und herzlich willkommen beim ersten Wochenend-Checkpoint! Abonnenten bekommen hier von heute an jeden Sonnabend alle relevanten Meldungen des Tages, einen kurzen Rückblick auf das wichtigste Thema der Woche, ein politisches Interview (heute gleich mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller) - und die besten Tipps für die schönsten 48 Stunden in der besten Stadt der Welt, präsentiert von Thomas Wochnik. Zur Bestellung bitte hier entlang.
Wenn das Rote Rathaus ein Wetterhäuschen wäre, hätte das Männlein mit dem Regenschirm einen Dauereinsatz: Das Senatsbarometer steht auf stürmisch, bei der SPD heißt es: „Das Verhalten der Grünen belastet die Koalition sehr“, sogar von einem „Ausstiegsszenario“ war die Rede.
Was steckt wirklich dahinter?
Da ist zum einen die Unzufriedenheit der SPD mit sich selbst, die grummelnd ein Ventil sucht. Da ist zum anderen die Euphorie der Grünen, die fröhlich auf ihrer Umfragewolke entschweben. Und mittendrin die Linke, die gerne ganz entspannt im Hier und Jetzt ihr Programm durchziehen würde, aber zunehmend genervt ist von beiden Partnern.
Und statt Baldrian wird dann auch noch Krisentreibstoff verabreicht: Der Finanzsenator kündigt das Ende der fetten Jahre an, der Koalition stehen Sparrunden bevor. Zwar verlief das erste Chefgespräch über die Etats weitgehend schmerzfrei, aber die Nerven sind ja auch noch betäubt von der sedierenden Nachwirkung der finanziellen Überdosis, die zuletzt verabreicht werden konnte. Damit ist es bald vorbei.
Dazu kommt: Die Grünen, als schwächster Partner in die Koalition gestartet, aber jetzt seit Monaten an der Umfragen-Spitze (auch was das Personal betrifft), haben jetzt zusätzlich bei den Europawahlen der U18 mächtig abgeräumt: 31 Prozent, mehr als SPD und Linke zusammen. Wer da nicht in Szenarien denkt, hat Politik nicht verstanden.
Also, bahnt sich da was an oder nicht? Bleibt die R2G-WG von Michi, Poppi und Klausi, die Naomi Fearn hier jeden Tag im Checkpoint so brillant in Szene setzt, noch etwas zusammen – oder werden da langsam die Kisten gepackt? Bei der Checkpoint-Party gestern Abend haben wir Wirtschaftssenatorin Ramona Pop gleich mal danach gefragt – ihre Antwort: „Ich habe noch keine Kisten gepackt, und ich habe weder vor, aus der WG auszuziehen, noch woanders einzuziehen.“
Aha, noch nicht. FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja, ebenfalls beim Checkpoint zu Gast, riet der Senatorin dann auch, ruhig mal im Rathaus wohnen zu bleiben: „Mal sehen wer dazu zieht.“ Er würde ganz gerne, und auch die CDU ist nicht abgeneigt. Kai Wegner, der sich heute zum Landesvorsitzenden wählen lassen will, sagt: „Ich habe stets vielfältige Kontakte zu den Grünen gehabt. Die will ich wieder pflegen, Vertrauen aufbauen.“ (Q: Berliner Zeitung).
Aber kann die Opposition Regierungsverantwortung übernehmen? In der Union sagen sie selbst, das käme zu früh. Und beim Berlin-Quiz auf der Checkpoint-Party gestern Abend lag am Ende die Regierung mit Pop, Lederer und Staatssekretärin Sawsan Chebli von der SPD vor der Opposition mit Czaja und CDU-Europakandidatin Hildegard Bentele. Bemerkenswert: Gute Laune hatten alle, am Checkpoint-Wetterhäuschen schien die Sonne, das Barometer zeigte keine Gewitterneigung. Aber wir wissen ja: Berlin bleibt anders. Früher oder später.
PS: Falls Sie gestern Abend nicht dabei sein konnten: Hier gibt‘s noch ein paar Impressionen von unserer Checkpoint-Party – es wird nicht die letzte gewesen sein!
Telegramm
Bundesrat erlaubt E-Roller – aber nicht auf Gehwegen. Oder anders gesagt: Das Konjunkturprogramm für Chirurgen ist erstmal abgesagt.
Berlin bekommt Billig-U-Bahnen, schimpfen die Unterlegenen im Bieterverfahren der BVG (Siemens, Alstom) – die nächsten Folgen des Betriebsstörungsbingos sind also gesichert.
BER I: Im Herbst 2020 wird geflogen, da sind sich Aufsichtsrat und Geschäftsführung der Flughafengesellschaft nach der Sitzung gestern Abend sicher. Checkpoint-Analyse: Stimmt so oder so, denn dann fliegt am BER entweder irgendwas – oder irgendwer.
BER II: Der Flughafen bekommt 218 Stellen mehr (Aufsichtsratsbeschluss, macht ein Plus von mehr als 10 Prozent) – wenn die Entrauchungsanlage bis zum BER-Start nicht läuft, können die dann ja pusten („Mensch-Maschine-Lösung“, war 2012 auch schon mal geplant).
Kein „Schöner Morgen“ mehr mit Stefan Rupp und Christoph Azone – nach mehr als 25 Jahren gemeinsamer Frühmoderationen geht eine Ära zu Ende: Stefan verlässt Radioeins, Christoph bleibt beim Sender. Ihre letzte gemeinsame Show kommt am 7. Juni (jetzt schon mal vormerken, bitte – wird sicher legendär).
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Podiumsdiskussion: Angriff auf die liberale Demokratie Europas. Experten und Kandidaten zur Europawahl diskutieren über die Gefährdung des Rechtsstaates in Osteuopa: Die fortschreitende Gleichschaltung der Medien in Ungarn und anti-demokratische Entwicklungen wie die Justizreform in Polen, die gegen EU-Recht verstößt. Infos und Anmeldung hier.
Architekt I.M. Pei gestorben: Er konnte Licht und Bewegung bauen – und schuf den grandiosen Anbau zum Deutschen Historischen Museum in Mitte.
R2G-Halbzeitbilanz der „Koalition der freien Szene“: „Enttäuschend bis katastrophal“ nennt der Verband die Kulturpolitik des Senats – im Interview mit dem „Kurier“ kontert Klaus Lederer: „Wir haben uns mit Feuereifer an die Arbeit gemacht.“
Hinweis für Ermittler: „Auch Pornofreunde können Islamisten sein“ (Tagesspiegel) – Verfassungsschützer Olaf Farschid klärt im Amri-Untersuchungsausschuss über klassische Irrtümer auf.
„Molecule Man“ mit Rettungsweste – Aktivisten kleideten die Skulptur in der Spree ein, um gegen das Sterben im Mittelmeer zu protestieren (nein, das hat leider nicht aufgehört, nur weil nicht mehr jeden Tage davon etwas zu hören ist).
Ließ Linken-Abgeordnete Blumen sprechen? MdB Anke Domscheit-Berg soll vor vier Jahren mit einem Strauß gelber Margariten auf eine Videokoamera der Polizei eingeschlagen haben – das Verfahren ging gestern vor dem Landgericht in die dritte Runde. Checkpoint-Analyse: die Sache ist längst verwelkt.
Und niemals vergessen: Eisern Union kann heute in die Erste Liga aufsteigen.
Durchgecheckt
Drei Fragen an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller
1. Herr Müller, in wenigen Stunden machen Sie sich auf den Weg nach Tokio. Sind so aufwändige und teure Städtepartnerschaften über solche Distanzen überhaupt sinnvoll?
Städtepartnerschaften ermöglichen Austausch und Verständigung. Das klingt vielleicht nicht sofort nach „harten Fakten“, ist aber unglaublich wichtig. In Zeiten von erstarkendem Nationalismus, einem Abschottungsprozess von Staaten und eher weniger Verständigung ist ein Austausch auf kommunaler Ebene, besonders auf kulturellem Gebiet und im Bereich von Wissenschaft und Forschung eine Brücke. Die großen Fragen sind in allen Metropolen gleich: Demographischer Wandel, Infrastruktur, Digitalisierung und natürlich Wohnen/Stadtentwicklung. Von den unterschiedlichen Antworten und Lösungen, die gefunden werden, profitieren alle. Nicht zu vergessen die zahlreichen gemeinsamen Projekte wie Austauschprogramme für Auszubildende oder Hospitanzen zu Themen kommunaler Aufgabenbereiche.
2. Gerade asiatische Städte forcieren ihre digitale Transformation zu „smart cities“. Was muss in Berlin passieren, um da nicht den Anschluss zu verlieren?
Auch Berlin vollzieht die Entwicklung zur Smart City. Und mit der internationalen Entwicklung Schritt zu halten, ist eine große Herausforderung. Mir ist eine Offenheit gegenüber innovativen Ideen genauso wichtig, wie die Sorgfalt beispielsweise im Datenschutz. Der Transformationsprozess der Digitalisierung hat auch etwas mit einem Kulturwandel zu tun. Und die Herausforderungen sollten nicht zu Überforderung führen. Deshalb unbedingt ein Bekenntnis zur Smart City – der Senat sorgt für gute Rahmenbedingungen. Denn wir wollen nicht unbedacht nur kopieren, sondern gute Ansätze implementieren, weiterentwickeln und Berliner Ideen kreieren. Wir wollen selbst Impulsgeber sein, durch das Stärken unserer Wissenschaftslandschaft in einem lebendigen Startup-Umfeld.
3. Zurück nach Berlin: Auf welches kulturelle oder gesellschaftliche Ereignis in ihrer Heimatstadt freuen Sie sich ganz besonders?
Sich in unserer Stadt für nur ein Ereignis entscheiden zu müssen, ist schon eine sehr schwierige Aufgabe. Das Luftbrückenjubiläum und die Begegnung mit Gail Halvorsen waren für mich schon sehr beeindruckend. Mit Blick auf das gesamte Jahr 2019 ist aber ohne jeden Zweifel der 9. November ein Tag der großen Momente, auf den ich mich besonders freue. An diesem Tag bewusst die Ereignisse von vor 30 Jahren wach zu rufen, an die besondere Atmosphäre des Abends zu denken, die Dimension einer friedlichen Revolution und die großen Chancen für diese Stadt zu erfassen, damals wie heute – davor habe ich Respekt und darauf freue ich mich.
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Der Duft von Kaffee lockt aus den Federn, und das genau zur richtigen Zeit. Der Körper signalisiert, dass er langsam bereit wäre, sanft in ein Wochenende ohne Verpflichtungen, Sorgen und Stress zu gleiten. Die Realität: In der Küche stapeln sich Abwasch und Müll einer ganzen Arbeitswoche, der Kühlschrank ist bis auf ein paar runzlig gewordene Champignons leer und auch der Glück verheißende Kaffeeduft kommt nicht von allein – man muss schon zumindest jemanden überreden, und auch das ist Arbeit. Nichts wie raus hier also, mit oder ohne Familie/ Partner/ Kinder.
Samstagmorgen – Die Standbetreiber auf dem Wochenmarkt am Winterfeldtplatz sind bereits seit drei, vier Uhr auf den Beinen, seit acht ist der Markt geöffnet. Wer das Haus ohne Kaffee verlassen hat, dürfte bei Roberto glücklich werden, der hier seit gefühlt schon immer steht, immer, wenn Markt ist zumindest, und einen der feinsten Kaffees der Stadt brüht. Warteschlangen muss der frühe Wurm nicht fürchten, der späte umso mehr.
Samstagmorgen – Frühstücken kann man entweder gleich auf dem Markt, besonders kostenneutral übrigens, wenn man sich probierend von Stand zu Stand treiben lässt. Oder man zieht einen Block weiter ins Meyan (Goltzstraße 36), ein Frühstückslokal, dessen Küche regelmäßig in den Top Ten Listen türkisch-deutscher Gaststätten auftaucht. Warme wie kalte Speisen gibt es zu bodenständigen Preisen (siehe Menü) und in entspannter Atmosphäre. Wer das alles zu gewöhnlich findet, kann übrigens gleich rausfahren und es im exotischen Malchow mal mit Birkenblätterburgern versuchen – und so der Heuschnupfenzeit etwas Positives abgewinnen.
Samstagmittag ist Stadtflucht. Nur weil Berlin und Brandenburg nicht gerade als Weinbaugebiete bekannt sind, sollte man nicht meinen, dass hier keine Weinfeste gefeiert werden könnten. Schon zum zweiten Mal dreht sich in Mahlow (die Pfalz Brandenburgs) fast alles um den Traubensaft with Benefits – wozu heute auch ein Auftritt von Ulli & seinen Grauen Zellen sowie der singenden GIs von Checkpoint Fire (nicht mit uns verwandt oder verschwägert) gehört. Dass das Fest übrigens was für die ganze Familie ist, geht schon aus der Getränkekarte hervor. „Für alle, die keinen Wein mögen, gibt es auch eine abwechslungsreiche Auswahl an Durstlöschern wie Whisky, Bowle, Cocktails und diverse Biervariationen.“
Samstagabend wird diskutiert – Aischylos, Prometheus. Der Mythos vom Ende des Mythos ist schon 2500 Jahre alt und doch halten sich Mythen hartnäckig bis heute. Beispiel: Mythos Kraftwerk. Es gibt scheinbar kaum eine Band, die nach Kraftwerk elektronische Elemente in ihrer Musik benutzt hat, ohne sich auf das Düsseldorfer Automatenquartett zu beziehen. Oder doch? In der Ziegrastraße 11-13 nimmt sich ein Nachdenkquartett dieses Mythos an und entwickelt „kritische Perspektiven auf Kraftwerk“ heute ab 19 Uhr. Archiv der Jugendkulturen/ Vereinsräume an der Autobahn (ausgerechnet).
Samstagabend – Beim Konzert von Vax: Probrono wird ein multimediales Underground-Feuerwerk gezündet, das nichts auslässt. Minimalismus ist woanders. Als wäre es nicht genug, holt sich das Trio aus Brooklyn Verstärkung von hiesigen Künstlerinnen wie Ute Wassermann, Grischa Lichtenberger, Oh Boi No Boi, Daniela Imhoff, Dan Peter Sundland, Sarnt Utamachote und anderen. Heute ist der zweite und letzte Tag des Minifestivals (20.30 Uhr, West Germany, Skalitzer Straße 133, Eintritt 7 Euro). Ach, und wie heißt es doch seit Jahrtausenden – kommt der Hörer nicht ins Konzert, kommt halt das Konzert… zumindest für Kreuzhain stimmt das heute so, denn bei Ghost Town zieht ein mit Bands beladener und zur Bühne umfunktionierter Umzugswagen um die Häuser und bespielt dem Clubsterben zum Opfer gefallene Stätten, hier entlang zum Programm.
Sonntagmorgen – Frische „Backkunst“, eine der zeitbasierten Künste, macht den Gaumen zur Galerie (Backkunst von gestern entsprechend zum Museum). Nachdem er sich samstags bereits im Kühlschrank zu stauen begonnen hatte, kulminiert der Zeitgeist jeden Sonntag um 9 Uhr in Bäckerei und Hofcafé Endorphina – was dann im Verkaufsregal liegt, ist das Ergebnis besonders langsamer, schonender und den Geschmack intensivierender Prozesse. Bio, regional, fair und transparent sind alle Schritte der Herstellung außerdem.
Sonntagmittag – Eigentlich stehen politische Demonstrationen in der Rubrik „Berlin Heute“ – heute ist das anders. Der Aufzug am Rosa-Luxemburg-Platz dürfte nämlich das kulturelle Stadtgespräch am Sonntag beherrschen – und mit reichlich Pink, Gold und Silber auch für bleibende sinnliche Impressionen sorgen. Die "Berliner Erklärung der Vielen" hat zur Demonstration aufgerufen, um für die Sicherung der Kunstfreiheit gegen autoritäre Kulturpolitik in Deutschland, Europa und der ganzen Welt zu demonstrieren. Der Berliner Aufruf ist Teil einer deutschlandweiten Initiative des Kulturbetriebs.
Große Teile der Berliner Kulturlandschaft werden am Sonntag statt auf die Bühnen gebündelt auf die Straße gehen. Zu den Unterzeichnern des Aufrufs gehören unter anderem Sasha Waltz, die Intendanten der Berliner Stadttheater sowie die Direktoren des Martin-Gropius-Baus, der Neuen- und der Alten Nationalgalerie sowie vieler weiterer renommierter Berliner Museen.Im Programm des am Montag endenden Theatertreffens ist die Demo als eigener Programmpunkt gelistet. Und, da die drei letzten Vorstellungen schon seit Wochen ausverkauft sind (sowas gibt es in Berlin), ist die Demo, wenn man so will, einer der letzten zugänglichen Mitmachteile.
Sonntagabend ist entweder Party im TAK Theater: Ab 18 Uhr steigt hier nämlich die Anschlussparty zur Demo der Berliner Kulturlandschaft. Oder Musik – hier drei Alternativen.
Sonntagabend, die Erste: Wer es poppig mag, für den spielt Joey Pecoraro im Privatclub ab 19 Uhr seine eklektische Collagenmusik irgendwo zwischen Retro-Lo-Fi, Lounge, Jazz und Elektro auf, die garantiert für ein sanftes Herunterkommen sorgt.
Sonntagabend, die Zweite – Im Piano Salon Chistophori ( Eintritt: 20 Euro) erklimmt die Ausnahmepianistin aus der Tundra, Ekaterina Litvintseva, den „Olymp des Klavierspiels“ mit Schumanns „Symphonische Etüden“ und Schuberts „3 Klavierstücke D 946“. Allzu oft dürfte sie in so kleinem Rahmen zukünftig nicht zu erleben sein.
Sonntagabend, die Dritte – Dieter Schnebels Musik dürften viele Konzertgänger schwierig finden. Vielen Berlinerinnen und Berlinern wird der am 20. Mai 2018 gestorbene Komponist aber auch menschlich in Erinnerung sein, als Gastprediger in der Johann-Sebastian-Bach-Kirche in Lichterfelde nämlich. Nicht wenigen, die ihn menschlich kennengelernt haben, dürfte es anschließend deutlich leichter gefallen sein, sich auch seiner Musik zu nähern. Dafür genügt schon aufmerksames Zuhören, wie Sonntagabend im Joseph-Joachim-Konzertsaal der UdK (nicht der in der Hardenbergstraße). Eintritt Frei
Mein Wochenende mit
Annemie Vanackere ist studierte Philosophin und seit 2012 Intendantin des Internationalen Produktionshauses HAU Hebbel am Ufer in Kreuzberg (Foto: Dorothea Tuch).
„Im Theater ist das Wochenende immer Teil der Arbeit, weil der Betrieb weiterläuft. Nichtsdestotrotz versuche ich, den Sonntag häufiger für meine Liebsten frei zu haben. Das kommende Wochenende ist besonders, vor allem, weil ich Samstag auf eine Beerdigung fahre – das Private erobert sich so seinen Zwischenraum. Gerahmt wird der von Arbeit: Freitagabend haben wir eine Buchpräsentation mit Lorenzo Marsili, Srećko Horvat und Naika Foroutan im Haus, die ich mit Blick auch auf die Europawahlen nicht verpassen möchte. Anschließend werde ich mich in den Schlussteil von Rabih Mroués neue Theaterproduktion „Borborygmus“ schleichen – ein Privileg meines Jobs – weil sich das Stück sicher mit jeder Aufführung weiterentwickelt. Die letzte ist übrigens Samstagabend. Am Sonntag dann zwei Herzenstermine: Der erste ist die „Unite & Shine“ Demo. Ich erwarte, viele Kolleg*innen aus der Kulturlandschaft zu sehen und dass wir ein positives Zeichen setzen „für die Kunstfreiheit, eine offene Gesellschaft und ihre demokratische Gestaltung in Respekt, Vielfalt und Toleranz“ – so wie „Die Vielen“ es treffend formulieren. Anschließend bin ich auf dem Podium zu „Practice what you Preach?! Vol.2“. Thema: Realität der Gender(un)gleichheit am Theater. Auf das Podium geladen wurden zehn „Intendant*innen“. Kurioserweise haben aber fast alle Häuser – auch die mit männlichen Intendanten – Frauen geschickt. Als ob die Frauen das Thema unter sich aushandeln sollten. Aber die Diskussion betrifft Männer und Frauen gleichermaßen! An diesem Wochenende erwartet mich also eine emotionale Mischung aus intimer Trauer und öffentlichem Engagement - aber kein terminfreier Tag, denn es gilt noch immer: „Das Private ist politisch.“
Leseempfehlungen
Lesestücke der Woche – Am 18. Juni wird der „Internationale Literaturpreis“ verliehen. Sechs Romane stehen auf der Shortlist, an denen der Wert guter Übersetzung anschaulich wird, denn keines dieser Bücher wäre im deutschsprachigen Raum ohne sie verfügbar. Am Sonntag um 13 Uhr veranstaltet das HKW außerdem ein „Shared Reading“ zu „Der Kadaverräumer“ von Zoltán Danyi, übersetzt von Terézia Mora. Die Geschichte beginnt in einer Berliner Klinik, in der ein Überlebender der Jugoslawienkriege wegen Verdauungsproblemen behandelt wird. Was folgt ist eine Geschichte, die sich großenteils am Rande der Erzählbarkeit bewegt, Sprache und Leser gleichermaßen strapaziert. Eine Zumutung, die man sich aber unbedingt antun sollte. Sei es, um zu sehen, wie weit Sprache in unaussprechlich Scheinendes vordringen kann.
Brutal, aber in ganz anderem Sinne, ist der Text, erschienen in der TAZ, in den Uli Hannemann seinen Besuch des Freizeit- und Erholungsparks Hasenheide hat fließen lassen – da befindet sich zur Zeit nämlich ein Rummel. Und den hat der Autor besucht. So viel zum Plot. Wer beim Lesen aber noch nie das Gefühl hatte, seinen über das Papier rasenden Blick unentwegt beschleunigen zu müssen, weil ihn der Text sonst einholen und wer weiß was mit ihm anstellen könnte, sollte kurz Luft holen, sich sammeln und dann hier einfach mal drauf los lesen.
Und zum Schluss: ein Leben, so kann man es sagen. Es ist so: Für manche Texte benötigen fähige Autoren nur Minuten. Dann gibt es Longreads mit aufwendigen Hintergrundrecherchen, die mitunter Monate und Jahre dauern können. Und dann gibt es diesen Text von Lothar Heinke, den kein anderer noch so fähiger Journalist je hätte schreiben können, als eben Lothar Heinke, der hier sein ganzes Journalistenleben in einer überschaubaren Anzahl an Zeilen abgerissen hat. Das an sich wäre ja schon interessant genug. Wenn es dann auch noch einer wie eben Lothar Heinke tut, dessen Leben den Aufstieg und Fall von Systemen umfasst, sich durch die meisten wesentlichen Koordinaten des 20. Jahrhunderts zieht, immer nah an der Macht und an den Regierten zugleich verläuft, aber lesen Sie selbst.
Wochenrätsel
Berlin hat eine neue Pferdekutschenleitlinie: Bei wieviel Grad gibt es ab sofort hitzefrei?
- 30 °C
- 35 °C
- 25 °C
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Encore
Da draußen ist natürlich weit mehr los, als dieser Newsletter vermitteln kann. Ich hoffe, dass er in diesem Sinne über sich selbst hinaus verweist, auf alles das, was sich dem Blick entzieht und hier und da den musilschen Möglichkeitssinn stimuliert. Und dass er damit dazu anregt, diese Stadt immer wieder neu zu erkunden.
Also ziehen Sie sich warm an und raus da, mischen Sie sich unters Volk! Es ist schließlich Wochenende.