Liebesbriefe an die Hauptstadt: Was Berliner an ihrer Stadt lieben
Berlin leckt seine Wunden, nachdem die Republik so hart mit den Hauptstädtern ins Gericht gegangen ist. Doch liebes Berlin, die Worte, die Checkpoint-Leser für dich gefunden haben, sind mehr als warm.
Dutzende Liebesbriefe haben wir erhalten. Eine Auswahl:
+ Deine Bewohner mögen grimmig aussehen, schreibt Jennifer Kirsch, „grade im Winter. Doch es ist selten, dass ein Lächeln und ein freundlicher Gruß nicht erwidert werden. Berlin hat mich angenommen hat, wie kein Ort zuvor.“
Auch Ingeborg Fischbeck kennt keine tolerantere Stadt: „Es spielt keine Rolle, wer wer ist. Es ist viel wichtiger, wer ein Herz hat.“
+ Christof Fischoeder schätzt dich „für das ‚Geht nicht‘ – und dann klappt es doch. Für ‚Hamwa imma so gemacht‘ und es dann doch ganz anders machen. Für die große Klappe und das dahinter.“
+ Deinen Humor liebt Marita Hüsing. „Er ist bissig und liebevoll zugleich.“ Deine Bewohner sind vor Überraschungen nie sicher.
Barbara Becker saß in der S-Bahn neben einem angetrunkenen Mann, „der seinen winzigen, zittrigen und kläffenden Hund versucht lallend zu beruhigen – ohne Erfolg. Plötzlich schreit er: ‚Halt endlich die Schnauze RAPUNZEL!‘
Alle Fahrgäste konnten nicht mehr aufhören vor Lachen. RAPUNZEL schwieg beleidigt auf dem Rest der Strecke.“
+ Überhaupt, Berlin, dein Verkehr. „Wenn man in Berlin gen Mitternacht am Hauptbahnhof strandet, weil der Regionalzug den Fernzuganschluss nicht erreicht hat, dann ist man enttäuscht, aber nicht verloren“, schreibt Manfred Wendl.
+ Dein kulturelles Angebot sucht seinesgleichen. „Die Theaterlandschaft ist unglaublich“, schwärmt Eckart Brandtstaedter. „Für Clubs sind wir inzwischen zu alt. Aber noch heute besuchen wir das Berliner Ensemble, die Schaubühne und das Deutsche Theater.“
Du bietest den richtigen Klang für jedes Ohr. „Als Musikliebhaber kann ich jeden Tag ein Konzert hören“, schreibt Sven Mehnert, „weil irgendwo immer der Beat brummt und die Stage brennt“.
+ Du gibst Menschen Raum, sich zu entfalten und in Kontakt zu kommen. Ewald Grunzke liebt die „1000 Möglichkeiten, sich selbst und andere zu finden. Uff jeden Topp findste den passenden Deckel wa.“
+ Du bist Weltgeschichte, auf so viele Weisen. „Jeder Schritt der Stadt atmet Geschichte“, spürt Gudrun Grühn. Und John Wilkinson mag als Brite, dass man „hier Geschichte nicht verdrängen kann“.
+ Du bist multikulti. „Die nationalen und internationalen Bewohner geben dieser Stadt ihr einmaliges Flair“, schätzt Hannelore Kühn-Kleeberg sich glücklich, hier zu leben. All die Sprachen „spilling out of the trains, restaurants, grocery stores and parks“, fügt Kai Abelkis hinzu. „Each person is bringing their own light in days of grey.“
+ Deine Bewohner ärgern sich manchmal, aber ohne dich wollen sie nicht. „Ich habe das Zusammenwachsen der Stadt inhaliert, habe den Dreck gehasst und doch immer nach spätestens zwei Wochen woanders Heimweh bekommen“, gesteht Susann Burchardt.
Und auch Sabrina Simmons lernte nach sieben Jahren im selbstgewählten Exil: „Berlin weiß man erst dann wirklich zu schätzen, wenn man mal weg war!“
+ Denn du „Haupstadt der Vogelwelt“ (Roland Schiffter) bietest Raum für noch die buntesten Vögel. Dein Himmel ist „weit, wild, überraschend und oft genug blau“ (Jutta Stakowski). In dir „hat man keine Zeit und immer etwas zu tun“ (Stephan Boy).
Du bist nicht nur eins, du bist vieles. „Ich kann in den Kiezen immer wie ein Tourist auf Reisen gehen und Neues entdecken“ (Silvia Hermes).
+ Und du erlaubst uns, diese Gefühle zu äußern. „In dir kann ich nüchtern laut auf dem Fahrrad singen und in der S-Bahn tanzen, ohne komisch angesehen zu werden“, schreibt Louisa Klewe. „In dir kann ich meine Partner:innen alle paar Monate wechseln und muss dafür nicht umziehen. Geht ja eh nicht. Egal.“
+ Und fertig bist du nie. „In Berlin beginnt alles immer und andauernd. Ein neues Leben nach der Auswanderung. Ein Bauabschnitt. Frühling im Plänterwald. Man kann sich so schön spiegeln in der Stadt“, dichtet Selina Maier.
„Sonnenuntergang auf dem Tempelhofer Feld, in der Luft Bahlsen-Kekse und Jacobs-Kaffee. Lila Wolken nach einer kurzen Berliner-Sommer-Nacht, die an der Oberbaumbrücke hängen. Rausfahren an die Dahme, wenn der Beton zu heiß wird. Die durchfeierten Nächte sind größtenteils vorbei. Die Liebe nicht, sie lebt weiter.“