Spazierengehen mit Anspruch
Dieses schöne Wochenende ist perfekt für einen Spaziergang. Am besten geht man dabei durch einen Garten – oder einen Irrgarten. Die Checkpoint-Wochenendtipps. Von Thomas Wochnik
Foto: Kitty Kleist Heinrich
Samstagmorgen – Das Problem mit der Freizeit im Allgemeinen ist ja, dass einen, entgegen aller Gewohnheiten der Fünf-Tage-Woche, niemand an die Hand nimmt und durch das weiße Rauschen ihrer Möglichkeiten befehligt. In der experimentellen Architektur ist das Gestalten ohne äußere Zwänge idealerweise Normalzustand. Was dabei herauskommt ist nicht nur oft zukunftsweisend, sondern auch im besten Sinne anregend. Ganz in diesem (besten) Sinne zeigt das Architektenduo Frank Barkow und Regine Leibinger ab 11 Uhr unter dem Titel Revolutions of Choice im Skulpturenpark des Haus am Waldsee ihr „Summer House“, eine Neuinterpretation des bekannten Pavillons aus der Londoner Serpentine Gallery. Wer dabei im wahrsten Sinne freie Hände haben will, kann Kinder ab 14 Uhr beim kostenlosen Modellbau-Workshop abgeben. Di-So 11-18 Uhr, Argentinische Allee 30 (Zehlendorf), 7/5 Euro
Samstagmittag – Wer des Parkgrüns noch nicht genug hat, kann in den Marzahner Gärten der Welt (Blumberger Damm 44) um 14 Uhr mit Kontrastprogramm weiterparken: Hier gibt es eine eineinhalbstündige Führung durch den Englischen Landschaftsgarten und anschließend die Möglichkeit, sich im stadtgrößten Irrgarten zu verlieren (Eintritt 7/2,50 Euro). Will man hingegen den Anschluss nicht verlieren, zieht man weiter ins SomoS in Kreuzberg (Kottbusser Damm 95), wo eine der heute am weitesten verbreiteten Ausdrucksformen globaler Jugendkultur mithilfe der ältesten Kunstform vermittelt wird: Memes werden bei Jiyeon Kim nämlich zu analog gemalten Gemälden und damit auch für all diejenigen begreiflich, die sich nicht in Social-Media-Netzwerken herumtreiben. Eintritt frei
Samstagabend – Zum Sonnenuntergang verwandelt sich die Dachterrasse des HKW in eine Freilichtbühne. Um 20 Uhr steht mit Stella Chiweshe die Revolution der Mbira (eine Art Kalimba aus Simbabwe) auf der Weltbühne, eines verhältnissmäßig einfachen Instruments, dem Chiweshe komplexe Klangwelten abgewinnt. Ab 21 Uhr folgt Rolf Hansen mit der elektrischen Gitarre, einem ehemals revolutionären und komplexen Instrument, dem Hansen sehr einfache Klangwelten abgewinnt (10/ 8 Euro). Für alle, die ihr Zuhause nach vorangegangenem Programm nicht mehr verlassen wollen, bietet die Griechische Nationaloper (19.30 Uhr) einen Livestream aus der Athener Agora: Mezzosopranistin und Stimmgöttin Anita Rachvelishvili bietet live zum Sonnenuntergang im immer länger werdenden Schatten der Akropolis Arien von Verdi, Cilea, Gounod und Saint-Saëns dar.
Der Sonntagmorgen ist die perfekte Zeit für einen Spaziergang. Zum Beispiel durch eine Fotoausstellung übers Flanieren – Spazierengehen hoch zwei, sozusagen. Der Wahlberliner Akinbode Akinbiyi ist mit seiner Kamera durch die Straßen des Afrikanischen Viertel Berlins gewandert (außerdem durch Lagos, Johannesburg, Bamako und Chicago), um zwischenmenschliche Augenblicke festzuhalten. Ab 10 Uhr im Gropius Bau, Niederkirchnerstraße 7 (Kreuzberg), 15/10 Euro.
Sonntagmittag – Solange lange Clubnächte sich ausschließlich im Raum der Erinnerung abspielen, ist ihren Spielstätten etwas Andächtiges eigen. Und wo könnte man der Berliner Clubkultur besser gedenken, als im Berghain? Das Künstlerduo tamtam (Sam Auinger & Hannes Strobl), hat für den Singuhr e.V. eine Installation namens Eleven Songs auskomponiert, die die ausnahmsweise tageslichtdurchflutete Halle am Berghain mit Klängen flutet. Die falten und überlagern sich derart im Raum, dass hier Pulse und rhythmische Muster, da stehende Töne oder Ruhepole entstehen, die Assoziationen an die Nächte heraufbeschwören können. 14 bis 20 Uhr, Am Wriezener Bahnhof (Friedrichshain), Eintritt 8/5 Euro
Sonntagabend – Auch wer mit Musikkassetten arbeitet, kommt um eine gehörige Portion Nostalgie nicht herum, selbst bei noch so hoch gesetztem zeitgenössischen Anspruch. Bei „Atmo_sphäre #15“ im Backsteinboot in Spandau (Eiswerderstraße 18) im havelumspülten Ambiente der Kunstinsel Eiswerder, liefert Field-Recording-Ikone Rinus Van Alebeek (mit Kris Limbach an elektronischem Instrumentarium) eben dieses Moment. Und das im Laufe eines Abends zwischen abgefahrener elektronischer Musik mit Tanzperformance (Tomomi Adachi, Natsuko Tezuka) und elektrisch saxophonisierter Action-Poetry (Sofia Salvo, Lorena Izqiuerdo, Samuel Hall). Wen das vorige Programm zu stark fokussiert hat, bekommt hier maximale Zerstreuung zum Wochenendeende.