Schauen Sie zu, wie die Vögel losziehen
In Rudow können Sie am Sonntagmorgen erleben, wie Berlins Zugvögel ins Winterquartier aufbrechen. Einer von vielen Wochenendtipps von unserem Kolumnisten.
Christoph Soeder/dpa
Samstagmorgen – Am letzten Herbstferien-Wochenende liegt der Gedanke an die Klasse bereits in der Luft, weshalb schon heute eine Tageskonferenz nach der Rolle der Klasse im 21. Jahrhundert fragt. Sie haben schon bemerkt, dass es nicht um die Schulklasse geht, auch wenn Klassenzugehörigkeit gerade da schon immer besonders sichtbar war. Ab 10.30 Uhr wird die These geprüft, die Klasse sei nach längerer Zeit in den Ferien erstmals wieder zurück auf dem diskursiven Parkett, aber neu geschliffen, geschärft und aktualisiert. So sehen es zumindest einige Soziologen und Philosophinnen, deren Veröffentlichungen der letzten Jahre das Gespräch beim Helle Panke e.V. anreichern werden. Kopenhagener Straße 9, 10 Euro
Samstagnachmittag – Eines der stärksten Bilder des alten Klassenkampfes und vielleicht dasjenige, das am stärksten nachhallt, ist das der Erhebung der eigenen Stimme. Wer es schon lange auf der Zunge liegen hat, es aber bislang einfach nicht über die Lippen bekommen hat, lasse sich von „Bobo“ zeigen, wie. Und bevor wir gedanklich in die Schweizer Alpen schweifen; Bobo ist eine in Weimar ausgebildete Sängerin und Gesangspädagogin, aber kein DJ. Neben der Stimme werden 80 Euro Revolutionsgebühr erhoben, der nächste Termin ist der 16. November (15-20 Uhr, Eberhard-Roters-Platz 2, Kreuzberg), zur Anmeldung geht´s hier.
Samstagabend – Selbsttest: Was folgt grundsätzlich auf den Status Quo? Genau, wer jetzt innerlich Abgrund gerufen hat, darf sich mit Autorin Maja Zade und Schaubühnenchef Thomas Ostermeier in Seelenverwandtschaft wähnen. Nach dem Stück „Status Quo“ haben die beiden nämlich schon im Frühling 2019 den „Abgrund“ folgen lassen, der heute erstmals wiederaufgeführt wird. Wer selbst gerne am Rande eines solchen tanzt, kann sich hier abholen und bei der Hand durchs Tal führen lassen, das bisherigen Erkenntnissen zufolge funkelt und strahlt und wo die Sprache ein Feuerwerk nach dem andern entfacht. Schaubühne, 20 Uhr, Kurfürstendamm 153
Sonntagmorgen – Von den Abgründen in die Höhe: Angeblich haben sich wilde Graugänse, Kraniche und die letzten Singvögel der Stadt für 8.45 Uhr verabredet, um in Richtung ihrer Winterquartiere zu ziehen. Mit fachkundigem Kommentar des Vogelkundlers Bernd Steinbrecher wird der abstrakte Vogelzug zum informativen Einblick in die Kreisläufe der Natur und die Natur der Migration, und zwar von einem der höchsten Aussichtspunkte Berlins aus, dem Rudower Dörferblick. Infos und Anmeldung telefonisch unter 030 703 30 20. Wer anschließend wieder auf den Boden der Tatsachen kommen möchte, begebe sich in den unweit gelegenen Britzer Garten. Da ist nämlich Tag des Pilzes mit Pilzausstellung, Pilzberatung und Pilzführungen ab 11 Uhr.
Sonntagmittag – Aus der vor 100 Wochen begonnenen Existenz am Rande eines Paragraphen im Arbeitnehmerschutzgesetz ist mittlerweile eine echte Institution geworden: Das „Sonntagsbureau“ mit seinen wöchentlichen Veranstaltungen beschert der Amerika Gedenkbibliothek regen Zulauf zu einer Zeit, in der auch viele Arbeitnehmer*innen und deren Familien das Angebot nutzen können. Laut Gesetz dürfen Bibliotheken an Sonntagen nämlich nicht regulär betrieben werden. Während der außerordentlichen Veranstaltungen aber sind die Lesesäle zugänglich und sogar die Ausleihe am Automaten ist möglich. Heute feiert das Team den 101. offenen Sonntag unter anderem mit einer Cryptoparty, einem Blasorchester und der „Berlin Debating Union“, die sich des Themas Sonntagsöffnung mit klassischen Pro- und Kontra-Argumenten bei einer Diskussion annimmt. Ab 11 Uhr am Blücherplatz 1 in Kreuzberg (U-Bhf Hallesches Tor).
Sonntagabend – Natürlich ist das Konzerthaus mit Martha Argerich und Gidon Kremer ebenso prominent besetzt wie voraussichtlich ausverkauft. Sollten Sie keine Karten mehr bekommen und sich so richtig körperlich drüber ärgern, hart aufstampfen und schreien wollen, folgen Sie ihren Impulsen doch im Musik & Frieden, wo die französischen Jungs von Rise of the Northstar ihrem Instrumentarium die allerwütendsten Klänge entreißen, während Sänger „Vithia” überwiegend dystopische Bilder ins Mikro prügelt. Er wollte nämlich auch lieber auf die Konzerthaus-Bühne, wie man munkelt. 20 Uhr, Falckensteinstraße 48, U-Bhf Schlesisches Tor, 26 Euro