„Sachspenden werden nicht zielgenau verteilt“: Grünen-Abgeordnete Bozkurt über die Lage im türkisch-syrischen Erdbebengebiet

An Wiederaufbau ist in der zerstörten Region derzeit gar nicht zu denken. Die Grünen-Politikerin Bozkurt spricht im Interview über Nachbeben, Spenden und den Wahlkampf. Von Daniel Böldt.

„Sachspenden werden nicht zielgenau verteilt“: Grünen-Abgeordnete Bozkurt über die Lage im türkisch-syrischen Erdbebengebiet
Foto: dpa/Hussein Malla

Themenwechsel: Vor knapp zwei Monaten starben bei einem Erdbeben in der Türkei und Syrien über 55.000 Menschen. Die Berliner Grünen-Abgeordnete Tuba Bozkurt ist aktuell in der betroffenen türkische Region Malatya, in dem auch ein Teil ihrer Familie wohnt. Am Checkpoint-Telefon hat Bozkurt über ihre Eindrücke berichtet:

Frau Bozkurt, wie ist aktuell die Lage in dem betroffenen Gebieten? Wird an einigen Orten schon mit dem Wiederaufbau begonnen?
Aufbau gibt es noch keinen, es wird eher noch abgebaut. Neben komplett eingestürzten Häusern, stehen immer noch viele Hausskelette. Und selbst die Häuser, die von außen unbeschädigt aussehen, haben oft große Risse in den Innenwänden, die sie unbewohnbar machen. Die Luft ist immer noch diesig vom Staub des Bauschutts überall. Auf allen freien Flächen stehen Zelte, vereinzelt auch Container. Dazu kommt, dass viele Gewerbetreibende nicht nur ihre Wohnungen, sondern auch ihre Geschäfte verloren haben. Und: Es gibt immer noch Nachbeben, die die Menschen in Angst versetzen.

Kommen die Hilfen und Spenden bei den Menschen an?
Da bin ich mir noch unschlüssig. Mein Eindruck ist, dass gerade viele Sachspenden nicht zielgenau von der Verwaltung verteilt werden. Es gibt eine gewisse Holschuld der Menschen. Ich versuche gerade eine Lagerstätte zu organisieren, in der Sachspenden aus Berlin gesammelt und von da aus auch aktiv verteilt werden.

Kurz nach dem Erdbeben gab es viel Solidarität, jetzt die mediale Aufmerksamkeit so gut wie weg.
Ja, das ist ein Problem, gerade weil noch Vieles, sowohl Sach- als auch Geldspenden, gebraucht wird. Es gibt zum Glück immer noch eine große Aufmerksamkeit im Land selbst, gerade auch wegen des Präsidentschaftswahlkampfs aktuell. Auch unter den türkischstämmigen Berlinern ist das Thema noch präsent. Hier gibt es immer noch viel Unterstützung und Hilfe.