SED- oder kommunistische Diktatur? Wie sich der Blick auf das Herrschaftssystem der DDR wandelt
Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur wird 25! Doch ihr Name sei unpräzise und strittig, sagt deren Direktorin. Es fehle der kommunistische Aspekt. Von Robert Ide
Auf welcher Grundlage leben wir? In Berlin auf einer sehr historischen. Viele Institutionen kümmern sich hier um die Bewertung der Geschichte für unsere heutige Zeit. Eine wichtige feiert nun ihren 25. Geburtstag: die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Seit der Gründung 1998 förderte sie 4000 Projekte mit insgesamt 32 Millionen Euro – um die DDR-Geschichte besser zu begreifen und für Jüngere greifbarer zu machen. Aber wie sollte man die DDR heute begrifflich greifen?
Anna Kaminsky, Direktorin der Stiftung, will dazu eine neue Debatte anstoßen und sich von der bisher geläufigen Bezeichnung SED-Diktatur lösen. „Der Begriff reduziert die kommunistische Herrschaft in Ostdeutschland auf die SED und löst sie aus der Geschichte des Kommunismus. Die DDR war immer Teil des kommunistischen Weltsystems und des sowjetischen Herrschaftsbereichs“, sagt Kaminsky im Checkpoint-Gespräch. In Polen oder Tschechien sei der Begriff „kommunistische Diktatur“ selbstverständlich.
Spannend an dieser neuen Debatte um die DDR ist, dass sie bei der Gründung der Stiftung noch ganz anders lief: Ende der Neunzigerjahre war trotz des Wissens um die Mauer und die Geheimpolizei Stasi nicht mal überall Konsens, dass die DDR eine Diktatur gewesen sei. „Es war die Zeit der DDR-Nostalgie, als vor dem Hintergrund der Belastungen und Traumatisierungen, die die Transformation mit sich brachte, der Diktaturaspekt hinter der schönen Erinnerung an ein eben auch gutes Leben zurücktrat“, erinnert sich Kaminsky.
Bis heute wird in Ostdeutschland allzu gerne der Westen als Schuldiger der hastigen Einheit begriffen, wie der aktuelle Bestseller von Dirk Oschmann „Der Osten – eine westdeutsche Erfindung“ zeigt. Kaminsky sagt dazu: „In den aktuellen Debatten bekommt man zuweilen den Eindruck, der Westen habe den Osten kaputt gemacht und die ‚blühenden Landschaften‘ zerstört. Dass das Erbe der kommunistischen Herrschaften überall eine zerrüttete Wirtschaft, zerstörte Umwelt und verfallende Städte waren – von den seelischen und geistigen Schäden gar nicht zu reden – wird dabei vergessen.“
Die Sicht auf die europäische Diktaturgeschichte unterliegt ständigen Veränderungen, gerade durch den postsowjetischen Angriffskrieg Russlands in der Ukraine. Spannend, dass nun das Hinterfragen der DDR als SED-Diktatur von einer Institution ausgeht, die selbst diesen Titel im Namen trägt. Sollte sich also die Bundesstiftung mit Sitz in Mitte umbenennen? „Das wäre natürlich sinnvoll, liegt aber nicht in unserer Hand“, sagt Kaminsky. „Dafür müsste der Bundestag, der uns gegründet hat, einen entsprechenden Beschluss fassen.“ Selbst im Rückblick auf die eigene Geschichte kann man Neues entdecken. Besonders in Berlin.