„Vertraut den Gastronomen“ – Berliner Sternewirt appelliert an den Senat
Ab heute gilt in Berlin ein nächtliches Alkoholverbot. Doch das werde nichts nützen, prophezeit Restaurantinhaber Billy Wagner.Von Lorenz Maroldt
den ganzen Sommer über feierte tout Berlin (oder was sich dafür hält) Nacht für Nacht eine große Corona-Party – Open Air natürlich, die Clubs waren ja zu. Jetzt, da es draußen kalt wird und die Leute sich nachts nicht mal für Freibier in den Nieselregen stellen würden, kündigt Regiermeister Müller an, die Parks besser zu kontrollieren (damit schaffte er es gestern Abend sogar in die Tagesthemen) – und zugleich verhängt Berlin vom heutigen Tag an eine Sperrzeit zwischen 23 und 6 Uhr (kein Alk-Verkauf, Bars und Restaurants dicht). Dit is Berlin. Dazu auch unser heutiges Checkpoint-Quiz: Was machen die Leute in der genannten Zeit wohl stattdessen?
a) Sie verbarrikadierensich Punkt 23 Uhr mit einem Becher Gesundheitstee vor Ihrem nagelneuen Antiviren-Filter und blättern bis zur Späti-Öffnung am frühen Morgen verzückt im Koalitionsvertrag.
b) Sie schicken Punkt 23 Uhr eine „Nachti!“-Nachricht an ihre Follower, rezitieren ein Gedicht von Merkel („In Deutschlands schwerster Stund’ / wasch ich mir den Mund“) und gehen glücklich desinfiziert ins Bett (natürlich alleine).
c) Sie setzen sich Punkt 23 Uhr schweigend vor ihren mit Bier gefüllten Kühlschrank, schauen sich bei Youtube Müller-Videos an (ohne Ton) und zählen streng selbstisoliert im Sekundentakt bis 25.200 (Mathe mit dem Checkpoint: macht 7 h)
Na? Ok, das war leicht: Die Lösung lautet natürlich d).
Und warum das so ist, erklärt uns hier jetzt Billy Wagner, Inhaber und Sommelier des Sternerestaurants „Nobelhart & Schmutzig“ per Insta-Story (gekürzte Abschrift):
„Sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister, lieber Herr Müller,
sehr geehrte Senatsmitglieder, ich würde grundsätzlich in Frage stellen, dass ein Alkoholverbot und eine Sperrstunde ihren Sinn und Zweck wirklich erfüllen.
Natürlich senkt Alkohol die Hemmschwelle und macht uns alle etwas kuscheliger. Aber: Wenn wir uns die letzten Monate anschauen, dann wird doch sehr deutlich, dass Verbote letztendlich ihr Gegenteil bewirken: Menschen setzen sich darüber hinweg, suchen den Exzess, tun es erst recht. Und zwar im Privaten, wo keine Gastgeber*in die Einhaltung von Regeln und Maßnahmen überwacht. Denn das ist genau, was wir Gastronomen*innen seit der Wiedereröffnung Mitte Mai getan haben: Wir haben Regeln aufgestellt, Maßnahmen konzipiert und uns sehr eingehend mit dem Thema Hygiene und Infektionsschutz auseinandergesetzt. Wir haben dafür gesorgt, dass Menschen sich sicher eins hinter die Binde kippen können, wenn sie das möchten. Denn daran, dass Menschen das möchten und es auch tun, wird kein Verbot etwas ändern. Als Gastronom*innen haben wir ein unmittelbares Interesse daran, dass unsere Gäste, unsere Familien und wir selbst effektiv vor Ansteckungen mit dem Corona-Virus geschützt werden.
Bitte vertrauen Sie meinem Berufsstand. Die große Mehrheit von uns nimmt unseren besonderen beruflichen und gesellschaftlichen Auftrag – gerade in dieser schweren Zeit – äußerst ernst. Menschen werden sich immer treffen. Menschen werden immer Alkohol trinken. Auch nach 23 Uhr. Wenn das nicht öffentlich geht, dann tun sie es privat. Wir können ein kontrolliertes Umfeld und Rahmenbedingungen dafür bieten, dass Menschen trotzdem Spaß haben und den Exzess nicht dort suchen, wo keine Wirtin noch einmal freundlich an Maske oder Abstand erinnert. Vielen Dank.“