48 Stunden Berlin: Was man an diesem sonnigen Wochenende nicht verpassen sollte
Samstagmorgen – Ob der Name des Lietzensees nun auf das alte, slawische Wort luccina für Moor / Sumpf, oder das Altberliner Wort Lietze fürs Blässhuhn zurückgeht, der Lietzensee ist, für alle, die ihn schon länger kennen, eines dieser Urgesteine der Stadt, die mit dem ganzen neumodischen Zeugs (also allem, was etwa seit dem Mauerfall geschehen ist) nur peripher zu tun haben. Um den See herum gruppieren sich sowohl vielgeschössige West-Plattenbauten (ja, ja, wer will es damit schon genau nehmen?), als auch manche Gründerzeit-Prunkfassade, die im Verbund Zeitreisen mit geringstem Aufwand ermöglichen – Kopf nach links: Moderne, Kopf nach rechts: Klassizismus. Der Zustand der Anlage hat schon bessere Tage gesehen – aber wer hat das nicht? Wem die Runde zu klein ist, setze den Weg doch in Richtung Weimarer Klassik und Idealismus (Kant-, Goethe-, Schiller-, Herderstraße) fort und erkenne im Vorüberziehen der Stadt sein Blässhuhn.
Samstagmittag – Im Anschluss geht, wessen eigenes Denken in Gegenwart der historischen Denkernamen wild geworden ist, ein Stück die Leibnizstraße hinunter, um es in der Giesebrechtstraße 18 in der Buchhandlung Winter wieder anschlussfähig zu machen. Neben den philosophischen und literarischen Klassikern findet sich hier auch eine vorbildlich kuratierte Auswahl zeitgenössischer Autor:innen, die einen bei Bedarf auch ganz schnell wieder aus Charlottenburg hinausführen – wer etwas bei der eigentümlichen Sortierung nicht auf Anhieb findet, frage! Und folge etwa dem Entwurzler Johannes Laubmeier nach Bayern, oder dem Optimismusbeauftragten Andreas Stichmann nach Pjöngjang.
Samstagabend – Bei einem edlen Tropfen werden derlei Einflüsse schnell zu Weinflüssen. Und wenn man sowieso schon da ist und sich nach all der Bewegung mal setzen mag, gehe man doch nebenan ins Alma Mia (Giesebrechtstraße 19). Die Weinkarte ist ebenso beachtlich wie die Speisen fein. Und das, weil die Idee schlicht gut ist: „Einfache alte Rezepte. Gute regionale und saisonale Produkte. Wöchentlich wechselnde kleine Karte.“ Was braucht man mehr?
Sonntagmorgen – Höchstens mehr Entgrenzung, geistige Expansion bei körperlichem Wohlbefinden und entspanntem Ruhepuls. Es ist schließlich Sonntag, zum Teufel mit dem Unruhetrott – Pferde oder Rad aufsatteln (oder doch gehetzt die Bahn abpassen) und auf ins Nichts des Umlands. Dort kann man klösterlich schweigen, sich mithilfe von Yoga zentrieren oder im Biosphärenreservat in natürliche Kreisläufe auflösen. Laut Bettina Homann von der PNN, geht all das am besten hier.
Sonntagmittag – Wer noch weiter weg will, sich dafür aber nicht so viel bewegen mag, begibt sich in die Invalidenstraße. Dort tönt ab 14 Uhr die Klanginstallation Rainforest IV des Klaviervirtuosen, John-Cage-Hauspianisten und Installationskunst-Pioniers David Tudor. Dieser Regenwald (geht es noch janzer, weiter, draußener) besteht aus allerhand zum Klingen gebrachten Alltagsobjekten wie Schlafzimmerlampe, Abzugsschacht, Kühlergrill, Blechgerippe und Gestänge. Dem Zirpen der Kühlergrillen lauscht man bis 27. März jeden Mi-So von 14 bis 20 Uhr in der Invalidenstraße 3. Der Eintritt beträgt 5 Euro.
Sonntagabend – Zum Wochenende-Ende dann noch ein mindestens ebenso zentrierendes Konzert, wie Yoga: US-Komponistin Catherine Lamb ging zunächst auf dasselbe College, wie Grunge-Grande-Dame Courtney Love, holte sich aber im Laufe ihrer Ausbildung auch in Indien Inspiration und verwarf im Anschluss das klassisch tonale Komponieren. Und zwar zugunsten eines mikrotonalen Ansatzes. Einfach ausgedrückt, liegen in ihrer Musik zwischen zwei benachbarten Klaviertasten unendlich viele Tonhöhen – und die, ohne das Geschenk der guten alten Tonleiter, zu sortieren, ist nicht mal eben am Sonntagnachmittag erledigt. Lamb forscht nun schon seit 20 Jahren daran. Die zwei Kompositionen „Inter-Spatia“ und „wave/forming“ sind um 21 Uhr in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zu hören. Hier gibt es Tickets zu 20/15 Euro.