Mit offenen Augen durch die Stadt
Mit dem Rad durch die Stadt zu fahren, ist bekanntlich auch keine Option – auch wenn die Fraktionschefin der Grünen, Antje Kapek meint: „Wer mit offenen Augen durch die Stadt fährt, sieht, dass schon ganz viel passiert ist.“ (Tagesspiegel-Interview hier, für Abonnenten). Wer die Augen ganz weit aufreißt, sieht, dass es zu wenig ist. Allein in Mitte kam es 2020 zu 1403 Radfahrunfällen, in Friedrichshain-Kreuzberg waren es 1078. Die beiden (grün geführten) Bezirke führen alle Statistiken an, auch bei den Unfallschwerpunkten liegen sie vorne (Zahl der kritischen Kreuzungen und Unfälle). „Die Rahmenbedingungen sind für die Bezirke teilweise sehr schwer“, sagt Kapek. „Deshalb macht eine Bündelung auf der Landesebene Sinn, mit Taskforces für den Ausbau von Radwegen, Fußwegen und Tramstrecken.“ Dafür bräuchte es aber erst einmal eine Taskforce Verwaltungsreform – und die steckt (mindestens bis zur Wahl) irgendwo im Stau fest.
Bis dahin sterben auf den Straßen dieser Stadt fast täglich Menschen, die von R2G ausgegebene „Vision Zero“ ist urbane Utopie. Im Mai wurde Cindy Bohnwagner auf der Greifswalder Straße von einem Betonmischer überrollt. „Es war früh am Morgen, sie fuhr mit dem Rad zur Arbeit. Auf der Greifswalder fuhr ein Betonmischfahrzeug neben ihr und bog rechts ab. Da lag sie unter dem Auto, gab dem Ersthelfer noch ihr Telefon und sagte, dass er ihre Chefin anrufen solle. Sie würde es wohl nicht mehr pünktlich zum Dienst schaffen. Dann verlor sie das Bewusstsein.“ Mein Kollege Karl Grünberg hat den Nachruf geschrieben, Cindy Bohnwagner wurde keine 40 Jahre alt.