es ist die Woche der Entscheidung: Werden die Corona-Beschränkungen gelockert? Frankreich verkündete gestern Abend eine Verlängerung der Ausgangssperren bis zum 11. Mai. Spanien lässt in der Industrie und auf dem Bau unter Auflagen wieder arbeiten. Und Deutschland? Die Bundeskanzlerin hatte angekündigt, sich an den neuen Empfehlungen der „Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina“ zu orientieren – seit gestern liegen sie vor, hier die wichtigsten Punkte:
1) Grundschulen und Klassen der Sek I sollten so bald wie möglich wieder die Arbeit wiederaufnehmen, bei Beachtung strenger Hygieneregeln. Ältere Schüler müssten länger online lernen, Kita-Kinder zuhause bleiben.
2) Kleinere Läden, Gastwirtschaften und Behörden könnten als erste wieder öffnen – unter Beibehaltung der Abstandsregeln.
3) In Bussen und Bahnen sollte eine Maskenpflicht eingeführt werden.
Eine Übersicht der Leopoldina-Empfehlungen finden Sie hier.
Die renommierte Helmholtz-Gemeinschaft warnt unterdessen vor einer zu raschen Rückkehr – hier haben Wissenschaftler („Modellierungsexperten“) aus der Perspektive der systematischen Epidemiologie drei Szenarien analysiert. Das Papier, das dem Tagesspiegel vorliegt, soll ausdrücklich als Ergänzung zur Leopoldina-Stellungnahme verstanden werden. Die wichtigsten Punkte hier:
1) Die bisherigen Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung werden als „ein großer Erfolg“ bewertet (Infizierte stecken nicht mehr als eine weitere Person an).
2) Dass die Verbreitung der Krankheit sich weiter verlangsamt (derzeitiger Trend), wird jedoch nur als „spekulativ“ und „nicht wirklich bewiesen“ beschrieben.
3) „Die Berechnungen (…) liefern starke Argumente dafür, die derzeit noch starken Begrenzungen für einen Zeitraum von wenigen Wochen zunächst aufrecht zu erhalten (…)“, schreibt Otmar Wiestler, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft.
Jetzt muss die Politik entscheiden, welche Diät sie für die wirksamste hält – und vor allem: wie sie einen Jo-Jo-Effekt vermeiden kann. So sieht der politische Fahrplan für die nächsten Tage aus:
- Dienstag: Die Bundeskanzlerin bespricht sich mit den zuständigen Ministerinnen und Ministern. Der Senat stimmt sich vermutlich ebenfalls per Schaltkonferenz ab.
- Mittwoch: Die Bundeskanzlerin bespricht per Telefonkonferenz mit den MP’s aller Bundesländer das weitere Vorgehen.
- Donnerstag: Die Bundeskanzlerin stimmt sich abermals mit den zuständigen Ministerinnen und Ministern ab. Der Senat kommt zu einer Sitzung zusammen.
„Vor allem Senioren müssten vorerst mit Einschränkungen weiterleben“, sagt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (Q: „Bild“). Aber wer ist eigentlich „Senior“? Für die Bahn z.B. sind das alle ab 60, denn dann gibt’s Seniorenrabatt. Damit wären neben der Präsidentin selbst (sie ist 61) auch 25 Bundestagsabgeordnete betroffen (6 Linke, 6 SPD, 5 Afd, 4 CDU, 3 Grüne, 1 FDP), u.a. Wolfgang Kubicki, Renate Künast und Wolfang Schäuble. Und natürlich auch die Bundeskanzlerin (65).
Die Suche nach der richtigen Exit-Strategie ist auch mein Thema beim Dienstagskommentar heute früh um kurz nach 8 Uhr bei Radioeins. Und Ihre Meinung dazu interessiert uns natürlich auch – deshalb sind jetzt hier erstmal Sie dran:

Das Bundesverfassungsgericht stellt in Bezug auf die Gottesdienstverbote fest: „Der überaus schwerwiegende Eingriff in die Glaubensfreiheit zum Schutz von Gesundheit und Leben ist auch deshalb derzeit vertretbar, weil (…) das hier in Rede stehende Verbot von Zusammenkünften in Kirchen bis zum 19. April 2020 befristet ist.“ (Az 1 BvQ 28/20)
An der Entscheidung des BVerfG, eine einstweilige Anordnung gegen das Gottesdienstverbot zu Ostern abzulehnen, wirkten übrigens zwei Richter mit den Namen Christ und Paulus mit (der dritte heißt zwar Masing, aber mit Vornamen immerhin Johannes) – und das an einem Karfreitag. Es kommentiert Justitia: „Coram iudice et in alto mari sumus in manu Dei.“ (Stand auch bei meinem Vater an der Wand, und der ging selbst dann nicht in die Kirche, wenn sie offen war).
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Ein anderes Juristen-Sprichwort lautet: „Vor Gericht braucht man drei Säcke, einen mit Papier, einen mit Geld und einen mit Geduld“. Und diese drei Säcke brauchen auch Berliner Mittelständler in der Corona-Krise vor dem Kreditgericht der IBB. Ein Berliner Unternehmer (Web-Agentur, vor 20 Jahren gegründet, knapp 30 MA) beschreibt in einem Brief an den Regierenden Bürgermeister und den IBB-Vorstand seine Erfahrungen beim Versuch, einen der offerierten „Soforthilfe“-Kredite zu beantragen (hier gekürzt):
1) Der Antrag: „Aufwand an Bürokratie für Online-Antrag ist erschreckend.“ Aufgrund überlasteter Server gelang der Durchbruch „endlich in der Nacht zum 26. März um 3:30 Uhr“.
2) Die Rückmeldung: Nach einer Woche zwei Nachfragen, „die wir sofort beantworten konnten“.
3) Die Bewilligung: „Am 8. April endlich die vermeintlich erfreuliche Nachricht, dass uns ein Darlehen in Höhe von 330.000 Euro bewilligt wird.“
4) Die Bedingungen: „Für den Erhalt des Darlehens ist ein persönlicher Termin notwendig, der erst 14 Tage nach Genehmigung möglich ist.“
5) Die Absicherung: Die GmbH hat zwei Hauptgesellschafter. „Wir wurden nun als Privatpersonen aufgefordert, beide jeweils per SEPA-Mandat eine Bürgschaft in Höhe von 330.000 Euro abzugeben.“
6) Das Fazit: „Das bedeutet, die IBB sichert sich insgesamt mit der doppelten Darlehenshöhe bei zwei Privatpersonen ab“ – aus der Gesellschaft mit beschränkter Haftung wird eine mit privater Haftung. Und: „Eine Soforthilfe ist ein vierwöchiger Prozess, der nur durch einen Präsenztermin abgeschlossen werden kann in einer Zeit, in der jeglicher Kontakt zwischen den Menschen vermieden werden soll.“
7) Ende: „Wir lehnen das Darlehensangebot hiermit ab und werden stattdessen notfalls unser privates Geld in das Unternehmen investieren, das uns am Herzen liegt. Denn auch bei Ihrem Angebot wäre es ja am Ende unser Geld und somit sparen wir uns alle ein paar Papiere.“
Soweit der Brief an Michael Müller und den IBB-Vorstand.
Bei den Zuschüssen erst für Solounternehmer und Kleinstunternehmen, später auch für Kulturbetriebe (30 Mio) und Mittelständler (je 25.000 im Durchschnitt, insg. 75 Mio) lief es in Berlin ganz gut – auch wenn die Trittbretter, auf denen sich die unberechtigten Absahner und Betrüger drängelten, alleine schon wegen der Verstöße gegen das Abstandsgebots hätten geräumt werden müssen. Große Firmen wie die Lufthansa gelten ohnehin als „systemrelevant“ und diktieren dem Staat die Bedingungen, zu denen sie sich retten lassen. Der Senat ist stolz auf die positive wirtschaftliche Dynamik der vergangenen Jahre. Dafür verantwortlich waren im wesentlichen Berliner Unternehmen mit mehr als zehn MA (bis 250), die jetzt um Kredite kämpfen und um ihr Überleben – und um die Arbeitsplätze von 1,3 Mio Beschäftigten in Berlin (die Steuern zahlen, in Kiezläden kaufen, Kneipen und Restaurants besuchen, ins Theater und zu Konzerten gehen...).
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Mail von Enno Lenze (u.a. Macher der Dokumentation „Hitler – Wie konnte es geschehen?“): Der „Berlin Story“-Verlag veröffentlicht die bisher unbekannten Tagebücher des Verlegers Curt Cowall 1940 bis 1945, ob wir vielleicht Auszüge… na das schauen wir uns mal an. Cowall war Naziprofiteur und NSDAP-Mitglied. Als im Januar 1945 seine Geschäftsräume in der Kreuzberger Ritterstraße von alliierten Bombern in Schutt und Asche gelegt wurden, jammerte er: „Mein schönes Chefzimmer ist kaum noch bewohnbar.“
Erst angesichts der Niederlage kamen Cowall Zweifel, später leugnete der seine Parteimitgliedschaft, hielt nach dem Krieg Vorträge über „Propaganda, Massensuggestion und seelische Epidemien“. Er eröffnete in der Kleiststraße eine Kunsthandlung und einen neuen Verlag. „Persönliche Verantwortung oder Schuld kann der Verfasser der Tagebücher, wie fast alle Deutschen, in diesem Moment nicht erkennen“, schreibt Mitverleger Wieland Giebel. Cowalls Neffe Peter Dörp, Herausgeber der Tagebücher, sagt: „Die Veröffentlichung soll dazu beitragen, die Verstrickung so vieler Zeitgenossen in die Machenschaften der Nationalsozialisten zu dokumentieren.“ In den kommenden Wochen veröffentlichen wir hier also in kurzen Auszügen die Einträge Cowalls aus den April- und Maitagen des Jahres 1945: Berlin vor 75 Jahren.
14. April 1945: „Ich war in diesem Kriege ein Optimist, dann schließlich kann man sich ja an den Fingern abzählen, daß ein Deutschland auf die Dauer nicht gegen die ganze Welt von Feinden bestehen kann! Die Heeresberichte sind aber jetzt so niederschmetternd, daß man nur noch mit dem Kopf schütteln kann, denn daraus geht hervor, daß wir vor dem endgültigen Zusammenbruch stehen. Was wird mit uns und mit Berlin? Die bange Frage trägt jeder auf den Lippen! Wird hier auch noch blutiger Krieg kommen, nachdem jedes Dorf bis zum Letzten verteidigt werden soll? Wir stehen vor schweren Entscheidungen!“
Berliner Schnuppen
Telegramm
Heute in einer anderen Welt wäre um 20 Uhr im Kammermusiksaal der Philharmonie Gregor Gysi mit Rezitationen aufgetreten – treffender Titel der (in dieser Welt abgesagten) Veranstaltung: „Ein Leben ist zu wenig“.
Kevin Kühnert hat eine Aktion zur Kneipenrettung gestartet – im Interview mit Checkpoint-Kollege Julius Betschka („Vor dem Zapfhahn sind alle gleich“) erklärt der Juso-Chef u.a., wie eine Eckkneipe aussehen würde, wenn sie wie die SPD wäre. Kühnerts Lieblingsplatz ist übrigens an der Dartscheibe, am liebsten trinkt er Schultheiß, und auch wo seine Lieblingskneipe ist, steht hier.
Eine Meldung der Polizei: „Wenn ein Mädchen zusammen mit 31 Gästen in seinen 16. Geburtstag reinfeiert und die eigene Mutter offenbar für diesen Zweck kurzfristig ein 2,5-Zimmer-Apartment in Mitte angemietet hat, kommen wir leider nicht nur zum Gratulieren vorbei.“
Meistdiskutierter Berlin-Text über Ostern auf tagesspiegel.de war der Artikel von Ulrich Zawatka-Gerlach über die Auferstehung von Michael Müller als Macher. Und falls Ihnen das insgesamt zu pluralistisch ist, hier ein Lektüretipp: Lesen Sie die Verlautbarungen der Senatskanzlei, da steht immer nur drin, dass der Senat alles richtigmacht.
Keine gute Idee: Sich selbst einen neuen Haarschnitt zu verpassen. Wer’s nicht glauben will: „jetzt.de“ hat hier ein paar besonders schön misslungene Exemplare versammelt (unter dem Hashtag #CoronaHaircut veröffentlicht).
Justizsenator Behrendt will im Knast trotz Corona-bedingten Besuchsverbots „die Stimmung aufrechterhalten“ – deshalb wurden jetzt zum Online-Chatten per Skype Video-Räume eingerichtet. Dazu der Hinweis: „Für die Inhaftierten entstehen keine Kosten.“
Und da wir gerade dabei sind – hier ein kleiner Blick auf die aktuelle interne Belegungsstatistik: Insgesamt sind die Plätze in den Berliner Gefängnissen nur noch zu 73 % belegt. Absolut sind das 3339 Insassen (inkl. offener Vollzug), vor vier Wochen waren es noch 459 mehr. Im Frühjahr 2019 lag die Belegungsquote bei 82 %, im Frühjahr 2018 bei 85 % (in Moabit z.B. war da keine einzige Zelle mehr frei). Dass Berlin immer weniger kriminell wird, ist damit allerdings nicht gesagt.
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Tagesspiegel-Ostergewinnspiel
Ahoi! Mit der heutigen Gewinnspielfrage kommen die Wasserratten unter Ihnen auf Ihre Kosten, denn Sie bekommen die Chance auf eine sechstägige Reise auf dem Segelschiff „Eye of the Wind“.
Hier geht es zur Tagesfrage. Sie haben zwischendurch eine Frage verpasst? Keine Sorge, Sie können alle Fragen rückwirkend beantworten.
Jedenfalls ist genug Platz für die beiden „Gullideckel-Einbrecher“, die in der Nacht zu Ostermontag mit einem roten „Clio“ durch Neukölln rasten. Sie wichen auf Gehwege aus, rammten mehrere Autos und hielten auf einen Polizisten zu. Mehr als ein Dutzend Streifenwagen verfolgten das Auto, die Flucht endete im Gestrüpp einer Grünanlage am Stadtrand in Buckow. Einer der Täter (praktischerweise auch wegen anderer Delikte gesucht) wurde gleich festgenommen, der andere ließ seinen Ausweis zurück – und der war sogar echt (im Gegensatz zu den von einem Porsche geklauten Nummernschildern).
Wir bleiben beim Rasen. In Reinickendorf gab’s ein illegales Autorennen – die Polizei kommentierte das auf Twitter so: „Kurt-Schumacher Damm mit dem Michael-Schumacher-Damm verwechselt.“
Die Temperatur der Gesellschaft lässt sich immer gut bei Ebay messen – heute hot: „Wir tauschen eine Packung parfümiertes Klopapier gegen eine Packung Dinkelmehl.“
Post von Horst Milde (Lauf-Legende, „Berlin-Marathon“-Gründer) – er schreibt: „Als ,Hochrisikogefährdeter‘ jogge ich jeden zweiten Tag, fahre Rad auf dem Tempelhofer Feld, mache viel Gymnastik. Wer sehr früh mit dem Auto in den Grunewald oder an die Havel fährt, trifft dort keine Menschenseele – und ist danach für den Tag gerüstet!“. CP-Anmerkung: Milde (81) hat recht.
Ein guter Anlass, nochmal auf die Corona-Hilfsaktion „Socialrunning“ hinzuweisen – die Idee: Mit einem persönlichen Kilometersponsor individuell, virtuell und dezentral eine selbstgewählte Distanz absolvieren. Wer mitmachen will, muss allerdings einen Entscheidungssprint einlegen: Am 16. April geht’s auch für die Letzten ins Ziel. (Alle weiteren Infos dazu gibt’s hier.)
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Die Sieger des 1. Corona-Live-Slapsticks-Award (ausgeschrieben vom Checkpoint) stehen fest – sie schütteln sich gerade noch den Sand aus den Ohren, weiter unten im „Encore“ stellen wir Ihnen ihre Geschichte vor.
Auch nach Ostern geschehen noch Zeichen und Wunder – die BVG hat den barrierefreien Ausbau des U-Bahnhofs Jakob-Kaiser-Platz ausgeschrieben, Beginn der Arbeiten: 1.3.21 – also kurz vor Ostern (wir müssen nur dran glauben).
Fest dran glauben ist auch das Motto der Flughafengesellschaft: Sie hat jetzt die „Ingenieurdienstleistungen bei der Rückgabe des Flughafens Berlin Tegel an die Eigentümer“ ausgeschrieben – Beginn hier: 1.7.20 (Laufzeit: 13 Monate).
Heute ist übrigens „Schau in den Himmel“-Tag – oder wie wir dazu in der flugzeuglosen Corona-Zeit sagen: Painday für Planespotter.
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Schnauze!“ „Klappe!!“ „Schnauze!!!“
Nächtlicher nachbarschaftlicher Dialog von Haus zu Haus in der Fregestraße im vornehmen Friedenau.
Tweet des Tages
Möchte Sohn nach dem Essen Küsschen geben. Er: ‚überflüssiger sozialer Kontakt‘. Na toll.
Antwort d. Red.:
Stadtleben
Feuer frei – Für viele beginnt heute wieder das Homeoffice und damit die unlösbare Aufgabe, Arbeit und Kinder in häuslicher Beschränktheit unter einen Hut zu bekommen. Für alle, die das langsam zum Verzweifeln bringt: Sie sind nicht allein! Seit Beginn des Shutdowns dokumentieren meine Kollegen Esther Kogelboom und Moritz Honert den wachsenden Fatalismus zwischen Videocalls und Apfelspalten. Der Vorteil eines fast schon resignierten Geschehen-Lassens: Der Puls geht runter. Daher unser Tipp: Akzeptieren Sie die Anarchie!
Zu Hause essen – Berlins Gastronomen geben ihr Bestes, um zu überleben und ihren Service den Gegebenheiten anzupassen (siehe auch „Kiezhelfer“). Zumindest in dieser Hinsicht können wir uns glücklich schätzen in Berlin, denn es kann viel Zeit und Nerven sparen, wenn die Essenfrage geklärt ist – man muss nur wissen, dass es diese Angebote gibt, wie Billy Wagner, Inhaber des Nobelhart & Schmutzig in Kreuzberg, auf radioeins in der Hörbar Rust betont. Dabei können wir behilflich sein: Auch das bekannte Schmidt Z&Ko aus Friedenau(Rheinstraße 45-46) hat seinen Betrieb umgestellt. Seit letzter Woche stehen Ralf Zacherl, Marcel Woest und Team mittags am Herd und kredenzen frische Speisen wie Bärlauchsuppe (6 Euro), Pilzgulasch (14,50 Euro) und Lachs mit Spargel-Sesam-Salat (24 Euro) zum Abholen oder Liefern lassen – auf Wunsch auch mit dem passenden Wein dazu. Alle Infos zur Bestellung und zum wöchentlich wechselnden Menü finden Sie hier.
Für alle, die selber kochen möchten: Auf unserer Themenseite „Mit dem Tagesspiegel zu Hause“ teilt u. a. unsere Genuss-Redaktion Tipps, wie Sie die restlichen Ostereier gekonnt verarbreiten.

Kiezhelfer – „Sonntags parkten die Leute in 2. Reihe und kauften Kuchen, Kuchen, Kuchen – jetzt kommen immer weniger, auch wenn die Solidarität im Kiez hoch ist.“ Tessa Jacobsen betreibt das Frau Bäckerin in der Eisenacher Straße 40 in Schöneberg – wie lang sie noch durchhält, ist ungewiss.
Als die Nachricht kam, dass Cafés und Restaurants nur noch außer Haus verkaufen dürfen, saß sie weinend vor ihrem kleinen Café, das in der Ecke so etwas wie eine Institution ist: Wer etwas wissen will, kommt hierher, denn bei Frau Bäckerin laufen die Neuigkeiten aus dem Kiez zusammen. Man kennt sich, ihre Stammgäste melden sich ab, wenn sie in den Urlaub fahren, sie sieht die Kinder ihrer Kunden aufwachsen – drei Leute gleichzeitig bedienen und mit allen Smalltalk führen, das war ihr Alltag vor Corona. Wo sonst Tische und Stühlen zum Verweilen einladen, kleben jetzt Abstandshalter auf dem Boden. Sie tut ihr Bestes, die Kunden nicht zu lange Schlange stehen zu lassen und ihre Nachbarn, viele davon hungrige Homeofficer, mit Quiches und leichten Mittagstischen zu versorgen. „Wir verkaufen mehr Kuchen als erwartet, ganz so, als ob die Menschen es sich gerade jetzt gut gehen lassen wollen. Viele kaufen mehr als sonst, aus Solidarität, und alle sind extrem freundlich.“ Dennoch verdient sie derzeit kaum etwas, auch, weil Preiserhöhungen für sie nicht infrage kommen. „Ich wünsche mir, dass es wieder so wird wie vorher! Der Laden lief Bombe, ich habe einfach tolle Gäste.“ Für alle, die unterstützen möchten: Gutscheine für Frau Bäckerin – und andere Kiezläden – finden Sie auf unserer Tagesspiegel-Kiezhelfer-Seite. Damit es sie noch gibt, wenn die Krise vorbei ist.
Ihr Laden braucht Hilfe? Schreiben Sie uns an checkpoint@tagesspiegel.de.
Zurück in die 20er – Solang an wildes Tanzen in Menschenmengen noch nicht zu denken ist, entführt Arne Krastings zu Videosightseeing durch das Berlin der Zwanziger Jahre, als hier noch Babylon statt Begegnungsverbot herrschte. Erste Erste Eindrücke teilt er bei Instagram unter timetravel.berlin, kurze Videos auf youtube, vertiefende Infos im Zeitreisen-Blog. Und wenn alles gut läuft, können Sie bald wieder an Touren zur Weimarer Republik und zur TV-Serie Babylon Berlin teilnehmen.
Verreisen ohne Ticket – „Wenn Sie gerade nicht nach Wien kommen können, dann kommt Wien eben zu Ihnen.“, tönt Wien Tourismus auf seiner Website und hat zu diesem Zweck eine Liste mit den wichtigsten Wien-Filmen aus sieben Jahrzehnten zusammengestellt. „Before Sunshine“ (1995) mit July Delpy und Ethan Hawke kann direkt bei youtube gestreamt werden, die Serie „Freud“ (2019) seit kurzem bei netflix. Absoluter Klassiker bleibt aber „Der Dritte Mann“. Wussten Sie, dass Hauptdarsteller Orson Wells sich dafür mehrfach von einem Wiener Fleischhauer (österreichisch für Fleischer) doubeln ließ? Mehr Infos zum Making-Off gibt es hier.
Und Berlin? Die oberste Tourismus-Instanz Visit Berlin bündelt unter dem Motto #fromberlinwithlove Hilfsangebote und Tagestipps – heute zum Beispiel: Eine digitale Audienz bei Nofretete.
Geschichtenstunde – Wenn der Quengelfaktor am späten Nachmittag wieder steigt: Die Kinder- und Jugendbibliothek der ZLB lädt montags, dienstags, donnerstags und freitags um 17 Uhr zur Vorlesestunde via Facebook (für Kinder ab 8 Jahren). Heute stehen Kindergedichte von Joachim Ringelnatz auf dem Programm. Das verschafft den Großen etwas Zeit, mal die Gedanken schweifen zu lassen, um am eigenen Drehbuch weitermachen zu können, während draußen vor dem Fenster die Tauben turteln.
Endzeitstimmung an der Schaubühne, von wo aus um 18 Uhr Arthur Schnitzlers „Der einsame Weg“ übertragen wird. Die Inszenierung von Andrea Breth feierte im September 1991 Premiere am Lehniner Platz. „In Schnitzlers Endzeit-Stück vom Zerbröseln der alten k. u. k. Gesellschaft findet Regisseurin Breth ohne große Mühe viel von der alten Bundesrepublik“, heißt es in der Programmankündigung. Hoffen wir mal, dass eine Analogie zur Gegenwart ausbleibt.
Die Ideen für zu Hause heute von: Stefanie Golla.
Berlins heimliche HeldInnen
„,Face to face‘ bleibt der Königsweg“, sagt Arthur Coffin. Und doch sind viele seiner Klienten gerade nur froh, seine Stimme zu hören. Coffin leitet die Suchtberatung „LogIn“ in Charlottenburg, ein Angebot des Notdienstes für Suchtmittelgefährdete und -abhängige Berlin e.V. Seit des Corona-Lockdowns beraten Coffin und sein Team nur noch über E-Mail und Telefon. Viele, die zu ihnen kommen, konsumieren Heroin und Kokain, die Jugendlichen haben häufig ein Problem mit Cannabis- und Alkoholabhängigkeit. „LogIn“ bietet auch Familienberatungen an. Gerade jetzt, wo für Abhängige etwa der Besuch der Selbsthilfegruppe wegfällt, „steigt der Suchtdruck“, sagt Coffin. Die Gefahr, rückfällig zu werden, erhöht sich. Am Telefon sieht er seine Klienten nicht, die zwischenmenschliche Bindung ist nicht so ausgeprägt. Deswegen müsse man besonders sensibel sein, gerade, wenn Kinder involviert seien und es um ihr Wohl ginge. Und dennoch: „Wir machen hauptsächlich Sprecharbeit. Unser Werkzeug funktioniert auch am Telefon.“ Das Ziel ist, Betroffenen den Leidensdruck zu nehmen. Coffin erzählt von einem Klienten, der an Spielsucht leidet. Nach einem Beratungsgespräch am Telefon schrieb er Coffin, dass „die Bilder des Spielens aus dem Kopf“ seien. Für den Berater ein Erfolg. Gerade bilden er und sein Team sich weiter, um auch Betreuung über Videochat anbieten zu können. Das könnte einen positiven Nebeneffekt für Abhängige oder Angehörige haben, die sich sonst nicht zu einer Beratung trauen. Die Hürde sinkt – auch in der Zeit nach Corona. Währenddessen wünscht sich Coffin, dass sein Team im Homeoffice zusammenhält und sich seine Klienten zu Hause halbwegs gut aufgehoben fühlen. „Danach wünsche ich mir die Aufwertung unserer Berufe.“ (Text: Maria Kotsev; Foto: Notdienst für Suchtmittelgefährdete und -abhängige Berlin e.V.)
In den kommenden Tagen wollen wir an dieser Stelle Menschen vorstellen, die Berlin aktuell am Laufen halten. Wem wollen Sie danke sagen? Schreiben Sie uns gerne: checkpoint@tagesspiegel.de
Berlin heute
Verkehr – A100 (Stadtring) Dreieck Charlottenburg Richtung Wedding bzw. Oranienburg: Ausfahrt Jakob-Kaiser-Platz gesperrt (bis zum 18. April). Der Verkehr wird über die Ausfahrt Heckerdamm (A111) geführt.
A113 stadteinwärts in Höhe Dreieck Neukölln: In der dritten Bauphase werden ab 6 Uhr bis Sonntag, 24 Uhr, erneut der Standstreifen und der rechte Fahrstreifen gesperrt. Zusätzlich wird am Dienstag und Mittwoch, jeweils von 7 bis 19 Uhr, die Ausfahrt Buschkrugallee gesperrt.
Am Wiesenweg (Altglienicke) von Am Falkenberg bis zur Bruno-Taut-Straße: Komplettsperrung aufgrund des Ausbaus des gemeinsamen Geh-und Radweges. Umleitung via Am Falkenberg und Bruno-Taut-Straße bis vsl. Ende Juli.
Goltzstraße (Lichtenrade) Richtung Kirchhainer Damm: gesperrt zwischen Rehagener Straße und Bahnhofstraße (für ca. eine Woche), Fuß- und Radverkehr frei.
BVG – U1 und U3: Ersatzverkehr mit Bussen zwischen Warschauer Straße und Kottbusser Tor bis Mitte April 2021 – „mit weiteren großen Fahrplanänderungen“ ist zu rechnen.
Gericht – Ein 50-Jähriger, der als ehrenamtlicher Jugendwart eines Angelvereins über Jahre hinweg Kinder missbraucht haben soll, kommt fünf Monate nach seiner Festnahme auf die Anklagebank. Ihm werden fast 350 Fälle zur Last gelegt (9.15 Uhr, Kriminalgericht Moabit, Turmstraße 91, Saal 217). Außerdem beginnt der Prozess gegen einen mutmaßlichen Betrüger. Der 51-Jährige soll sich als Rechtsanwalt ausgegeben, Urkunden gefälscht und zuletzt ein gestohlenes Gemälde eines Rubens-Schülers zum Verkauf angeboten haben (9.15 Uhr, Saal 135).
Universität – Wie alle Unis funktioniert die FU Berlin seit Wochen mit „minimalem Präsenzbetrieb“. Pilze, Pflanzen und Tiere wie der Meerrettichblattkäfer konnten nicht ins Homeoffice wechseln – wie die Forschungsobjekte aus den Fachbereichen Biologie, Chemie, Pharmazie und Veterinärmedizin trotzdem versorgt werden, hat das Online-Magazin campus.leben recherchiert.
Berliner Gesellschaft
Geburtstag – Cerstin Richter-Kotowski (58), Bezirksbürgermeisterin von Steglitz-Zehlendorf / Niklas Stark (25), Innenverteidiger bei Hertha BSC, derzeit in Quarantäne / Laura Maori Tonke (46), Schauspielerin / nachträglich: Jutta Barth (80) – Mit besten Wünschen von Carola von Maltzan. / „Pauline Du Herz, beste Mama der Welt, Warrior, Waldhexe – wie schön, dass es Dich gibt! Von Emma & Johannes“
Sie möchten jemandem zum Geburtstag gratulieren? Schicken Sie einfach eine Mail an checkpoint@tagesspiegel.de.
Gestorben – Else Danielowski, * 4. Februar 1923 / Volkmar Deile, * 25. Januar 1943, ehemaliger Geschäftsführer des Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. / Brigitte Hartje, * 5. Juli 1947 / Christian Winter, * 19. Dezember 1943
Stolperstein – In der Bergmannstraße 97 in Kreuzberg erinnert ein Stolperstein an Margarete Herta Irma Weinert (Jhg. 1904). Sie wurde am 14. April 1944 – heute vor 76 Jahren – in Meseritz-Obrawalde von den Nazis ermordet.
Encore
Und jetzt noch, wie oben versprochen, zu den Gewinnern des 1. Corona-Live-Slapsticks-Award (ausgeschrieben vom Checkpoint) – sie kommen natürlich aus Berlin. Hier die ganze Geschichte: Ein verliebtes Paar wollte trotz Küstenverbots für Nicht-Meck-Pommies am Ostersonntag einen romantischen Sonnenaufgang in Warnmünde erleben. Doch dann verpeilten die beiden erstens die Zeit (sie kamen zu spät, Sonnenaufgang war schon 6:17 Uhr), fuhren zweitens mit ihrem blauen Audi-SUV direkt auf den Strand und blieben drittens prompt stecken. Aber das war noch nicht alles: Der erste Wagen von „Abschlepp-Harry“ blieb ebenfalls stecken, beim zweiten riss das Seil – und dann riss auch das zweite Seil. Erst beim dritten Versuch kam der Wagen wieder frei, aber da war inzwischen auch der Geduldsfaden der Polizei gerissen: Die Anzeige wegen Missachtung des Infektionsschutzgesetzes kann locker 2000 Euro kosten (plus Abschleppgebühr). Und hier der professionelle Rat von Dr. mad Lothar Matthäus: „Wir dürfen jetzt nur nicht den Sand in den Kopf stecken.“
Auch der Sand in der Checkpoint-Eieruhr ist jetzt für heute durchgerieselt. Ich wünsche Ihnen einen reibungsfreien Start in die kurze Woche – morgen früh wühlt sich dann hier für Sie Julius Betschka durchs Gelände. Bis dahin,
