Leseempfehlungen
Lesestücke der Woche – Am 18. Juni wird der „Internationale Literaturpreis“ verliehen. Sechs Romane stehen auf der Shortlist, an denen der Wert guter Übersetzung anschaulich wird, denn keines dieser Bücher wäre im deutschsprachigen Raum ohne sie verfügbar. Am Sonntag um 13 Uhr veranstaltet das HKW außerdem ein „Shared Reading“ zu „Der Kadaverräumer“ von Zoltán Danyi, übersetzt von Terézia Mora. Die Geschichte beginnt in einer Berliner Klinik, in der ein Überlebender der Jugoslawienkriege wegen Verdauungsproblemen behandelt wird. Was folgt ist eine Geschichte, die sich großenteils am Rande der Erzählbarkeit bewegt, Sprache und Leser gleichermaßen strapaziert. Eine Zumutung, die man sich aber unbedingt antun sollte. Sei es, um zu sehen, wie weit Sprache in unaussprechlich Scheinendes vordringen kann.
Brutal, aber in ganz anderem Sinne, ist der Text, erschienen in der TAZ, in den Uli Hannemann seinen Besuch des Freizeit- und Erholungsparks Hasenheide hat fließen lassen – da befindet sich zur Zeit nämlich ein Rummel. Und den hat der Autor besucht. So viel zum Plot. Wer beim Lesen aber noch nie das Gefühl hatte, seinen über das Papier rasenden Blick unentwegt beschleunigen zu müssen, weil ihn der Text sonst einholen und wer weiß was mit ihm anstellen könnte, sollte kurz Luft holen, sich sammeln und dann hier einfach mal drauf los lesen.
Und zum Schluss: ein Leben, so kann man es sagen. Es ist so: Für manche Texte benötigen fähige Autoren nur Minuten. Dann gibt es Longreads mit aufwendigen Hintergrundrecherchen, die mitunter Monate und Jahre dauern können. Und dann gibt es diesen Text von Lothar Heinke, den kein anderer noch so fähiger Journalist je hätte schreiben können, als eben Lothar Heinke, der hier sein ganzes Journalistenleben in einer überschaubaren Anzahl an Zeilen abgerissen hat. Das an sich wäre ja schon interessant genug. Wenn es dann auch noch einer wie eben Lothar Heinke tut, dessen Leben den Aufstieg und Fall von Systemen umfasst, sich durch die meisten wesentlichen Koordinaten des 20. Jahrhunderts zieht, immer nah an der Macht und an den Regierten zugleich verläuft, aber lesen Sie selbst.