Berlins realitsätsferner Riesenradius
Berlin zieht seine Kreise – alle Corona-Ampeln sind rot. Heute kommt die Bewegungs-Begrenzung für die Hauptstadt. Aber auch die wird nicht reichen. Ein Kommentar. Von Anke Myrrhe
Berlin zieht seine Kreise – alle Ampeln sind rot. Der Radius von 15 Kilometern wird heute um die Stadt gezogen und im Grunde wissen schon jetzt alle Beteiligten, dass die vor einer Woche noch als äußerst hart bezeichneten Maßnahmen auch nicht ausreichen werden. Denn während der Senat mit dem Zirkel über der Landkarte saß (und den Effekt intern selbst als „äußerst gering“ bezeichnete), zieht das Virus innerhalb der Stadtgrenze weiter seine viel zu großen Kreise. Inzidenz um die 200, R-Wert 1,47, 33 Prozent der Intensivbetten ausgelastet (aktuell 430 Corona-Intensivpatienten). Und der Impfstoff kann mit diesem rasanten Tempo noch lange nicht mithalten.
Es gebe deutlich mehr Bewegung in der Stadt als beim ersten Lockdown, sagte Senator Andreas Geisel (SPD) gestern im Innenausschuss. „Diese zusätzliche Bewegung führt dazu, dass die Inzidenz deutlich höher ist als gewünscht. Die Maßnahmen haben nicht dazu geführt, dass es zu einer Beruhigung im Bewegungsprofil gekommen ist, die es braucht, um das Infektionsgeschehen eindämmen zu können.“ Und wiederholte damit die Mahnungen, die der Regierende Bürgermeister seit einer Woche bei jeder Gelegenheit äußert.
Zu viel Bewegung = hohe Inzidenz. Scheint im Angesicht dieser wiederkehrenden Worte eine recht einfache Rechnung zu sein. Folgen für die Berliner Bewegungsfreiheit hat diese Erkenntnis allerdings nicht. Denn die 15-Kilometer-Regel, das wissen alle Beteiligten sehr genau, ist nicht für diese Millionenstadt gemacht, wo der Radius der Spandauer ebenso bis Königs Wusterhausen reicht wie jener der Frohnauer; wo Reisen aus Pankow nach Potsdam ebenso erlaubt bleiben wie von Zehlendorf nach Oranienburg.
Der Radius ist das neue Beherbergungsverbot, unkontrollierbare Symbolpolitik, die im besten Fall niemandem schadet, im schlimmsten Fall aber nach der desaströsen Schulwoche weiter an der Akzeptanz der Menschen knabbert. Stück für Stück verlieren sie das Grundvertrauen, dass die da oben schon halbwegs sinnvolle Dinge für ihr Leben entscheiden werden. Ein Leben, das für viele Menschen in dieser Stadt trotz geschlossener Restaurants und Theater, Tennishallen und Kinos, wenn man ehrlich ist, noch relativ normal weiterläuft. Wären da nicht das lästige Homeschooling und die instabile W-Lan-Verbindung.
Und schon wird das Mahnen am Landwehrkanal weggelacht. Spazierengehen ist schließlich nicht verboten! Was im März die Leichenwagen in Bergamo waren, sollten uns nun die Londoner Intensivstationen sein. Ein Londoner Arzt sagte kürzlich in einem BBC-Beitrag: „Wir sind kurz davor, dass wir die Menschen hier nicht mehr versorgen können.“ Und zwar nicht nur die Menschen, die mit Corona kommen, sondern auch jene, die einen Schlaganfall hatten, einen Herzinfarkt oder einen Verkehrsunfall.
Und wenn die Politik sich keinen richtigen Lockdown zutraut und weiterhin über Präsenzpflicht bei Prüfungen diskutiert und ob Homeoffice zumutbar ist, müssen wir es eben selbst übernehmen. „Jede vernunftbegabte Person müsste den privaten Lockdown freiwillig über die Vorgaben hinaus maximal antiviral gestalten“, schreibt mein Wissenschaftskollege Richard Friebe heute im Tagesspiegel. „Wir befinden uns jetzt offiziell im evolutionären Rennen mit Sars-CoV-2 in allen seinen Varianten. Wir haben in diesem Rennen nur einen Vorteil: Wir haben, anders als das Virus, Gehirne.“