Sawsan Chebli über Judenhass: „Als Jugendliche habe ich Juden für das Schicksal meiner Eltern verantwortlich gemacht“
Themenwechsel: Für deutschlandweites Entsetzen sorgt der Überfall von mutmaßlich arabischstämmigen Tätern auf einen jungen Israeli in Kreuzberg. Was tun gegen diesen Hass? Darüber habe ich mit Sawsan Chebli gesprochen, SPD-Politikerin, Kind palästinensischer Eltern, politisiert vom Nahostkonflikt.
„Frau Chebli, in Kreuzberg haben mutmaßlich arabischstämmige Menschen einen jungen Israeli zusammengeschlagen. Was fühlten Sie, als Sie von dem Vorfall hörten?
Sawsan Chebli: Trauer, Wut und auch Scham. Palästinenser und Araber fordern zu Recht Gerechtigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung. Wer für all das kämpft und Solidarität fordert, kann Gleiches einem anderen Volk, dem jüdischen, nicht verwehren, geschweige denn Gewalt gegen es anwenden.
Aus meiner Sicht ist beim Kampf gegen Antisemitismus die gesamte arabische und muslimische Community gefragt. Genauso wie Araber und Muslime als Minderheiten erwarten, dass die Mehrheitsgesellschaft sich für sie starkmacht, wenn sie diskriminiert und angefeindet werden, dürfen sie nicht schweigen, wenn Juden in Deutschland bedroht und angegriffen werden. Ein solches Verhalten ist durch nichts zu rechtfertigen und gehört bestraft.
Sie berichteten auf Twitter sehr offen darüber, dass Sie als Kind palästinensischer Eltern selbst erst den „Hass durch Begegnung“ überwunden hätten. Wie wurde bei Ihnen das Umdenken ausgelöst?
Als Jugendliche habe ich Juden für das Leid der Palästinenser und für das Schicksal meiner Eltern verantwortlich gemacht. Ich war wütend, dass Juden einen eigenen Staat haben und wir staatenlos und bitterarm sind. Ich war wütend, dass meine Eltern zwanzig Jahre in einem libanesischen Lager leben mussten, elf Geschwister dort zur Welt gekommen sind, ohne jede Perspektive, ohne Chance auf Rückkehr in ihr Land. Ich war oft wütend und habe auch Hass gespürt.
Ich kann Ihnen aber nicht genau sagen, wann das Umdenken kam. Es war ein Prozess. Auf jeden Fall spielten Begegnungen mit Juden und Israelis in Israel eine zentrale Rolle. Ich habe Israelis kennengelernt, die sich aus großer Überzeugung für die Freiheit der Palästinenser und einen palästinensischen Staat einsetzen. Ich habe Holocaustüberlebende getroffen und tief ins Herz geschlossen. Heute sind drei meiner engsten und besten Freunde Israelis. Sie sind Teil der Familie. Im Laufe der Jahre ist aus Wut und Hass der Wunsch gewachsen, Brücken zu bauen und junge Menschen auf beiden Seiten zusammenzubringen, um Hass zu überwinden.
Zwischen Israelis und Palästinensern eskaliert die Gewalt. Muss sich Deutschland darauf vorbereiten, dass auch hierzulande Gewalt gegen Juden und Israelis zunimmt?
Palästinenser leiden nicht erst seit der aktuellen israelischen Regierung, sondern seit Jahrzehnten unter der israelischen Politik. Verändert hat sich, dass in Israel heute Faschisten in der Regierung sitzen, die offen für Gewalt gegen Palästinenser werben und Landraub vorantreiben. Fördert das Gewalt auf deutschen Straßen? Ich hoffe nicht. Für mich gibt es keine Rechtfertigung für Gewalt. Niemals. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als Frieden.“
Warum Chebli nun verpflichtende Besuche von KZ-Gedenkstätten für alle Menschen in Deutschland will und die Verbote palästinensischer Demonstrationen in Berlin ablehnt, lesen Abonnenten hier im gesamten Gespräch.