Willkommen zum letzten Checkpoint in diesem Jahr.
Weihnachtsfrieden ist allerdings noch nicht eingekehrt, jedenfalls nicht im Senat, trotz einer überraschenden Bescherung, oder besser gesagt: gerade deswegen. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop verschickte gestern den Vergabegesetzentwurf mit einer Mindestlohnvorgabe von 11,30 Euro – allerdings nicht an die Kollegen, die darauf schon lange warten, sondern an die Kammern und Gewerkschaften. Entsprechend ist die Laune in Teilen der Landesregierung, zumal bei der Runde am Dienstag kein Wort dazu fiel. „Der Senat ist doch kein Kasperletheater“, lautet einer der harmloseren Kommentare. Vielleicht kommt’s ja zur informellen Krisensitzung – am Sonnabend in der Tempodrom-Loge zur Premierenfeier vom Circus Roncalli.
Im Krisenmodus sind auch etliche große Redaktionen, seit sie wissen, dass sie sich über Jahre von einem Betrüger täuschen ließen: Der vielfach preisgekrönte Autor Claas Relotius hat Interviews und Reportagen in großem Stil systematisch gefälscht und erfunden und, als Zweifel an seiner Arbeit aufkamen, mit krimineller Energie seine Taten vertuscht. Betroffen sind u.a. der „Spiegel“, wo Relotius zuletzt als Redakteur angestellt war, „SZ“, „FAS“, „Welt“, „taz“, „Zeit Online“, „Cicero“, und auch der „Tagesspiegel“ hat zwei Texte des Autors veröffentlicht – ein Interview mit Werner Herzog und eine Reportage aus einem US-Gefängnis.
2015 bot Relotius der Tagesspiegel-Redaktion per Mail eine Geschichte an, er schrieb uns: „Sie handelt von Christopher Chaney, einem Amerikaner, der als berüchtigter ‚Hollywood-Hacker‘ weltweit Schlagzeilen machte. Chaney, der auf den ersten Blick nur ein unscheinbarer Bürger war, hatte sich drei Jahre lang unerkannt in die E-Mailkonten berühmter Hollywoodstars gehackt und systematisch deren Intimsphäre öffentlich gemacht. Er wurde im Jahr 2011 vom FBI verhaftet und im vergangenen Herbst ein zweites Mal verurteilt. Ich habe Chaney nur kurz darauf im Gefängnis von Jesup, Georgia besucht, um die Geschichte seiner Verbrechen anhand von Justizakten und eigenen Schilderungen zu rekonstruieren.“
Er hat ihn nicht besucht, wie wir seit einem Anruf im Gefängnis von Jesup wissen: Ein Claas Relotius ist dort auf keiner Besucherliste vermerkt, auch die Häftlingsnummer ist eine andere als im Artikel geschrieben. Gestern Abend bestätigte Relotius uns per SMS: „Ich konnte Chaney nicht treffen und ich habe ihn nicht getroffen. Auch im Herzog-Interview sind einige Passagen verdichtet.“ Wir sind getäuscht worden, wir haben uns täuschen lassen. Wir bitten unsere Leserinnen und Leser um Entschuldigung.
Traut sich Polizeipräsidentin Barbara Slowik nicht, auf dem Tempelhofer Feld zu joggen? Aus Angst vor Gewalt? So wird’s jedenfalls im Präsidium erzählt (CP von gestern). „Schwachsinn!“, sagt jetzt Slowik. Die Personalvertretung „Unabhängige in der Polizei“ widerspricht: „Sie hat es im vertraulichen Gespräch gesagt und jetzt ist es öffentlich, das ist für sie sicherlich bedauerlich.“ (Q: „B.Z.“) Anlass für die Indiskretion war ein Interview von Slowik in der „Zeit“, wo sie u.a. sagte: „Ich erzeuge gefühlte Sicherheit“ – in internen Polizei-Chats erzeugte das bittere Heiterkeit („Kondomwerbung“).
Neben ihrem öffentlichen Kommentar hat Slowik gestern aber auch eine interne Mail an die Mitarbeiterinnen der Polizei geschrieben (eine CP-Stichprobe ergab: Bei mehreren Herren war nichts im Postfach), lesen wir doch mal rein ...
„In der gesamten Polizei Berlin ist eine offene Diskussions- und Führungskultur für mich von zentraler Bedeutung. Gerade im Zusammenhang mit den immer wiederkehrenden Vorwürfen rund um die Polizeiakademie – aber auch anderen Themen – und einer immer schneller werdenden Verbreitung von Gerüchten, insbesondere in den sozialen Medien, ist dieser Punkt ins Blickfeld gerückt. Daher möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, wenn Sie Kritik, Änderungsbedarf oder Fragen einbringen wollen: Wir verfügen über eine Vielzahl von Anlaufstellen, die alle außerhalb des Dienstweges genutzt werden können!“
Jawoll, richtig! Zum Beispiel diese Adresse hier: checkpoint@tagesspiegel.de – auch weiterhin eine perfekte Anlaufstelle außerhalb des Dienstwegs, und das Besondere daran: Ihre Eingaben werden – wie auch bisher schon – in jedem Fall streng vertraulich behandelt.
Jubelmail mit Anhang von meinem Kollegen Stephan Wiehler: „Die Deutsche Umwelthilfe schließt sich meiner Forderung nach einem Ende der Silvester-Böllerei an“ - in der Pressemitteilung (geht heute um 7 Uhr raus) heißt es: 5000 Tonnen Feinstaub werden Silvester freigesetzt, das entspricht 17 Prozent der jährlich im Straßenverkehr entstehenden Feinstaubmenge. Die „archaischen Böller und Feuerwerksraketen“ sollen deshalb in den Innenstädten verboten werden (in Berlin gescheitert, Begründung: unkontrollierbar), stattdessen schlägt die DHU vor, „zentrale, professionell veranstaltete Feuerwerke außerhalb der sensiblen Zonen zu veranstalten“. Wir sollten die Flughafengesellschaft mit der Sache beauftragen – Spätzünder verteilen den Feinstaub besser, und einen unsensiblen Ort mit viel Platz dafür wüssten wir auch schon (die Häuschen drum herum sind bereits mit Lärmschutzfenstern ausgestattet).
Wir kommen zum Gesellschaftsteil – die „B.Z.“ dichtet heute: „Helenes Berliner Liebes-Wirrwarr – ihre Herzen fliegen hoch wie ihre Körper bei der gemeinsamen Akrobatik-Nummer“… Sie ahnen es sicher schon: Es geht um Helene Fischer (Nr.-1-Hit: „Atemnot in der Stadt“), die sich von Florian Silbereisen trennte, weil sie sich in ihren Berliner Bühnenpartner Thomas Seitel verliebt hat, der als Coverboy eines Schwulenmagazins vor einem Monat noch mit Helene Fischers Visagistin Anelia Janeva verlobt war ... irgendwas vergessen? Ach ja: Was macht eigentlich Florian Silbereisen?
„Berlin ist eine funktionierende Stadt“, sagt der Regierende Bürgermeister. Na selbstverständlich! So selbstverständlich sogar, dass Stadtrat Carsten Spallek in der BVV Mitte gestern Abend stolz berichten durfte, dass im Rathaus wieder alle vier Aufzüge funktionieren. Alle vier auf einmal! Wo gibt’s denn sowas! In Tübingen jedenfalls nicht, die haben im ganzen Rathaus (hier zu sehen) ja nur zwei (sorry, Boris Palmer).
Berliner Schnuppen
Telegramm
Sensation: „Weihnachtsreiseverkehr beginnt mit Staus“, meldet die „Morgenpost“ – das gab’s ja noch nie ...
… und auch die Meldung „VW-Chef wirft Politik Planungslosigkeit vor“ ist kein Satirebeitrag, sondern ebenfalls eine Schlagzeile der „Morgenpost“ – aber die kann nichts dafür: Herbert Diess meint das ernst, er ist Spezialist - in der Disziplin „planvoller Betrug“ macht seinem Konzern so schnell niemand etwa vor.
Achtung, eine Durchsage: Die Jungen Liberalen wollen ins Bällebad zurückgebracht werden – das geht aus einem handschriftlich verfassten und öffentlich verteilten Wunschzettel ihres Vorsitzenden David Jahn an den Regierenden Bürgermeister hervor, der mit den Worten beginnt: „Lieber Bürgermeister, zwei Jahre lang regierst Du nun als Chef einer rot-rot-grünen Koalition in Berlin ...“
Hauptbahnhof, gestern Abend um 23 Uhr ... Anzeige auf einem ODEG-Wagon: „Psst! Zug schläft!“ – fürs Betriebsstörungsbingo zu unglaubwürdig, aber immerhin: netter Versuch.
Wir kommen zum Brandenburg-Teil – die Meldung des Tages: „Tausende Silvesterkarpfen geflüchtet“ („Berliner Zeitung“). Es kommentiert Angela Merkel: „Wir schaffen das.“
Außerdem im Angebot: Ein 80-jähriger Autofahrer, der in Wildau erst drei andere Wagen rammte und dann den Dorfpolizisten verhaute. Ach ja: Die Nummernschilder waren natürlich auch gefälscht.
Zurück nach Berlin, wo die Taxifahrer für höhere Tarife demonstrieren wollen, es die „Deutsche Wohnen“ seit fünf Monaten nicht schafft, in der Kreuzberger Stallschreiberstraße 39 die kaputte Klingelanlage zu reparieren und es der Chef der Senatskanzlei eigentlich ganz okay findet, wenn es bei der großen U-Bahn-Sperrung Anfang des Jahres keinen Schienenersatzverkehr gibt, Begründung: Die Busse stehen ohnehin im Stau.
Hm, heute nichts aus Spandau? Oh doch! Und zwar noch eine schöne Bescherung: Genau ein Jahr lang stand in Kladow ein Auto abgemeldet mit Hansa-Rostock-Aufkleber im Halteverbot (regelmäßigen CP-Lesern bekannt), alleine die Knöllchen erreichten den Wert eines Gebrauchtwagens. Doch jetzt ist es plötzlich weg – da hat sich das Ordnungsamt kurz vor Weihnachten dann doch noch einen Abschleppschlitten bestellt.
Wann haben die Läden auf, wie fährt die BVG, wo gibt‘s Ärzte, was ist sonst noch so los in der Stadt? Wenn Sie wissen wollen, wie Sie über die Feiertage kommen: Hier haben wir ein paar Tipps für Sie.
Post von Leserin Beatrice von Moreau – sie hat vor 18 Monaten kurz nach der Geburt ihren Sohn verloren und verzweifelt an den Berliner Behörden: „Es kann hier grundsätzlich nie irgendjemand irgendetwas für das, was er tut.“ Vor ein paar Tagen verlor sie die Nerven und brüllte einen sturen Mitarbeiter an: Sie sei so wütend, dass sie „eine Bombe werfen könnte“. Da ging’s plötzlich schnell – kurz darauf standen sieben uniformierte Polizisten vor der Tür. Ihr Brief endet mit der Bitte um Menschlichkeit und Mitgefühl, ein Appell an die Verwaltung: „Setzen Sie sich ein. Seien Sie am Leben. Das ist mein größter Weihnachtswunsch. Entwickeln Sie ein großes Herz. Wie unser Sohn, dessen Herz so groß war, dass er in der Welt nicht bleiben konnte.“
BER Count Up – Tage seit Nichteröffnung:
Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup hat das Wunder vollbracht: Am 31. Oktober 2020 ist der Flughafen BER offiziell eröffnet worden. 3.073 Tage nach der ersten Nicht-Eröffnung stellen wir damit unseren Count Up ein. Wer nochmal zurück blicken will: Im Tagesspiegel Checkpoint Podcast "Eine Runde Berlin" spricht Lütke Daldrup mit Tagesspiegel Chefredakteur Lorenz Maroldt und Checkpoint Redakteurin Ann-Kathrin Hipp über detailverliebte Kontrollen, politische Befindlichkeiten und aufgestaute Urlaubstage.
Zitat
„Persönlich bin ich fasziniert von großen Räubern.“
Grünen-Chef Robert Habeck im Podcast-Gespräch mit meinem Kollegen Felix Hackenbruch – es geht um den Wolf.
Tweet des Tages
„Kann’s kaum erwarten: Ab morgen wird Berlin sehr angenehm und ruhig. Die Hipster fahren alle zu ihren Verwandten. Nach Bad Zwischenahn. Und Bottrop. Und Markneukirchen. Und Pirna.“
Antwort d. Red.: Anmerkung der Redaktion: Und, und, und, und, und ...
Stadtleben
Beginnen wir mit dem Wichtigsten: Last-Minute-Geschenke bekommen Sie schnell und unkompliziert bei sich im Kiez – wo sonst? Für die Auswahl der richtigen Läden helfen uns auch heute die Kiezhelden: Die begeisterten Sportler in der Familie freuen sich bestimmt über neues Equipment. Fahrradfans kann man mit Treckingbikes, bunten Klingeln und Satteln von duundich eine Freude bereiten. Und auch nachwuchsgerechte Zweiräder gibt es in der Erich-Weinert-Straße 150 in Prenzlauer Berg (S-Bhf Greifswalder Straße). Leidenschaftliche Läufer bekommen im Long Distance in der Altonaer Straße 5-7 (U-Bhf Hansaplatz) alles an Zubehör und Motivationsmaterial, das es für den nächsten Marathon braucht. Will man coolen Skatern an Weihnachten eine Freude bereiten, empfiehlt sich das Barrio in Friedrichshain (Revaler Straße 99, S/U-Bhf Warschauer Straße), wo man nicht nur Schutz, Bekleidung und Boards,sondern auch freundliche und kompetente Beratung bekommt.
Essen & Trinken kann man in Altberliner Stil, schön urig und mit simpler Hausmannskost im Xantener Eck am Adenauerplatz. Hier findet man Holzvertäfelung statt Modern Art, eine solide Bar statt Sommelierservice, kurz: Kein Chichi. Vielleicht ist das einem authentischen Festtagsessen im Kreise der Familie sogar zuträglich. Selbes könnte man sicher auch über die 12 Fassbiere,die in der Xantener Straße 1 gezapft werden, sagen.