Berlin vor 75 Jahren – die Tagebücher von Curt Cowall

Mail von Enno Lenze (u.a. Macher der Dokumentation „Hitler – Wie konnte es geschehen?“): Der „Berlin Story“-Verlag veröffentlicht die bisher unbekannten Tagebücher des Verlegers Curt Cowall 1940 bis 1945, ob wir vielleicht Auszüge… na das schauen wir uns mal an. Cowall war Naziprofiteur und NSDAP-Mitglied. Als im Januar 1945 seine Geschäftsräume in der Kreuzberger Ritterstraße von alliierten Bombern in Schutt und Asche gelegt wurden, jammerte er: „Mein schönes Chefzimmer ist kaum noch bewohnbar.“

Erst angesichts der Niederlage kamen Cowall Zweifel, später leugnete der seine Parteimitgliedschaft, hielt nach dem Krieg Vorträge über „Propaganda, Massensuggestion und seelische Epidemien“. Er eröffnete in der Kleiststraße eine Kunsthandlung und einen neuen Verlag. „Persönliche Verantwortung oder Schuld kann der Verfasser der Tagebücher, wie fast alle Deutschen, in diesem Moment nicht erkennen“, schreibt Mitverleger Wieland Giebel. Cowalls Neffe Peter Dörp, Herausgeber der Tagebücher, sagt: „Die Veröffentlichung soll dazu beitragen, die Verstrickung so vieler Zeitgenossen in die Machenschaften der Nationalsozialisten zu dokumentieren.“ In den kommenden Wochen veröffentlichen wir hier also in kurzen Auszügen die Einträge Cowalls aus den April- und Maitagen des Jahres 1945: Berlin vor 75 Jahren

14. April 1945: „Ich war in diesem Kriege ein Optimist, dann schließlich kann man sich ja an den Fingern abzählen, daß ein Deutschland auf die Dauer nicht gegen die ganze Welt von Feinden bestehen kann! Die Heeresberichte sind aber jetzt so niederschmetternd, daß man nur noch mit dem Kopf schütteln kann, denn daraus geht hervor, daß wir vor dem endgültigen Zusammenbruch stehen. Was wird mit uns und mit Berlin? Die bange Frage trägt jeder auf den Lippen! Wird hier auch noch blutiger Krieg kommen, nachdem jedes Dorf bis zum Letzten verteidigt werden soll? Wir stehen vor schweren Entscheidungen!“