Von Fahrradkunst, Kettenhemd-Mode und einem Hollywood-Star, der nach Zeuthen floh
Samstagmorgen – Kunst und Radfahren haben nicht erst seit den Fahrrad-Werken Marcel Duchamps, Bas Jan Aders und Ai Weiweis ein lockeres Verhältnis. Auch im klassischen Fahrrad-Rahmenbau lässt sich Skulpturales entdecken. Der Kreuzberger Rahmenbauer Nico Bonanno etwa weigert sich, seine Schweißnähte zu verschleifen, weil er sie als seine Handschrift ansieht. Alternativ kann man sich in Potsdam unter kompetenter Aufsicht von Robert Piontek, einem netten Astrophysiker auf Abwegen, sein Fahrrad aus hochmodernen Stahlsorten selber löten. Vorkenntnisse unnötig. Nebenbei: Abgesehen von Bambus hat Stahl gegenüber anderen gängigen Fahrradwerkstoffen die mit Abstand beste Umweltbilanz. Weiterer Vorteil: Die fahrende Skulptur ist ein exakt auf den eigenen Körper abgestimmtes Unikat. Und sieht bei Sonnenschein unschlagbar gut aus – und ja, der kommt irgendwann wieder. Wem die Sache mit der Lötflamme allerdings zu heiß ist, kann sich natürlich auch eines bauen lassen.
Samstagmittag – Apropos Stahl: Schon zu Zeiten der Kettenhemd-Mode und lange vor der Entwicklung der Funktechnik konnte Jeanne d’Arc Stimmen aus anderen Sphären empfangen. Die Inquisition ließ sie dafür öffentlich verbrennen. US-Künstlerin Bunny Rodgers identifiziert sich derart stark mit der historischen Figur, dass sie sich selbst als Jeanne porträtiert, genauer: als ein gänzlich in der heutigen Popkultur aufgegangener Klon der mittelalterlichen Kriegerin. In den Schlachten, die sie dabei schlägt, geht es um den bei aller öffentlichen Selbstdarstellung mitschwingenden Narzissmus, um Ängste und Verletzlichkeit. Wie sie sich dabei schlägt, zeigt die Ausstellung im Hamburger Bahnhof, zu betreten natürlich nur mit Termin und negativem Testergebnis.
Samstagabend – Von der eisernen Jungfrau zum eisernen Vorhang: Der 1938 in Denver, Colorado zur Welt gekommene Dean Reed verdingt sich erfolgreich als Schauspieler und Regisseur im Hollywood der späten Fünfziger. Vom dortigen Freiheits-Gefühl beflügelt, findet er sich bald als Teenager-Idol in Lateinamerika wieder, wo er ein Millionenpublikum erreicht. So richtig glücklich wird er damit aber nicht. Die Erfahrung von Massenarmut und sozialer Ungleichheit lassen seine idealistische Blase platzen. Bald wird er, inzwischen in Argentinien sesshaft, wegen aufrührerischer Aktivität des Landes verwiesen, lernt nebenbei noch schnell Che Guevara kennen und lebt ab 1966 als überzeugter Sozialist in der Sowjetunion. 1986 stirbt Reed in Zeuthen bei Berlin. Die Neuköllner Oper inszeniert sein Leben in sechs halbstündigen Livestreams, von denen der erste heute um 19 Uhr startet.
Sonntagmorgen – Wer dem vielen harten Stahl in bester Kung-Fu-Manier mit weichem Wasser begegnen will, unternimmt einen Spaziergang an der Spree. Und wenn man schon dabei ist, lohnt sich ein kleiner Schlenker zum Polnischen Institut in der Burgstraße 27, gleich hinterm James-Simon-Park. Dessen Schaufenster bieten derzeit nämlich einen Einblick in die zeitgenössische polnische Illustrationskunst. Während es, laut Kuratorium, Illustrator:innen zurzeit wie Fahrräder in der Spree (das Berliner „Sand am Meer“) gebe, würden hier nur absolute Ausnahmeerscheinungen der Szene in den Vordergrund gestellt.
Sonntagmittag – „In den Vordergrund” heißt auch das Ergebnis der langjährigen Zusammenarbeit zwischen Lyrikerin und frisch gekürter Büchner-Preisträgerin Elke Erb und der bildenden Künstlerin Anna Werkmeister, die ab heute in einer Ausstellung im Literaturhaus Berlin zu sehen ist. Um 13 Uhr wird die Fusionsschau mit der Live-Übertragung einer Lesung der Dichterin und eines Gesprächs mit Werkmeister eröffnet.
Sonntagabend – Apropos Fusion: Die findet sich nicht nur in Atomreaktor-Bezeichnungen und Namen von Musikfestivals in Meck-Pomm wieder. Auch eine schon des Öfteren totgesagte Musikrichtung aus den Sechzigern heißt so. Ihr neuester Shooting Star ist der Londoner Schlagzeuger und Komponist Moses Boyd, der um 21 Uhr via Stream aus dem Londoner Barbican auch hiesige Wohnzimmer anjazzt und im anschließenden Q&A Fragen seines geneigten Publikums beantwortet. Auf englisch, versteht sich. Das alles bleibt anschließend noch bis Dienstagabend gegen eine Gebühr von 12,50 Britischen Pfund zu sehen.