In exakt 33 Tagen beginnt für die deutsche Nationalelf in Russland die Mission Titelverteidigung. Trainer Joachim Löw hat dafür die Besten nominiert. Auch Mesut Özil und Ilkay Gündogan. Sportlich sind die Spieler unverzichtbar. Daran geändert hat nichts, dass die beiden fröhlich mit dem türkischen Präsidenten posierten, dass deshalb jetzt knapp 50.000 Menschen via Petition fordern, sie aus dem Kader zu werfen. Der Vorfall werde eine Lehre für die Spieler sein, sagt Löw und zielt wohl auf das Einstehen seiner Spieler für gewisse Werte ab. Würde jetzt auch noch der DFB selbst anfangen, für ebendiese einzustehen, statt Meisterschaften bedenkenlos auf den Plätzen von Autokraten auszutragen, würde weitaus mehr gewonnen, als nur ein Titel.
Körperverletzung, Raub und Beleidigungen: 324 Übergriffe und Gewalttaten gegen queere Menschen hat das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo im vergangenen Jahr in Berlin registriert. 33 mehr als im vergangenen Jahr, so viele, wie nie zuvor. Rund ein Viertel der Delikte wurden in Schöneberg gemeldet. Genau hier findet am Donnerstag, dem internationalen Tag gegen Homo- und Transfeindlichkeit, eine große Kundgebung statt. Die Gelegenheit, ein Zeichen für Toleranz zu setzen. Und für die Liebe.
Verbale und körperliche Angriffe gibt es vermehrt auch von denen, die eigentlich für Ordnung sorgen sollen. Berlins Justiz geht aktuell massiv gegen mutmaßliche Taten von Fahrkartenkontrolleuren im öffentlichen Nahverkehr vor. Die Staatsanwaltschaft hat in sieben Fällen mit insgesamt zehn Betroffenen Anklage erhoben. Es geht vor allem um Mitarbeiter der privaten Sicherheitsfirma Wisag. Die Kontrolleure sollten besser kontrolliert werden.
Partyvolk, Flugzeuge, Baustellen. Und? Welcher Lärm stört Sie? Noch bis zum 23. Mai können Berliner die nervigste Lärmorte der Hauptstadt auf einer Karte des Senats eintragen und Angaben anderer bewerten. Vorschläge für Gegenmaßnahmen sind erwünscht. Die Berliner sollen schließlich nicht nur meckern, sondern auch machen. Das Versprechen der Regierung: Auf die 50 Vorschläge mit den meisten Pro-Bewertungen soll es öffentliche Rückmeldungen geben.
Wer baut was, warum und wie lange? Das erfährt Berlin künftig via App. Mit dem Smartphone die Baustellenbake scannen - und schon erteilt die Gratis-Applikation der fünf großen Berliner Leitungsbetriebe Informationen über eine der jährlich mehr als 5500 Baustellen. Wer also demnächst wieder im Stau steht, kann sich zumindest konkret über die Ursache ärgern.
Wenn Autos an Kreuzungen parken, entsteht für Fußgänger, Rollstuhlfahrer oder Kinder oft Gefahr beim Überqueren der Straße. Hier eine Situation, in der die Polizei „keine konkrete Gefahr“ sah und lediglich ein Knöllchen gab, statt abzuschleppen. Bewerten Sie selbst.
36 Menschen starben 2017 im Berliner Straßenverkehr. Statistisch gesehen verändert jeder Unfall mit Todesfolge das Leben von 113 Menschen. Manche für immer. Mein Kollege Sebastian Leber hat recherchiert und aufgeschrieben, für wen sich das Leben veränderte, nachdem Gerd Eiserbeck tödlich verunglückte. Die Geschichte gibt’s jetzt auch online. Ich lege sie jedem ans Herz.
Hilde Benjamin war Richterin im SED Regime. Sie verhängte Zuchthausstrafen von insgesamt 550 Jahren, verurteilte 15 Menschen zu lebenslanger Haft und zwei zum Tode. In der vor wenigen Tagen vom Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf herausgegebenen Broschüre „Starke Frauen in Steglitz-Zehlendorf“ wird sie dennoch als solche geehrt. Ziemlich schwach, fanden einige und zeigten Protest – wie es scheint mit Erfolg. Nach Informationen von Hubertus Knabe, Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, soll die Broschüre neu gedruckt werden. Der Senat habe der Veröffentlichung wegen des Beitrags nicht zugestimmt.
Märchenfreitag im Berliner Abgeordnetenhaus: Für junges Publikum greifen der Parlamentspräsident und seine Vizepräsidentinnen künftig einmal im Monat zum Märchenbuch und lesen vor. Eine Führung durchs Parlament und eine politische Fragerunde gibt’s obendrauf. Schulklassen können sich via Mail anmelden. Los geht’s diesen Freitag. Vielleicht mit einem Klassiker: „Der rot-rot-grüne Senat und die bösen Bezirke“.
Telegramm
„Es ist an der Zeit, dass wir uns ehrlich machen“, sagt der Regierende Bürgermeister Michael Müller in einem Interview mit der taz. Und: Die SPD sei „zurzeit auf einem guten Weg“. Ehrlichkeit wird manchmal einfach zur Auslegungssache.
Sein Vater habe mit ihm „Indoktrinierungsurlaub“ in Neukölln gemacht und ein Dönerverbot erteilt. Das schildert Maximilian Maier, Sohn des AfD-Politikers Jens Maier, in einem Interview mit Spiegel Online. „Er wollte mir zeigen, dass es bald in ganz Deutschland so aussieht, wenn man nichts gegen die Islamisierung tut“, sagt er. Ein Glück, dass Reise und Reden Wirkung zeigten: Maximilian Maier trägt jetzt „FCK NZS“-Shirts und sagt: „In einem Deutschland, das mein Vater sich vorstellt, möchte ich nicht leben.“
Vor gut zwei Monaten hat Horst Seehofer das neue Ressort für Heimat übernommen. Was das Ministerium eigentlich leisten soll, darüber rätselt der ein oder andere bis heute. Wie es aussieht, auch das Ministerium selbst. „Wir schaffen hier auf unserer Webseite gerade eine Heimat für den Themenbereich „Heimat“. Weitere Informationen folgen in Kürze.“ Wir warten.
Keine Informationen gibt es über den Umfang des Drogenhandels und des Drogenkonsums in Berliner Clubs (Anfrage: Burkard Dregger). „Weder der nicht eindeutig definierte Begriff „Club“ noch ein zwingendes Eingabekriterium zu dieser Tatörtlichkeit ermöglichen eine Recherche“, schreibt der Senat. Keine Definition, kein Problem.
Falls sich wer fragt, ob der Google Campus die Gentrifizierung Kreuzbergs beschleunigen wird: „Industrielofts“ werden jetzt mit „vis à vis Google Campus“ auf Immobilienseiten beworben.
Dazu die Zahl des Tages: 1.916.500 Wohneinheiten gibt es derzeit in Berlin (Anfrage: Sebastian Czaja) 1.626.500 davon sind Mietwohnungen.
Für Tierversuche bitte nach Brandenburg. Nachdem die Berliner Umweltbehörde die Entnahme von Nachtigallen zu Zuchtzwecken für die geplanten Versuche einer FU-Wissenschaftlerin abgelehnt hatte, war die Antragstellerin jetzt im Nachbarbundesland erfolgreich.
Noch ein kurzer Blick ins Berliner Personalienkarussell: Hartmut Dorgerloh wird ab sofort als neuer Chef des Humboldt Forums versuchen alle Heilserwartungen zu erfüllen. Der ehemalige Justiz-Staatssekretär Alexander Straßmeir soll künftig den Job als Leiter des Berliner Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten übernehmen.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Das Laster der Kleinstadt ist der Klatsch, das Laster der Großstadt Gleichgültigkeit.“
Das sagte einst Tom Wolfe. Der US-Schriftsteller und Journalist starb am Montag im Alter von 87 Jahren.
Tweet des Tages
In Berlin we don't say „Alles okay?“ we say „Du dumme Sau! Haste keene Oogen im Koppe? Nur zum Haare schneiden dat Ding, wa? So wat hohlet! Wenn am Blech wat is, blechste, mein Freund!!! Aber sauber.“ And I think that's beautiful.
Stadtleben
Essen in Spandau Foodblogger Georg Weber hat es jüngst ins Dallas Berlins verschlagen, wo er Nobbis feine Suppen aufgestöbert hat. Es besticht definitiv durch seine Schlichtheit, das gute Preis-Leistungs-Verhältnis (eine Portion gibt's ab 3,30 Euro) und den netten Service – denn die Inneneinrichtung versprühe eher den Charme eines umgebauten Büroraums. Stört einen dies nicht, kann drauflosgelöffelt werden aus den etwas veraltet und doch schon wieder charmant anmutenden Löwenkopftassen. Oft kämen sogenannte „Crowd-Pleaser“ wie Chili Con Carne, Berliner Erbsensuppe und Kasseler Sauerkrautsuppe (etwa heute) auf den Tisch, doch hin und wieder überrascht der Koch einen mit Extravagantem, wie Avocadocremesuppe mit Röstkartoffeln und Forelle. Ein wichtiges Kriterium erfüllt die Küche am Rohrdamm 26 laut Weber übrigens auch: Kräftig gesalzen sei hier alles, aber auch ordentlich gekocht. U-Bhf Rohrdamm, Mo-Fr 11-15 Uhr
Trinken In Gonzalos Kaffeebar Mi Onda bekommt jeder seinen Kaffee nach individuellem Gusto – ob mild, fruchtig-süß, würzig oder etwas bitterer, der Barista schraubt dafür extra an Feinheiten, wie dem Mahlgrad oder der Temperatur. Das zeigt seine Wirkung, denn der Espresso ist hervorragend – was dem Double Eye von nebenan ordentliche Konkurrenz machen dürfte. Neben Latte oder Cappuccino gehen in dem gemütlichen, holzvertäfelten Café in der Schöneberger Goltzstraße 34 (U-Bhf Eisenacher Str) auch frische Croissants über die Theke. Di-Fr 8-17 Uhr, Sa 9-17 Uhr, So 11-16 Uhr