Rücktritt von Senatorin gefordert, Vorwürfe gegen Shapira-Familie: Wie die Debatte nach dem brutalen Angriff auf einen jüdischen Studenten in Berlin abgleitet
Um Mitgefühl mit dem Opfer geht es derzeit kaum. Stattdessen wird der Rücktritt der Wissenschaftssenatorin gefordert. Und die Shapiras müssen mit Vorwürfen kämpfen, sie wären rechts. Von Margarethe Gallersdörfer.
Kaum überraschend hat sich die Diskussion nach einem brutalen Angriff auf einen jüdischen Studenten der Freien Universität (FU), Bruder des Satirikers Shahak Shapira, zu einer fürchterlichen Shitshow entwickelt. Versuch eines Überblicks:
+++ Gegen SPD-Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra sind Rücktrittsforderungen lautgeworden – unter anderem, warum auch immer, aus Bayern. Grund: Sie sieht Vorschläge skeptisch, den Angreifer zu exmatrikulieren und die Möglichkeit dazu wieder im Hochschulgesetz zu verankern.
+++ Kai Wegner (CDU), Regierender Bürgermeister, „erwägt“, Exmatrikulationen in solchen Fällen rechtlich zu ermöglichen. „Wenn dazu eine Änderung des Hochschulgesetzes erforderlich sein sollte, werden wir in der Koalition darüber sprechen.“ Die FU müsse aber „Konsequenzen ergreifen, damit jüdische Studentinnen und Studenten sich an der Freien Universität wieder sicher fühlen und ohne Angst studieren können“. Kurzum: So richtig „gesagt“ hat er eigentlich nichts.
+++ FU-Präsident Günther M. Ziegler sagt: „Wenn wir über Straftäter reden, die eine Bedrohung für andere Studierende darstellen, ist es eine wünschenswerte und notwendige Maßnahme, die Personen am Studieren zu hindern.“
+++ Heute um 12 Uhr ist eine Kundgebung vor der FU-Mensa angemeldet unter dem Motto „Solidarität mit Palästina, gegen die selektive Solidarität der Universitätsleitung und Einschränkung demokratischer Rechte“ – die Unileitung hat deswegen Strafanzeige gestellt.
+++ Viele scheinen sicher zu wissen, dass der Student angegriffen wurde, „weil er Jude ist“. Das gibt die Faktenlage allerdings (noch) nicht her. Klar ist bisher nur, dass der Angreifer an der Uni pro-palästinensisch aufgetreten ist, während das Opfer sich gegen solche Veranstaltungen und für mehr Sichtbarkeit der Hamas-Geiseln einsetzte.
+++ Unterdessen fühlt sich Shahak Shapira, Bruder des Opfers, auf X (ehemals Twitter) dazu genötigt, seine ganze Familie vor dem Vorwurf zu verteidigen, sie sei „rechts“ – vorgebracht von Twitter-Linken, die eine Rechtfertigung dafür zu suchen scheinen, dass man einem Kommilitonen multiple Brüche im Gesicht zufügt.
Und das letzte Wort bekommt Igor Levit.