Klarer Himmel bei sengenden 35°C

UNO-Aktion zum WeltflüchtlingstagGrüne in Berlin: SPD ist keine Konkurrenz mehrInnensenator bringt erneut Räumung der Rigaer94 ins Spiel

wer sich bereits vor den Krawallen rund um die „Brandschutzbegehung“ in der teilbesetzten Rigaer Straße 94 über so manches politische Statement wunderte, kam danach aus dem Staunen nicht mehr heraus. Zwar wurden auch im links-grünen Lager mal mehr, mal weniger zügig die Angriffe auf Polizisten und Unbeteiligte verurteilt (CP von. gestern), aber als Appendix flog die Sorge um die „Berliner Mischung“ jeder Floskel hinterher wie ein Pflasterstein – als ob auch im Schatten von Gewaltkriminalität aus egoistischen Motiven eine alternative Berliner Folklore blüht, die es zu schützen lohnt.

Die Grünen-Spitzenkandidatin Bettina Jarasch war gestern auch schon wieder ganz entspannt: Sie attestierte ihrem Parteifreund und Baustadtrat Florian Schmidt, den sie „Florian Schmitz“ nannte (Q: „Abendschau“, ab Min. 1:25), „den Brandschutz gewährleistet“ zu haben – und erklärte alles andere zu „Geschichten“ der Opposition.

Auf der anderen politischen Seite wurde dagegen verbal noch mal nachgerüstet – so, als wäre eine Lösung der verfahrenen Situation durch eine Räumung ganz einfach. Doch solche Kraftmeierei ist gefährlich: Sie unterstellt der Innenverwaltung wider besseres Wissen einen Handlungsunwillen und ignoriert die rechtlichen Grenzen, die vermeintliche und auch tatsächliche Gesetzesbrecher vor staatlicher Willkür schützen. So werden falsche Erwartungen geweckt und politische Enttäuschungen provoziert.

Doch sogar der Bundespräsident erlag der Verführung populistischer Worte: Er forderte erregt „eine unmissverständliche Antwort des Rechtsstaates“.

Telegramm

Wegen extremer Trockenheit hat das BA Friedrichshain-Kreuzberg ein Grillverbot verhängt – auch das Anzünden von Autos (siehe oben) ist hier bis auf Weiteres untersagt.

Und auch die Gewobag (Slogan: „Besser wohnen in Berlin“) nimmt die Sache mit dem Grillverbot ernst – denn nicht nur im Nollendorfkiez (CP von gestern) hatte die landeseigene Wohnungsgesellschaft in den Innenräumen trotz 35 Grad Außentemperatur noch eine Schippe draufgelegt: Berichte über unabstellbare Heizungen auf Hochtouren erreichten den Checkpoint auch aus anderen Ecken der Stadt. Ab gestern Mittag meldeten dann einige endlich Erkaltung, und die Gewobag versprach dem Checkpoint: Im kommenden Sommer wird alles anders (dann sollen alle alten Heizanlagen auf automatischen Betrieb umgerüstet sein). Mit dem „Abheizen“ der 1.700 Anlagen, so die Gewobag, wurde am 1. Juni begonnen.

Apropos Heizen: Berlin knackt Wärmerekord – eine 24-h-Durchschnittstemperatur von 28,8 Grad gab es hier im Juni noch nie.

Dazu passt auch die heutige Berlinale-Kolumne von Checkpoint-Cineast Robert Ide – er schmilzt hin und weg und schreibt, die „Museumsinsel wird zum Tropical Island“.

Und das wiederum passt zum Titel unseres noch neuen Klima-Podcasts: Im „Gradmesser“ geht es diesmal um den Verkehr – Katrin Dziekan vom Umweltbundesamt erklärt, wie wir alle cooler fahren können.

Apropos Verkehr: Wer das neue Plakat der CDU am Straßenrand entziffern will, muss scharf bremsen (oder langsam mit dem Rad vorbeifahren): Auf handgezählten 353 Zeichen (mit Leerzeichen, hier zu sehen) wird da erklärt, dass die Enteignung von Wohnungskonzernen „so viele fatale Konsequenzen“ hätte, „dass es völlig sinnlos wäre, sie auf dieses Plakat zu pressen“.

Apropos Enteignung: Alt-Anarcho-Comic-Künstler Gerhard Seyfried („Pop Stolizei! – Äh: Stei! Polizop! – Nein, öh… Stop, Poliz… – Weg isser!“) ist offenbar am CDU-Plakat vorbeigeschusselt und hat das Volksbegehren unterschrieben (Überraschung!). Außerdem hat er die Seiten gewechselt: Früher malte er im Kreuzberg-Wahlkampf Ströbele-Plakate für die Grünen, diesmal unterstützt er Pascal Meiser von den Linken.

Zurück zu CDU, die sich heute zum Parteitag trifft: Dort hat LV-Mitglied Sabine Schumann mit viel Krawall (hier nachzulesen) auf Facebook ihren Abzug erklärt. Vielen in der Partei ist sie damit überhaupt zum ersten Mal aufgefallen (abgesehen von dem Foto, das sie mit Polizeigewerkschafter Rainer Wendt am Stand der „Werte Union“ zeigt).

Apropos CDU: Die Grünen haben gestern bei der Vorstellung ihrer Wahlkampagne die Union zum Hauptgegner erklärt – die SPD dagegen betrachten sie nicht mehr als Konkurrenz.

Kater Mickey ist unser Checkpoint-Orakel für das EM-Spiel Portugal gegen Deutschland heute in München (Anpfiff 18 Uhr, live in der ARD). Seine Prognose ist ziemlich klar – aber sehen Sie selbst.

Aus der Reihe „Unnützes Berlinwissen“ (das Sie nie mehr vergessen werden):Die Zahl der Gehwege, die für die maschinelle Winterreinigung ungeeignet sind, liegt derzeit bei 1.500 – die eng beschriebene Liste füllt im aktuellen Amtsblatt 37 Seiten.

Heute im Betriebsstörungsbingo: das „Warten auf Fahrplanunterlagen“ – im ICE 505 von Hamburg nach Berlin dauerte das Spiel deshalb 50 Minuten länger (via Sven Ehlers).

Und wieder ein Abgang im Berliner Kulturbetrieb – am Monatsende verlässt Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf (von der nicht nur ihre Fans sagen, dass sie große Kompetenz mit sympathischer Bodenhaftung vereint) die Staatsbibliothek in Richtung Ruhestand. Der Checkpoint wünscht eine gute neue Zeit. (An der Verabschiedung können Sie am 29. Juni hier per Livevideo teilnehmen – übernächsten Dienstag um 18 Uhr geht's los.)

Für unseren Ringbahnpodcast „Eine Runde Berlin“ war Ann-Kathrin Hipp mit den SpitzenkandidatInnen unterwegs – in der aktuellen Folge spricht sie mit Klaus Lederer über die Jahre in der R2G-WG, die Wendezeit, das Prenzlauer Berg der 90er Jahre, das „Basta-Gerede“ von Franziska Giffey, soziale Segregation, die Sterne über der Stadt – und die Frage, was Berlin im Jahr 2021 eigentlich noch zusammenhält (hier zu hören).

Thomas Wochnik

Wochniks Wochenende

Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.

48h Berlin

Samstagmorgen – Festival, Hitze und Notarzteinsatz gelten spätesten seit dem Sommer 1969 als gelungenes Freizeitkonzept, und so schlägt an den bislang heißesten Tagen des Jahres 2021 auch die Hauptstadtkultur zum brennenden Festival-Rundumschlag aus. Zum Einstieg empfehlen sich die 48 Stunden Neukölln, die den Stadtteil in einen Parcours der Künste verwandeln und mit dem Thema „Luft“ kaum stärker auf ihre eigene Omnipräsenz verweisen könnten. Damit es sich dabei nicht bloß um heiße Luft handelt, haben sich über 600 Künstler:innen in über 250 Projekten des leichten, Schall, Licht, Funkwellen und Aerosole übertragenden Mediums angenommen, zwischen niedlichen Obertonchörchen und in die Luft gehender Literatur auf dem Tempelhofer Feld.

Samstagmittag – Zumindest einen Anteil an der Popularität von Gotteshäusern aller Art in heißen Weltregionen dürfte schon immer deren Abkühlung schenkende Architektur haben. Auch die Kirche am Hohenzollernplatz bietet eben diese. Um 12 Uhr, wenn also die Sonne im Zenit steht und die Schatten besonders kurz werden, erklingt hier beim Noon Song Johann Sebastian Bachs Motette, Nummer 225 im Werke-Verzeichnis, dargeboten von den Vokalsolisti:innen „Sirventes Berlinei“ in Begleitung von Peter Uehling an der Continuo-Orgel, Martin Seemann am Cello und Johann Krampe an der Violone.

Samstagabend – Ebenfalls der bewegten, heißen Luft widmet sich notwendigerweise das Berlin Brass Festival. Von 16 bis 20 Uhr erschüttern vier Blechblaskapellen die selten verkehrsleise Gegend um den kleinen Tiergarten zwischen Turmstraße, Alt-Moabit, Rathenower und Gotzkowskystraße mit noch lauterem Jazz, Ska und Soul. Bildung, die niemand braucht: Im Zentrum des Ganzen befindet sich mit der Thusnelda-Allee die kürzeste echte Allee der Stadt, die somit zugleich auch zur lautesten befördert wird. Wer es heute nicht nach Moabit schafft, kann sich sonntags nach Spandau oder montags nach Prenzlauer Berg aufmachen, das Festival wandert nämlich durch die Stadt.

Sonntagmorgen – Bei historischen Führungen steht und fällt das Erlebnis nicht nur mit der Information, sondern auch mit der Sprachgewandtheit der Erzähler:innen. Bei literarischen Spaziergängen darf man in der Regel die Sprache in trockenen Tüchern wähnen, muss aber manchmal in Sachen Historie Abstriche hinnehmen. Im Germanisten, Philosophen und Kunsthistoriker Sebastian Januszewski kommt beides zusammen. Und der führt heute einen Spaziergang durch berühmte Künstlercafés des Neuen Westens, sprich des alten Stadtzentrums um den Zoologischen Garten, wie das Romanische Café, das Café des Westens und einige weniger bekannte wie längst nicht mehr existierende Etablissements, in denen sich die literarische Crème der 20er und 30er gerne aufhielt. Eineinhalb Stunden dauert der Rundgang mit Start um 11 Uhr in der Fasanenstraße 23, Tickets kosten 7 Euro.

Sonntagmittag – Etwas jüngere Geschichte behandelt der Kreuzberger Club SO36 im eigenen Salon: In Anni Heuchels Ausstellung Die Schönheit der Zecken wird sich dabei auch der eigenen Hausgeschichte angenommen, geht es doch um die Schnittmengen von Kunst und Punk (abfällig: Zecke) seit Kippenberger. Entstanden im Lockdown und in Wasserfarben, erhält der Punk-Gestus hier eine etwas zurückhaltendere Note als gewohnt. Die Werke sind übrigens durchaus erschwinglich, die Künstlerin will mit einem Teil der Erlöses dem vom Kulturlockdown gebeutelten Club etwas unter die Arme greifen. 14 bis 20 Uhr in der Oranienstraße 188, Eintritt frei.

Sonntagabend – Festivals bringen Menschen zusammen – das war von Anfang an die Idee – von denen die meisten im Anschluss wieder auseinander driften. Etwas mehr Verbindlichkeit hat sich die Fête de la Musique dieses Jahr aufs Programm gesetzt, hier wird nämlich eine Trauung vollzogen. Wer da mit wem welches Bündnis genau eingeht ist Nebensache. Hauptsache, es wird dazu auf der Theke getanzt. Und zwar auf der Käsetheke, denn das Herz der Fête, die dieses Jahr vor allem Online stattfindet, liegt im Edeka Supermarkt Lawrenz in Alt-Treptow. Und das von 16 bis 22 Uhr im Stream, den man dank moderner Technik an jedem beliebigen, schattigen Fleck der Stadt aus empfangen kann.
 

Mein Wochenende mit

Durchgecheckt

Kevin, unser liebstes Wildschwein in der Rotte, kennt jeden Flecken Land in Berlin und Brandenburg. An dieser Stelle gibt er wöchentlich Ausflugstipps ins Umland.

Kevin: „Eigentlich wollten Chantal, die Sau von nebenan, und ich, ja auf den Spuren Fontanes wandeln. Wie wir feststellten, sind die in der mitunter recht losen Erde gar nicht mehr so leicht auszumachen, zum Glück hat der Wandersmann seine Wanderungen aber gut dokumentiert. Bei der gegenwärtigen Hitze ist es dennoch nicht leicht, auf dem auserwählten Pfad zu bleiben, zumal dann, wenn man um all die Verlockungen in der Umgebung weiß. Die Natur ist stärker als die Vorsätze – hat schon der gute Theodor gesagt. Wie soll man auch irgendwo hingelangen, wenn unweit vom geplanten Weg Orte mit so frisch klingenden Namen wie Wassersuppe liegen? Die Wissenschaft vermutet hinter dem Namen übrigens einen von Generation zu Generation weitergegebenen Spott, was sich mir nicht erschließt. Wasser ist schließlich etwas Wunderbares und zu einem feinen Süppchen sage ich nie nein. Mitnichten zum Spotten ist außerdem die Landschaft in der Gegend: Der Naturpark Westhavelland dürfte in vielerlei Hinsicht noch dem entsprechen, was Fontane seinerzeit zu sehen bekam. Klares Wasser gibt es dort auch, nämlich im kleinen Witzker See, dem Hohenneuendorfer See und dem niedlichen Verbindungsflüsschen Rhin. Da geht aller Spott dann baden. Vor allem Nachts, denn Wassersuppe ist wegen seines überaus klaren Firmaments schon lange bei Sternenguckern beliebt. Ich empfehle mich, mit freundlichen Grunzen.“

Lese­empfehlungen

Apropos Hitze: Luftige Kleidung, viel trinken – klingt ganz selbstverständlich? Dann ist ja gut. Ein Blick in dieses der Gesundheit dienliche Interview, das Nicolas Lepartz (Abo) mit Hanns-Christian Gunga vom Institut für Physiologie der Charité führte, kann trotzdem nicht schaden.

Spricht man von hipper, junger Kunst, fallen die alten Bezirke der City West mittlwereile hinter Mitte, Neukölln und Kreuzberg weit zurück. Birgit Rieger (Abo) hat für Sie einmal geschaut, welche Ausstellungen in Charlottenburg gerade angesagt sind.

Zum Schluss noch ein Tauchgang in Bilderwelten: Lars von Törne (Abo) hat sich den jüngsten Versuch des Egmont Verlags angeschaut, die bekannten Protagonisten des wohl berühmtesten gallischen Dorfes, Asterix und Obelix, berlinern zu lassen. Diesmal zeichnet Martin „Gotti“ Gottschild (bekannt aus „Tiere streicheln Menschen“) für die Sprache verantwortlich. Darüber, wie Comicbilder zu Musik werden, hat Christian Meyer-Pröpstl (Abo) nachgedacht.

Wochen­rätsel

In welchem Bezirk werden aktuell die meisten neuen Hotels geplant?

a) Reinickendorf
b) Pankow
c) Charlottenburg

Schicken Sie uns die richtige Lösung und gewinnen Sie einen Checkpott.

Jetzt mitmachen

Encore

Zum Schluss gratulieren wir heute dem besten Berlin-Beobachter der ARD: Abendschau-Reporter und Checkpoint-Band-Ehrenmitglied Ulli Zelle wird 70. Für unseren Kollegen Bernd Matthies ist er „Der Mann, der jedes Eis zum Schmelzen bringt“ – sein Portrait des Jubilars finden Sie hier. Und wir zitieren zur Feier des Tages einen Song von Udo Lindenberg, den wir bei der letzten präpandemischen Checkpoint-Party gemeinsam gespielt haben und den er so unnachahmlich singen kann: „Und ich mach' mein Ding, egal, was die ander'n labern, was die Schwachmaten einem so raten, das ist egal.“ So isses – Ulli, lass es krachen!

Mit einem Dank an Thomas Lippold (Recherche) und Kathrin Maurer (Produktion) verabschiede ich mich jetzt in Richtung Kühlschrank. Bleiben Sie cool, am Montag früh sehen wir uns hier wieder – bis dahin,

Lorenz Maroldt