Die inhabergeführte „Gartenstadt Atlantic“ in Berlin-Mitte bleibt unverkäuflich
Seit 15 Jahren halten die Eigentümer der Häuser in Gesundbrunnen die Mieten niedrig – und reagieren nicht auf Kaufangebote von Maklern. Jetzt antworteten sie. Von Lorenz Maroldt
Zwischen Luxussanierung und Mietendeckel, rücksichtsloser Renditegier und Vergesellschaftungslust ist die Stimmung zwischen Eigentümern und Mietern immer mehr eskaliert. Dass es auch harmonische Verhältnisse unter zufriedenen Bewohnern und verantwortungsvollen Vermietern gibt, ging dabei völlig unter. Ein Musterbeispiel dafür ist die „Gartenstadt Atlantic“ am Gesundbrunnen, erbaut vor 100 Jahren vom Verleger Karl Wolffsohn, 1938 von den Nazis enteignet. Vor mehr als zwanzig Jahren hatten Michael und Rita Wolffsohn das heruntergekommene Gebäudeensemble (49 Häuser, 500 Wohnungen, 25 Gewerbeeinheiten, 1 Kino) geerbt und mit Hilfe hoher Kredite saniert. Das Besondere: Mehr als anderthalb Jahrzehnte lang verzichteten die Wolffsohns auf jede Rendite, hielten die Mieten niedrig und achteten auf eine bunt gemischte Gemeinschaft – die Gartenstadt ist ein interkulturelles Integrationsprojekt, Gentrifizierung gehört hier nicht zum Wortschatz.
Klar, dass ein Paket wie die „Atlantic“ heute Großinvestoren anlockt wie eine Riesenportion Frutti di Mare den Hai. „Mit viel Potenzial“ werden solche Leckerbissen im Zentrum der Stadt in Verkaufsunterlagen oft angepriesen, denn viel Potenzial bedeutet: Da lässt sich noch ordentlich was herausquetschen, entweder aus diesen Mietern oder aus neuen, wenn die alten vergrault sind – und ein paar Jahre später wird mit hohem Gewinn weiterverkauft.
Aber nicht mit Michael Wolffsohn: Alle Anfragen ließ der Historiker ins Leere laufen. Als vor kurzem mal wieder ein Makler seine Verkaufsdienste anbot, per freundlichem Brief, schrieben ihm die Wolffsohns zurück:
„Sehr geehrter Herr (anonymisiert),
vielen Dank für Ihr Interesse. Die Gartenstadt Atlantic ist unverkäuflich. Warum sollte sie unserer Familie, abgesehen von starken Gefühlen sowie vom Historischen (vgl. meine ‚Deutschjüdischen Glückskinder‘), weniger wert sein als Anderen? ‚Es gibt Menschen mit Herzen aus Stein und Steine mit Menschenherzen‘, lautet der Text eines schönen israelischen Liedes. Das kennzeichnet unser Verhältnis zur Gartenstadt Atlantic sowie ihren herausragenden, hochengagierten Mitarbeitern. Das ‚Eigentum verpflichtet‘ uns nicht zuletzt unseren Mietern und damit ‚der‘ Gesellschaft gegenüber. Wir wissen, dass unsere Haltung eher ungewöhnlich ist, fühlen uns aber damit wohler.
Mit freundlichen Grüßen
Michael und Rita Wolffsohn
Vorstand der Gartenstadt Atlantic AG“
Der Makler hat übrigens noch mal geantwortet – verständnisvoll und mit viel Empathie.