Heute sieht Berlin wieder ganz schön kalt aus. Aber bevor Sie unnötig Frost schieben, machen Sie sich warme Gedanken. So wie die Schülerinnen und Schüler der Kladower Grundschule, die gerade bei frischen 9 Grad eine tägliche Lektion im Fach Zitteratur erteilt bekommen (mehr dazu im „Leute“-Newsletter von André Görke – zur kostenlosen Bestellung geht’s hier). Oder Sie ziehen zur Probe in ein Haus der „Deutsche Wohnen“; da ist gerade mal wieder der Ofen aus und die Reparatur wird sich erneut „länger hinziehen“ (via Madeleine Hofmann und RBB – mehr zu den Methoden von Berlins umstrittenstem Wohnungsunternehmen finden Sie hier). Vielleicht sollte uns das alles sowieso kalt lassen. So wie die abgebrühten Verhandler der aufgewärmten großen Koalition. Die haben am Montag unter Klimakanzlerin a.D. Angela Merkel die deutschen Klimaschutzziele durch den Schornstein gejagt. Kohle ist ja genug da.
Und damit zu dem Holz, aus dem Berlin geschnitzt ist:
Probleme im Sande des politischen Getriebes verlaufen zu lassen - in dieser Disziplin kann Berlin keiner was. So hat die rot-rot-grüne Koalition wegen der anhaltenden Disziplinlosigkeiten auf der Polizeiakademie einen Jetzt-ist-mal-Gutachter bestellt, der nun gründlich ausermittelt, dass die Organisierte Kriminalität keineswegs die Polizei unterwandert - was Polizeipräsident Klaus Kandt ja sowieso schon weiß. Auch die Tage der Offenen Gefängnistüren in der Justiz werden heute in aller Ruhe im Senat besprochen. Dass verurteilte Mörder per SMS eigenhändig ihren Freigang verlängern, verkürzt keineswegs die Amtszeit von Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne). Denn der hat rechtzeitig ganz berlinisch reagiert: mit der Einsetzung eines Arbeitskreises. So kann keiner in Mithaftung genommen werden.
Und damit schalten wir um zu einer Klamottenkritik des grandiosen Charakterdarstellers und Bald-Berliners Ulrich Tukur: „Heute herrscht eine erschütternde Uniformität. Als ich neulich durch einen Waggon der Eisenbahn lief, stellte ich fest, dass 90 Prozent der Leute Bluejeans trugen. Wenn man dagegen in Berlin mit einer Knickerbocker herumläuft, wird man angeguckt, als hätte man einen Dachschaden.“ (das ganze Interview mit Tukur lesen Sie hier) Bloß gut, dass unsere Moderedaktion vor der Fashion Week die Trends des neues Jahres ausgemacht hat: Windjacken, Cargohosen und Neoprenanzüge in schrillen Signalfarben zu schweren Wanderstiefeln. Fazit: „Je hässlicher und irritierender, desto besser - so lautet derzeit das Motto vieler Designer.“ Endlich kommt Berlin in Mode.
Doppelt sellt besser. Während Donald Trump die Welt mehr und mehr von seiner Selbstkrönung als „stabiles Genie“ überzeugen kann - schon wegen seines Wahnsinns (Beweisfoto hier) -, agiert er auch als Geschäftsmann grenzübergreifend grenzgenial. Denn der mit Erscheinen bereits ausverkaufte Bestseller „Fire and Fury“, den der Journalist Michael Wolff über die dunklen Präsidentendramen im Weißen Haus verfasst hat, hat noch einen kleinen Bruder in Kanada. Der Militärhistoriker Randall Hansen hatte 2009 ebenfalls ein Buch mit dem Titel „Fire and Fury“ veröffentlicht, darin aber kritisch die Hintergründe der alliierten Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg auf Deutschland beleuchtet. Nun schafft es Hansen, der durch Polittagungen auch in Deutschland bekannt ist, mit seiner alten Studie erneut auf die Bestsellerlisten - aus Versehen. „Ironie kennt keine Grenzen“, kommentiert der Autor. Trump würde twittern: „Great again.“
Lehre lieber ungewöhnlich. Das hat sich wohl Berlins Schulverwaltung gedacht, um Ärger mit dem schon lange untragbaren Grundschulllehrer Nicolai N. zu vermeiden. Der verbreitet im Internet Verschwörungstheorien, pöbelt auf Veranstaltungen in Reichsbürger-Manier, hetzte auch gegen Juden und brachte Schüler an mittlerweile drei Schulen auf keine klugen Gedanken. „Es hat eine Weile gedauert, bis wir realisiert haben, was da in der Klasse läuft“, erzählt ein betroffenes Elternteil. „Mein Kind erzählte mir irgendwann sehr überzeugt, dass es Ebola gar nicht gibt und die Pharmaindustrie die Krankheit nur erfunden habe. Außerdem hätten die Ägypter die Pyramiden gar nicht gebaut, sondern wahrscheinlich Außerirdische." Erst nachdem Sebastian Leber im Tagesspiegel am Sonnabend den Irrsinn öffentlich gemacht hatte und sämtliche Berliner Medien berichteten (außer der RBB-Abendschau auch mit korrekter Quellenangabe), reagierte die Schulverwaltung am Montag und stellte Nicolai N. vorerst frei. Ein Lehrstück aus Berlins Klassenzimmern, leider kein gutes.
Liebling, ich habe die U-Bahn geschrumpft. Wie im falschen Film kommt sich derzeit mancher Fahrgast in der U5 zwischen Alexanderplatz und Hönow vor. „So schmal wie eine Straßenbahn“, „Hier muss man sich bücken“, beschweren sich Nutzer auf Facebook. Eigentlich wurden die kompakten Waggons ja für die Linien U1 bis U3 entwickelt (unter dem Namen „Icke“), aber wegen des akuten Wagenmangels fahren sie nun durch den Osten (Checkpoint-Namensvorschlag: „dette“). Aber kiek‘ mal an, so richtig gut angekommen sind die kantigen Wagen mit ihren extra angebauten Tritten für die größere Lücke zwischen Zug und Bahnsteig noch nicht: „Es braucht wohl mehr Graffitis, damit auch Einheimische sich hier wohl fühlen“, mutmaßt ein Kunde. Oder einfach mehr neue U-Bahnen - als Rezept gegen das tägliche Vollegefühl.
Das achte Weltwunder nach der Maueröffnung erlebt Berlin wohl am 14. Januar. Dann will der selbst ernannte „Apostel Vladimir Muntyan“ einen so genannten Heilungsgottesdienst im Estrel Convention Center in Neukölln durchführen. Dabei gibt er vor, selbst Schwerkranke durch eine Art Massengebet zu neuer Gesundheit zu erwecken - in anderen deutschen Städten wurden die Veranstaltungen des Ukrainers bereits von Protesten begleitet. Ein nächtlicher Checkpoint-Anruf beim Info-Telefon; eine Frau hebt ab und antwortet in stockendem Deutsch. Wie wird man denn bei Ihnen geheilt? „Durch Gebete zu Gott.“ - Welche Leute werden geheilt? „Krebskranke. Menschen im Rollstuhl.“ - Zu welchem Gott beten Sie überhaupt? „Es gibt nur einen, den evangelischen.“ - Gefährden Sie damit nicht kranke Menschen? „Sind Sie ein Ungläubiger?“ Danke, jetzt ja.
Telegramm
Neues von den Grünen: Simone Peter will nicht länger Parteivorsitzende sein. Hatte sowieso kaum noch einer mitbekommen.
Neues von der AfD: Rechtsaußen Björn Höcke darf in der Rechtsaußen-Partei bleiben. Hätte sowieso kaum einen Unterschied gemacht.
Akademische Zellteilung: Im Konflikt um eine neue Machtverteilung zerfällt die TU gerade in das Technische und die Universität. Die Verwaltung gewinnt vor der Wiederwahl von Präsident Christian Thomsen an Einfluss, die Professorinnen und Professoren müssen nach jahrelangem Streit Stimmgewichte abgeben. Die Uni will trotzdem exzellent werden. Was zu beweisen wäre.
Notrufe in Not: Aus 110 und 112 sollten in Berlin bald 1111 werden. Denn im Extremfall kann es 11 Minuten dauern, bis jemand in den Zentralen von Feuerwehr und Polizei ans Telefon geht (via Anfrage des FDP-Abgeordneten Marcel Luthe). Und in der Warteschleife ertönt: „1, 2 – Polizei; 3, 4 – keiner hier.“
Erhellende Erkenntnis aus Marzahn-Hellersdorf vom gestrigen Neujahrsempfang des Bezirks: Tief im Osten geht nicht nur die Sonne auf, hier kann man auch glänzend im Sonnenuntergang heiraten, etwa in den grünen Gärten der Welt, am charmanten Gutshaus Mahlsdorf oder in der alten Bockwindmühle Marzahn. Hier traut gar der bezirkseigene Müller Jürgen Wolf persönlich und lehrt danach „die traditionellen Bräuche des Müllerhandwerks“. Und vielleicht auch die traditionellen Bräuche einer Ehe: ab und zu kleinere Brötchen backen.
Die Bullen sind los. Am Montag bejubelten die Presseermittler der Polizei die Festnahme von Autodieben durch „erfolgreiche Hauptstadtbullen“. Fragt sich nur, wie sie diese Kuh wieder vom Eis kriegen.
Zum Abschied noch Lust auf eine Erdumrundung? Dann folgen Sie unserer Autorin Nantke Garrelts in acht Tagen um die Welt - ohne Berlin zu verlassen. Neugierig? Sollten Sie auch sein.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
"Das Ding ist so schwer. Ich kann damit Bodybuilding machen. Es kommt einfach ins Büro zu dem Goldenen Bären."
Der deutsche Regisseur Fatih Akin nach dem überraschenden Gewinn der Filmtrophäe Golden Globe für sein NSU-Drama „Aus dem Nichts“.
Tweet des Tages
"Ich kann kein Mathe." "Ich auch nicht." "Dann sind wir jetzt schon zu dritt."
Stadtleben
Essen wie von Oma haben wir bereits gestern empfohlen (Meuh in Neukölln). Das Konzept scheint beliebt zu sein, denn auch die Brüder S. Gulasingam und S. Gunasingham zaubern im familienbetriebenen Ammamma (was Oma bedeutet) in der Urbanstraße 28a das kulinarische Erbe ihrer Großmutter aus Sri Lanka nach. Die tamilischen Spezialitäten erstrecken sich dabei von würzigen Curry-Kreationen, die typischerweise mit Sahne, statt Kokosmilch zubereitet werden, über die Reismehlgebäcke Masala Dosai und Idly und Kothu, gehacktes Fladenbrot mit Gemüse und Fleischvariationen. U-Bhf Südstern, Mo-So 12-24 Uhr
Das Leuchtstoff befindet sich nahe des S-Bahnhofs Hermannstraße, eine von Gentrifizierung bedrohte Gegend. Betreiber Niels Göttsch ist sich bewusst, dass sein Café mit den unverputzten Wänden, Selfmade-Holzmöbeln und kreativ bemalten Tafeln eher Neuköllner St.-Oberholz-Klientel anlockt, lässt das aber nicht so auf sich sitzen: Coworken am Laptop wird nur diskret in den Hinterräumen gestattet, es gibt Aktionen wie Refugee KüFas und der Kaffee – von Filterkaffee, über Cold-Brew-Kaffee zu Cappuccino mit Dinkel-Mandel-Milch – bewegt sich preislich bewusst in einem inklusiven Rahmen (1,80-3,80 Euro), erzählte er den MitVergnügen-Bloggern. Siegfriedstraße 19, Mo-Fr 8-18 Uhr, So-So 10-18 Uhr