Wissen Sie schon, was Sie heute anziehen? Ausnahmsweise ist das mal nicht Windjacke wie Jogginghose. Die Fashion Week hat begonnen (mehr dazu täglich im Tagesspiegel, weiter unten im Stadtleben und online im Liveblog). Zeit also, sich mal schick machen. Oder ein paar Gedanken. Denn Mode erzählt, wer wir gern sein wollen und zeigt wie nebenbei, wer wir wirklich sind. Rassismus etwa offenbart sich nicht nur auf den Laufstegen der Welt (wo H&M einen dunkelhäutigen Jungen auf einem Shirt als „Coolest Monkey in the Jungle“ verunglimpfte), sondern auch auf unseren Laufwegen im Kiez, wie der Kleiderkünstler Isaiah Lopaz zu berichten weiß. Der dunkelhäutige US-Amerikaner, der seit elf Jahren in Berlin lebt, druckt alle rassistischen Sprüche, die ihm hier im Alltag begegnen, auf T-Shirts und trägt sie öffentlich vor uns her: „Bringst Du afrikanisches Essen zur Party mit?“ – „Du hast keine Kultur, weil Du von Sklaven abstammst.“ Kleider machen Leute – vielleicht ein bisschen nachdenklich.
Für alle, die nicht alle Teller im Schrank haben und deshalb gerade bei der Air-Berlin-Absturz-Auktion nicht weniger als 100 Euro für eine olle Tasse mit Flugzeugaufdruck bieten oder gar ein paar Tausender für einen quietschenden Trolley ausgeben wollen, haben wir folgendes Angebot: Wollen Sie für das viele Geld nicht zusammen lieber ein Flugzeug mieten und mal wieder ein paar Flüge ab Berlin anbieten? Hier schon mal eine – sicher unvollständige - Checkpoint-Liste der derzeit nicht mehr bedienten Strecken: Chicago, Miami, San Francisco, Los Angeles, Abu Dhabi, Göteborg, Danzig, Karlsruhe/Baden-Baden und Prag. Vielleicht fliegen wir irgendwann ab Tegel nur noch nach Schönefeld und zurück. Das wär ganz schön tempeldoof.
Da kippt mancher rot-rot-grüne Radler sicher aus dem Sattel. Dem Linken-Fraktionschef in Friedrichshain-Kreuzberg Oliver Nöll reicht die Rechthaberei vieler Pedaletreter. Als er nach neuen Radstellplätzen in seinem Bezirk gefragt wurde, antwortete Nöll trocken: „Ich habe andere politische Prioritäten: Gentrifizierung, Kleingewerbeverdrängung, soziale Schieflage in der Stadt und Gesellschaft, Wohnungslosigkeit.“ Ist die so heftig umkämpfte Verkehrspolitik am Ende ein Elitenthema? Nöll berichtet jedenfalls, er sehe eher „Leute aus den Eigentumshütten an der Revaler Spitze, die sich auf teure Touringbikes schwingen, während der scheinselbstständige Kurierfahrer morgens um 5:30 Uhr auf sein Auto angewiesen ist“. Ganz so einfach ist die politische Autokorrektur nicht, wie sie mancher Radfahrer gern hätte.
Verhülle keine Enthüllungen! Was sich Journalisten gern zu Herzen nehmen, sollte auch den Löschaktivisten von Facebook öfter an die Nieren gehen. Deutschlands bekannteste Street-Art-Künstlerin „Barbara“, die durch kleine Verfälschungen den öffentlichen Raum insbesondere in Berlin verändert, diskriminierende Schmierereien umpinselt und ihre hitzig-witzigen Botschaften dann in sozialen Netzwerken verteilt (einen Werkstattbericht gibt‘s hier), fällt derzeit der Zensur des US-Multimedia-Multis Facebook zum Opfer. So verhüllte sie ein Verkehrsschild „Unebene Fahrbahn“ mit einem Bikini-Oberteil (ein Bild davon gibt‘s hier) – was Facebook und Instagram wegen angeblicher Anstößigkeit verhüllen, also löschen ließen. Irgendwann sperren wir uns in unserer eigenen Freiheit ein.
Dass Berlins Verkehrsplanung zuweilen zu einseitig ist, zeigt die Idee der FDP in Steglitz-Zehlendorf. Sie will einen 3-D-Zebrastreifen vor die John-F.-Kennedy-Schule pinseln lassen, der Autofahrer durch eine optische Täuschung zu einer zügigen Bremsung zwingt. Denn beim Heranfahren wirken die kleinen Streifen auf der Straße wie große Klötze vor der Nase, die bereits Verkehrsteilnehmer in Österreich, Island und Indien staunen lassen (Beweisfoto hier). Erstaunlicher ist allerdings etwas anderes: Im isländischen Fischerstädtchen Ísafjörður wurde das Projekt innerhalb weniger Wochen genehmigt und umgesetzt. Das ist Berlin natürlich viel zu eindimensional.
Die Sedierungen innerhalb der SPD zu den Sondierungen mit der Union haben einen neuen Siedepunkt erreicht. Berlins Sozialdemokraten sprachen sich am Montagabend mit 21:8 Stimmen klar gegen weitere Verhandlungen aus. Partei- und Regierungschef Michael Müller war zwar noch dafür, Fraktionschef Raed Saleh aber schon dagegen. Der „Zwergenaufstand“ der SPD - ausgerufen von den bayerischen Scheinriesen der CSU - wächst sich aus.
Die Sezierungen in Berlins Lokalpolitik gehen ebenfalls messerscharf weiter. Nun verbaten sich auch Neuköllns Bürgermeisterin Franziska Giffey und ihr Lichtenberger Kollege Michael Grunst eine Einmischung des Senats in die Angelegenheiten der Bezirke. Wie hier schon berichtet, fordert Michael Müller ein Eingriffsrecht des Landes gegenüber seinen zwölf kleinen Großstädten, etwa bei Konflikten um den Wohnungsbau. Giffey, immerhin Müllers Parteifreundin, wehrte sich gegen „pauschale Schuldzuweisungen“. Der Linke Grunst pfefferte zurück: „Das wiederholte Bezirke-Bashing von Herrn Müller nervt. Das ist ein schlechter politischer Stil, den die neue Koalition eigentlich hinter sich lassen wollte.“ Grün ist sich Rot-Rot-Grün hier nicht.
Telegramm
Hasch mich oder ich hasch mich. Das scheint das Motto in Berlins Gefängnissen zu sein. Wenn nicht gerade Häftlinge ausbrechen, nehmen viele offenbar Drogen. Zumindest sind hier 2017 deutlich mehr Cannabis, Heroin und Kokain gefunden worden als ein Jahr zuvor. Da hilft wohl nur eine harte Linie.
Jedes Leben beginnt mit einer Zelle. Nun geht das Leben einer legendären Zelle zu Ende. Das rote Telefonhäuschen auf der Greenwichpromenade in Tegel wurde entfernt. Das einstige Geschenk aus London-Greenwich war demoliert worden, nun steht es im Bezirksamt herum. Und sucht Anschluss.
Da zieht es einem die Schuhe aus. Auf die BVG-Sneakers mit eingewebter Jahreskarte gibt es schon vor Verkaufsstart einen Run. Und einen Sprint legte Checkpoint-Leserin Nora Gores in Lübars hin, um noch den 222er Bus zu erreichen. Außer Atem erreichte sie die hintere Tür, als der Busfahrer sie über Lautsprecher zu sich rief: „„Dit is hier übrigens wie beim Essen: vorne rinn, hinten raus.
Sicher ist sicher. Die Anti-Terror-Eliteeinheit GSG 9 wird bald wie schon lange geplant in Berlin stationiert (besser gesagt: in Spandau). Und der Bundesnachrichtendienst richtet sich in seinem Schießschartenmonstrum inmitten von Mitte häuslich ein. Hier stellt der Bezirk auch bald Parkraumautomaten auf. Die beschatten dann bei Sonnenschein den Gehweg.
Deutsche Frau, halte Dein Blut rein! Mit solchen Propagandaplakaten aus der Nazi-Zeit färbte die AfD-Politikerin Franziska Lorenz-Hoffmann ihren Facebook-Account braun. Nach einer öffentlichen Debatte zieht sie sich nun aus der Seniorenvertretung Neukölln zurück. „Ich habe mir dabei nichts gedacht“, schreibt sie in einer Mail an Mitstreiter. Das glaubt man ihr sofort nicht.
Letzte Meldung nach abgelaufener Spielzeit: Tor für Deutschland bei der Handball-EM! Sie wollen Beweise? Bitteschön, ein Video.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Eine Vereinbarung, durch die der Schuldner verpflichtet wird, ein Entgelt für die Nutzung einer SEPA-Basislastschrift, einer SEPA-Firmenlastschrift, einer SEPA-Überweisung oder einer Zahlungskarte zu entrichten, ist unwirksam.“
Laut Bürgerlichem Gesetzbuch, Paragraf 270 a, darf bei bargeldlosem Bezahlen keine Gebühr mehr erhoben werden.
Zitat
„Es sind folgende Zuschläge zu berechnen: (…) bei bargeldloser Zahlung 1,50 Euro.“
Laut der Verordnung über Beförderungsentgelte im Taxenverkehr, Paragraf 5, gilt deutsches Recht nicht in Berliner Taxis.
Tweet des Tages
„Zwei Straßen weiter wird übrigens gerade eine Wohnung für 1,6 Millionen Euro zum Kauf angeboten. Problemkiez Neukölln.“
Stadtleben
Neu in Charlottenburg ist die Kantini im Bikini. Letzten Freitag hat der neue Food Market im eher wenig belebten Ostflügel der ersten Etage eröffnet. Entsprechend der modischen Trends des Design-Kaufhauses, bietet der Foodcourt einige Highlights beim stop by während der Shopping-Tour (oder nach dem Zoobesuch): Gespeist werden kann sitzend auf Sofas, schaukelnd im Sessel oder an Barhockern, im hinteren Teil mit Blick auf das Zoopanorama in einer Farbwelt David Hockneys. Bunt ist auch die Auswahl der Gerichte: von Currywurst (klassisch und mit Dry-Aged-Fleisch) bis Tapas mit indischer Note, koreanische Straßenkost und hawaiianische Poke-Bowls geht es kulinarisch einmal um den Globus, während draußen im Zoo die Störche klappern. Mo-Sa 10-20 Uhr
Winterzeit ist Sake-Zeit. In Japan wird das „Getränk der Götter“ derzeit unter großer Sorgfalt gebraut, und Kenner wissen: Guter Sake hat daher seinen Preis. Auch die Berliner Spitzengastronomie hat den Reiswein längst entdeckt: Die größte Auswahl an direkt importierten Premium-Sake bietet das Zenkichi in Mitte. Der erste auf Premium-Sake spezialisierte Laden in Europa eröffnete 2010 in Friedrichshain: das Sake Kontor am Markgrafendamm 34. Hier finden Sie nicht nur ein vielfältiges Sortiment, sondern auch spezielle Tastings. Für Autodidakten und Genießer empfiehlt sich das Buch: Sake - das Getränk der Götter.