den ganzen Sommer über feierte tout Berlin (oder was sich dafür hält) Nacht für Nacht eine große Corona-Party – Open Air natürlich, die Clubs waren ja zu. Jetzt, da es draußen kalt wird und die Leute sich nachts nicht mal für Freibier in den Nieselregen stellen würden, kündigt Regiermeister Müller an, die Parks besser zu kontrollieren (damit schaffte er es gestern Abend sogar in die Tagesthemen) – und zugleich verhängt Berlin vom heutigen Tag an eine Sperrzeit zwischen 23 und 6 Uhr (kein Alk-Verkauf, Bars und Restaurants dicht). Dit is Berlin. Dazu auch unser heutiges Checkpoint-Quiz: Was machen die Leute in der genannten Zeit wohl stattdessen?
a) Sie verbarrikadierensich Punkt 23 Uhr mit einem Becher Gesundheitstee vor Ihrem nagelneuen Antiviren-Filter und blättern bis zur Späti-Öffnung am frühen Morgen verzückt im Koalitionsvertrag.
b) Sie schicken Punkt 23 Uhr eine „Nachti!“-Nachricht an ihre Follower, rezitieren ein Gedicht von Merkel („In Deutschlands schwerster Stund’ / wasch ich mir den Mund“) und gehen glücklich desinfiziert ins Bett (natürlich alleine).
c) Sie setzen sich Punkt 23 Uhr schweigend vor ihren mit Bier gefüllten Kühlschrank, schauen sich bei Youtube Müller-Videos an (ohne Ton) und zählen streng selbstisoliert im Sekundentakt bis 25.200 (Mathe mit dem Checkpoint: macht 7 h)
Na? Ok, das war leicht: Die Lösung lautet natürlich d).
Und warum das so ist, erklärt uns hier jetzt Billy Wagner, Inhaber und Sommelier des Sternerestaurants „Nobelhart & Schmutzig“ per Insta-Story (gekürzte Abschrift):
„Sehr geehrter Herr Regierender Bürgermeister, lieber Herr Müller,
sehr geehrte Senatsmitglieder, ich würde grundsätzlich in Frage stellen, dass ein Alkoholverbot und eine Sperrstunde ihren Sinn und Zweck wirklich erfüllen.
Natürlich senkt Alkohol die Hemmschwelle und macht uns alle etwas kuscheliger. Aber: Wenn wir uns die letzten Monate anschauen, dann wird doch sehr deutlich, dass Verbote letztendlich ihr Gegenteil bewirken: Menschen setzen sich darüber hinweg, suchen den Exzess, tun es erst recht. Und zwar im Privaten, wo keine Gastgeber*in die Einhaltung von Regeln und Maßnahmen überwacht. Denn das ist genau, was wir Gastronomen*innen seit der Wiedereröffnung Mitte Mai getan haben: Wir haben Regeln aufgestellt, Maßnahmen konzipiert und uns sehr eingehend mit dem Thema Hygiene und Infektionsschutz auseinandergesetzt. Wir haben dafür gesorgt, dass Menschen sich sicher eins hinter die Binde kippen können, wenn sie das möchten. Denn daran, dass Menschen das möchten und es auch tun, wird kein Verbot etwas ändern. Als Gastronom*innen haben wir ein unmittelbares Interesse daran, dass unsere Gäste, unsere Familien und wir selbst effektiv vor Ansteckungen mit dem Corona-Virus geschützt werden.
Bitte vertrauen Sie meinem Berufsstand. Die große Mehrheit von uns nimmt unseren besonderen beruflichen und gesellschaftlichen Auftrag – gerade in dieser schweren Zeit – äußerst ernst. Menschen werden sich immer treffen. Menschen werden immer Alkohol trinken. Auch nach 23 Uhr. Wenn das nicht öffentlich geht, dann tun sie es privat. Wir können ein kontrolliertes Umfeld und Rahmenbedingungen dafür bieten, dass Menschen trotzdem Spaß haben und den Exzess nicht dort suchen, wo keine Wirtin noch einmal freundlich an Maske oder Abstand erinnert. Vielen Dank.“
Anzeige
Besondere Einblicke in die jüdisch-deutsche Geschichte
„Die Geschichte der Juden hat sich nicht geändert – aber unsere Perspektive darauf. Mit unserer neuen Ausstellung reagieren wir auf veränderte Sehgewohnheiten und auf einen neuen Forschungsstand“, sagt Hetty Berg, Direktorin des Jüdischen Museums Berlin. Ein Schwerpunkt liegt auf der Geschichte nach 1945: Diese reicht vom Umgang mit der Zäsur des Holocaust über den Neubeginn jüdischen Lebens in der BRD und der DDR bis hin zur Migrationsgesellschaft im heutigen Deutschland.
Die Neue Dauerausstellung: Jetzt Zeitfenster-Tickets buchen
Das „Beherbergungsverbot“ ist als wuchernde Corona-Wortkreatur so ansteckend, dass es selbst Schwierigkeiten hat, in diesem Corona-Herbst noch irgendwo unterzukommen – der Duden gewährt ihm jedenfalls kein Obdach („Leider gibt es für Ihre Suchanfrage im Wörterbuch keine Treffer“). Als Ferienkiller verbreitet es sich allerdings pandemisch quer durch die Republik, vor allem für Berliner (Neuinfektionsrate 56,4).
Der Checkpoint hat Manuela Schwesig gefragt, wie die Aussichten darauf sind, unser Berliner Geld in den überteuerten Küstenhotels doch noch mit beiden Händen aus dem Fenster in die Ostsee werfen oder im Kamin verfeuern zu dürfen – hier die Antwort der Ministerpräsidentin:
„Leider ist Berlin jetzt Risikogebiet und fällt damit unter die Regelung für Risikogebiete, die MV seit Monaten hat. Die Regelung von MV für Touristen ist nicht neu. Allerdings wurden gestern in der Kabinettssitzung Ausnahmen für Berufspendler beschlossen. Es tut mir wirklich außerordentlich leid für viele BerlinerInnen, die sich auf Herbstferien in MV gefreut haben. Aber dass Berlin Risikogebiet wird, hat MV nicht zu verantworten.“
Kaum hat Berlin den Vorsitz der Ministerpräsidentenkonferenz übernommen (1.10.), schon schießen die Corona-Zahlen nach oben. Wenn das mal Zufall ist! Aber dafür interessieren sich diese Verschwörungstheoretiker natürlich mal wieder nicht, sie haben besseres zu tun (z.B. ein Zeltlager im Tiergarten am Kanzleramt bauen, während die Behörden Verantwortungs-Pingpong spielen). Und kaum schießen die Zahlen nach oben, sagt Berlin die nächste Ministerpräsidentenkonferenz im Roten Rathaus ab (Ersatz: eine Videokonferenz). Manuela Schwesig hätten wir ohnehin nicht einreisen lassen (siehe oben) – und nein, wir sind nicht nachtragend, wir können nur schwer vergessen.
Oha, eine fehlgeleitete Mail:„Die nachfolgende Information ist nur für den internen Gebrauch. Eine Weitergabe der enthaltenen Infos nach extern ist nicht gestattet, ebenso das Weiterleiten dieser Email an externe Empfänger.“ Na, da schauen wir doch gleich mal rein – aber bitte nicht verraten, dass Sie vom Checkpoint erfahren haben, was das Vivantes Humboldt-Klinikum (Reinickendorf) der Belegschaft mitzuteilen hat…
1) Die Zahl der Covid-19-Patienten ist im hohen Norden Berlins moderat (HUK-Zahlen: 5 Erkrankte, 3 Verdachtsfälle, 1 x Intensivstation).
2) Angehörige der Klinik-Angestellten können sich nicht in der Klinik testen lassen – und auch Negativ-Nachweise für Urlaubsreisen (in manchen Ländern Voraussetzung) müssen sich die Mitarbeiter:innen anderswo organisieren.
3) „Ab Montag gilt in allen Vivantes-Kliniken wieder ein Besuchsverbot. Ausnahmen können bei Schwerstkranken mit dem Chefarzt vereinbart werden. Uns steht derzeit noch kein zusätzlicher Wachschutz zur Verfügung.“
Und eine letzte Corona-Meldung für heute: Das offizielle Hauptstadtportal des Senats, berlin.de, ist immer für eine unfreiwillige Erheiterung gut: Unter der Überschrift „Neukölln: Die Hotspots in Berlins Szene-Bezirk“ gibt’s nicht etwa, wie der Titel suggeriert, lokale Corona-News, sondern (u.a.) Party-Tipps: „Berlin-Neukölln hat sich zum hippen Szene-Viertel gemausert. Wo Touristen ihr Neukölln finden.“ Aktuelle Covid-19-Inzidenz im Bezirk: 143,1 – das reicht deutschlandweit für Platz 1 (in Berlin sowieso). Anziehend ist das nicht, aber ansteckend.
Im unermüdlichen Einsatz für ein lebens- und liebenswertes Berlin haben am Abend Freund*innen des queerfeministischen Projekts Liebig 34 rund um den Hackeschen Markt Läden und Autos zerdeppert (nachdem sie zu Beginn der Woche den solidarischen Berlinerinnen und Berlinern bereits per Kabelbrand die Tortur von S-Bahnfahrten ersparten). Am Morgen war das Symbol-Haus der linksautonomen Szene in Friedrichshain mit großem Aufwand geräumt worden – Checkpoint-Frühdienstbewerber Alf Frommer (z.Zt. noch Creative Director der Agentur „ressourcenmangel“) kommentierte das so: „Zu einer Wohnungsbesichtigung in Berlin kamen heute 1500 Polizisten – das ist selbst für Berliner Verhältnisse recht viel.“ Der Einsatz war offenbar anstrengend – die GdP hatte für die Kollegen einen Currywurststand an der Wache Friesenstraße aufgebaut, das Motto: „Du räumst die Liebig 34, wir sorgen für Energie“. Checkpoint-Analyse: Die Sache ist noch lange nicht gegessen.

Telegramm
CDU I: Kai Wegner hat sich an die Exklusiv-Voraussage im Checkpoint vom 8.10. gehalten und gestern seine Kandidatur für das Amt des Regierenden Bürgermeisters erklärt – seine Autobiographie (veröffentlicht als Presseerklärung): „Ich atme, lebe, liebe Berlin.“ 61 % der befragten Berliner:innen sagen: Diesen Mann kennen wir nicht. Sicher alles Zugezogene.
CDU II: Der Unterstützerbrief prominenter Wissenschaftsmanager für Michael Müllers Bundestagskandidatur hat in der CDU-Fraktion eine chemische Reaktion ausgelöst und seltene oppositionelle Energien freigesetzt: „Es mutet seltsam an, wenn die führenden Köpfe der Berliner Exzellenz-Universitäten Partei ergreifen ausgerechnet für ihren Dienstherren und obersten Fachaufseher, Wissenschaftssenator Müller“, teilten die Abgeordneten Adrian Grasse und Hans-Christian Hausmann mit, und weiter: „Wir halten den offenen Unterstützungsbrief von ihnen für unangemessen. Berlins Forschungs- und Wissenschaftslandschaft darf nicht als Bühne für parteipolitische Spielchen missbraucht werden.“ Aber was ist Wissenschaft ohne Experimente wert?
CDU III: Die Reinickendorfer CDU hat sich zur Fortsetzung der Vorstadt-Serie „Häuschen of Cards“ entschieden – gestern wurde eine neue Folge gedreht: Bürgermeister-Kandidat Prof. Dr. Michael Wegner präsentierte bei seiner Vorstellungsrede am Abend stolz Autogramme rumänischer Universitätsleiter (gerahmt), die Professorentitel mit Vorliebe an deutsche Sammler verkaufen. „Diese Urkunden kann jeder sehen, der eine Berechtigung dazu hat. Der Tagesspiegel gehört nicht dazu“, dozierte der frühere Stadtrat, der mit seinen 62 Jahren nur noch ein Dienstjährchen als Bürgermeister für eine auskömmliche Vollpension braucht. Eine Urkunde über Tätigkeiten für die Hochschule in den vergangenen Semestern legte Wegner nicht vor – die aber ist gesetzlich vorgeschrieben, wenn der Titel geführt wird. Die an der rumänischen Uni für Internationales zuständige Vizepräsidentin Corina Amelia Georgescu versuchte für uns herauszufinden, seit wann Wegner Honorarprofessor ihrer Hochschule ist und welche wissenschaftlichen, beruflichen oder sonstigen Leistungen er als „Profesor de onoare“ erbracht hat – hier ihre Antwort: „Ich konnte Herrn Michael Wegner nicht in den Aufzeichnungen finden, die uns für die vergangenen zehn Jahre zur Verfügung stehen.“
Die Polizei fahndet jetzt per Mail in den eigenen Reihen nach der Chatgruppe, die sich an rassistischen und homophoben Sprüchen delektierte – um 14.15 versandte das LKA gestern einen Aufruf (liegt dem Checkpoint vor): Alle Polizeiangehörige, „die zur Aufklärung dieses Sachverhalts beitragen können“, wurden gebeten, sich mit dem Fachkommissariat des LKA 53 in Verbindung zu setzen. Das Ziel: „belastende als auch entlastende Beweiserhebungen durchzuführen, um den untragbaren Generalverdachtgegen die Gesamtheit der Berliner Polizei schnellstmöglich ausräumen zu können.“
Frage an Berlinkenner – der Angehörige welcher Berufsgruppe sagte gestern folgendes: „Heute ist der beste Tag dieses beschissenen Jahres“? Na klar – es war ein Taxifahrer am Bahnhof Zoo, der den Streik der BVG wie eine Art vorgezogenes Silvester erlebte.
Zur heutigen Lektion „Mathe mit dem Checkpoint“: Die Corona-Behandlung von Donald Trump hat seinen Angaben zufolge den Staat 100.000 Dollar gekostet (CP von gestern), die Steuererklärung von Donald Trump (1 Jahr) hat ihn nach Angaben der „New York Times“ 750 Dollar gekostet. Unsere Frage: Wie alt muss Trump noch werden, um mit seinen Steuern die Klinik-Rechnung zu begleichen? Richtig: Von jetzt an mindestens 133,33 Jahre – da kommen allerdings noch die Kosten fürs Klonen dazu.
Super Gespräch mit Campino über Fußball, Familie und Fun während der Corona-Zeit (Interview am Montag im Tagesspiegel) – Anlass war die Veröffentlichung seines Buchs „Hope Street“. Berührend sind die Passagen über seine Eltern. Im Interview erzählt der Tote-Hosen-Sänger u.a. davon, wie sein konservativer Vater (aktives CDU-Mitglied, Richter, Presbyter) zum ersten Mal ein Konzert seines Sohnes besuchte (darüber steht nichts im Buch):
„Mitte der achtziger Jahre ist er zum ersten Mal zu einem Auftritt gekommen. Das war in der Uni-Mensa in Düsseldorf, eine ganz, ganz wilde Nacht, die Deckenbeleuchtungen sind abgeschlagen worden, die Klos wurden demoliert, in den Zeitungen war von einem Skandalkonzert die Rede. Aber er war begeistert und fand das lebensfroh und konstruktiv. Es war irre. Danach kam er zu allen Konzerten in 200 Kilometern Umkreis von Düsseldorf. Er saß dann da am Bühnenrand auf dem Klappstuhl und lächelte mich an.“
Viel Resonanz haben wir bekommen auf das Gespräch von Robert Ide mit Frank Zander, dessen traditionelles Weihnachtsessen für Obdachlose in diesem Jahr zum ersten Mal ausfällt (CP von gestern). Stattdessen organisiert der Künstler jetzt Food-Trucks, die das Essen zu den Menschen auf die Straße bringen. „Wenn es hart auf hart kommt, halten die Berliner zusammen“ sagt Zander und bittet um Unterstützung. Wenn Sie helfen wollen, so viele Essenswagen wie möglich loszuschicken, können Sie das hier unter diesem Link auf der Spendenseite tun.
Panne für Pankow am Prater-Garten: Das Landgericht untersagte dem Bezirk auf Antrag der Pächterin Dagmar Hillig den geplanten Umbau (AZ 56 O 82/20) – der Bezirk wollte für eine Neugestaltung auf den Stand der fünfziger Jahre Mittel aus dem Denkmalschutzprogramm erhalten und Berlins ältesten Biergarten für mindestens ein Jahr schließen.
„Der Bröltaler SC hat mehr Mut und Rückgrat als die BVV Friedrichshain-Kreuzberg“ sagt Michael Heihsel von der FDP-Fraktion. Und wie kommt er darauf? Na, er hat ins „Fußball-Portal“ geschaut und das hier gefunden: „Bröltaler SC trennt sich von Florian Schmidt“.
Vor genau einem Monat ist Team Checkpoint zum MDR nach Leipzig aufgebrochen, wir waren zu Filmaufnahmen eingeladen für die „Next Digitalkonferenz“ – unser schönes Norderney-Bewerbungsvideo hatten wir dafür auch nochmal ausgepackt. Die ganze Präsentation ist hier zu sehen.
Wochniks Wochenende
Die besten Berlin-Tipps für drinnen, draußen und drumherum.
48h Berlin
Samstagmorgen – Wer ganz genau wissen möchte, wo das Gemüse herkommt, das auf seinem Teller landet, ziehe festes Schuhwerk an und begebe sich nach Dahlem. Frische Luft am Morgen und beherztes Zupacken auf dem Acker der Stiftung Domäne Dahlem (Königin-Luise-Straße 49, Dahlem) ergeben nicht nur einen munteren Geist, sondern einen Vorrat an Kürbissen der Sorten „Red Kuri“, „Red Hokkaido“, „Red Solor“, „Waltham“ und „Nutterbutter“. Irgendwie hat sich auch die Speisekartoffel „Linda“ unter die Kürbisköpfe gemischt. Wem das der Selbstbedienung zu viel erscheint, findet hier auch Marktstände mit vorgeernteter Bio-Ware. Ob als Süppchen, Taco-Füllung oder Halloween-Spukgespenst, das Anwendungsportfolio des Kürbisses ist breit gefächert. Dass Kürbisse außerdem gut klingen können, beweisen seit jeher die Inder: Klangkörper der Sitar bestehen traditionell aus ein oder zwei getrockneten Kürbissen. Achten Sie auf Abstände zu ihren Nachbarn – mit den nächtlichen Sperrzeiten sollen Superspreader ihre Superspreader-Aktivitäten jetzt vermehrt in den Tag hinein verlegt haben. Um die Verbreitung von Aerosolen durch Sprache zu begrenzen, kursiert zurzeit diese unterhaltsame Anleitung.
Samstagmittag – Wer das alles zu stressig findet, bestelle sich seinen Kürbis einfach im schmackhaften Tacogewandt. Der vermeintlich einfache Maisfladen kann – mit der entsprechenden Füllung – mächtig was her machen. Die vermutlich größte Taco-Auswahl in Berlin hat Genuss-Kollege Felix Denk im Tacoriño in der Knesebeckstraße 18-19 ausgemacht. Neben gegrilltem Steak und geschmortem Hühnchen kommen hier auch marinierter Blumenkohl oder Bacalao im Bierteig mit Chili-Mayo zwischen die hausgemachten Tortillas aus Bio-Maismehl. Geöffnet ist Mo - Do 17-22 Uhr, Fr - So 15-22 Uhr, alle Gerichte gibt es auch zum Mitnehmen.
Samstagabend – Derart gestärkt fiebert man am Abend schon der… nun ja, Sperrstunde entgegen. Da der Tag mit ihr zur Nacht wird, bietet der Samstagabend Gelegenheit zum Nachdenken über das Geschehen (und Nicht-Geschehen), so ähnlich hat das schon Hegel formuliert. Ob zu Hause, beim Spaziergang oder Sport, von jedem Smartphone aus kann man in den Podcast „Politics of the Dance Floor“ des HKW hinein hören, dessen aktuelle Ausgabe sich um das Thema Nachhaltigkeit in der Clubkultur dreht und Fragen zu Greenwashing und Umweltgerechtigkeit, Diskriminierung und Inklusion, Marginalisierung und Solidarität streift.
Sonntagmorgen – Der heutige Apfel fällt nicht weit vom gestrigen Kürbisgemüse: Mit einem um das beste Obst der Welt konzipierten Programm feiert das Schloss Britz (Alt-Britz 73, Neukölln) die Kulturgeschichte des Apfels mit apfeligen Bühnenshows, Äpfeln in Märchen und Akrobatikeinlagen, Äpfel halten schließlich auch fit. Das Programm finden Sie auf der Homepage, der Eintritt für einen der Slots von 10 bis 14.30 Uhr oder 14.30 bis 19 Uhr beträgt 6 Euro, 3 ermäßigt.
Sonntagmittag – Während die Fachwelt seit geraumer Zeit debattiert, ob ein umfallender Baum ein Geräusch macht, wenn keiner da ist, der es hört, gehen die Schüler:innen des Hermann-Ehlers-Gymnasiums einfach hin. Allerdings gehen sie, um den pflanzlichen Schwerpunkt dieses Wochenendes nicht überzustrapazieren, statt in den Wald, in die Stadt, wo neben Geräuschen auch eine Menge Sprache stattfindet, die Geschichten erzählt, die wiederum etwas über die Mediatisierung urbaner Lebenswelten aussagen. Die Funde dieser Erkundung sind in Soundcollagen eingeflossen, die das Märkische Museum (Am Köllnischen Park 5, Mitte) in einer Art Piratensender-Ausstellung zeigt. 10 bis 18 Uhr, der Eintritt ist auch am heutigen, letzten Tag der Show frei.
Sonntagabend schien die Sonne, da sie keine Wahl hatte, nicht auf Berlin. So ähnlich hat Samuel Beckett einmal einen Roman begonnen. Heute Abend erklingen seine Texte neben Schönbergs Komposition Pierrot Lunaire in der Komischen Oper, die passenderweise einen engen Bezug zu Nacht und Mond aufweist. Mit etwas Glück bekommt man noch Restkarten. Da die Dunkelheit außerdem die perfekte Leinwand für Lichtspiele bietet (und für alle, die keine Restkarten für die Oper bekommen haben), bietet sich der Besuch der Taborkirche (Taborstraße 17, Kreuzberg) an, und das nicht nur weil Sonntag ist. „Die Sphäre“ nennt sich die dort gezeigte Licht und Klanginstallation, was nach einer runden Sache klingt, womit der Kreis zu Kürbis, Apfel, Sonne und Mond geschlossen wäre. Geöffnet bis 0 Uhr, sollte man vielleicht nicht bis nach 23 Uhr warten, wenn die Kirche der einzige Kreuzberger Veranstaltungsort ist, der am absoluten Wochenendeende noch geöffnet hat. Eintritt 5 Euro.
Mein Wochenende mit
Kevin, unser liebstes Wildschwein in der Rotte, kennt jeden Flecken Land in Berlin und Brandenburg. An dieser Stelle gibt er wöchentlich Ausflugstipps ins Umland.
„Der Herbst, welkes Laub bringt er, traurige lyrische Ergüsse und eine Menge Schatten. Schatten? Ja klar, allerorten kreisen Kraniche und Störche überm Land, dass man kaum noch was vom grauen Himmel hat. Soll mir aber recht sein. Unter Flugtieren bin ich zurecht für meine Bodenständigkeit bekannt, will mich hier nicht auslassen. Und der Schatten den die Flieger werfen, kommt bodennahen Schleichern zugute, die ungern mit Vögeln zu tun haben. Erst neulich sah ich eine Blindschleiche am Herrensee (S-Bhf Hegermühle) – die zeugt von intakter Natur. Der Spaziergang um das Wasser hat etwas Verwunschenes, die Tatsache, dass man den See selbst kaum richtig sieht, weckt Sehnsüchte. Und ruhig ist es hier. Wer wieder Menschen begegnen will, gehe nordwärts nach Strausberg, wo nach der etwa dreiviertelstündigen Runde ein Essen in der Amiceria (Fichteplatz 1) Wohlgefühl verheißt. Im Flugplatzmuseum kann man wieder übers Fliegen nachdenken, Vögel werden zwangsläufig auch hier zu sehen sein. Ich dagegen gehe wieder in den Wald, betrachte welkendes Laub im Vogelscharschatten. Wie ich es gerne tue, wenn ich meine traurige Lyrik verfasse.“
Leseempfehlungen
Dem Phänomen Friedrichshain-Kreuzberg, weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt als Berliner Rebellenbezirk, hat sich CP-Kollege Julius Betschka angenomen. Seine These: Der Bezirk kämpft vor allem mit sich selbst und seiner Zerrissenheit. Und weist damit auf die gesamtgesellschaftliche Zerrissenheit über sich hinaus. (Abo)
Apropos Zerrissenheit: Auch in der Weimarer Republik, zumal ab der Weltwirtschaftskrise 1929, war Harmonie ein rares Gut. Die ARD-Serie Babylon Berlin hat sich an die damilge Stimmung bereits über zwei Staffeln ziemlich erfogreich angenähert, die dritte kommt ab Sonntag auf die Bildschirme und parallel auch in die ARD-Mediathek.
Wochenrätsel
Laut Washington Post wurde Berlin durch die lange Nicht-Eröffnung des BER
a) „a failed state“
b) „a green oasis“
c) „a laughing stock“
Schicken Sie uns die richtige Lösung und gewinnen Sie einen Checkpott.
Jetzt mitmachenEncore
„Danke TXL“ heißt eine neue Website der Flughafengesellschaft zum Abschied von Tegel mit vielen Geschichten, Fotos und einem Gästebuch (hier zu sehen) – und auch die Besucherterrasse ist seit dem 3.10. nochmal geöffnet (bis 7.11., Tickets müssen über die Website vorbestellt werden). Unsere Erinnerungen an Tegel finden Sie übrigens heute auf den Seiten „Mehr Berlin“ im Tagesspiegel. Nur ein Gerücht ist es dagegen, was sich TXL-Mitarbeiter am Flughafen erzählen, und das geht so: Der BER wird am 31.10. nur deshalb eröffnet, um Tegel endgültig schließen zu können. Nach wenigen Tagen soll dann dort am BER der Betrieb aus Kostengründen wieder eingestellt und der gesamte Flugverkehr über Schönefeld Alt abgewickelt werden – bis auf Weiteres. Echt abgehobene Geschichte… oder?
Ich wünsche Ihnen jedenfalls einen guten Start ins Wochenende (und dass Sie nicht allzu traurig sind wegen der verkorksten Herbstferien). Montagfrüh testet Anke Myrrhe hier wieder für Sie die Redaktionsschlussgrenzen aus – bis dahin,
