In Krisenzeiten blüht die Poesie
Corona fordert unser Weltverständnis heraus. Da hilft poetische Begriffsarbeit. So kommt das Poesiefestival wie gerufen. Außerdem öffnen die Ateliers wieder. Von Thomas Wochnik
Foto: Paul Zinken/dpa
Samstagmorgen – Wenn es eine Kunstform gibt, die in Krisenzeiten besonders blüht, dann ist das die Lyrik. Vielleicht liegt es daran, dass echte Krisen unsere Begriffe von der Welt herausfordern – und Poesie ist Begriffsarbeit par excellence. Dichterinnen können diese Begriffe an fiktiven Extremsituationen abarbeiten und dabei unsere Wirklichkeit spiegeln. Auch die in der letzten Woche wiederentflammte Rassismus-Debatte dreht sich, zumindest implizit, auch um die Sprache, die Handlungen zugrunde liegt. Und weil ein jedes Wort seine Bedeutung erst aus einer zwischenmenschlichen Übereinkunft bezieht, ist Sprache das politische Basismedium überhaupt. Eine Gelegenheit, sich näher mit ihren politischen, sozialen und ästhetischen Seiten zu befassen, bietet aktuell das Poesiefestival.
Samstagmittag – Nebenbei ist heute auch ein guter Tag für nonverbale Kunst. Denn gleich mehrere Ateliergemeinschaften öffnen über die Stadt verteilt ihre Türen, z.B. von 12 bis 20 Uhr in der Schwedter Straße 232 oder von 14 bis 18 Uhr in der Prenzlauer Promenade 149-152, alles im Rahmen des online-Festivals Artspring. Ebenfalls um 14 Uhr öffnet das Atelierhaus Meinblau (Pfefferberg, Christinenstraße 18-19) erstmals seit dem Lockdown seine Türen für eine Werkschau der darin arbeitenden Ateliernachbarinnen – ein wenig wie der Einblick in eine WG. Um 12 Uhr ist in der Schwiebusser Straße 9 mit „Against All Odds“ eine Show der in unseren Breitengraden auch im Vergleich zu anderer außereuropäischer Kunst noch immer unterrepräsentierten südafrikanischen Kunst zu sehen.
Samstagabend – Wenn die Werbung recht hat, geht die schnellste und unmittelbarste sinnliche Vermittlung übers Auge. So gibt es zu allen denkbaren Themen nicht nur endlose Bilderwelten, sondern auch eine Sprache voller bildlicher Metaphern und Sprachbilder. Wie anders dieselben Welten erscheinen, wenn der Fokus (ein Begriff aus der Optik) auf die Klanglichkeit verlagert wird, darüber kann der Sound-Künstler Peter Cusack abendfüllend reden. Fünf Jahre lang hat er sich mit der Akustik des seit 30 Jahren verlassenen Militärstützpunktes „Vogelsang“, nördlich von Berlin, befasst und gibt heute in einer Lecture-Performance Einblicke (noch ein visueller Begriff) in den Klang des Abwesenden.
Sonntagmorgen – Die Bilder für sich ließ der gebürtige Schmargendorfer John Heartfield (1891-1968) sprechen. Seine politischen Fotomontagen gelten als scharf pointierte Zeitdokumente, die nicht nur die Kraft von Bildern an sich eindrucksvoll demonstrieren, sondern auch, wie sehr der dokumentarische Blick nicht bloß abbildet, sondern Wirklichkeit schafft. Um 11 Uhr eröffnet die AdK am Pariser Platz seine Ausstellung mit Lockdown-bedingter Verspätung. Mit dem hier geschärften Blick empfiehlt sich ein anschließender Spaziergang durch das unweit gelegene Regierungsviertel.
Sonntagmittag – Der US-Linguist Noam Chomsky, der heute vor allem für politischen Aktivismus und einen Hang zur Anarchie bekannt ist, hatte einen großen Teil seiner Laufbahn der Suche nach einer Art sprachlicher Weltformel verschrieben. Er wollte einen Algorithmus finden, der allen Sprachen zugrunde liegt und mit dessen Hilfe etwa ein Universalübersetzer hätte geschaffen werden können, der zwischen beliebigen, auch noch unbekannten Sprachen, würde übersetzen können. Ein Fest für Zahlenmystiker. Nach aktuellem Stand der Forschung folgen Sprachen allerdings keineswegs alle derselben Logik – sie neigen eher zur Anarchie. Dennoch hat die Idee in zahlreiche Zukunftsfantasien und Science-Fiction-Welten Einzug erhalten. Ein Online-Seminar, das die Verbindungen zwischen Literatur und Mathematik mit Psychoanalyse beleuchtet, findet zwischen 15 und 17 Uhr in der Psychoanalytischen Bibliothek statt, die Teilnahmegebühr beträgt 5 Euro.
Sonntagabend – Wenn man in einer einzigen abendfüllenden Rede unmöglich alles sagen kann, was es zu sagen gibt, muss man halt mehrere Reden schreiben. Und sich in jeder von ihnen etwas kürzer fassen. Und weil sich kurz zu fassen gerade in der Dichtung gang und gäbe ist, besteht die diesjährige Berliner Rede zur Poesie, geschrieben und gesprochen von Anne Carson, aus gleich „Dreizehn Blickwinkeln auf einige Worte“ – sicher ebenfalls zur Freude von Zahlenmystikern. Zum Wochenendeende, ab 19.30 Uhr, im Stream des Poesiefestivals.