Auf Berlins Straßen herrscht eine Notlage

Ein LKW-Fahrer fährt fahrlässig einen Jungen tot und kriegt ein mildes Urteil. Die Empörung ist verständlich. Gefordert ist aber die Politik. Ein Kommentar. Von Lorenz Maroldt

Auf Berlins Straßen herrscht eine Notlage
Foto: Stefan Jacobs

Manchen Nachrichten sind kaum zu ertragen. Das hier ist so eine: Rückblick: Am Morgen des 13. Juni 2018 machen sich der siebenjährige Constantin und seine Mutter mit ihren Rädern auf den Weg zur Schule. Um 7.35 Uhr halten sie, auf dem Fahrradweg Nauener Straße kommend, bei Rot an der Kreuzung Brunsbüttler Damm. Als die Ampel auf Grün umspringt, ruft Constantins Mutter: „Fahr los“. Und dann taucht plötzlich ein Lastwagen auf. Zieht nach rechts. Biegt ab. Fährt weiter. Constantin stirbt vor den Augen seiner Mutter.

Gestern stand der Fahrer wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht. Bis zur Verhandlung hatte er sich nicht bei den Eltern gemeldet - kein Wort des Bedauerns, kein Versuch der Erklärung. Die Mutter sagt aus als Zeugin, erinnert sich an die ersten Worte des 61-jährigen Berufskraftfahrers direkt nach dem Unfall: „Worauf soll ich denn noch alles achten?“

Auch ein Polizist tritt als Zeuge auf, er weint und sagt: „Der Tag hat mein Leben verändert.“ Gutachter widerlegen die Aussagen des Fahrers: Der Radweg war für ihn jederzeit einsehbar, er hielt nicht an, er zog mit 9 km/h um die Ecke. Sein Anwalt sagt: „Dass er die erforderliche Sorgfalt außer Acht gelassen hat, dazu steht er.“ Das Urteil: Sechs Monate Haft auf Bewährung und eine Geldauflage von 500 Euro.

Die Unfallkreuzung ist noch nicht umgebaut, die Verkehrslenkung hatte Bedenken, alles verzögerte sich. Jetzt werden die Ampelphasen getrennt. Es ist die sicherste Lösung, auch für andere Orte. Ich selbst habe alleine gestern drei gefährliche Abbiegesituationen erlebt – und blieb unverletzt. In keinem Fall erkannten die Fahrer, was los war.

Epilog: So verständlich die Wut über das vermeintlich milde Urteil ist: Ein härteres hätte die Straßen auch nicht sicherer gemacht – da muss die Verkehrsverwaltung ran. Der Checkpoint ruft hier eine Notlage aus.