Während Deutschland darniederlag gestern Abend, kurz vor 18 Uhr, unterhielt sich Angela Merkel gerade mit dem humanoiden Roboter Sophia. Die Kanzlerin besuchte die Konferenz „Morals & Machines“ der Wirtschaftswoche (kleiner Gradmesser der momentanen Fußballbegeisterung). Sophia, offenbar schon recht vermenschlicht, zählte zum Trost die WM-Titel der deutschen Mannschaft auf (54, 74, 90, 2014), doch dass in diesem Jahr nun definitiv kein weiterer hinzukommt, wollte die Kanzlerin dann doch nicht so schnell wegstecken: „Ja, Sophia, das stimmt, wenn man auf der langen Zeitachse guckt. Aber ehrlich gesagt: Heute sind wir alle sehr traurig“.
Das Spiel ist aus, der Beton aufgebrochen, die Enttäuschung groß. Aus! – das meistgelesene Wort auf den Titelseiten heute früh, der Weltmeisterfluch macht auch vor Schland nicht halt. Kurier: „Wir trauern um Schland. 2006-2018“, B.Z.: „Die Mannschafft sich ab“ und „11 Freunde täglich“ im Tagesspiegel: #ZSMMNBRCH (E-Paper hier) Auch die internationalen Beobachter kübeln die Häme über dem Weltmeister aus („Is there a german word for Schadenfreude?“). Wer so jubelt wie gegen Schweden, darf sich nicht beschweren. Wer zuletzt jubelt… Also halten wir’s mit Hummels, der uns kurz vor Schluss im südkoreanischen Strafraum die kalte Schulter zeigte – er sprach, gestand und wollte über die Gründe nicht mehr reden.
Zumindest in Berlin soll künftig die Null stehen: Die „Vision Zero“ soll heute im Abgeordnetenhaus beschlossen werden, Deutschlands erstes Mobilitätsgesetz, Ziel: keine Verkehrstoten mehr. In den vergangenen Jahren schwankte die Zahl zwischen 35 und 50, fast alle waren zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs. „Wir werden Berlin nicht wiedererkennen“, sagt Heinrich Strößenreuther und meint damit nicht irgendwann, wenn die Flugtaxis laktosefreie Limo über uns abwerfen, nein bereits in drei Jahren soll die Radrevolution über die Stadt gerollt sein, die der Aktivist mit seinem Volksentscheid Fahrrad angestoßen hatte. Die CDU spricht von einem Fahrradlobby-Gesetz, der Autoclub ADAC ist enttäuscht, dass Autos keine Rolle spielen.
Der Plan sieht so aus: Bis zur nächsten Wahl 2021 sollen viele neue Radwege entstehen, an Hauptstraßen geschützt durch Poller oder Kanten, denn heute weiß man: Weiße Farbe hilft nichts. 100 Kilometer Radschnellwege sollen hinzukommen, durch Fahrradstraßen auf Nebenstraßen der Verkehr entflochten werden, rund 25 gefährliche Kreuzungen umgebaut. Nur das Tempo muss ein bisschen anziehen (also das der Planer, nicht das der Raser): „Es darf nicht mehr vier Jahre dauern, bis irgendwo ein Strich auf die Straße gepinselt wird“, sagt Strößenreuther.
Rund zwei Jahre hat es gedauert, nun ist die neue Ampelanlage an der Schöneberger Hauptstraße, Ecke Vorberg- und Helmstraße, endlich fertig. Ergebnis im Praxistest: Für Fußgänger ist die Sache mit zwei Ampeln sinnvoll gelöst. Die beiden Fahrradampeln hingegen bergen neue Gefahren: Auf der einen Seite ist der Radweg so ungünstig angelegt, dass er meist zugeparkt ist, auf der anderen Seite wurde eine Mini-Abbiegespur eingerichtet, die höchstens ein Rad vor der vielbefahrenen Hauptstraße schützt und dann im Gegenverkehr endet. Ähnlich abrupt endet eine neue Radlerspur vorm Roten Rathaus plötzlich in parkenden Autos. Wenn die neuen Radwege so aussehen, droht auch beim Mobilitätsgesetz Ernüchterung durch Vorrundenaus.
Gefährliche Stellen können Sie uns gern weiterhin schicken an checkpoint@tagesspiegel.de oder twittern mit dem Hashtag #Gefahrenmelder.
Ein ganz neues Verkehrskonzept gibt es nun am BER, der offenbar mehr und mehr zum Auffangbecken für gescheiterte Existenzen wird. Nein, damit ist nicht das Personal gemeint (sorry, fiese Blutgrätsche), sondern (ausnahmsweise mal funktionierende) Maschinen. Nachdem hier im Winter bereits den Air-Berlin-Maschinen das Herz gebrochen wurde (Umlackierung für die Konkurrenz), nutzt VW nun die freien Flächen am irgendwann-mal-Flughafen (12.000 Parkplätze in sechs Garagen und Parkhäusern) als Abstellgleis für Neuwagen, die die härteren Abgastests noch nicht bestanden haben. Klingt nach einer Verbindung mit Zukunft.
Apropos Zukunft: Die darf im neuen BER-Untersuchungsausschuss übrigens keine Rolle spielen. Im zweiten Versuch haben CDU und FDP im Abgeordnetenhaus es geschafft, ihren Antrag fehlerfrei zu formulieren. Im ersten hatten sie zum Beispiel auch gefragt, welche technischen Veränderungen noch vorgenommen werden müssen, welche finanziellen Risiken erwartet werden und welche Prognose es gibt für Fluggastentwicklung und Kapazität. Untersucht werden darf aber nur die Vergangenheit. Da sollte es ja auch genug zu tun geben.
Genug zu tun gibt es auch noch für die Berliner Wirtschaft, auch unter R2G, sagte Senatorin Ramona Pop gestern Abend zu Gast beim Tagesspiegel im Gespräch mit meinem Kollegen Johannes C. Bockenheimer. Zum Beispiel bei Digitalisierung und Elektromobilität: Mit Ladesäulen und Elektroautos sei es wie mit Henne und Ei – egal in welcher Reihenfolge, beides müssen gefördert werden. Aber: „Die Unternehmen werden alle nach Berlin kommen, weil die Leute eben nicht nach ... jetzt muss ich aufpassen, dass ich nichts Falsches sage… sonstwohin fahren wollen“. Gut gehalten. Zum Dank gab es aus dem Publikum eine Schachtel Pralinen – ohne Zucker.
Zucker(watte)freie Zeiten drohen nun auch der Fanmeile. Gestern Mittag, als alle noch im Siegessicher-Modus waren, wurde die Haltestelle Brandenburger Tor bereits mehr als eine Stunde vorm Spiel nicht mehr angefahren, so groß war der Andrang (Schätzung der Veranstalter: 100.000 Menschen, 90 Prozent Auslastung). Nun überlegt man, wie nach Team Vorrundenaus zu verfahren ist, so früh war in der Geschichte der Jubelmeile (kleines Histörchen meines Kollege André Görke) schließlich noch nie Schluss. „Wir werden wahrscheinlich trotzdem weiter machen“, sagte Sprecherin Anja Marx am Abend. „Es gibt ja auch noch andere Nationen in dieser Stadt.“ Für die Verkäufer seien selbst spielfreie Tage lukrativ, wegen der Touristen, die die autofreie Meile zum Bummeln nutzen. Und die Stände mit den Deutschland-Devotionalien? Da werde individuell verhandelt, ob eine Entschädigung der Standmiete möglich ist. „Andererseits kennen die Händler das Risiko. Wenn Deutschland Weltmeister wird, gehen wir ja auch nicht hin und wollen noch mehr Miete.“ Ihr Tipp für Praktiker: „Umnähen und Belgienflaggen draus machen.“
Die Belgier gelten bekanntlich traditionell als Geheimfavorit, was inzwischen ähnlich geheim ist wie die Abneigung zwischen Merkel und Seehofer. Bringt uns zu der Frage, mit wem wir denn nun mitfiebern sollen? Brasilien geht natürlich immer, schon als Wiedergutmachung. (Das 7:1 sitzt offenbar noch tief, wie man an dieser Reaktion von Fox Sports Brasil sieht). Dann vielleicht doch lieber die Engländer, die zum ersten Mal seit 1966 weiter gekommen sind als die Deutschen, und das natürlich ausgiebig feierten (Beispiele von Kevin Keegan und Gary Lineker).
Nichts für Sie dabei? Die Kollegen von Zeit Online haben hier noch eine kleine Hilfe zusammengestellt, Ergebnis: Ich bin Südkorea. Wie passend. Nur leider auch ausgeschieden. Für den weiteren Turnierverlauf helfen Platz 2-4: England, Kroatien und Belgien.
Die heutigen Spiele: 16 Uhr: Senegal-Kolumbien (ARD), Japan-Polen (One); 20 Uhr: England-Belgien (ARD), Panama-Tunesien (One).
Telegramm
Was Hochzeitsgäste heutzutage so alles dabeihaben. Ergebnis einer Polizeiaktion am Potsdamer Platz (die Feiernden hatten mit 15 Autos die historische Ampel umrundet und Schüsse abgegeben): Gefunden wurden Patronenhülsen, zwei Baseballschläger, eine Sturmhaube und ein Pfefferspray. Rund 50 Beamten waren im Einsatz, die Leipziger Straße etwa eine Stunde gesperrt. Nach der Durchsuchung durften die Hochzeitsgäste weiterfeiern.
Apropos Feiern: Wenn Ihnen Friedrichshain in den nächsten Tagen erstaunlich leer vorkommt, könnte das an der Fusion liegen, Mecklenburgischer Melting Pot, der an diesem Wochenende junge Menschen aus jungen Bezirken zum „größten Ferienlager der Republik“ lockt. Gestern Vormittag zog die Polizei erste Züge am Bahnhof Gesundbrunnen wegen Überfüllung aus dem Verkehr. Dafür gibt’s am Boxi wieder Parkplätze.
Beim Großreinemachen haben die Haushälter im Bundestag fünf Millionen Euro freigelegt. Die sollen nun ins Dachcafé auf dem Humboldtforum fließen, wie mein Kollege Ralf Schönball erfuhr. Der Schlossneubau hat somit in diesem Jahr bereits 34 Millionen Euro extra vom Bund erhalten. Es kommentiert MdB Swen Schulz (SPD): „Berlin ist das Aushängeschild Deutschlands. Da ist es folgerichtig, dass die Berliner Kultur auch mit Mitteln des Bundes unterstützt wird.“ Schöner Abstauber.
Großreinemachen musste auch die BSR am Dienstag, 13 Anzeigen liegen gegen die Greenpeace-Aktivisten vor, die den Großen Stern gelb gefärbt hatten (CP von gestern). Die BSR will die Rechnung (12 Reinigungsfahrzeuge à 7 Stunden) gleich weiterleiten. Dass die Polizei nicht nur wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Verstoß gegen das Versammlungsgesetz ermittelt, sondern auch wegen des Verdachts der Gewässerverunreinigung (Wasser fließt direkt in die Spree), dürfte für die Umweltorganisation allerdings schlimmer sein.
Im Februar wurde der Journalist Deniz Yücel überraschend aus der Haft entlassen, heute beginnt der Prozess in der Türkei. Dazu Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen: „Alles andere als ein Freispruch wäre unerträglich.“
Sonnabends ab jetzt in der Familie. Als letzte Schule Berlins schafft das Wilmersdorfer Goethe-Gymnasium den Samstagsunterricht ab. Neu ist zudem, dass Altgriechisch ab der 8. Klasse zugunsten von Französisch als dritte Fremdsprache abgewählt werden kann. Zumindest für die Fanmeile sicher die bessere Wahl.
Außerdem neu im Stundenplan: Das duale Abitur. Ab Herbst können zunächst im Hotelgewerbe und im Heizungs- und Sanitärbereich gute Schüler vier Jahre lang ausbildungsbegleitend Abi machen und werden dafür bezahlt. Berufsausbildung mit Abitur hieß das in der DDR, woran Berliner Zeitung („Das bezahlte Abi ist wieder da“) und Kurier („Die DDR macht Schule“) heute gern erinnern.
Erinnern wollen wir auch noch einmal an Heinz Erhardt. CP-Leser Michael Morig aus Höxter im Weserbergland weist uns darauf hin, dass Erhardt zwar seiner Zeit in der Tat (weit) voraus war, „allerdings nur im Adoptieren oder Modifizieren von Texten Dritter“. Der Ursprung des Zitates („Vater werden ist nicht schwer, Mutter sein dagegen sehr“, CP von gestern) sei eindeutig bei Wilhelm Busch zu finden, „die Ehrhardt‘schen Verdienste beschränken sich auf den Austausch des Wortes ‚Vater‘ gegen den Begriff ‚Mutter‘ in der zweiten Zeile.“ Dazu stellen wir fest: Vater und Mutter, Mutter und Mutter, Vater und Vater – machen Sie doch, was Sie wollen! Hauptsache alle haben sich lieb.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Wenn jeder 500 Euro mehr hätte, das würde viel verändern.“
Franziska Giffey (Familienministerin, SPD), will das Gehalt der Erzieherinnen und Erzieher erhöhen. (Q: Zeit)
Tweet des Tages
"Der Bundestag beschließt die Herbeirufung von Innenminister #Seehofer zur Debatte über die #Lifeline."
Antwort d. Red.: (Tweet in der 9. Spielminute von Südkorea - Deutschland)
Tweet des Tages
"Der wird begeistert sein... #KORGER"
Tweet des Tages
"Strafe muss sein."
Stadtleben
Für CP-Leserin Heide S. ist der Feinkostler in der Naugarder Straße 15 ein richtiger Gewinn für den Kiez. Das in warmen Farben gehaltene Restaurant im Prenzlauer Berg versprüht mediterranes Ambiente, in dem man Tapas (wahlweise warm oder kalt), Flammkuchen und variantenreiche Carpaccios (Rote Bete, Avocado, Rindfleisch) genießen kann. Die deutschen und spanischen Weine sind differenziert ausgewählt, wer gern stärkere Tropfen zu sich nimmt, dem sei der Malt Whisky empfohlen. Ansonsten: „moderate Preise und kompetente, äußerst freundliche Bedienung“. Klingt sehr sympathisch, zur Familienfreundlichkeit trägt auch die benachbarte Eisdiele und der kleine Park gegenüber bei. S-Bhf Prenzlauer Allee, Mo-Fr 12-14 Uhr & 16-22 Uhr, Sa 14-24 Uhr
Neu in Tegel ist das Budde Kaffee in der namensgebenden Buddestraße 31f. Heller Parkettboden und dezente Dekoration lassen den Laden unaufgeregt und freundlich wirken. Herzstück des kleinen Cafés ist ein üppiger Bartresen, über den ausschließlich Baristakaffee geht. Eine kleine Vitrine hält süße und vor allem veganen Leckereien wie Croissants und Kuchen bereit. Für Besitzer Rainer Fox, der als Musiker bei Max Raabe und dem Palast Orchester nun unter die Gastronomen gegangen ist, ist das Grund genug, das Budde als Tegels „erstes Hipster-Café“ zu bezeichnen. U-Bhf Alt-Tegel, Mo-Sa 9-17 Uhr