Von Kinderdetektiven, Schachtelsätzen und der Romantik des Briefeschreibens
Samstagmorgen – Etwas detektivisches Gespür ist auch bei der Suche nach abwechslungsreichem Wochenendprogramm unerlässlich. Darum liegt es nahe, sich möglichst früh darin zu üben. Am besten schon im Kindesalter. Außerdem: Was hat es eigentlich damit auf sich, dass Detektivgeschichten schon immer so gut laufen? Ist es das Interesse am Blick hinter die Kulissen? Die Bestätigung dafür, dass in Wahrheit alles ganz anders ist? Die Hoffnung, dass das Gute stets gewinnt? Als hätten sich alle abgesprochen, kommen dieses Wochenende allerorten berühmte Kinderdetektive auf Theaterbühnen, etwa TKKG (im Stream ab 15 Uhr beim Jungen Theater Bonn), Kästners Emil Tischbein (15 Uhr im Theater der Jungen Welt Leipzig) sowie der Wackelzahnkrimi (Schaubude, So 15 Uhr), um solche und andere drängende Fragen unserer Zeit zu klären.
Samstagmittag – Mit dem Begriff einer „Zivilisation der Mauern“ ist man in Berlin grundsätzlich schon mal goldrichtig. Umso mehr, wenn man ihn in die Ruine der Franziskaner Klosterkirche trägt, die selbst nur noch aus Resten von Mauerwerk besteht. „Die Zivilisation der Mauern“ lautet auch die erste Zeile aus einem Gedicht von James Noël, das bis 28. Februar täglich von 10 bis 20 Uhr über eine LED-Leuchtinstallation eben in der Klosterkirche ausgestrahlt wird, von deren Ruinenwänden es imposant in Szene gesetzt wird. Die Mauern seines Gedichts sind unter anderem die der Festung Europa, der Zelte in Flüchtlingscamps, die beim Erdbeben in Haiti 2012 eingestürzten, sowie die Mauern, die in der Pandemie menschenleere Straßen säumen – alles noch lange nicht auserzählte Trennungsgeschichten, denen man sich hier im Vorübergehen nähern kann. Klosterstraße 73a, Mitte
Samstagabend – Apropos Mauerwerk: In Sheena McGrandles' Tanzstück Figured + Flush arbeiten sich zwei Frauen körperlich an einer Wand ab, die so etwas wie die Grenze der nonverbalen Kommunikation markiert. Körpersprache im weitesten Sinne ist das Thema der Choreografie, die in einer Klangkulisse aus zugespielten Alltagsgeräuschen – vom Surren eines Kühlschranks bis zur Menschenmasse einer Demo – mit immer andere Bedeutungen belegt wird. Um 19 Uhr im Stream aus den Sophiensaelen.
Sonntagmorgen – Weiter zur Leinwand: Im Haus am Lützowplatz läuft die Ausstellung Lob der Malkunst von Margret Eicher. Praktisch, dass die Bilder, die, ganz im postmodernen Geist, hier an Dürer erinnern, da an japanische Manga-Malerei und vieles mehr, voller gemalter Texthinweise sind. Mit denen erklären sie sich dem von der kapitalistischen Arbeitswoche (oder vom Schlaf) noch müden Blick der in der Freizeit jede geistige Arbeit prinzipiell ablehnenden Betrachter:innen ganz von selbst, wie Theodor W. Adorno vielleicht formuliert hätte. Den 3D-Rundgang und die Anmeldung zu Live-Führungen finden Sie unter hal-berlin.de
Sonntagmittag – Adornos in virtuosen Schachtelsätzen verfasste Nörgelei an der Freizeit-Arbeitsmoral finden Sie übrigens in der Minima Moralia. Mit aktuellerem Blick als Adorno hat sich auch Thorsten Nagelschmidt der Arbeit gewidmet. Erst Mitte letzten Jahres wurden die Held:innen der Arbeitswelt, die während der Krise nach wie vor alles am Laufen halten, noch mit Balkonkonzerten gefeiert. Wer damals noch nicht in seinen Roman „Arbeit“ hineingelesen hat, hat jetzt Gelegenheit für eine Zwischenbilanz in Sachen öffentlicher Aufmerksamkeitsökonomie: Der Roman, der den fiktiven Alltag von Kreuzberger Arbeiter:innen behandelt, traf mit seinem Erscheinen im April 2020 genau den Puls der Zeit. Und schon jetzt wird es um diese Held:innen immer stiller, genau wie Gerrit Barthels in seiner damaligen Rezension im Tagesspiegel prophezeite.
Sonntagabend – So richtig in Fahrt gekommen zu sein scheint die vielversprechende Idee des Briefeschreibens nicht, die der Pandemie im ersten Lockdown 2020 eine gewisse Romantik verhieß. Wer bis heute nur Rechnungen und Werbung aus dem Briefkasten zieht, bekommt zum Wochenendeende via Radio ein Trostprogramm: Der Schriftsteller Uwe Johnson, 1959 mit seinem Roman Jahrestage zu Ruhm gelangt, unterhielt seinerzeit rege Korrespondenzen unter anderem mit Günter Grass, Hannah Arendt und Fritz J. Raddatz. Gut bekannt war er auch mit den Kommunard:innen der Kommune I: Als Johnson seine West-Berliner Wohnung 1967 für einen längeren New-York-Aufenthalt verließ, zogen eben die bei ihm ein und planten dort das „Pudding-Attentat“ auf den US-Vizepräsidenten Hubert H. Humphrey. Aus den Briefen Johnsons liest Michael Opitz um 22 Uhr im Deutschlandfunk Kultur. Aufgenommen wurde die Sendung übrigens bereits 2009, aber Briefpapier ist bekanntlich geduldig.