentan: Wie geht’s Ihnen?
(schweigt lange)....und gleichzeitig die schwierigste! Gut geht es mir jedenfalls nicht. Ich fühle mich unfreiwillig in die Rolle einer „angry mom“ versetzt: Ich spüre, wie ich immer wütender werde. Mein Mann und ich sind seit fast drei Monaten im Homeoffice, unser dreijähriger Sohn hat keinen Anspruch auf Betreuung. Und trotz all der Ideen, die wir in die Debatte eingebracht haben, gibt es immer noch keine Antworten von der Politik. Es ist nicht gelungen, für Familien strukturell etwas zu verbessern. Das frustriert mich immer mehr. Es ist, als würden unsere Sorgen gar nicht gehört.
Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach hat neulich im rbb zu Ihnen gesagt, die Situation dauere ja gerade erst zwei Wochen länger als die Sommerferien – und Eltern hätten endlich mal wieder Gelegenheit, Ihre Kinder kennenzulernen.
Es zeigt sehr deutlich die Ignoranz in der Politik. Natürlich gibt es auch viele tolle Politikerinnen und Politiker, die sich sehr engagieren und über solche Aussagen auch verzweifeln. Aber es zeigt sich immer wieder, dass 70 Prozent der politischen Vertreter Männer sind. Und viele von ihnen sind in einer Generation aufgewachsen, in der die Väter ihre Kinder in den Sommerferien wirklich mal kennengelernt haben. Da fehlt die persönliche Erfahrung der Unvereinbarkeit von Familie und Beruf.
Bildungssenatorin Sandra Scheeres hat in dieser Woche gesagt, alle Kinder sollten bis zu den Sommerferien zurück in die Kita. Die Sommerferien beginnen in drei Wochen. Bringt das den Eltern noch etwas?
Aus Kinderrechtsperspektive ist es absolut notwendig, wenigstens ein minimales Bildungsangebot in Kita und Schule anzubieten. Ich finde vor allem, dass die Senatsverwaltung noch nicht plausibel gemacht hat, inwiefern sich die Situation verändert hat. Am Beginn der Pandemie hieß es, man könne erst dann zum uneingeschränkten Regelbetrieb zurückkehren, wenn ein Medikament oder ein Impfstoff gegen das Virus vorhanden sind. Beides ist nicht der Fall. Die Senatorin hat bislang nicht erläutert, wie der Arbeitsschutz der Erzieherinnen eingehalten werden und Risikogruppen geschützt werden sollen. Wenn die Kita im Sommer keine Schließzeit hat, dann kann diese Maßnahme für Eltern nun Entlastung bringen. Aber viele Kitas machen in den Sommerferien drei Wochen zu, da hätte man dann auch bei August als Starttermin für alle bleiben können. Es ist eher ein symbolischer Akt, um das Versprechen einzulösen: Alle Kinder sollen vor August wieder in die Kita zurück. Ohne dass es dafür wirklich einen Plan gibt.
Kitas beklagen schon jetzt, dass sie das Pensum nicht schaffen können, zumal 5000 Erzieherinnen derzeit nicht arbeiten können. In der vergangenen Woche gab es einen offenen Brief von Pflegekräften, die beklagten, dass immer mehr Kinder in den Kitas auch bedeute, dass die Betreuungszeiten eingeschränkt würden – wodurch systemrelevante Personen ein Problem bekommen.
Der Kita-Kuchen reicht nicht für alle Familien aus. Natürlich ist es fatal, wenn die medizinischen Fachkräfte keine vollen Betreuungsstunden bekommen. Hier würde die Finanzierung von ergänzender privater Betreuung – etwa Babysittern – helfen, die Not der Eltern zu lindern. Es gibt schon jetzt viele Fünfjährige, die noch nicht in der Kita sind, obwohl sie einen Anspruch hätten. Und in der nächsten Woche kommen die Vierjährigen hinzu. Mein Eindruck ist, dass die Kitas schon jetzt keine Chance mehr haben, die Vorgaben des Senats zu erfüllen.
Wird die Verantwortung in der Krise zu stark auf die Kitas abgewälzt?
Ich empfinde das schon so. Als Aktivistin und Mutter erwarte ich, dass die frühkindliche Bildung in der Diskussion den gleichen Stellenwert bekommt wie die Schulbildung. In ihrer Pressekonferenz Mitte April zu den Maßnahmen hat Angela Merkel nicht einmal erwähnt, dass die Kitas geschlossen sind. Das hat mich sehr wütend gemacht. Der Kitaträger PFH hat kürzlich in einem offenen Brief beklagt, dass man die Träger nicht mit einbindet in den Prozess. Ich bin entsetzt über die Art der Kommunikation. Aber ich habe auch Verständnis: In der Verwaltung haben die Leute dieselben Probleme wie wir. Auch da wird rund um die Uhr zwischen Arbeit und Familie jongliert. Da sieht man dann mal, was dabei herauskommt.
Die PK mit Merkel war auch der Auslöser für Ihre Petition. Sie haben inzwischen fast 50 000 Unterschriften für ein Corona-Kindergeld gesammelt. Was ist die Idee?
Die Idee ist, dass Eltern mit dem Geld einen Ausgleich erhalten: Entweder, um ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder einen Babysitter zu bezahlen. Wir fordern ein einkommensunabhängiges Corona-Kindergeld von 1000 Euro im Monat für Familien. Eine Familie könnte damit an drei Tagen die Woche einen Babysitter für 12 Euro pro Stunde engagieren. Damit wird natürlich nicht die vollständige Arbeitszeit abgedeckt, aber es wäre besser als nichts.
Haben Sie mal durchgerechnet, was das kosten würde?
Mit 1000 Euro pro Familie würde man auf Kosten von ca. 4,2 Milliarden Euro im Monat kommen. Das klingt erstmal viel, aber das sind die Kosten, die gerade die Eltern zahlen. Und zum Vergleich: Adidas hat gerade 2,4 Milliarden Euro vom Staat erhalten, die Lufthansa 9 Milliarden. Ganz zu schweigen von den Milliardensummen, die für die Bankenrettung bei der Finanzkrise draufgingen. Geld allein ist nicht die Lösung. Aber es würde Familien wirklich helfen, und zudem ein Zeichen setzen, dass die Politik die Familien in der Krise nicht alleine lässt.
Die Bundesregierung geht einen anderen Weg: Mit einer Einmalzahlung von 300 Euro pro Kind.
Diese Einmalzahlung soll vor allem die Konjunktur ankurbeln. Sie als Entlastung für Familien zu bezeichnen, ist ein politischer Euphemismus. Viele Eltern bezeichnen sie als Schweigegeld. Wir sehen dadurch vor allem, dass die Idee unserer Petition sehr einfach umsetzbar wäre. Ich sehe auch den politischen Willen bei vielen in der SPD für ein monatliches Familiengeld, aber leider fehlen dafür die Mehrheiten.
Die Bundesfamilienministerin ist auch von der SPD. Von ihr hört man nicht viel in dieser Krise.
Die Situation für Franziska Giffey ist nicht einfach. Zum einen sitzt sie noch nicht einmal im Corona-Kabinett der Bundesregierung. Zum anderen gibt es viele Konfliktlinien, die sie nicht so einfach öffentlich machen kann. Ich sehe durchaus, was sie im Hintergrund für eine Arbeit leistet und wie häufig sie da auf Granit beißt. Auch in ihrer eigenen Partei, wie ja das Beispiel des Brandenburger Wirtschaftsministers sehr deutlich macht. Sie versucht das einvernehmlich mit ihrer Partei zu lösen und nicht in die Offensive zu gehen. Das wird immer mehr zum Problem, weil dadurch für die Eltern unsichtbar ist, wie hart sie kämpft.
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – Wenn es eine Kunstform gibt, die in Krisenzeiten besonders blüht, dann ist das die Lyrik. Vielleicht liegt es daran, dass echte Krisen unsere Begriffe von der Welt herausfordern – und Poesie ist Begriffsarbeit par excellence. Dichterinnen können diese Begriffe an fiktiven Extremsituationen abarbeiten und dabei unsere Wirklichkeit spiegeln. Auch die in der letzten Woche wiederentflammte Rassismus-Debatte dreht sich, zumindest implizit, auch um die Sprache, die Handlungen zugrunde liegt. Und weil ein jedes Wort seine Bedeutung erst aus einer zwischenmenschlichen Übereinkunft bezieht, ist Sprache das politische Basismedium überhaupt. Eine Gelegenheit, sich näher mit ihren politischen, sozialen und ästhetischen Seiten zu befassen, bietet aktuell das Poesiefestival.
Samstagmittag – Nebenbei ist heute auch ein guter Tag für nonverbale Kunst. Denn gleich mehrere Ateliergemeinschaften öffnen über die Stadt verteilt ihre Türen, z.B. von 12 bis 20 Uhr in der Schwedter Straße 232 oder von 14 bis 18 Uhr in der Prenzlauer Promenade 149-152, alles im Rahmen des online-Festivals Artspring. Ebenfalls um 14 Uhr öffnet das Atelierhaus Meinblau (Pfefferberg, Christinenstraße 18-19) erstmals seit dem Lockdown seine Türen für eine Werkschau der darin arbeitenden Ateliernachbarinnen – ein wenig wie der Einblick in eine WG. Um 12 Uhr ist in der Schwiebusser Straße 9 mit „Against All Odds“ eine Show der in unseren Breitengraden auch im Vergleich zu anderer außereuropäischer Kunst noch immer unterrepräsentierten südafrikanischen Kunst zu sehen.
Samstagabend – Wenn die Werbung recht hat, geht die schnellste und unmittelbarste sinnliche Vermittlung übers Auge. So gibt es zu allen denkbaren Themen nicht nur endlose Bilderwelten, sondern auch eine Sprache voller bildlicher Metaphern und Sprachbilder. Wie anders dieselben Welten erscheinen, wenn der Fokus (ein Begriff aus der Optik) auf die Klanglichkeit verlagert wird, darüber kann der Sound-Künstler Peter Cusack abendfüllend reden. Fünf Jahre lang hat er sich mit der Akustik des seit 30 Jahren verlassenen Militärstützpunktes „Vogelsang“, nördlich von Berlin, befasst und gibt heute in einer Lecture-Performance Einblicke (noch ein visueller Begriff) in den Klang des Abwesenden.
Sonntagmorgen – Die Bilder für sich ließ der gebürtige Schmargendorfer John Heartfield (1891-1968) sprechen. Seine politischen Fotomontagen gelten als scharf pointierte Zeitdokumente, die nicht nur die Kraft von Bildern an sich eindrucksvoll demonstrieren, sondern auch, wie sehr der dokumentarische Blick nicht bloß abbildet, sondern Wirklichkeit schafft. Um 11 Uhr eröffnet die AdK am Pariser Platz seine Ausstellung mit Lockdown-bedingter Verspätung. Mit dem hier geschärften Blick empfiehlt sich ein anschließender Spaziergang durch das unweit gelegene Regierungsviertel.
Sonntagmittag – Der US-Linguist Noam Chomsky, der heute vor allem für politischen Aktivismus und einen Hang zur Anarchie bekannt ist, hatte einen großen Teil seiner Laufbahn der Suche nach einer Art sprachlicher Weltformel verschrieben. Er wollte einen Algorithmus finden, der allen Sprachen zugrunde liegt und mit dessen Hilfe etwa ein Universalübersetzer hätte geschaffen werden können, der zwischen beliebigen, auch noch unbekannten Sprachen, würde übersetzen können. Ein Fest für Zahlenmystiker. Nach aktuellem Stand der Forschung folgen Sprachen allerdings keineswegs alle derselben Logik – sie neigen eher zur Anarchie. Dennoch hat die Idee in zahlreiche Zukunftsfantasien und Science-Fiction-Welten Einzug erhalten. Ein Online-Seminar, das die Verbindungen zwischen Literatur und Mathematik mit Psychoanalyse beleuchtet, findet zwischen 15 und 17 Uhr in der Psychoanalytischen Bibliothek statt, die Teilnahmegebühr beträgt 5 Euro.
Sonntagabend – Wenn man in einer einzigen abendfüllenden Rede unmöglich alles sagen kann, was es zu sagen gibt, muss man halt mehrere Reden schreiben. Und sich in jeder von ihnen etwas kürzer fassen. Und weil sich kurz zu fassen gerade in der Dichtung gang und gäbe ist, besteht die diesjährige Berliner Rede zur Poesie, geschrieben und gesprochen von Anne Carson, aus gleich „Dreizehn Blickwinkeln auf einige Worte“ – sicher ebenfalls zur Freude von Zahlenmystikern. Zum Wochenendeende, ab 19.30 Uhr, im Stream des Poesiefestivals.
Mein Wochenende mit
Roland Stratmann ist Künstler. Seine Lichtinstallation „Neuköllner Tor“ erhellt seit 2008 die Fußgängerunterführung am S-Bahnhof Neukölln. Foto: Nike Bätzner
„Am Freitag wurde die Ausstellung „Neue Arbeiten aus der Quarantäne“ in der C&K Galerie in Mitte eröffnet. Dort ist auch mein während des Lockdowns entstandener achtteiliger Seerosenzyklus zu sehen. Es dürfen ja momentan immer nur wenige Leute gleichzeitig in die Galerie, deshalb schaue ich mir die Ausstellung erst heute Mittag an. Ich bin gespannt auf die Kunstwerke meiner Kolleginnen und Kollegen. Am Abend besuche ich gemeinsam mit meiner Frau Tanya und Christoph – zwei gute Freunde, ausgezeichnete Pianisten und besondere Weinkenner –, um mit ihnen bei einem lauen Lüftchen im Hof vor der begrünten Remise die Idylle, das lang ersehnte Wiedersehen und den guten Wein zu genießen. Die beiden sind erst vor ein paar Wochen aus ihrer zweiten Heimat Boston zurückgekommen und haben soeben die für Reisende verordnete häusliche Quarantäne hinter sich gebracht. Am Sonntag früh werde ich, noch vom Wein beschwingt und hoffentlich leichtfüßig, durch den Park vor meiner Haustür joggen, bevor wir uns aufs Rad schwingen, um unseren Freund Max in seinem wunderschönen Sommerhäuschen am See zu besuchen. Dort kann man stundenlang gemütlich auf dem Steg sitzen, die Beine im Wasser baumeln und die Seele auf einer frischen Brise Seeluft schwebend durchs Schilf und die erholsame Natur wandern lassen. Meine Seerosenbilder sind übrigens mit dem Satz überschrieben: „Erst der sich durch Abstand entfaltende Raum zwischen den Dingen verleiht ihnen ihren eigentlichen Wert!“ Was für schöne Aussichten.“
Leseempfehlungen
1839 schrieb der englische Romancier Edward Bulwer-Lytton die Zeile „The pen is mightier than the sword,“ (Die Feder ist mächtiger als das Schwert). Und, wie um zu beweisen, dass die Aussage stimmte, verbreitete sie sich so schnell, dass sie laut Susan Ratcliffe (Oxford Dictionary) schon 1840 als Binsenweisheit galt. Um die Macht der Worte geht es auch kommenden Mittwoch in der Online-Lesung „Widerworte“, bei der z.B. poetische Verfahren diskutiert werden, mit denen am internationalen Strafgerichtshof in Den Haag Beweise prozessiert werden. Oder die Rolle der Poesie an Orten von Gewalt und Terror im Irak.
Am Dienstag liest der mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichnete ungarische Schriftsteller und Historiker György Dalos im Buchhändlerkeller (Carmerstraße 1) aus seinem 2019 im C.H. Beck Verlag erschienenen Erzählband „Für, gegen und ohne Kommunismus“. Hier demonstriert er, um beim Thema zu bleiben, eindrucksvoll die Macht der Sprache für die Aufarbeitung einer „Lebenslüge“ wie dem Realsozialismus. Anmeldung zur Lesung über den Buchhändlerkeller.
Welchen Grenzen die Fiktion in der Wirklichkeit des Literaturbetriebs häufig ausgesetzt ist, erzählt Autorin Katharina Hartwell anhand eigener Erfahrungen. Schubladendenken und Formatvorlagen verhindern oft schon die Publikation von Texten, anschließend ihre Vermarktung und Verbreitung. Dabei wird Kreativität dem Selbstverständnis vieler Märkte nach gerne gesehen. Nur eben nicht zu viel davon.
Wochenrätsel
Diese Woche berichteten wir von der steigenden Zahl an Rasern. Vom 13. April bis zum 24. Mai wurden 109 neue Fälle registriert. Die Beschuldigten waren meist…
1) alkoholisiert, männlich und zwischen 25 und 35 Jahre alt.
3) zwischen 25 und 35 Jahre alt und männlich.
2) männlich und zwischen 20 und 30 Jahre alt.
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Jetzt mitmachenEncore
Zum Schluss ein Bremer Kunstmärchen (und apropos Schubladendenken): Wer die Begriffe „anarchische Intervention“ und „Aktionismus“ hört, assoziiert wahrscheinlich alles andere als traditionelle Bildhauerei. Eine menschengroße Bronzeskulptur in den Bremer Wallanlagen, über Nacht und ohne Genehmingung aufgestellt, erfüllt allerdings alle Kriterien. Sie stellt einen älteren Herrn (Risikogruppe) dar, der gebeugt einen leeren Einkaufswagen über das unwegsame Parkgelände schiebt. Künstler unbekannt. Auch wer jetzt ans Berliner Ordnungsamt denkt, kommt nicht gleich auf den Rest der Geschichte: Bis auf Weiteres soll das fachmännisch verankerte Stück stehen gelassen werden. So sei Bremen eben auch, sagt Bürgermeister Bovenschulte, so ein bisschen anarchisch. Zum Vergleich: Nebenan in Delmenhorst wurde ein ausrangierter Panzer pink angemalt und das geht natürlich gar nicht. Da ist sogar schon die Bundeswehr zur Stelle.
Wir wünschen Ihnen ein inspiriertes Wochenende!