Stadtleben
Samstagmorgen – Schöneberg ist dieses Wochenende Berlins Mitte. Ab 11 Uhr steigt hier das Lesbisch-Schwule Stadtfest, an dem sich nicht nur die unmittelbare Nachbarschaft beteiligt. Von weit her werden Besucher, Performerinnen und freiwillige Helfer anreisen. Und das Fest strahlt weit über den Bezirk hinaus, sodass viele Hauptstadtaktivitäten, die gar nicht im offiziellen Programm auftauchen, solidarisch unter Regenbogenflagge stattfinden. Es eröffnet nämlich zugleich auch die Pride Week. Mehr dazu im Queerspiegel und noch weit mehr da draußen. Aber beginnen wir den Tag mit einem stimulierenden Heißgetränk: Sportlich um 7 Uhr öffnet das Galerie-Café Brezel (Fugger-/Kalckreuthstraße) die Ausstellung von Lars Deike und Marcus Rahn mit Kaffee und Frühstück. Wer hier, mitten im Festgeschehen, bis 19 Uhr durchbruncht, bekommt zur Feier des Tages Prosecco aufs Haus – solange der Vorrat reicht.
Samstagmittag – Apropos weit hergereist. Wussten Sie, dass beim Mongolensturm Mitte des 13. Jahrhunderts sogar Teile Brandenburgs vorübergehend in mongolischer Hand waren? Gut, dass die Territorien nicht mehr so genau nachzuvollziehen sind, sonst hätten die heutigen Hohenzollern womöglich auch mit den Nachfahren Ugedei Khans um Ländereien in der Gegend gestritten. Von den Römern mal ganz zu schweigen, die auf den Geschmack hätten kommen können. Wegen der Städtepartnerschaft Schönefeld-Bayangol werden auch heute einige mongolische junge Männer zu Pferde durch die Mark reiten: beim Deutsch-Mongolischen Volksfest, ab 12 Uhr, mit Männerchor, Ringkämpfen und ganz traditioneller mongolischer Elektroparty.
Samstagabend – Apropos territoriale Ansprüche: Bekanntermaßen schwebt über der Neuköllner Kiezkneipe Syndikat schon länger das Pears-Global-Schwert: Die englischen Eigentümer wollen der Bar nach 33 Jahren den Mietvertrag nicht verlängern. Auch wenn nebenan kürzlich ein Fachgeschäft für Pfeil und Bogen eröffnet hat, wird der Streit vor dem Langericht ausgetragen: Am 29. Oktober soll es über den Räumungstitel entscheiden. Hier zum Tagesausklang auf das Stadtfest anstoßen – solidarischer dürfte man heute kaum prosten können. Apropos drohendes Ende: Eine (Art) Multimedia-Oper in der Ruine der Franziskaner Klosterkirche am Alex, School of Harms, „Cruising the End Times", befasst sich ab 20 Uhr künstlerisch mit dem „Thermogeddon“, genauer: mit konkreten Möglichkeiten des (Aus-)Sterbens, die durch das Schmelzen des Permafrosts entstehen.
Sonntagmorgen – Weniger dys- als utopisch war dagegen die Vision von John H. Johnson, Gründer der Johnson Publishing Company. Der Enkel afroamerikanischer Sklaven machte es sich zum Ziel, afroamerikanisches Leben kunstvoll zu inszenieren und mit hochwertig gestalteten, bilderreichen Artikeln möglichst positiv zu besetzen, gründete ein Verlagshaus und gelangte als erster Afroamerikaner in die Forbes 400. Mit „The Black Image Corporation“ zeigt der Konzeptkünstler Theaster Gates im Gropius Bau eine Auswahl dieser Bilder. Wie Antworten werden dem Archivmaterial abwechselnd einige zeitgenössische Arbeiten gegenübergestellt. Heute ab 10 Uhr ist Ladies on Paper von Vaginal Davis zu sehen, die den Assoziationsraum der Ausstellung um Queer-, Drag- und subkulturelle Bezüge erweitert.
Sonntagmittag – Von den Bildern der Emanzipation zur Emanzipation der anderen Sinne: Um 15 Uhr führt Gartenrevierleiter Gerhard Klein durch den Charlottenburger Schlossgarten. Im Fokus stehen nicht Farben und Formen, sondern die Gerüche und Klänge – die Führung richtet sich insbesondere an sehbehinderte Menschen, dürfte aber auch Sehenden ganz neue Perspektiven auf Altvertrautes bieten. Wem der Sinn gegen alle Selbstbewegung steht, setze sich um spätestens 14.45 Uhr an Bord des Lounge-Schiffes MS Rhein und lasse sich beim Perfect Sunday Boat Trip für 20 Euro mit elektronischer Musik rund um den Müggelsee chauffieren.
Sonntagabend – Von den Sinnen zu literarischem Sinn: Beim Lauter Niemand Literaturlabor ab 20 Uhr darf jeder Jemand im Chagall (Senefelderplatz) seinen Text vortragen, solange der 10 Minuten Redezeit oder 3 Gedichte nicht übersteigt. Wesentlich reduzierter wird es hingegen im Schlot zugehen, wo um 20 Uhr der brillante Paul Hankinson – und nur er – sein Publikum mit Klavier und Eigenkompositionen sanft in die Woche entlässt. Sanfte Klänge sind in Ihrem Alltag nicht anschlussfähig? Zum Glück gibt es heutzutage für alles Adapter: Bei Global Adapter stehen ab 20 Uhr Ensemble Adapter, Ensemble Dal Niente und das Distractfold Ensemble mit zeitgenössischer Musik auf der Bühne des Radialsystems. Um 19 Uhr gibt es eine Einführung in die Stücke – damit auch niemand den Anschluss verpasst.