Durchgecheckt
Matthias Rohde, Frontmann der Berliner Indie-Pop-Band „Von Wegen Lisbeth“ (Foto: Kitty Kleist-Heinrich)
Wie macht man aus Berlin Musik? Am liebsten singen „Von Wegen Lisbeth“ über den ganz normalen Alltag. Übers Bahnfahren, Döneressen und Verliebtsein. Jetzt ist der Alltag coronabedingt ziemlich anders – und das Leben von Frontmann Matthias Rohde ist es auch. Statt auf der Bühne hat ihn Kollegin Ann-Kathrin Hipp für die dritte Folge unseres Checkpoint-Podcasts „Eine Runde Berlin“ auf den Zuschauerrängen der Columbiahalle getroffen. Auszüge aus dem einstündigen Interview lesen Sie hier – die ganze Folge gibt’s auf Tagesspiegel.de, Spotify und Apple Podcasts.
Eigentlich wärt ihr grade auf Tour. Was ist die Corona-Alternative?
Ich bin viel alleine im Studio und mache neue Mucke. Sonst sieht mein Corona-Alltag glaube ich so aus wie von jedem. Ich habe einmal das komplette Internet durchgeguckt. Ich gucke sehr gerne YouTube-Tierkampf-Videos. Die werden mir einfach so random vorgeschlagen: ‚Epic Angry Lion vs. Giant Killer Snake‘ zum Beispiel. Sowas ist total geil.
Deine Songtextline für die aktuelle Situation?
Ich sitze zu Hause und denke mir Sudokus aus.
Kurz und schnell: Lieber alleine mit einer Zigarette oder lieber allein mit einem anderen Menschen?
Allein mit einer Zigarette.
Berghain oder Teufelsberg?
Berghain.
30 Segways oder 1 Ferrari?
Ein Ferrari.
Lankwitz oder Britz?
Lankwitz. Ich bin da aufgewachsen und hier haben wir unsere Band gegründet. Die Legende besagt, dass der Sportunterricht von Herrn Marquardt ausgefallen ist und wir zu Julian gefahren sind, weil uns langweilig war. Im Keller standen ein alter Drumcomputer und eine selbstgebastelte E-Gitarre von seinem Onkel und dann haben wir unseren ersten Song geschrieben. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es der allererste oder der zweite Song war, aber da haben wir einfach Fahrradschaltungskettennamen aneinandergereiht. Damals haben wir das noch auf Mini-Disc aufgenommen.
Du schreibst vor allem über Berlins Alltag.
Meine große Sorge ist manchmal, dass sich meine Texte lesen, wie ein Berlin-Reiseführer, der bei der Landung von Easyjet verteilt wird.
Tendenziell sind deine Texte eher links. Was hat dich politisiert?
Meine ältere Schwester. Die war bei Greenpeace aktiv und ich wurde dann immer auf Demos mitgeschleppt, als ich noch gar nicht wusste, worum es geht. Ich wurde dann als Wal oder bei einer Demo gegen Legebatterien als Hühnchen verkleidet und saß den ganzen Tag in einem Käfigkarton rum. Ich war da vielleicht sechs Jahre alt, habe nicht verstanden, worum es geht, aber gemerkt, dass man sowas wie Demonstrationen machen kann.
Und heute?
Was auf dem Album viel vorkommt und uns als Band sehr beschäftigt, ist Gentrifizierung. Man kommt ja gar nicht dran vorbei. Ich wohne in Neukölln am Hermannplatz. Da ist es akut. Die Fälle sind eigentlich immer die gleichen. Leute werden aus ihrer Wohnung geschmissen, weil irgendjemand fett abcashen will und sich Eigentumswohnungen kauft. Das verändert den Berliner Alltag krass, weil viele kleine Kultureinrichtungen und Clubs bedroht sind und Sachen, die halb illegal in irgendeiner Fabrik stattfinden, nicht mehr passieren, weil Leute sich daraus schicke Airbnbs bauen. Da fällt ein riesiger Teil von dem weg, was Berlin so attraktiv macht.
Wenn du für einen Tag Regierender in Berlin wärst und drei Dinge erlassen dürftest…
…würde ich alle Flüchtlinge aus Lesbos aufnehmen. Ich würde verbieten, dass Leute Wohnungen als Kapitalanlage kaufen dürfen. Und ich würde erlassen, dass man Döner wirklich nur noch mit drei Soßen verkaufen darf. So fancy Curry-Dill-Quatsch gehört verboten.
Mehr vom Podcast? Jetzt reinhören.