Der Fall Relotius: Auch der Tagesspiegel wurde getäuscht und hat sich täuschen lassen

Im Krisenmodus sind auch etliche große Redaktionen, seit sie wissen, dass sie sich über Jahre von einem Betrüger täuschen ließen: Der vielfach preisgekrönte Autor Claas Relotius hat Interviews und Reportagen in großem Stil systematisch gefälscht und erfunden und, als Zweifel an seiner Arbeit aufkamen, mit krimineller Energie seine Taten vertuscht. Betroffen sind u.a. der „Spiegel“, wo Relotius zuletzt als Redakteur angestellt war, „SZ“, „FAS“, „Welt“, „taz“, „Zeit Online“, „Cicero“, und auch der „Tagesspiegel“ hat zwei Texte des Autors veröffentlicht – ein Interview mit Werner Herzog und eine Reportage aus einem US-Gefängnis.
2015 bot Relotius der Tagesspiegel-Redaktion per Mail eine Geschichte an, er schrieb uns: „Sie handelt von Christopher Chaney, einem Amerikaner, der als berüchtigter ‚Hollywood-Hacker‘ weltweit Schlagzeilen machte. Chaney, der auf den ersten Blick nur ein unscheinbarer Bürger war, hatte sich drei Jahre lang unerkannt in die E-Mailkonten berühmter Hollywoodstars gehackt und systematisch deren Intimsphäre öffentlich gemacht. Er wurde im Jahr 2011 vom FBI verhaftet und im vergangenen Herbst ein zweites Mal verurteilt. Ich habe Chaney nur kurz darauf im Gefängnis von Jesup, Georgia besucht, um die Geschichte seiner Verbrechen anhand von Justizakten und eigenen Schilderungen zu rekonstruieren.“

Er hat ihn nicht besucht, wie wir seit einem Anruf im Gefängnis von Jesup wissen: Ein Claas Relotius ist dort auf keiner Besucherliste vermerkt, auch die Häftlingsnummer ist eine andere als im Artikel geschrieben. Gestern Abend bestätigte Relotius uns per SMS: „Ich konnte Chaney nicht treffen und ich habe ihn nicht getroffen. Auch im Herzog-Interview sind einige Passagen verdichtet.“ Wir sind getäuscht worden, wir haben uns täuschen lassen. Wir bitten unsere Leserinnen und Leser um Entschuldigung.