Introspektive Spaziergänge, Exit-Strategien und Meditation
Samstagmorgen – Es soll ja Leute geben, die die Ruhe im Lockdown bislang sehr genossen haben. Keine Sorge, wer seine persönliche Notbremse weiterhin lieber stramm angezogen haben will, muss nicht viel tun: Die Errungenschaften aus der Auszeit wie Langeweile und Isolation lassen sich eigentlich in jede Lebenslage übertragen. Man muss auf lange Sicht nur alles hinschmeißen, kündigen, alle Brücken abbrennen. Und auf keinen Fall unter Menschen gehen, den veganen Wochenmarkt auf dem RAW-Gelände (Revaler Straße 99, ab 9 Uhr) genauso meiden wie den Subaermarkt auf dem Revier Südost in Schöneweide (Schnellerstraße 137, 12 Uhr), der mit frischen Lebensmitteln, regionalen Spezialitäten und lokalem Handwerk viel zu drastisch mit der gemütlichen Gewohnheit bricht, alles kontaktlos im Netz zu bestellen. Gründe, die Wohnung nicht zu verlassen gibt es schließlich weiterhin genug. So bietet das Festival Crescendo der UdK (Programm bis 5. Juni hier) ab 11 Uhr eine Live-Übertragung aus der Meisterklasse von Star-Violinistin Lisa Batiashvili, die mit Studierenden Stücke von Debussy, Mozart, Wieniawski, Brahms, Britten und Schostakowitsch erarbeitet.
Samstagmittag – Wer die Zeit lieber nutzen möchte, um seine Exit-Strategie ganz genau durchzuplanen, unternehme doch einen Spaziergang im Garten der Liebermann-Villa am Wannseeufer, der ab sofort wieder geöffnet ist (Colomierstraße 3, tgl. außer Di, 12 bis 18 Uhr). Auf 7000 Quadratmetern ist hier ein reformistisches Gartenbaukonzept umgesetzt, das Max Liebermann seinerzeit zusammen mit Gartenreformer Alfred Lichtwark entwarf und das der inneren Zerstreuung mit klaren Sichtachsen und deutlicher Unterteilung der Gartenbereiche entgegenwirkt. Alles Sichtbare, wie die in Buchsbaum gefassten Beete, Linden- und Hainbuchenhecken oder die Blumenterrassen, ist zudem durch historische Anspielungen fest in der Geschichte der Gartenarchitektur verankert. Zeitfenstertickets gibt es hier.
Samstagabend – Mit Aistit – Coming To Our Senses, der multimedialen Ausstellung in der Neuköllner Kindl-Brauerei (Am Sudhaus 3), zelebriert der Veranstalter Finnland-Institut die Rückkehr der lange unterstimulierten sinnlichen Erfahrung mit einer Reihe von immersiven Installationen finnischer und internationaler Künstler:innen. Übergeordnetes Thema der Show ist die Bedeutung des Zwischenmenschlichen für das menschliche Erleben, sowie sein Verlust im Lockdown. Kostenlose Zeitfenstertickets für einen einstündigen Aufenthalt zwischen 14 und 22 Uhr gibt es hier.
Sonntagmorgen – Apropos Zwischenmenschlichkeit: Kleingartenanlagen gelten gängigen Klischees nach nicht gerade als besucherfreundlich. Wie kaum eine zweite arbeitet die Prenzlberger Kolonie Bornholm 1 (gleich am S-Bhf Bornholmer Straße) daran, eben das zu ändern und als attraktive Spazier- und Begegnungsstätte zu glänzen. So hat man jüngst ein umfangreiches Wegeleitsystem zu den Sehenswürdigkeiten der Anlage installiert, Schautafeln aufgestellt, die über ihre mehr als hundertjährige Geschichte informieren, und alle Zugangstore dauerhaft geöffnet. „Berlin ist uns immer willkommen“, verlautbart Vorstandsmitglied und Checkpointer Robert Ide.
Sonntagmittag – Peepal und Banyan lauten die Namen zweier auf dem indischen Südkontinent beheimateter Bäume, die der dortigen Bevölkerung ein Sinnbild für den Fluss des Lebens sind. Im Haus der Statistik (Karl-Marx-Allee 1, tgl. bis 29. Mai von 12 bis 19 Uhr) am Alexanderplatz erkundet eine bis 29. Mai laufende Ausstellung unter eben diesem Titel zeitgenössische Kunst aus Pakistan. Heute um 18 Uhr diskutieren Künstlerin Hajra Haider Karrar und Fotografin Bani Abidi die Rollen von Sehnsucht und Scheitern im Alltag. Der Live-Stream ist unter thxagain.com zu empfangen.
Sonntagabend – Von der Sehnsucht zur betreuten Kapitulation, ob vor dem Lockdown oder seinem Ende: Zum Wochenendeende bietet die Yoga- und Meditationslehrerin Mahi Davide eine introspektive Stunde kollektiver Meditation mit musikalischer Begleitung des Berliner Ambient-Acts Hubrist. A Sunday Surrender findet über die Telekonferenz-App Zoom statt, die man zuvor auf seinem (Wochen-)Endgerät installiert haben sollte. Die Teilnahme kostet 5 Euro.