Die Zukunft beginnt wackelig
Bei der Vorstellung des neuen Koalitionsvertrags ruckelte nicht nur der Livestream der Präsentation, sondern auch das Verhältnis der Koalitionäre. Ein Kommentar. Von Anke Myrrhe
sechs Mikrofone, aufgereiht in einem Saal mit Turnhallen-Charme, aufgeregte Fotografen, Zugangsbeschränkungen, leichte Verspätung. Kann sich nur um das Comeback der alten Schülerband handeln, Schiller Allstars oder Goethe Gospels. Nunja, ein Comeback ist es schon, irgendwie, was die neue Koalition da aufs Parkett legen möchte, vielleicht nicht ganz so unerwartet wie das von Abba, aber mit ähnlich schillernden Worthülsen angepriesen. Nur ohne Avatare – die hätten hier ohnehin Verbindungsprobleme.
Die „Zukunftshauptstadt Berlin“ halten die ganz realen Politikerinnen in den Händen, den neuen Koalitionsvertrag der alten Partner. „Sozial. Ökologisch. Vielfältig. Wirtschaftsstark.“ soll Berlin werden, irgendwo zwischen Weltstadt und Kiez, kündigt die neue Frontfrau an. Dass der Livestream der Präsentation ähnlich wackelig ist wie das Verhältnis der Koalitionäre, passt ebenso ins Bild wie die ständig sichtbare Ausgangstür im Hintergrund. Darüber das rot-grün-rot gestreifte Berlin, Symbol der neuen Einigkeit, aufs Grellste unerkennbar heraufgebeamt. Unbeabsichtigt zeigt Berlin, wie weit das Ziel der modernen Hauptstadt entfernt liegt. Der wohl neue Supersenator Werner Graf (Verkehr, Umwelt, Landwirtschaft), Landesvorsitzender der Grünen, referiert unterm Notausgangschild, man wolle „Berlin den Booster geben, Zukunftshauptstadt zu werden.“ Doch die Zukunft beginnt im Heute: ruckelig, schmutzig und ziemlich trocken.
Nicht einmal eine Stunde schaffen es die neuen Spitzen, Einigkeit zu simulieren – nachdem die designierte Regierende bereits am Sonntag mit Solo-Foto statt Gruppen-Selfie alle überraschte. Während Bettina Jarasch (Grüne) viel zu lange von Din-A4-Zetteln abliest, winden sich die nebenstehenden Bürgermeister to be, Franziska Giffey (SPD) und Klaus Lederer (Linke), Erstere blickt hilfesuchend zu Letzterem und irgendwann genervt auf die Uhr, während Letzterer im Anschluss demonstrativ verkündet, wegen der fortgeschrittenen Zeit nun nicht mehr lange reden zu wollen. Als sei das alles nur die nächste Wahlkampfdebatte und nicht der Aufbruch in eine neue Zeit.
Apropos Zeit: Gestern Nacht war übrigens die Andreasnacht, und die ist nach altem Volksglauben besonders dazu geeignet, den gewünschten künftigen Ehepartner an sich zu binden oder zumindest herauszufinden, wer es denn sein soll. Hoffentlich gibt’s da kein böses Erwachen.