Kandt muss seinen Posten räumen
Im Herbst war Innensenator Andreas Geisel offiziell noch sehr angetan von seinem obersten Polizisten – die „Morgenpost“ hatte ihn gefragt: „Wie lange wird Klaus Kandt noch Polizeipräsident sein?“ Geisel: „Solange er gute Arbeit leistet und wir gut, loyal und vertrauensvoll zusammenarbeiten. Und das alles ist der Fall.“ Mopo: „Sie hätten genug Gründe, ihn abzusetzen.“ Geisel: Solche Gründe kann ich nicht erkennen.“ Mopo: „Die Versäumnisse in der Führung sind aber doch offensichtlich.“ Geisel: „Das sehe ich anders. Ich arbeite vertrauensvoll mit Herrn Kandt zusammen. Ich vertraue weiterhin der Polizei und ihrer Führung.“ Gestern früh war damit Schluss: Geisel versetzte den 57 Jahre alten Beamten Kandt Knall auf Fall in den sofortigen Ruhestand.
Es gilt Lenins Wort in der Fassung von Geisel: Vertrauen ist gut, Rausschmiss ist besser – wenn er denn der eigenen Beförderung von der Innenverwaltung quer über den Molkenmarkt zum Roten Rathaus dient. Kein Zauderer, nein: ein Entscheider! Und als solcher sagt er nach Vollstreckung der Kandtschen Abschiebung zur Nachfolgefrage in der „Abendschau“: „Ich bitte da einfach um Vertrauen, ich habe da einen konkreten Plan.“ Das glauben wir ihm gerne.
Dass Geisel sich von Kandt irgendwann trennt, hatte sich angebahnt – aber so drastisch? Und so plötzlich? Ohne gleichzeitige Neubesetzung? Die offizielle Begründung: Ein „Neuanfang“ bei der Polizei soll „glaubwürdig demonstriert“ werden – typisch Berlin, die besten Demos werden hier ja nie angemeldet. Außerdem: Weil Vizepräsidentin Margarete Koppers am Donnerstag ihren neuen Job als Generalstaatsanwältin übernimmt, habe er jetzt handeln müssen, so Geisel. Allerdings bleibt die Koppers-Nachfolge sowieso bis September offen – wegen ihrer Probezeit in der Justiz. Wenn’s da nicht klappt, kommt sie zurück.
Klar ist: Geisel war „genervt“ wegen allerlei Pannen bei der Polizei, u.a. im Fall Amri, aber auch wegen der türkischen „Spitzelliste“, über die der Senator erst drei Wochen nach dem LKA informiert wurde. Irgendwann wäre der Zustand der Polizei auch ihm angelastet worden. Und außerdem ist Kandt ein CDU-Mann: Er wurde überhaupt erst zum Präsidenten ernannt, weil dem damaligen Innensenator Henkel die lange kommissarisch amtierende Koppers nicht CDU-nah genug war für den Posten (sie gilt als Grünen-nah, was ihrem Wechsel in den neuen Job unter einem grünen Justizsenator nicht hinderlich war). Checkpoint-Tipp: Falls Sie auch irgendwann einmal Polizeipräsident/in oder ähnliches werden wollen – legen Sie sich eine doppelte Parteizugehörigkeit zu (mindestens).
Kandt und Koppers haben dann gestern noch einen rührend-weinerlichen Abschiedsbrief aufgesetzt, der nicht nur angesichts der legendären phonstarken Querelen im Hauptquartier für jedes halbwegs informierte Polizeipferd zum Wiehern komisch ist – ein paar Auszüge:
„Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir haben die Behörde gemeinsam, partnerschaftlich, Seite an Seite geführt. Und nun will es das Leben so, dass wir uns beide zum selben Zeitpunkt von Ihnen verabschieden. Das fällt uns sehr schwer, weil wir gerne, mit ganzer Kraft und mit Herzblut für diese Behörde gearbeitet haben. So plötzlich, so unerwartet gemeinsam Abschied zu nehmen ist auch deshalb schwer, weil zum Abschiednehmen das Schwelgen in Erinnerungen gehört. Mit so vielen Menschen in dieser Behörde verbinden wir mal kleine, mal ganz große Geschichten, berührende Erlebnisse, die uns geprägt haben und die es wert sind, erinnert und erzählt zu werden.“
„Und dann der Zeitpunkt. Die Behörde befindet sich zwar objektiv schon eine ganze Weile im Aufbruch in bessere Zeiten. (…) Aber dieser Aufbruch, diese positiven Signale, dieses Licht am Ende des Tunnels werden öffentlich zerredet. Die über die Jahre des Sparens aufgestaute Unzufriedenheit vor allem an der Basis bricht sich in anonymen Statements, die öffentlich nur allzu gern aufgegriffen werden, Bahn. Kritik findet selten auf der Sachebene und faktenbasiert statt, sondern es geht um Stimmungen. Die „Behördenleitung“ ist die jeder Menschlichkeit beraubte Adresse für allen Unbill der Welt und alle subjektiv empfundene Ungerechtigkeit. (…) Bleiben Sie aufrecht, bleiben Sie kritisch, bleiben Sie mit Herz und Seele Teil dieser großartigen Behörde. Herzlichst, Ihr Klaus Kandt und Ihre Margarete Koppers.“
Die über Jahre in den Schießständen der Polizei bis zur Berufsunfähigkeit und chronischer Erkrankung vergifteten Beamten werden sicher eine Träne verdrücken, wenn sie das lesen. Koppers offizielle Verabschiedung, angesetzt für heute 13 Uhr, wurde übrigens ersatzlos abgesagt.
Die Kommentare der lieben Kollegen: Frederik Bombosch („Berliner Zeitung“) begrüßt den „Abgang eines Delegierers“ und schließt staatsmännisch: „Bleibt zu hoffen, dass sich Kandts Nachfolgerin oder Nachfolger der Verantwortung stellt.“ Der wegen seiner Kolumne sich täglich ärgern müssende Gunnar „Schuppe“ Schupelius („B.Z.“) findet die Sache ungerecht: Wenn die Polizeiführung für all die Pannen verantwortlich war, „dann muss man beide haftbar machen, den Präsidenten und seine Vertreterin“. Gudrun Mallwitz („Morgenpost“) meint: „Länger hätte er (Geisel) mit seiner Entscheidung, sich von Kandt zu trennen, nicht mehr warten dürfen.“ Bert Schulz lobt in der „taz“: „Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Geisel hat so – knapp ein Jahr nach den gröbsten Amri-Pannen – den Eindruck vermieden, nur Köpfe rollen zu lassen und keine Aufklärung zu betreiben.“ Jens Schneider („SZ“) sieht die Schuld am Zustand der Behörde nicht alleine beim Präsidenten: „Die Politik hat viele Jahre die Not der Polizei missachtet.“ Und Gerd Nowakowski bilanziert im Tagesspiegel: „Ein idealer Moment, alles neu zu ordnen. Klar ist zugleich, dass Geisel nun selbst verantwortlich ist für alles, was in der Polizei passiert. Die nächste Panne ist sein Skandal.“
Und wer macht‘s jetzt, wen holt Geisel ins Amt (ohne Ausschreibung übrigens, was die Kandt-Nachfolge betrifft)? Spekuliert wird über etliche Namen, die eines eint: alles Männer. Dagegen die Checkpoint-Prognose: Nr. 1 des neuen Führungs-Duos wird eine Frau. (Mehr zum Thema heute auch im Kommentar bei Radioeins um kurz nach 8.)