„Medienhetze und Rufmord“: Chef der Jüdischen Gemeinde zu Berlin interviewt sich selbst

Der Vorstand der Community hat seine Wahl am Wochenende durchgezogen – trotz Untersagung vom Zentralrat der Juden. Nun erhebt der wiedergewählte Vorsitzende große Vorwürfe. Von Julius Betschka

„Medienhetze und Rufmord“: Chef der Jüdischen Gemeinde zu Berlin interviewt sich selbst
Gideon Joffe, der alte und vorerst neue Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Berlins. Foto:

Apropos „ohne Ende“: Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin hat seine Wahl am Wochenende durchgezogen, trotz Untersagung durch das unabhängige Gericht beim Zentralrat der Juden. Der bisherige Vorsitzende Gideon Joffe wird aller Voraussicht nach weiterhin die Gemeinde führen. Aber nur 18 Prozent der Gemeindemitglieder nahmen überhaupt daran teil. Das liegt auch daran, dass die Oppositionsbündnisse Le’kulam und Tikkun zum Boykott der Wahl aufgerufen hatten. „Die Stimmen bei dieser Wahl sind bei Weitem nicht repräsentativ“, sagte Mario Marcus von Tikkun dem Checkpoint. „Wenn mich jemand gefragt hat, habe ich gesagt, bitte geht nicht zur Wahl. Diese Wahl war von vorneherein irregulär!“ Bei den letzten regulären Wahlen hatte die Beteiligung noch jeweils bei deutlich über 30 Prozent gelegen.

Der jetzige Gemeindevorstand hatte Teile der Opposition durch eine neue Wahlordnung von der Kandidatur bei der Abstimmung ausgeschlossen. In einem ersten Schritt soll die Gemeinde nun 10.000 Euro als Strafe für die irreguläre Durchführung der Wahl zahlen, auch einen Ausschluss aus dem Zentralrat der Juden will Joffe in Kauf nehmen (Hintergründe hier).

„Wir werden die Wahl vor dem Schiedsgericht der Gemeinde anfechten und auch beim unabhängigen Gericht des Zentralrates. Wenn wir vor dem Gemeindegericht scheitern, werden wir auch vor das Verwaltungsgericht ziehen“, kündigt Mario Marcus an. „Ich fürchte, es steht uns noch ein langer Weg bevor, bis wir das geregelt bekommen.“

Joffe dagegen wirft in einer Art „Interview“ auf der Website der Gemeinde seinen Gegnern „Auflauern, Beschattung, Bedrängung, Bedrohungen von Kandidaten“ vor. Es herrsche „Angst vor Medienhetze und Rufmord“, schreibt Joffe dort. Belege dafür gibt es bislang keine.